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25.12.2021

DJs in der DDR: Nachtboutiquen, Mehrzweckgaststätten und Diplomatenkids

Teil 3: Die Clubszene

So wurde im Osten gefeiert

Im 3. Teil unseres bonedo-Specials über die DJ-Kultur in der DDR folgen wir den Top-Diskothekern durch die besten Clubs der Hauptstadt und atmen noch einmal den Duft von Cabinet-Zigaretten, Würzfleisch und Action-Deodorant. Hier nun der letzte Teil unseres Rückblicks auf ein vergangenes Stück ostdeutscher Musikkultur, das es verdient hat, in Erinnerung zu bleiben. 

Locations

Tanzveranstaltungen fanden meist in Mehrzweckräumlichkeiten statt: Kultursäle, Jugend-und Studentenclubs, Dorfkneipen und die omnipräsenten „MZG“, Mehrzweckgaststätten, im Volksmund „Fresswürfel“ genannt, die in den vielen Neubaugebieten entstanden. Hier fand mittags Schulspeisung statt, nachmittags Cafe-oder Restaurantbetrieb, und abends kam ein Schallplattenunterhalter und baute seine Anlage auf, denn die allerwenigsten Locations hatten eine eingebaute PA oder andere tanzveranstaltungsspezifische Merkmale. 

Die Eintrittspreise waren niedrig, die Getränkepreise sowieso, und es war allgemein üblich, am Wochenende unterwegs zu sein, ob auf dem Land oder in der Stadt. Ausgehen und Tanzen war wichtig, weil es für Jugendliche sonst kaum Zerstreuung zwischen Schule, Ausbildung und FDJ gab. Schon 1985 wurde auf einem FDJ-Plenum beschlossen, dass die Jugendklubs sieben Tage die Woche aufhaben sollten und so hatten die Diskotheker viel zu tun, und viele spielten bis zu fünf Tage in der Woche.

Berlin – Hauptstadt der DDR

In der Hauptstadt gab es die meisten Läden und dank der Nähe zu West-Berlin war hier am meisten los und lief die neueste Musik. Das hatte auch teilweise mit den Diplomatenkids zu tun: Die Repräsentanten ausländischer Botschaften residierten sowohl in Ost-als auch in West-Berlin und gingen über die innerdeutsche Grenze ein und aus. Die für DDR-Bürger unüberwindbare Mauer existierte für sie dank ihres Diplomatenstatus praktisch nicht und das galt auch für ihre Sprösslinge. Um die feierwütigen „Diplokids“ scharte sich oft eine Clique Jugendlicher aus dem Osten und gemeinsam zog man durch die Nacht, gerne in die Läden, wo man den Diskotheker kannte und ihm ein Tape mit der neuesten Musik in die Hand drücken konnte - um dazu wenig später zu tanzen.

Und auch für die Beschaffung von musikalischem Equipment waren sie wichtig: Da Diplomaten im Gegensatz zu Normalsterblichen an der Grenze nicht kontrolliert werden durften, war der Kofferraum bei der Einreise immer voll mit Technik und Klamotten, alles auf Bestellung. Denn das unverzollte Einführen von Waren galt natürlich auch in der DDR als Zollvergehen. Und das „Schenken“ von Dingen durch „Freunde aus dem Westen“ war ebenfalls nicht erwünscht: Zu enge Westkontakte konnten zu Repressalien durch den Staat führen.  

Alextreff und Turmdisco

Die Wasserspiele auf dem Alexanderplatz zwischen Fernsehturm, Rathaus und Neptunbrunnen waren ein beliebter Treffpunkt und von dort ging man schon früh am Abend zum Aufwärmen erst mal in die „Turmdisco“, wo oft Dieter Richter mit seiner „Disco Hauptstraße“ für die Musik sorgte. Oder in den „Alextreff“, wo sich zu häufiger wechselnden DJs ein junges wildes Publikum traf und in den Achtzigerjahren viel Black Music, Breakdance und New Romantic lief. Diese Läden schlossen spätestens um Mitternacht und ein Locationwechsel stand an. 

