Test
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18.01.2021

Praxis

Die Hybrid Engine

Avid Pro Tools Carbon ist am ehesten mit dem deutlich teureren Pro Tools HDX aus der Avid-Produktfamilie zu vergleichen. Allerdings hat Carbon nur acht der DSPs, von denen 18 pro HDX-Karte verbaut sind. Dafür arbeitet Carbon aber auch anders, das Geheimnis heißt Hybrid Engine.

Avids neue Audioengine ist ein echter Paradigmenwechsel, denn die Architektur der Hybrid Engine ist deutlich flexibler als das klassische Design von HDX: Grundsätzlich arbeitet ein Carbon-System in Pro Tools und sogar parallel im Betriebssystem nativ. Alle Plug-ins werden auf der CPU des Mac berechnet, es sei denn, man hat den magischen Button in Pro Tools aktiviert:

Dann werden die Plug-ins des Tracks auf den DSPs berechnet und der gesamte Signalpfad zu den Ausgängen wird so präpariert, dass nur die minimalste Latenz entsteht. Befinden sich in dem betreffenden Signalpfad Plug-ins, von denen es keine AAX-DSP-Variante gibt, werden diese automatisch solange gemuted, bis der DSP Mode wieder außer Kraft gesetzt wird. Es ist jedoch möglich, einzelne Tracks von dieser automatischen Stummschaltung auszunehmen (Command-Click auf den DSP-Mode-Button) und sie damit in den „DSP Mode Safe“-Status zu versetzen. Zum Beispiel einen Reverb-Return, der dem oder den aufzunehmenden Tracks ein wenig Hall spendieren soll. Die Latenz auf so einem Kanal wird nur als zusätzliches Predelay wahrgenommen und ist damit tolerabel.

Sobald die Aufnahme im Kasten ist, können die Spuren wieder aus dem DSP-Modus entlassen werden. So werden die DSPs wieder frei und alle Plug-ins werden automatisch wieder auf AAX Native umgeschaltet.

Das geniale an dieser neuen Engine ist, dass man die DSPs nur dort einsetzen muss, wo man sie wirklich braucht: für das Monitoring während der Aufnahme oder für Hardware-Inputs/-Inserts. Und das Umschalten zwischen den DSP-Varianten und den nativen eines Plug-ins erfolgt automatisch, wenn man den Button betätigt. Theoretisch ließe sich dieses Verhalten mit einem HDX-System nachahmen, momentan jedoch nur in mühsamer Handarbeit pro Plug-in. Der magische DSP-Mode-Button taucht in Pro Tools bisher nämlich nur dann auf, wenn ein Carbon-Interface angeschlossen ist. Avid hat jedoch bereits angekündigt, dass es die Hybrid Engine im Jahr 2021 auch für HDX geben wird, wohl als Bezahloption.

Wieviel Leistung steckt in den DSPs?

Ich habe mir eine Recordingsession gebastelt, die die Möglichkeiten des Systems ausschöpft und 24 Spuren mit den Inputs des Carbon-Interfaces erzeugt, auf jedem Kanal das Avid Channelstrip Plug-in insertiert und vier Sends zu den Kopfhörerausgängen, sodass ich vier unabhängige Kopfhörermixes erstellen kann. Außerdem habe ich den Mix-Bus und die vier Kopfhörerausgänge jeweils mit einem Pro Limiter als Übersteuerungsschutz versehen. Für ein wenig Gewürz beim Aufnehmen habe ich drei Auxwege, zwei mit Hall (ReVibe II) und einen mit Delay (Tape Echo) erzeugt und korrespondierende Sends auf den einzelnen Tracks gesetzt. Am Ende war noch Platz für zwei Instanzen Eleven zur Gitarren-Amp-Simulation.

