Workshop
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28.07.2021

Alternativen zur Overhead-Mikrofonierung

Underheads, Recorderman, Glyn-Johns, FoK und andere!

Put the mics down!

Wer ein Schlagzeug für den Live- oder Studioeinsatz mit Mikrofonen präparieren möchte, landet meistens bei einer zweigeteilten Positionierung. In direkter Nähe zu den Trommeln und Becken befinden sich die sogenannten Close Mics, etwas weiter weg die Overhead-Mikrofone. Wie ihr Name schon vermuten läßt, werden diese als Stereopaar über dem Kopf des Spielers befestigt und zeigen von oben auf das Drumset. Es gibt jedoch auch noch andere Möglichkeiten, einen tollen Drumsound aufzunehmen. Einige davon sind erstaunlich simpel und erweitern eure bereits vorhandene kreative Mikrofonierungs-Toolbox sehr effektiv. Sie tragen Namen wie Glyn Johns, Mid-Side oder Recorderman, manche besitzen gar keine offiziellen Bezeichnungen. Sie alle haben gemeinsam, dass sie die herkömmliche Rolle von Overhead- und Close Mics teilweise auflösen und so zu ganz neuen Resultaten führen können. Hier zeige ich euch die wichtigsten „No Overheads“- Mikrofonierungen und was sich mit ihnen so alles anstellen läßt. Los geht’s!

Zwei Overhead-Mikrofone sind der Standard

Bevor wir in die alternativen Mikrofonierungsverfahren einsteigen, möchte ich euch zunächst kurz die gebräuchlichste Methode zur Abnahme von Drumsets vorstellen. Die besteht aus zwei Overhead-Mikros und einer variierenden Anzahl von Close-Mics. Während die Overheads für die Abbildung des Schlagzeugs als Gesamtheit zuständig sind, dienen die Close Mics der Behandlung der Einzelinstrumente. Für einen guten Sound sind jedoch besonders die Overheads wichtig, denn diese liefern die grundlegenden, im Mix nur schwer veränderbaren, Klanginformationen. Die meisten Drummer und Tonschaffenden entscheiden sich für eine von drei Positionierungsmethoden, wenn es um die klassische Overhead-Abnahme geht: XY, ORTF oder Spaced Pair. In allen Fällen „schweben“ die beiden Mikrofone über dem Kopf der Spieler und zeigen mit den Einsprechachsen nach unten Richtung Trommeln und Becken. Wenn ihr euch mit diesen Techniken ein bisschen vertraut macht, werden euch tolle Aufnahmen gelingen. In diesem Workshop geht es allerdings um Alternativen zur „Überkopf-Aufnahme“. Als Referenz habe ich euch hier ein Klangbeispiel mit meiner normalen Overhead-Konfiguration in der ORTF-Anordnung aufgenommen.

Glyn Johns – Dreiecksbeziehung mit minimalem Aufwand

Eine der bekanntesten Alternativen zur klassischen Stereo Overhead-Position hat ein Toningenieur namens Glyn Johns in den 60er Jahren erfunden. Der Mann gilt als Koryphäe auf seinem Gebiet, hat er doch nahezu alle legendären britischen Rockbands aufgenommen, darunter die Stones, die Beatles, David Bowie und Led Zeppelin. Seine Herangehensweise benötigt in ihrer Grundform nur drei Mikrofone. Empfehlenswert sind hier zwei identische Kondensator- oder Bändchen-Modelle sowie ein Bassdrum-Mikrofon. Das erste Mikrofon platziert ihr als Mono-Overhead so, dass es etwa 95 Zentimeter über eurer Snarefell-Mitte schwebt und direkt nach unten zeigt. Beim Soundcheck sollte dieses Mikrofon einen ausgewogenen Klang eurer Trommeln und Becken abbilden. Das zweite Mikrofon stellt ihr im selben Abstand zur Snarefell-Mitte neben euer Floortom. Seine Membran sollte etwa 15 Zentimeter über dem Floortom-Spannreifen angeordnet sein und über diesen in Richtung Hihat zeigen. Ich verwende zur Abstandsmessung immer ein Kabel: Das drücke ich in diesem Fall auf die Mitte des Snarefells und bewege es zur Abstandskontrolle zu den jeweiligen Mikros. Ist das geschafft, platziert ihr das Bassdrum-Mikro beispielsweise am Schallloch des Resonanzfells. Fertig! Ich persönlich nehme noch ein Snaremikro hinzu, um mehr Mix-Möglichkeiten zu erhalten. Bei der Bearbeitung panne ich das Mono-Overhead und das Mikro neben dem Floortom weit nach außen, Bassdrum (und Snare) lasse ich in der Mitte. Das Glyn Johns Setup eignet sich besonders gut für natürliche, organische Drumsounds. Die späteren Eingriffsmöglichkeiten sind naturgenäß beschränkt, weshalb ihr eure Dynamik unter Kontrolle haben solltet. Hier kommen die Soundfiles zum Glyn Johns Setup:

Recorderman – kompaktes Setup, kompakter Sound

Um die Jahrtausendwende kam ein Produzenten-/Tontechniker-Duo bei einer Session auf die Idee, eine neue, minimalistische Mikrofonierungstechnik anzuwenden. Wie bei Glyn Johns übernehmen auch hier zwei identische Mikrofone die Hauptarbeit, eines davon wird etwa zwei Drumsticklängen über der Snaredrum positioniert, das zweite „guckt“ der Drummerin quasi über die Schulter und zeigt in Richtung der Bassdrum. Die Schwierigkeit bei der Aufstellung besteht darin, beide Mikros jeweils so auszurichten, dass sie dieselbe Distanz zur Snaredrum und zur Bassdrum haben. Hier hilft ein mit dem Bassdrum-Schlägel festgehaltenes Kabel als Maßband, ein bisschen Geduld ist aber trotzdem meist erforderlich. Der Basisabstand zur Snaredrum sollte für beide Mikrofone grob zwei Stocklängen, also etwa 80 Zentimeter betragen. Klanglich liefert diese Setup ein etwas kompakteres, weniger räumliches Resultat und eignet sich daher besonders gut für Situationen, in denen der Raum eben nicht sonderlich ansprechend klingt. Gleichzeitig ist auch hier zu beachten, dass das Drumset und Spieler schon „in natura“ relativ ausgeglichen klingen, die Mikrofone sind zudem recht nah am Spieler dran, für sehr körperliche Drummerinnen ist dieses Setup daher „Stocktreffer-gefährdet“. Nach Geschmack kann es auch um Close Mics erweitert werden. Das extreme Panning der beiden Hauptmikrofone empfehle ich persönlich nicht unbedingt, denn dann wandert die Bassdrum aus der Stereomitte. Wie immer gilt jedoch: Alles ist erlaubt, wenn es den Geschmack trifft und den Zweck erfüllt. Ich habe euch wieder eine rohe und eine gemixte, mit Bassdrum- und Snare-Mikro ergänzte Variante aufgenommen.

Mid/Side-(“M/S”-)Mikrofonierung – Stereo-Raum nach Maß

Die Mid/Side-Mikrofonierungstechnik gehört zu den ältesten Methoden, ein Stereosignal aufzunehmen. Wir verwenden sie heute, um eure bestehehende Standardmikrofonierung um einen sehr effektiven und – vor allem – stufenlos dosierbaren Stereoraum zu ergänzen. Zur Umsetzung genügen dieses Mal zwei Mikrofone mit unterschiedlichen Richtcharakteristiken. Eines davon, das “Mid”-Mikrofon, darf jede Charakteristik besitzen. Ich empfehle eine typisches Nieren-Großmembranmodell. Diesen Schallwandler positioniert ihr kopfüber einfach vor eurem Schlagzeug (“Front of Kit”/FoK), die Einsprechrichtung zeigt gerade in das Set. Je nach Raum und Geschmack empfehle ich eine Entfernung von etwa einem halben Meter zum vorderen Bassdrum-Spannreifen. Das zweite Mikrofon muss die Richtcharakteristik Acht besitzen, deren Einsprechseiten rechts und links zu den Seiten (“Side”) zeigen, euer Drumset also nicht direkt ins Visier nehmen.