Operncafe, Lindencorso und Cafe Nord

Der angesagteste Laden war unumstritten das „Operncafe“ Unter den Linden. Hier verkehrte ein eher erwachsenes cooles Publikum, es lief nur die allerneueste Musik. Mainstream war total verpönt. Die beste Phase hatte das Operncafe, als es von 1981 - 86 ebenerdig im Cafe stattfand: Im Sommer saßen die Gäste auf den Fensterbrettern, die Musik schallte nach draußen und man sah, das was los war.

Musikalisch war das Operncafe in besten Händen: Mittwochs und Donnerstags spielte meist Oli’s Disco und den Freitag und Samstag bestritt Jule’s Discothek. Besonders legendär war jedoch der Montag mit Reini Müller von Velox Disco. Der relativ kleine Club war ständig voll und es brauchte schon gute Beziehungen zum Türsteher, um überhaupt reinzukommen. 

Türsteher hatten hohes Ansehen. Wer sie kannte, ging an der Schlange vorbei und per Handschlag wechselten unauffällig 5 oder 10 Mark den Besitzer, je nach Bekanntheitsgrad. Viele Türsteher waren Bodybuilder, die offiziell einen Putzjob hatten, aber poliert wurde höchstens die Fresse eines Gastes, wenn er sich danebenbenahm. Und Schlägereien waren in und vor vielen Diskotheken der DDR keine Seltenheit.

Etwas gediegener ging es im „Lindencorso“ zu, ebenfalls Unter den Linden, Ecke Friedrichstraße. Hierhin zog es die internationalen Gäste der umliegenden Hotels, und alle Top-Diskotheker legten hier gern auf, schon aus Prestigegründen.

Um einiges größer war das „Cafe Nord“ an der Schönhauser Allee. Auch hier mussten die Diskotheker ihre PA mitbringen, aber zumindest eine Lichtanlage war fest eingebaut. Dort legte Harry Hacker auf. Gerade Samstags standen lange Menschenschlangen bis um die Ecke vor der Tür, denn das „Nord“ war ein place to be, auf den sich fast alle einigen konnten.

Nachtboutiquen

Nachtboutique war die Bezeichnung für Tanzveranstaltungen für Volljährige, die öffneten, wenn die Lokale für Minderjährige schlossen. Gegen 22 Uhr wurde in vielen Clubs die Musik ausgemacht und die Ausweise wurden kontrolliert. Unter 18-jährige mussten gehen, für die Älteren begann die Nachtboutique. Gern auch mit einem Ortswechsel. 

Mit dem Schwarztaxi ging es raus nach Berlin-Marzahn in die „Feuerwache“, einem weiteren Hotspot der Hauptstadt. In der Mehrzweckgaststätte befanden sich mehrere Floors, die Samstags immer gut gefüllt waren. Die Schlange davor war auch hier lang und rein kam oft nur, wer den Türchef kannte, der dafür bekannt war, die Reihe der Wartenden abzulaufen, um zu sehen, wen er reinholen will. 

Die Feuerwache war bekannt für ihre aufwendigen Dekorationen für die regelmäßig stattfindenden Mottopartys. So wurde z. B. bei der Faschingsparty „Zu Gast bei Graf Dracula“ die ganze Feuerwache zu einem Spukschloss umdekoriert, und Strandpartys wurden unter künstlichen Palmen gefeiert. Das Stammpublikum bekam dafür Einladungen persönlich in die Hand gedrückt. Hier fanden auch die 1986 die ersten Misswahlen der DDR statt, offiziell als "Frühlingsfest mit Wahl der Miss Frühling". 

Eine andere Route durch die Nacht begann womöglich im HdL, Haus des Lehrers, danach zog man ein paar Häuser weiter ins Mokka-Eck im Haus der Statistik in der Hans-Beimler-Straße (heute Otto-Braun-Straße), ein Szeneladen, wo von Mittwoch bis Samstag von 22:00 Uhr bis 4:00 Uhr Party war. Hier spielten häufig Jule und Andy’s Disco. Übrigens nicht zu verwechseln mit der nicht weit davon entfernten Mokka-Milch-Eis-Bar neben dem „Kino International“ - dort fand übrigens am 9. November 1989 die Premiere von „Coming Out“ statt, dem einzigen DEFA-Film mit zentral homosexueller Thematik, für den wiederum einige Szenen auch im Mokka Eck gedreht worden sind. 

