Mit dem n/vision bringt Roland einen neuen Boutique-Synthesizer mit zwei Wavetable-Engines und integriertem Sequenzer. Parallel zum Jupiter-08 erscheint damit ein eigenständiges Instrument ohne historisches Vorbild. Wie die Klangerzeugung funktioniert, erklärt unser Feature Wavetable-Synthese für Einsteiger – das Prinzip ist einfacher, als es zunächst klingt.

- Toller Einsteiger-Synth mit zwei Wavetable-Layern
- Sequenzer mit Motion Recording, Dual/Split Mode
- Gute Bedienung der Basis-Parameter
- Send-Effekt und Arpeggio nur global speicherbar
- Keine Speicherplätze für Performances
- Benutzerführung teilweise umständlich
- Keyboard zu einfach, Preis dafür zu hoch
Abgesehen vom Roland D-05 mit LA-Synthese und Roland JD-08 für Sample-ROM-basierte Layer interpretieren bisherige Roland Boutique-Modelle analoge Vintage-Synthesizer. Der nicht mehr lieferbare Roland SE-02 bietet sogar Analogtechnik. Mit virtuell-analogen Sounds zeigen sich der SH-01 A, JU-06A oder auch der JX-08 von Roland.
Beim neuen Modell n/vision schlägt Roland buchstäblich ein neues Kapitel auf. Bis auf den im Herbst 2023 erschienen Roland GAIA 2 erschließt kein anderes Roland-Gerät die Wavetable-Synthese. Mit dem n/vision kommt nun gebündelte Power neuer, klanglicher Möglichkeiten – mit bis zu 56 Stimmen, zweifach multitimbral plus Sequenzer und Effekten. Als Wavetable-Fan habe ich den Roland n/vision besonders neugierig angespielt – mehr dazu hier im Test.

Was bietet die Hardware-Ausstattung des Roland n/vision?
Es ist ein typisches Boutique-Modell. Konkret hat es die Abmessungen von etwa 30 x 20 x 5 cm bei einem Gewicht von 1,7 kg. Ihr bekommt ein integriertes USB-C Audio/MIDI Interface und sinnvolle Anschlüsse: MIDI In/Out (5-Pol DIN), Stereo-Line-Ausgang (3,5mm Klinke), Stereo-Kopfhörer-Susgang, Stereo-Mix-Eingang, externer Clock-Eingang (ebenfalls 3,5mm Klinke). Die Stromversorgung erfolgt über mitgelieferte 4 AA-Batterien oder via USB-C. Zwei integrierte Lautsprecher machen die Wavetable-Klänge zumindest direkt hörbar.

In der Originalverpackung des Roland n/vision ist der K-25m Keyboard-Dock bereits enthalten. Die Docking-Station Roland DK-01, die mit einem praktischen Kippständer ausgestattet ist, muss hingegen separat erworben werden – ein Kostenfaktor, der leicht übersehen wird.

Mit seinen 25 Minitasten ohne Aftertouch passt das Roland K-25m durchaus für spontane Klangexperimente unterwegs. Um das Potenzial der Klangerzeugung auszuschöpfen, stößt ihr schnell an Grenzen – Akkorde in weiter Lage und das Spielen mit Keyboard-Splits sind damit nicht umsetzbar.
Wieviel Synthese-Potenzial hat die doppelte Wavetable-Engine?
Der Roland n/vision bietet zwei unabhängig editierbare Wavetable-Layer mit separater Wellenform-Auswahl und Mischfunktion. Klassischerweise ist die Modulation von Wavetable-Position, Mix und Tonhöhe über LFOs und Hüllkurven möglich.