Wenn ihr die beiden Mikrofone aufgenommen habt, erhaltet ihr natürlich zunächst zwei Spuren, die sich erst einmal wenig spektakulär anhören. Das liegt daran, dass das M/S-Verfahren zunächst eine Matrix braucht. Die erstellt ihr ganz einfach: Ihr dupliziert das Signal des Achter-Mikros auf eine dritte Spur. Der klangliche Effekt wird aber immer noch bescheiden sein. Der Spaß beginnt erst, wenn ihr die beiden Spuren dekodiert. Dazu platziert ihr die Originalspur und die kopierte Spur zunächst jeweils ganz links und ganz rechts im Stereobild, anschließend invertiert ihr bei der kopierten Spur die Phase. Durch dieses Vorgehen isoliert ihr die positive von der negativen Seite des Achtersignals und erhaltet – voila! - ein Stereobild. Mit den Fadern mischt ihr die beiden Spuren nun dem Mid-Signal des mittleren Mikros bei. Fertig ist die stufenlos regelbare, phasenkorrekte Stereo-Raum-Einheit, die ihr sowohl einzeln als auch im Mix mit anderen Mikros am Drumset verwenden könnt. Es gibt aber auch Hardware-Matritzen und einige Software-Lösungen.

Front of Kit – Simpler gehts nicht

Die vermutlich einfachste Methode, eurem Schlagzeug auf der Aufnahme mehr Räumlichkeit und Dimension zu verleihen, ist die sogenannte Front of Kit (FoK) -Position. Der Name sagt schon alles, denn ihr braucht dafür nur ein Mikrofon (für Stereo zwei) vor dem Drumset zu platzieren. Regeln für Höhe und Abstand gibt es nicht, im Zusammenspiel mit Overhead-Mics erhaltet ihr den kompaktesten Sound jedoch, wenn ihr das Mikro mit derselben Distanz zur Snare aufstellt. Ich selbst verwende FoK-Positionen immer mono und im Zusammenspiel mit den regulären Mikrofonen. Die Distanz zum Schlagzeug regelt den Raumanteil, die Höhe bestimmt hingegen das Verhältnis zwischen Bassdrum und den höher positionierten Instrumenten des Sets. Im Gegensatz zu den Overheads liegt ein FoK-Mikro nämlich in der direkten “Einflugschneise” der Bassdrum und bildet sie daher deutlich prominenter und druckvoller ab. Gleichzeitig werden Crashbecken bisweilen “phasiger”, denn sie bewegen sich und ändern damit ihren Einsprechwinkel. Trotzdem eignen sich FoKs sehr gut auch als alleinige Mikrofone.

“Overheads” mal ganz anders: die Seiten der Toms abnehmen

Eine namenlose Methode, ein kleines Drumset mit zwei Toms aufzunehmen, habe ich irgendwann zufällig entdeckt, als ich vergessen hatte, das Floortom-Mikrofon auch über dem Fell zu positionieren. Stattdessen stand es viel tiefer und zeigte seitlich auf den Kessel. Das Ergebnis erstaunte mich, denn heraus kam ein durchaus “kompletter” Sound mit eher weichem Snaredrum-Anteil und angenehm zurückhaltenden Becken. Also tauschte ich ich das damals verwendete dynamische Tom-Mikro gegen ein Großmembran-Kondensator Modell und versah auch das kleinere Racktom mit einem identischen Modell. Beide Mikrofone zeigen quasi durch die Tomkessel hindurch auf die Snaredrum, die Abstände zur Snarefell-Mitte sollten ungefähr gleich sein. Bei einem 2-Toms-2-Becken-Schlagzeug erhaltet ihr einen ausgewogenen, warmen Klang mit sehr direkten, voll klingenden Toms. Mit den Panning-Reglern läßt sich außerdem ein sehr breites Stereobild darstellen. Ohne Overheads, wohlgemerkt. Addiert ihr noch ein Snare- und ein Bassdrum-Mikro, bieten sich eine Menge Mixmöglichkeiten.