Gay Disco

Meist traf sich die schwule Szene jedoch in der „Busche“ in der Buschallee in Weißensee. Hier feierte ein zumeist männliches Publikum hemmungslos zu Disco-Klassikern und Hi-NRG. In seinem 1992 erschienenen Buch „Once Upon A Time In The East“ beschreibt Autor Dave Rimmer einen Besuch in der „Busche“. 

Sein Freund und mein späterer Labelchef Mark Reeder (einem größeren Publikum bekannt aus dem Film „B-Movie“) gab dem DJ ein bislang unveröffentlichtes Promotape der kommenden Pet-Shop-Boys-Single „Domino Dancing“.

Doch als der DJ den Titel spielte, leerte sich die Tanzfläche. Niemand wollte mehr tanzen. Auf diesen Vorfall angesprochen bemerkten meine Gesprächspartner für diese Recherche schmunzelnd, dass die Leute wirklich nur zu der Musik getanzt haben, die sie bereits aus dem Radio kannten. Als Diskotheker war es wichtig, genau diese feine Linie zwischen frischer neuer, aber trotzdem bekannter Musik perfekt zu bedienen. Oder wie Pet Shop Boy Neil Tennant höchstselbst in seiner Eigenschaft als Musikredakteur für das englische Teenager-Magazin „Smash Hits“ einmal sinngemäß schrieb: Die Leute gehen in die Discothek, um dort mit vielen anderen die Kraft der Musik gemeinsam zu erleben, die sie sonst nur leise aus dem Radio kennen.

In der Karl-Marx-Allee ging man etwas exklusiver im „Cafe Moskau“, „Cafe Warschau“ dem „Budapest“ und dem „Bukarest“ aus, bevor es das Publikum in die Nachtboutiquen zog. 

Ein weiterer Klassiker des Ost-Berliner Nachtlebens war das „FAS“ in der Frankfurter Allee Süd. Hier spielte häufig Tommy Tute. Später in den Achtzigern waren dann Läden etwas außerhalb der Innenstadt angesagt, wie das „Bärenschaufenster“ in der Otto-Schmirgal-Straße nahe dem Tierpark Berlin, das „Lichtenberger Wappen“ in der Seifertstraße und die „Schillerglocke“ (Leninallee 277, heute Landsberger Allee).

Dies waren ebenfalls alles Clubgaststätten im dualen Betrieb: tagsüber Restauration, abends Tanz. 

Saturday Night Fever

Zu den wenigen „richtigen“ Diskotheken in der DDR zählte der „Jugendtreff im Palast der Republik“. In dieser Vorzeigediskothek gab es eine von unten beleuchtete Tanzfläche á la „Saturday Night Fever“, eine sich drehende Bühne, und gegen Ende der Achtziger liefen auf Fernsehern die neuesten Musikvideos aus dem Westen. Allerdings ging es dort allgemein etwas steifer zu und die Szene machte um solche offiziellen Discos einen großen Bogen.

Und noch eine weitere Disco wurde in der DDR „aus dem Boden“ gestampft: Das „Am Kornfeld“ entstand 1987 in Marzahn und war als richtige Diskothek konzipiert, mit groß dimensionierter und fest installierter Anlage und von unten beleuchteter Tanzfläche. Obwohl ein Restaurant angeschlossen war, in dem man auch noch mitten in der Nacht etwas essen konnte, wurde „Am Kornfeld“ tagsüber nicht für gastronomische Zwecke genutzt. Nach der Wende wurde die Disco in „Corny Island“ umbenannt.

