Test
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12.08.2015

Behringer X Air XR18 Test

18-Kanal Digitalmischpult

Faderlos und leistungsfähig

Behringers Digitalmischpult X Air XR18 macht sich einen aktuellen Trend zunutze: die drahtlose Fernsteuerung via Tablet-Computer. Und wird ein Pult auf diese Weise befehligt, liegen Fader, Dreh-Encoder und Taster der Konsole mehr oder weniger brach. Warum also nicht von vornherein die Hardware auf das Allernötigste reduzieren und sämtliche Bedienelemente in die virtuelle Ebene hinter die Glasscheibe des iPads verlegen?

Genau das macht das X Air XR18. Und der Gedanke daran hat zugegebenermaßen was! Warum ein mehr oder weniger großes Mischpult zum Gig mitschleppen, wenn das iPad sowieso allgegenwärtig ist, sei es als Teleprompter für Texte und Noten oder aber auch zum Abspielen von Clicktracks. Da sollte die virtuelle Bedienung des Mischpults doch leicht von der Hand gehen, zumindest wenn den Mix von PA und Monitoren auf der Bühne ausführt.

Professionelle FOH- und Monitorjobs hingegen sind mit rein virtuellen Bedienoberflächen eher problematisch. Um schnell und sicher reagieren zu können, braucht der Mischer Fader zum Anfassen und die wichtigsten Funktionen müssen auf realen, in Echtzeit reagierenden Bedienelementen liegen. Nichtsdestotrotz sind Tablet-Fernsteuerungen auch auf professionellen Großbühnen willkommene Gäste, kann sich der Monitorer doch beim Soundcheck zu seinen Musikern begeben und direkt vor den Monitorboxen mithören und nachregeln. Eine Maßnahme, die Vertrauen schafft!

Details

Mechanisches

Frisch aus dem Karton kommend, entpuppt sich das Behringer X Air XR18 als eher unscheinbarer Einschub, der mithilfe zweier beiliegender Adapter auf 19-Zoll-Breite gebracht werden kann. Die Frontplatte des Metallgehäuses ist dicht mit Buchsen bevölkert, während sich an den Seiten der Anschluss für das Netzkabel, der Hauptschalter und Lüftungsschlitze befinden. Deren runde Formgebung lässt an der rechten Seite einen kleinen Lüfter vermuten, dem ist aber nicht so. Vielmehr arbeitet das XR18 komplett konvektionsgekühlt und somit lautlos, produziert jedoch reichlich Abwärme, das Gehäuse wird deutlich wärmer als handwarm. Daher ist bei der Rack-Montage auf etwas Abstand zu Nachbargeräten zu achten, ferner sollten im Case keine Wärmestaus entstehen.

Wird das Gerät nicht im Rack betrieben, sondern einfach nur hingestellt, sorgen zwei umlaufende Bumper aus gummiartigem Kunststoff für Standsicherheit. Zwei frontseitige Metallbügel fungieren als Griffe. Als auffälligstes Accessoire fällt die dreh- und schwenkbare WLAN-Antenne ins Auge. Damit die während des Transports nicht beschädigt wird, gibt es eine Klammerstütze, die die Antenne sicher fixiert.

Doch nicht nur über das integrierte WLAN lässt sich das XR18 in ein Netzwerk einbinden: Eine mit „Remote“ gekennzeichnete Ethernet-Buchse erlaubt den Anschluss eines Routers, der kleine Schiebeschalter nebenan entscheidet, ob das XR18 als Client arbeiten oder mit dem internen WLAN ein eigenes Netz, also einen eigenständigen Access Point aufbauen soll. Per MIDI ist das Mischen über einen Hardware-Controller wie den Behringer X-Touch möglich, während der USB-Port das Andocken eines Rechners erlaubt und nach Installation der Treiber von der Behringer-Homepage umfangreiche Aufnahmemöglichkeiten bereit stellt. Zu guter Letzt darf Behringers eigenes Netzwerkprotokoll nicht fehlen: Die Ultranet-Buchse verbindet den XR18 mit dem Personal Monitor System aus gleichem Hause. So erhalten Musiker über kleine, via Netzwerk-Ring verbundene Mischpulte (P16-M) Zugriff auf die Aux-Wege des XR18, um sich ihre Monitormischungen selbst zusammenzustellen.