Diese Leistung ist für den Recordingalltag ausreichend, auch wenn man sich mit der DSP-Architektur erst ein bisschen vertraut machen muss. So ist es zum Beispiel deutlich ökonomischer, für den Hall zwei Instanzen ReVibe II zu benutzen, als ReVibe und ein anderes Hall-Plug-in. Denn zwei ReVibe-Instanzen passen auf einen DSP. Zwar zeigt die erste Instanz an, dass sie 57 Prozent des DSPs verbraucht, erzeugt man eine weitere Instanz, verbrauchen sie gemeinsam jedoch nur 95 Prozent des DSPs. Verwende ich ein anderes Hall-Plug-in, wird dieses in jedem Fall auf einem weiteren DSP berechnet. Die fünf eingesetzten Limiter teilen sich einen DSP, ebenso die 24 Channelstrip-Instanzen – das ist sehr effizient. Drei DSPs werden in meinem Beispiel für den Mixer verwendet, was vor allen Dingen den zahlreichen Sends geschuldet ist. Um die DSP-Ressourcen so clever wie möglich auszunutzen, muss man ein bisschen probieren und Erfahrung sammeln.

Klanglich sind die von mir verwendeten Plug-ins über jeden Zweifel erhaben. Der den früheren Euphonix-Pulten nachempfundene Channelstrip ist bei mir seit Jahren in allen Produktionen im Einsatz, klingt neutral und erledigt alle Standardaufgaben im Bereich Dynamics und EQ zu meiner Zufriedenheit. ReVibe II ist der beste algorithmische Hall aus dem Avid-Angebot. Er bietet alle klassischen Raumsimulationen in sehr guter Qualität. Der Pro Limiter gehört zu den besten Plug-ins der Gattung Brickwall-Limiter.

Insgesamt sind die acht DSPs für ein Tracking mit 24 Spuren ausreichend, wenn auch nicht zu üppig. Ich hatte nachher in meinem Setup noch einen DSP frei, weil ich von der Möglichkeit Gebrauch gemacht habe, die beiden Reverbs nativ im DSP Safe Mode laufen zu lassen. So ist noch Platz für eine dritte Gitarren-Simulation oder ein Auto-Tune Hybrid gewesen.

Wie gut ist die Latenz des Systems?

Die Latenz ist mindestens genauso gut, wie Avid-DSP-Systeme schon immer waren: Der Performer bemerkt keine Verzögerung auf seinem Kopfhörer. Laut Datenblatt verspricht Avid eine Latenz, die unter einer Millisekunde liegt. Ich habe es in der Praxis ausprobiert und das Carbon-System mit meinem HD-Native-System verglichen. Beim HD Native tracke ich mein Schlagzeugspiel mit einer Buffersize von 64 Samples, beim Carbon habe ich die Buffersize auf Rechner-schonende 1024 Samples gestellt. Obwohl ich mit den 64 Samples beim HD Native gut zurechtkomme, ist die Carbon-Systemlatenz doch noch einen kleinen Hauch geringer und angenehmer beim Spielen.

Im Bereich Tracking ist Carbon mindestens genauso gut wie ein HDX-System, wenn man mit 24 Inputs auskommt. Avid behauptet sogar, dass die Carbon-Latenz noch geringer sei als bei HDX.

Durch die hybride Architektur sind Carbon-Sessions übrigens voll kompatibel mit Pro-Tools-Systemen, die keine DSP-Hardware verwenden – vorausgesetzt, man verwendet nur Avid-Plug-ins oder hat sich mit dem Empfänger der Session abgesprochen, welche Drittanbieter-Plug-ins auf beiden Systemen vorhanden sind.

Ein genauerer Blick auf die Hardware

Zu meinem großen Bedauern ist Carbon aktuell (Januar 2021) noch nicht über EuCon fernsteuerbar. Immerhin habe ich die offizielle Auskunft bekommen, dass daran gearbeitet wird. Und zwar, dass vor allem die Vorverstärkung der Preamps und die Monitoring-Sektion regelbar sein werden, sodass das Interface nicht unbedingt direkt neben dem Engineer platziert werden muss. Der eingebaute Lüfter von Noctua läuft zwar sehr gleichmäßig, ist meinen verwöhnten Ohren aber trotzdem zu laut, sodass ich das Carbon gerne in meine Studioküche/meinen Maschinenraum verbannen würde.