„Warum ausgerechnet Marzahn?“, mögen manche fragen. Das erst Ende der Siebzigerjahre entstandene größte Neubaugebiet der DDR sollte aufgewertet werden, denn noch in den Achtzigerjahren wuchsen kaum Bäume und Sträucher zwischen den frischen Plattenbauten. Die letzten Jahre der DDR standen auch schon sehr unter dem Einfluss der Perestroika-Politik von Michail Gorbatschow, und auch die Vorbereitung und Durchführung der aufwendigen 750-Jahrfeier Berlins im Jahre 1987 brachte zusätzliche Freiheiten in Sachen Konsum und Unterhaltung.

Alternative Disco

Natürlich gab es auch Diskotheker, die sich auf Heavy, Blues oder Jazz, Dark Wave, Gothic oder Ska spezialisiert hatten. Das Publikum für solche alternativen Tanzmusiken zog von Donnerstag bis Sonntagabend jeden Tag in einen anderen Laden, denn viele Clubs hatten Spezialnächte an bestimmten Tagen. Zum Beispiel gab‘s im Cafe Nord Samstags das normale Eighties-Pop-Programm mit Pet Shop Boys, Madonna, Kool & The Gang. Sonntags war der Laden aber zu völlig anderer Musik gerammelt voll, dann lief dort schrägerer Sound wie B-52s, Anne Clark, New Order und The Cure.

Die bekanntesten Läden, in denen stets Underground-Sound lief, waren der immer noch existierende „Dunckerclub“ und das „ABC“ am S-Bahnhof Hirschgarten, ein großer Laden im Stil einer Landgaststätte. Hier traf sich die Szene für New Wave, New Romantic, Dark und Ska.

Punk und New Wave liefen auch im PW (Plänterwald), im Saalbau Friedrichshain und im Jugendclub „Pablo Neruda“ - die heutige „Insel der Jugend“ in Treptow. Die MZG „Storkower Eck“ am S-Bahnhof Storkower Strasse war ein bekannter Heavy-Schuppen. Hier liefen harter Rock und Metal.

Typische Diskotheker-Jobs waren auch „Mucken“ in Locations wie dem Sport- und Erholungs-Zentrum SEZ (Landsberger/ Ecke Danziger Strasse) zur Rollerdisco oder Eisbahndisco.

In den Ballhäusern wie dem Ballhaus Berlin in der Chausseestraße und Clärchen‘s Ballhaus in der Auguststraße traten Bands und Kapellen auf, drum herum spielten Amateur-DJs ebenso wie in vielen Studentenclubs und Jugendclubs. Hier fühlten sich auch die „Blueser“ oder „Kunden“ mit Tramper-Schuhen und Fleischerhemden wohl, welche die Schickimicki-Discos in den Fresswürfeln verabscheuten.

Mechanische Bespielung

Alle musikalischen Veranstaltungen in öffentlichen Räumen mussten bei der Kreispolizeidienstelle Abteilung Erlaubniswesen eine bis drei Wochen im Voraus angemeldet werden. Das galt sogar dann, wenn kein Diskotheker gebucht war und im Hintergrund einfach nur Musik von Kassette laufen sollte. In diesem Fall trugen die Betreiber der Jugendclubs und Gaststätten auf dem Anmeldebogen "Mechanische Bespielung" ein. Das war auch ein kleines Schlupfloch für die ersten musikalischen Gehversuche junger Hobby-DJs ohne die Lizenz zum Auflegen.

Dann wurde das Musikprogramm mit vorbereiteten Tapes und ohne Moderation vom Bartresen gestaltet, möglichst so dezent, dass es nicht als aktives Auflegen ausgelegt werden konnte.

„Mechanische Bespielung“ war allerdings kein Erfolgsmodell: Die Leute in der DDR wollten tatsächlich unterhalten werden, und es war ungewöhnlich, wenn Musik ohne Moderation durchlief. Kaum vorstellbar heutzutage, da Club-DJs kontinuierlich mixen und es mehr als ungewöhnlich wäre, wenn DJs mit Mikro moderierten.