Über 16 XLR/Klinke-Kombibuchsen gelangen die analogen Signale ins Innere. Die als stereofoner „Aux In“ zusammengefassten Kanäle 17 und 18 verfügen nur über Klinkenbuchsen. In der Reihe darunter finden die analogen XLR-Ausgängen der sechs Aux-Wege und der L/R-Summe Platz. Damit man hier bei voll besetztem Input-Steckfeld die Entriegelungen der Stecker leicht erreicht und bequem umstecken kann, hat Behringer diese Buchsen kopfüber um 180 Grad gedreht eingebaut. Gute Idee! Ebenso auf der Frontplatte zugänglich ist ein Kopfhöreranschluss nebst Lautstärkeregler.

Software installieren

Um den Behringer X Air XR18 Digitalmischer in Betrieb zu nehmen, muss zunächst die passende, kostenlose Remote-Software installiert werden: X Air Edit gibt es für die Betriebssysteme Windows, Mac OSX und Linux. Tablets werden unter Android und iOS unterstützt. Der Rest ist simpel: Schiebeschalter auf Access Point, Mixer starten, vorsichtshalber resetten, und schon erscheint das Netzwerk des XR18 auf dem Remote-Device. Jetzt noch Software starten – fertig!

Die App Als Erstes fällt mir die äußerst durchdachte und leicht nachzuvollziehende Struktur der Behringer-App auf, ich habe sie auf meinem iPad installiert. Also entschließe ich mich mutig, den XR18 auf den am nächsten Abend anstehenden Gig mitzunehmen. Ein Jazzquartett will im kleinen Rahmen vor ca. 150 Personen versorgt werden. Das ist keine allzu stressige Aufgabe und bestens geeignet, dem Testkandidaten auf den Zahn zu fühlen.

Gute Vorbereitung ist bekanntlich die halbe Miete, also versuche ich, das XR18 vorab soweit wie möglich einzurichten. Um die Kanäle zu beschriften, finde ich nach kurzer Suche den „Scribble Strip“, der die Benennung aller Kanäle, Aux- und Effektwege ermöglicht. Speichern lässt sich das Ganze im Show-Menü als einzelne Szene bzw. Snapshot oder als übergeordnete Show.

Im Hauptfenster der App sind stets neun Kanalzüge sichtbar. Möchte ich die restlichen Kanäle inklusive der vier Effekt-Returns erreichen, scrolle ich nach links. Jeder Kanal verfügt über einen Mute-Taster zum Stummschalten, des Weiteren über einen großen Fader, der beim Darüberstreichen mit dem Finger leicht und verzögerungsfrei reagiert. Die rechts daneben angeordneten Pegelanzeigen arbeiten akkurat und folgen den Signalen nahezu ohne Verzögerung. Durch Antippen des Faders oder des oberhalb gelegenen Bereiches wird der Kanal selektiert, sodass die Bedienelemente in Form eines horizontalen, scrollbaren Channel-Strips erscheinen.

Als erstes sichte ich den Vorverstärker mit Gain-Regler, Button für 48-Volt-Phantomspeisung und Phase-Reverse-Schalter. Mittels Link-Taste lässt sich der Kanal mit seinem Nachbarn zu einem Stereo-Pärchen verbinden. Neben dem analogen Eingangssignal kann alternativ der entsprechende Rückspiel-Kanal des USB-Interfaces hörbar gemacht werden. Hierfür gibt es einen Umschalter und einen Trim-Regler zum Angleichen der Pegel. Ein von 20 bis 400 Hertz durchstimmbarer Low Cut entfernt tieffrequenten Trittschall und kann darüber hinaus auch zum gezielten Ausdünnen des Bassbereiches benutzt werden.

Scrolle ich den Channel Strip eins weiter nach links, erscheinen die Send-Regler für die sechs Aux-Busse und die vier internen Effektwege. Alternativ können die Aux-Pegel aber auch mit den Haupt-Fadern gepegelt werden (Sends on fader), indem ich in der Spalte ganz links den Bus bzw. Effektweg aufrufe.