Mit dem Position-Random-Regler lassen sich Klangspektren zufällig variieren, was sich bei rhythmischen Passagen gut macht. Ein Spread-Regler dient zum Erweitern des Stereobildes. Der Waveshaper erzeugt auf Wunsch komplexere Obertöne. Ein LFO mit mehreren Wellenformen beziehungsweise ein Step-Modulator auf Basis einer 16-Step-Wellenform sowie P-MOD und S-MOD verändern die Wellenformen des Roland n/vision subtil, drastisch oder auch rhythmisch.
Ein spezielles Feature nennt sich „Drawing“. Tatsächlich könnt ihr eigene Single-Cycle-Waveforms erstellen, wenn euch die mühevolle Eingabe am Gerät nicht davon abhält. Unter „Freies Zeichnen“ verstehe ich aber etwas anderes. Übrigens: Die beiden Oszillatoren sind nur in Oktaven transponierbar – nicht flexibel in Halbtonschritten. Fünf Audio-Demos zeigen euch, wie sich die Wavetable-Oszillatoren des Roland n/vision klanglich verhalten.
Was können Filter, LFO und Hüllkurven beim Roland n/vision?
Das Multimode-Filter bietet nicht nur verschiedene klassische Filtermodelle, sondern auch einen weiteren statischen Hochpass sowie eine zuschaltbare Drive-Sektion. Funktionell ist der Roland n/vision damit sehr gut aufgestellt und das Hörbeispiel beweist die klanglichen Qualitäten.

Eine ADSR-Hüllkurve gibt es für Oszillator, Filter und Verstärker; Portamento Der LFO agiert nicht pro Stimme, sondern für beide Oszillatoren gleichzeitig.
Schließlich brilliert der Roland n/vision auch mit seinen Keyboard Modes Dual und Split. Zwei Tones lassen sich sogar mit unterschiedlichen Sequenzer- und Effekt-Einstellungen pro Layer kombinieren. Das bietet eine willkommene Grundlage, um beim Produzieren elektronischer Musik zu experimentieren.

Gibt es eine Effekt-Sektion und Step-Sequenzer?
Wir sind noch nicht fertig: Der n/vision integriert neben dem klassischen Arpeggiator einen zwei-spurigen polyphonen Step-Sequenzer mit Motion Recording – Parameterbewegungen lassen sich also aufzeichnen. Möglich sind bis zu 64 Steps und bis zu 8 Noten pro Schritt. Für Patterns wie Basslinien oder rhythmische Begleitakkorde gibt es 96 Speicherplätze.

Einen guten Job macht die Effektsektion. Insgesamt sind es 20 interne FX-Typen, wobei sich auf der Oberfläche nur drei Tasten für Delay/Reverb, Chorus I und Chorus II finden. Zur Auswahl gehören auch LoFi Comp, Overdrive, Phaser, Pitch Shifter sowie verschiedene Delay- und Hall-Typen – auch der beliebte Shimmer-Reverb ist vorhanden. Leider sind Send-Effekte nicht mit einem Tone speicherbar. Sie lassen sich aber zusammen mit Sequenzer-Daten ablegen. Wie gut die Standard-Effekte klingen, demonstrieren unsere Audio-Demos.