Einstufung und Vermittlung

Die Fähigkeit zur niveauvollen Unterhaltung im Geiste des DDR-Sozialismus wurde in den Einstufungen geprüft. Die waren mehr als nur ein Gesinnungstest, denn eine höhere Einstufung erlaubte dem Schallplattenunterhalter, eine höhere Gage verlangen und potentiell in besseren Läden spielen. Zuerst erfolgte eine theoretische Prüfung, bevor die fünfköpfige Prüfkommission ihn bei einem öffentlichen Auftritt besuchte. Diese bestand aus Experten, die das Bühnenverhalten, die Moderation, die Technik und die Musikauswahl beurteilen sollten. Und natürlich war auch stets ein Funktionär für das Politische mit dabei. Genau an diesen Abenden wurde die 60/40-Regel peinlich genau eingehalten und ein besonders ausgewogenes Musikprogramm präsentiert. 

Mehr dazu im 1. Teil unserer dreiteiligen Serie.

Das Publikum wusste häufig Bescheid und spielte mit, damit der Diskotheker die Einstufung bestand. Und selbst wenn die Prüfung nicht bestanden wurde, konnte sich der SPU nach zwei Jahren wieder um eine höhere Einstufung bewerben. Nach der Neueinstufung spielte der Diskotheker dann beim nächsten Gig wieder die Musik, für die ihn seine Fans schätzten.

Die Notwendigkeit, 60/40-konform zu spielen, schmolz ab Mitte der Achtzigerjahre übrigens immer weiter dahin. Der Staat erkannte die Realitäten an, dass für die Jugend das Tanzen zu Westmusik einfach nur ein wenig Druck vom Kessel des reglementierten Alltags in der DDR nahm, und ließ die Diskotheker zumeist stillschweigend gewähren.

Die höchste Einstufung, die man erlangen konnte, war die Profi-Stufe C für „außergewöhnliche Leistungen nach hohen internationalen Maßstäben“. Nur Künstler mit dieser Einstufung durften auch für Konzerte ins nichtsozialistische Ausland reisen. Diese Einstufungs-Klassifizierungen galten für alle Kunstschaffenden. Selbst Frank Schöbel, der vielleicht bekannteste Sänger der DDR, hatte eine Einstufung, natürlich Profi-C.

Gute Infos zur Amateur-und-Profieinstufung für Musiker und natürlich auch Diskotheker in der DDR finden sich auf dieser Website zum Thema Folkmusik.

Aber die Einstufung war nicht alles: Auch Amateur-DJs wurden von den Clubs angefragt, wenn sie einen guten Namen hatten. In Berlin liefen diese Arbeitsvermittlungen zumeist über die Konzert-und Gastspieldirektion KGD.

Die Clubgaststätten hinterlegten bei der KGD, welche DJs sie haben wollten, die Diskotheker machten dort ihren Monatsplan voll, füllten nach dem Gig im Club ihre Spielbescheinigung aus und gingen am Ende des Monats wieder zur KGD, wo 20 % Steuern direkt abgezogen wurden. Der Rest wurde gleich cash an der Kasse ausgezahlt. Zusätzlich gab es noch Trinkgeld im Club, das üblicherweise unter dem kompletten Personal aufgeteilt wurde, also Türstehern, Gastronomiepersonal und Diskothekern.

Auswärtsmucke

Alle DJs mit Profieinstufung konnten gut von ihrem Beruf als Schallplattenunterhalter in Ost-Berlin leben. Und sie waren auch im Rest der Republik sehr gefragt. Auswärtsauftritte waren oft deutlich lukrativer als Heimspiele in den angesagten Läden der Hauptstadt, weil Diskotheker die Anreise und die Nutzung der eigenen, mitgebrachten Technik und Tonträger den Veranstaltern offiziell in Rechnung stellen konnten. Je weiter weg, desto mehr Geld. Manche solcher Auftritte machten die Profi-Diskotheker selbst klar, meistens wurden die Gigs aber über die KGD vermittelt. 

Hauptauftraggeber waren die Freie Deutsche Jugend FDJ, Gewerkschaften, große Firmen und Kulturhäuser. Allgemein gab es selten langen Vorlauf: Diskotheker wurden nur wenige Wochen vor der Veranstaltung gebucht.