Der Wechsel ins Routing-Menü offenbart umfangreiche Möglichkeiten: Zunächst einmal kann jeder XLR-Ausgang alternativ zu den sechs Aux-Bussen jedes Signal ausspielen, ganz gleich ob Kanal, Effekt-Return oder USB-Input. Die Signalabgriffe lassen sich innerhalb der Kanalzüge ebenfalls individuell verschieben: Direkt hinter den Eingang, Pre-Fader mit oder ohne EQ (für Monitorzwecke) oder eben hinter den Kanal-Fadern (Post-Fader). Ebenso lässt sich für jeden Abgriff festlegen, ob der Mute-Button auf den Aux-Bus wirkt oder nicht. Individuelles Pre/Post-Umschalten pro Kanal ist mit dem derzeitigen Stand der Software nicht möglich. Blende ich in die Hauptebene zurück, zeigt mir die Übersicht den Aux-Mix als gelbe Balken an. Leider gibt es keine farbliche Unterscheidung zwischen pre/post geschalteten Wegen. Dies würde die Übersichtlichkeit weiter verbessern.

Effektiv

Als nächstes ist die Dynamiksektion in Form eines Noise Gates an der Reihe. Regelbar sind Threshold, Attack, Hold und Release. Weiterhin gibt es einen Range-Regler, der darüber bestimmt, ob das Gate den Signalpfad komplett schließt oder lediglich etwas leiser macht. Demselben Zweck dienen die drei alternativen Expander-Kennlinien, und als fünfte Option arbeitet die Gate-Sektion als Ducker. Als Steuersignal lässt sich jeder andere Kanal oder Mix-Bus heranziehen, ein Key-Filter arbeitet bei Bedarf den zum Triggern relevanten Frequenzbereich besser heraus.

Beim nachfolgenden Kompressor fällt das Funktionsangebot ähnlich üppig aus. Alle relevanten Parameter sind vorhanden und als Besonderheit ist sogar Parallelkompression an Bord. Das unkomprimierte Signal lässt sich mittels Dry/Wet-Regler stufenlos zum komprimierten hinzumischen. Wer's einfacher mag, reduziert Gate und Kompressor auf einen einfachen Threshold-Regler.

Weiterhin wartet der XR18 mit einem vollparametrischen Vierband-Equalizer auf. Je +/-15 dB Verstärkung sind möglich, die Filtergüten variieren stufenlos zwischen 0,3 und 10. Wahlweise arbeiten alle Filter auch als Hochpässe oder Kuhschwänze (Shelving). Als Bonbon hält der EQ einen Analyzer (RTA) vor, der mithilfe von 100 Bändern Auskunft über den Frequenzmix des Signals gibt. Ein nützliches Tool, das man schnell nicht mehr missen möchte.

Der nachfolgende Insert-Punkt bringt das virtuelle Effektrack des XR18 ins Spiel, das über vier Slots verfügt. Sie sind entweder stereofon oder zweifach-mono nutzbar. Die Ansteuerung erfolgt über die vier Aux-Send-Regler, also verzweigend mit späterer paralleler Zumischung. Gleichzeitig lassen sich diese Effekte seriell über die Insert-Punkte einbinden. Erst die Umschalter im Effects-Menü entscheiden über deren Position. Will heißen: Wird ein Effekt seriell genutzt, steht er nicht mehr für die Aux-Send-Regler zur Verfügung und umgekehrt. 61 Plug-ins stellt Behringer zur Auswahl, das Angebot reicht von Hall über Delay bis hin zu Modulationseffekten, grafischem Equalizer, Exciter und Transient-Designer. Die Qualität ist durch die Bank gut bis sehr gut und optische Ähnlichkeiten mit einigen legendären Studio-Hallgeräten und -Kompressoren sind durchaus gewollt.

Auch die sechs Aux-Busse und die Hauptsumme verfügen über Kompressoren und vollparametrische Vierband-Equalizer, die sich hier auf Knopfdruck in grafische 31-Bänder verwandeln, inklusive Analyzer. Nicht möglich ist es, Kanäle und Busse individuell zu verzögern, um beispielsweise weiter hinten im Raum befindliche PA-Lautsprecher zeitlich anzupassen oder aber die Haupt-PA virtuell einige Meter nach hinten auf die Höhe der Bassdrum und der Instrumenten-Backline zu schieben. Dies ist für ein „Musikerpult“ vielleicht etwas zu viel verlangt, „nice to have“ wäre es aber auf jeden Fall. Die technischen Ressourcen dafür sind zweifelsohne vorhanden.

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