Warum nicht mal „Underheads“?

Wenn es Overheads gibt, müsste es doch eigentlich auch Underheads geben? Unerfahrene Soundfreunde verneinen das manchmal, und als „offizielle“ Mikrofonierungstechnik dürfte es tatsächlich nicht gelten. Wer sich allerdings ein bisschen in den einschlägigen Kreisen umhört, wird feststellen, dass der Ansatz viele Anhänger hat. Ich selbst bin einer davon, die Gründe erkläre ich euch hier. Ein offensichtlicher Vorteil ist die schlichte Tatsache, dass zusätzliche Mikro-Positionen für zusätzliche Sound- und Mixmöglichkeiten sorgen. In unserem heutigen Beispiel habe ich mein Schlagzeug konventionell mikrofoniert, also die Bassdrum und Snaredrum sowie ein Paar ORTF-Overheads. Als Underheads habe ich zwei Kleinmembranmikros mit Blickrichtung an die Decke knapp über dem Boden aufgestellt, jeweils seitlich von der Bassdrum. Trotz gleicher Abstände zur Snaredrum ergibt sich hier für ein ausgewogenes Klangbild mit mittiger Snare ein klarer Nachteil. Die „baulichen“ Gegebenheiten verstellen dem Schallwandler zwischen Bassdrum und Floortom nämlich den direkten akustischen Zugang zur Snare und auch zur Hihat. Auf der anderen Seite ist es genau umgekehrt. Wir haben es also mit zwei ziemlich unterschiedlichen Signalen zu tun, weshalb ich raten würde, Underheads nicht unbedingt als Overhead-Ersatz zu betrachten. In Kombination mit diesen finde ich die Resultate allerdings oft grandios. Der Klang gewinnt an Tiefe und wird fülliger, nicht selten lassen sich sowohl Tom-, Hihat- als auch Snare-Bottom Mics einsparen. Ihr solltet allerdings auf jeden Fall die Phasen der Underheads checken, sondern wird es dünn und unschön. In Kombination mit Panning und den Kanalfadern könnt ihr jetzt vielfältig in euren Drumsound eingreifen.

Fazit

In diesem Workshop wird klar, dass sich auch jenseits der bekannten Schlagzeug-Aufnahmetechniken mit zwei Overheads und Closemics tolle Resultate erzielen lassen. So verwenden sowohl die Glyn Johns- als auch die Recorderman-Methode grundsätzlich nur drei Mikros. Mit etwas Trial and Error und Sorgfalt bei der Aufstellung liefern diese minimalistischen Ansätze sehr natürliche Drumsounds für eine Vielzahl von Anwendungen. Ihr kreatives Potenzial läßt sich mit weiteren Mikrofonen außerdem beliebig erweitern. Möchtet ihr euren Aufnahmen zusätzliche Dimension hinzufügen, bietet sich die hervorragend steuerbare Mid/Side-Technik an. Ähnlich umfangreiche Justiermöglichkeiten hält auch die Verwendung von Underhead-Mikros bereit, welche besonders effektiv in Kombination mit herkömmlichen Overheads funktionieren. Dass auch einfaches Herumprobieren oder Zufälle für spannende Drumsounds sorgen können, zeigt das Beispiel der auf die Seiten der Tomkessel ausgerichteten Mikrofone. Als höchst effektiv und variabel erweist sich auch ein Front of Kit Mikrofon, welches sich sowohl als Attack-Verstärker der Bassdrum als auch als Raummikrofon empfiehlt kann. Bei allen Techniken solltet ihr immer darauf achten, dass euren Ohren der Sound gefällt, von Purismus oder Dogmen solltet ihr euch nicht leiten lassen. Viel Spaß beim Positionieren, Aufnehmen, Mixen und Experimentieren!

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