Der Rest der Republik

Auch der Rest der Republik hatte attraktive Locations zu bieten. Die bekanntesten Diskotheker spielten in Leipzig im „Eden“, im „Panorama-Hotel“ in Oberhof oder dem sehr renommierten „Hotel Neptun“ in Warnemünde. In Dresden ging man ins „Volkshaus Laubegast“ und die „Scheune“, in Karl-Marx-Stadt (heute wieder Chemnitz) in das „Panorama“, „Club M“, „FZ“, „Villa“, „Fuchsbau“, „Firl-Würfel“ oder das „Waschhaus“.

Im ländlichen Raum war Schlager-Musik schon damals sehr beliebt, was in den Hauptstadt-Discos ein absolutes No-Go war. Aber auch hier dominierte Musik von Westkünstlern wie Roland Kaiser & Co.

Mein bonedo-Kollege Dirk Duske war selbst noch DDR-Diskotheker, bevor die Wende kam, und widmet der damaligen Zeit ein eigenes Kapitel in seinem auch sonst absolut empfehlenswerten dicken fetten Buch „Gut aufgelegt! Das Lehrbuch und Nachschlagewerk für den DJ“, welches mittlerweile in der 20. Auflage erschienen ist.

Die Stars der Szene

Die bekanntesten Diskotheker der DDR kamen aus Ost-Berlin. An jedem Wochenende konnte man die Stars der Szene wie „Velox Disco“, „Tute“, „Jule‘s Diskothek“, „Andy’s Disco“, „Disco Hauptstraße“, „Was Sonst“ oder „Oli’s Disco“ in den angesagtesten Läden hören. Obwohl sie jede Musik spielen können mussten, hatte doch jede Disco ihr eigenes Profil. Jule war beliebt für intelligente Moderation mit viel Sprachwitz. „Andy’s Disco“ spielte mit Jule auch schon mal Back-to-Back im Operncafe. Olaf Ponesky war der jüngste Profi-Diskotheker und dachte sich mit seinen Freunden immer besondere Aktionen für die Feuerwache und das Operncafe aus. Und Reiner Müller und Thomas Froese von Velox waren das wohl bekannteste DJ-Team und traten fast immer einzeln auf, um die vielen Doppelbookings bewältigen zu können.

Laut Jule gab es vier Generationen von Diskothekern. Die erste war die „Weltfestspielgeneration“: 1973 mussten für die Weltfestspiele in Ost-Berlin unbedingt DJs her und ca. ein Dutzend Diskotheker bekamen ohne Eignungsprüfung direkt eine Schallplattenunterhalterlizenz zuerkannt, darunter Thomas Glas (Tommy Tute), Reiner Müller und Thomas Froese (Velox Disco), Olaf Marbach (Oli’s Disco), Hartmut Kanter und Matthias Schiener. Danach wurden dann die gleichen Amateur-und-Profieinstufungen angewendet, die auch für andere Musiker und Sänger galten.

Die zweite Generation musste sich dann schon über Eignungsprüfungen bewähren.

(siehe auch: DJs in der DDR: Die Diskotheker, Auflegen als staatlich geprüfter Schallplattenunterhalter, Teil 1)

Dazu zählte z. B. Andy Scheer (Andy’s Disco).

Die dritte Generation lernte von der ersten und zweiten, dazu zählt z. B. Jule, der Tute und Andy’s Disco als seine Vorbilder nennt.

Die vierte Welle vor der Wende wurde dann von Olaf Ponesky und seiner „Was sonst“-Disco angeführt. Olaf stammt aus einer Entertainer-Familie: Sein Vater Hans-Georg Ponesky war der wohl beliebteste Showmaster im DDR-Fernsehen, sein älterer Bruder Gerald wiederum war Produktionsleiter bei legendären Konzerten wie dem von Depeche Mode 1988 in der Werner-Seelenbinder-Halle.

Frauen am Pult

Bisher war hier immer vom „Diskotheker“ in der männlichen Form die Rede. Aber es gab auch Frauen am Pult, wie z. B. Barbara Just von der B&B-Disco aus Berlin, Sabine Scharrschmidt oder Tina Kaiser von der LSD Light Show Discothek aus Hoyerswerda. 