Dank der nahtlosen Integration in Pro Tools kommt Carbon ohne spezielle Applikation, wie RME Total Mix oder Universal Audio Console, die den aktuellen Status der Hardware in einer Übersicht zeigt. So ist man aktuell immer auf die wenigen Bedienelemente auf der Frontseite des Carbon-Interfaces angewiesen, um sich durch den Status der einzelnen Inputs zu klicken. Das aufgeräumte und dank Farbgebung für die verschiedenen Pfade sehr geschmackvoll gestaltete Front Panel ist völlig ausreichend, wenn ich nur ein Signal aufnehme. Die Komplexität eines größeren Setups lässt sich leider nicht abbilden. Ich hoffe und bin zuversichtlich, dass diese Übersicht per EuCon-Fernsteuerung nachgeliefert wird.

Ähnliches gilt auch für den Monitorcontroller-Bereich links neben den Kopfhörerbuchsen: Neben dem Stereo-Monitorausgang können die Lineausgänge 1-2 und 3-4 als zusätzliche Monitoranschlüsse verwendet werden, die sich über die Taster A, B und C umschalten lassen. Es gibt auch einen Stummschalter und ein Dimming für die Monitorwege. Das Ganze hat nur einen Haken: Das Interface muss direkt neben dem Benutzer stehen und dann kann der Lüfter schon ein bisschen stören.

Die Qualität der Hardware

Da ich gerade vom Front Panel sprach, die Qualität der beiden Endlosdrehregler und der beleuchteten Taster ist sehr gut und der Preisklasse entsprechend. Insofern ist an der Bedienung der Hardware und der gesamten Herstellungsqualität nichts zu meckern. Die Mikrofonvorverstärker sind rauschfrei und klingen sehr neutral. Einziger kleiner Kritikpunkt aus meiner Sicht ist die maximale Verstärkung: 60 dB bietet zum Beispiel auch mein RME FireFace 802 und das funktioniert für Standardanwendungen wie Gesangs- oder Sprachaufnahmen mit Kondensatormikrofonen sehr gut. Meine Focusrite-ISA-Vorverstärker können jedoch bis zu 80 dB verstärken, um schwachbrüstigen Mikrofonen wie einem SM7 von Shure oder Bändchenmikrofonen ein bisschen auf die Beine zu helfen. Aber das ist Jammern auf sehr hohem Niveau.

Die Line- und ADAT-Kanäle sind qualitativ unauffällig, also gut. Positiv bleibt zu erwähnen, dass sich die Lineeingänge im Pegel trimmen lassen, wenn man das wünscht. Die Kopfhörerausgänge liefern genug Pegel, um auch dem Drummer ausreichend auf die Ohren liefern zu können und sind in der Anzeige über dem Endlosdrehregler in unterschiedlichen Farben dargestellt, nachdem man den Kopfhörerbutton neben dem Drehgeber ausgewählt hat. So erkennt man nach ein wenig Eingewöhnung schon an der Farbe, welchen Kopfhörer man gerade regelt.

Zum Umschalten zwischen den Kopfhörern drückt man auf den Endlosdrehregler, mit einer smarten Besonderheit: Sofern kein Kabel in den betreffenden Kopfhörerausgang eingestöpselt ist, ist er nicht anwählbar. Für die analogen Eingänge gelten die gleichen Regeln, wenn auch nicht so ganz konsequent.

 

Oberhalb des Endlosdrehreglers wird die Verstärkung grün für einen Mic Pre, gelb für ein Line- und orange für ein HiZ-Signal dargestellt. Leider wird das bei der Anzeige der acht Inputpegel rechts daneben nicht fortgesetzt: Hier ist der ausgewählte Kanal immer grün, die anderen weiß. Ich hätte es besser gefunden, wenn man die Farblogik dort fortgesetzt hätte und eine kleine Attention-LED anzeigen würde, welcher Kanal gerade ausgewählt ist. Das würde für ein bisschen mehr Übersicht sorgen. Die beiden HiZ-Eingänge sind nur anwählbar, wenn ein Kabel eingesteckt ist und zusätzlich im Eingangswiderstand in fünf Stufen über den Button Z umschaltbar, der konsequenterweise nur dann leuchtet, wenn ein Kabel eingesteckt ist.

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