In den Siebziger- und Achtzigerjahren gab es selbst im Westen kaum Frauen am DJ-Pult, und die Vermutung liegt nahe, dass der Osten mit immerhin fünf Prozent Diskothekerinnen gegenüber dem Westen vorne lag. Die DDR hatte sich die Gleichberechtigung der Frau im Berufsleben schon aus produktionstechnischen Notwendigkeiten offiziell auf die Fahne geschrieben, und daher war es gern gesehen, wenn sich Frauen für die Eignungsprüfung anmeldeten.

Dazu Barbara Just: „Es gab nicht viele Frauen unter den Diskothern, aber die waren für viele der Jungs eine echte Konkurrenz. Männer haben meist kommerzieller gespielt, die Frauen eher „intellektueller“ mit weniger Mainstream. Frauen hatten im Disco-Alltag mit dem Futterneid ihrer männlichen Kollegen zu kämpfen und nur die ganz Starken haben’s durchgezogen.“

Bauen, Wickeln, Tunen, Schneidern

Auch in der DDR gab es neben den Diskothekern, Türstehern und Barleuten weitere Leute, die zu einer vitalen Szene einfach dazugehören. Ganz wichtig waren die Boxen-Bauer. Tapedecks und Verstärker konnte man sich noch einigermaßen problemlos in die DDR mitbringen lassen, aber die großen PA-Türme hätte die Oma aus dem Westen dann doch nicht tragen können. Also bauten Schreiner mit kleinen privaten Werkstätten die beliebtesten Westboxen exakt nach und dann die Lautsprecher der Wahl ein. Beliebt waren Electro-Voice und Bose, aber auch Nachbauten der in den Achtzigerjahren populären Carlson-Boxen mit ihrem prägnanten Theatervorhang-Design. 

Wer an keine West-Speaker kam, griff zu Lautsprechern aus DDR-Produktion und ließ diese von 50 auf 100 Watt umwickeln. Auch Verstärker von Vermona wurden getunt, um mehr Power rauszuholen. Mehr zum Thema Technik findet ihr im zweiten Teil unserer dreiteiligen Serie „DJs in der DDR“.

Aber auch Fashion war ein Thema: Vor allem junge Frauen mit Blick für Mode schneiderten Klamotten aus Zeitschriften nach. Man kannte sich, brachte den nötigen Stoff mit und holte sich später die frisch geschneiderte Klamotte wieder ab. Und wer unbedingt ein Outfit aus einem Videoclip haben wollte, konnte das in Auftrag geben. Und damit kommen wir weg von der Technik zu den kulinarischen Aspekten, die beim Ausgehen wichtig waren.

Trinken, Essen, Riechen

Clubszenen leben nicht von der Musik allein: Es muss auch was zu trinken sein. Die Getränke in der DDR waren etwas anders als heutzutage. Alle Spirituosen kamen natürlich aus der sozialistischen Welt. Beliebt waren süße Weine wie der Rosenthaler Kadarka aus Bulgarien, Tokajer aus Ungarn, Murfatlar aus Rumänien, Muskateller aus der DDR oder der Dessertwein Cotnari. Beliebte Longdrinks waren Wermuth mit Eis, Gin Tonic mit Zitrone, Martini Dry, Grüne Wiese, Daiquiri und Moulin Rouge, ein Cocktail aus Rotwein und Orangensaft auf Eis mit rot-gelb getrennten Farbschichten. Gut gingen auch Kirschwhiskey (Kiwi), Eierlikör, Doppelkorn und diverse Cola-Mischgetränke mit Goldkrone oder Wodka.

Der König der Clubgetränke war jedoch der Krimsekt. Josef Stalin hatte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nach einem Schaumwein für besondere Anlässe verlangt. Sowjetskoje Schampanskoje schmeckte trocken, aber lieblich und brauchte keine Konkurrenz aus Spanien oder Italien zu scheuen. Eigentlich ein Exportprodukt (80 % ging in den Westen), war er auch in der DDR im Delikat Warenladen und für unter 30 Mark in so gut wie jeder besseren Disko zu haben. Biertrinken war zumindest in den Ost-Berliner Clubs verpönt.

Weil der Großteil der Diskotheken in Mehrzweckgaststätten stattfand, boten manche für den kleinen Hunger zwischendurch typische Gerichte an wie Würzfleisch (eine Tasse mit kleingeschnittenem Frikassee und Käse überbacken, dazu Toast und Worchester Sauce), Steak au Four (ein Schweineschnitzel mit Würzfleisch und Käse überbacken), russische Soljanka und deutsche Gulaschsuppe.

Auch sonst war alles „dufte“: Der beißende Rauch von Zweitakter-Auspuffabgasen draußen und Club-, Cabinet-und Duett-Zigaretten drinnen wurde elegant mit Kosmetikartikeln der auch heute noch existierenden Marke Florena überdeckt. Begehrt bei der Jugend war ab Mitte der Achtzigerjahre die Serie "Action" mit Parfums, Deodorants, Haarspray und Schminkartikeln. Und für alle, die wissen wollen, wie der Osten damals roch, ist „Action“ sogar wieder erhältlich, mit zitroniger Hauptnote, etwas Sandelholz und im Abgang noch ein bisschen Amber, bei der kleinen Parfümerie Casino Parfüm Saxonia aus Marienberg/ Pobershau.

Test the West

Nach der Wende brach die ostdeutsche Discoszene relativ schnell in sich zusammen. Die Mauer, die dieser Jugendkultur buchstäblich ihre Grenzen gesetzt hatte, war Vergangenheit und die Verlockung von Freiheit und Abenteuer, die vorher durch die westliche Musik und Kleidung in die DDR kam, war nun plötzlich selbst erlebbar. Westklamotten gab es ab sofort für kleines Geld an jeder Ecke und die Kids kosteten gierig die bislang unerreichbaren Früchte, sei es in den West-Berliner Kudammdiscos oder auf den Technopartys in den leerstehenden Gebäuden an der Mauerperipherie. Der Notzusammenhalt, den die DDR dargestellt hatte, war nicht mehr da, und mit dem Staat verschwanden auch seine subventionierten Institutionen wie die KGD, die Jugendclubs und das HO-Gaststättensystem.

Ähnlich wie in anderen Branchen auch befanden sich Veranstalter und Diskotheker nun plötzlich in direkter Konkurrenz zu ihren kapitalismuserfahrenen Kollegen aus dem Westen, und nur wenige konnten sich auf die neue Zeit flexibel genug umstellen. Dazu kam oft die herbe Enttäuschung beim Lesen der Stasi-Akten, wenn manche erst in den frühen Neunzigerjahren herausfanden, wer sie seinerzeit bei der Stasi angeschwärzt hatte.

Die friedliche Wende und Vereinigung war ein Glücksfall für beide deutschen Staaten, aber sie bedeutete auch das Ende der Mauerstadtkultur West-Berlins und der Diskotheker-Kultur in der DDR.

Großer Dank für die ausführliche Hilfe bei der Recherche und für die Bereitstellung von Photos geht an:

André Langenfeld

Jule

Olaf Ponesky

Klaus Uhlmann

Wolle XDP

Tina Kaiser

Barbara Just

Oliver Marquardt

Dirk Duske

Wolfgang Brückner

... und viele andere ungenannte Protagonisten des DDR-Nachtlebens.

Eure Story

Seid ihr auch noch in der DDR ausgegangen? Habt ihr womöglich sogar als Schallplattenunterhalter oder Techniker gearbeitet? Wie waren eure Erfahrungen? Schreibt es uns in den Kommentaren, wir freuen uns auf eure Geschichten!

Websites zum Thema

Klaus Uhlmann aus Chemnitz (früher Karl-Marx-Stadt)

Eine Betrachtung der staatlichen Kontrolle auf Musik und Texte in der DDR mit vielen weiterführenden Quellen findet sich hier.

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