Ist der Roland n/vision gut zu bedienen?
Die Basics der Wavetable-Synthese inklusive Filter, LFO und Hüllkurven präsentiert das Panel ziemlich gut. Auch Einsteiger werden sich nach kurzer Eingewöhnung wohlfühlen. Etwas nervend ist es, dass viele Änderungen erst beim erneuten Drücken einer Taste hörbar werden.
Sobald ihr mehr als Wavetables oder Filter verändern möchte, ist es aber mit der intuitiven Bedienung schnell vorbei. Das Sequenzing mit Motion Recording oder auch die Programmierung der Effekte müsst ihr euch erst einmal erarbeiten – am besten mit einem Blick ins Reference Manual, auch wenn es wichtige Zusammenhänge nicht besonders gut erläutert. Selbst Profis müssen sich erst eingrooven, die Menüs des Roland n/vision erklären sich wirklich nicht von selbst.
Nicht gerade informativ zeigt sich das Display mit vier-stelliger LED-Anzeige mit sieben Segmenten pro Ziffer. Für häufiges und intensives Sounddesign wünsche ich mir jedenfalls eine Editor-Software für den n/vision – hoffentlich ist sie irgendwann gratis in der Roland Cloud zu bekommen.
Außerdem finde ich es schade, dass der Roland n/vision keine Dual-Sounds inklusive Effekt- und Sequenzerdaten anbietet. Solche Performances werdet ihr nicht im Factory Set finden. Es wäre praktisch, alle Einstellungen unter einem Dach auf 64 und mehr Speicherplätze ablegen zu können.
Welche Sounds liefert der neue Wavetable-Synthesizer?
Der Roland n/vision hat seinen eigenen Soundcharakter. Er unterscheidet sich von klassischen PPG/Waldorf- und von anderen aktuellen Wavetable-Synthesizern wie den von mir geschätzten Korg modwave. Generell klingt der Roland n/vision kühl, prägnant, auf Wunsch harsch und tief. Sehr prägnant arbeiten Filter und Hüllkurve – der transparente Basisklang gefällt mir!
Extrem wandlungsfähig ist der Roland n/vision aber nicht – die internen Wellensätze klingen nach einer Weile zu bekannt, dass noch einige Überraschungen aufkommen. Ich vermisse den Import von User-Wavetables. Für mystische Pads, Texturen und Drones macht er sich ebenso gut wie bei punchigen oder metallischen Sequenzer-Phrasen. In der Sparte Bass habe ich bislang noch keine Volltreffer gehört.
Die Factory Patches mit eher beliebigen Namen wie „It’s Just Better“ bieten einen Vorgeschmack, schöpfen aber wohl kaum das Potenzial des Synthesizers aus – bis zu 240 Patches lassen sich speichern. Unsere Audio-Demos verschaffen euch einen Überblick – allesamt live-eingespielt über ein 88er Controller-Keyboard. Auch wenn Roland selber von 80er Wavetable-Sounds spricht, finde ich den Sound eher modern als Retro.
Wie gut sind die Layer- und Split-Kreationen?
Die Polyphonie von bis zu 58 Stimmen ist eine ideale Voraussetzung für duale Sounds. Für diesen Praxistest habe ich jeweils zwei Tones zu einem Layer kombiniert. Dabei kommen unterschiedliche Effekt-Einstellungen pro Tone zum Einsatz, während der Arpeggiator gezielt nur einen der beiden Wavetable-Sounds ansteuert.
Auf diese Weise sind vier Layer-Sounds entstanden, die sich direkt am Gerät relativ schnell und unkompliziert erstellen lassen. Die dazugehörigen Audio-Demos verdeutlichen, welches klangliche Potenzial im Roland n/vision steckt. Vieles davon erschließt sich allerdings erst beim eigenen Experimentieren – wer das Maximum aus dem Synthesizer herausholen möchte, sollte sich daher unbedingt selbst mit dem Sounddesign beschäftigen.
Welche Alternativen zum Roland n/vision sollte man kennen?
Wer sich ernsthaft für Wavetable-Synthese interessiert, landet oftmals bei Plugins. Im Feature Wavetable – Soft-Synths im Vergleich findet ihr eine große Auswahl mit hervorragenden Produkten. Hier geht es aber letztlich um Hardware.
Der DNA des neuen Boutique-Synths kommt der Roland GAIA 2 für ebenfalls rund 700 Euro am nächsten. Als Tastaturmodell ist er für Live-Keyboarder ohnehin interessanter, die Wavetable-Synthese findet bei ihm aber nur über einem Oszillator statt.
Wer auf den Preis achten muss, findet im achtstimmigen Waldorf Protein für gut 300 Euro die attraktivste Option, zumal man hier auch nicht für eine mäßige Klaviatur mit zahlt. Für ihn gibt es seit kurzem auch eine kostenfreie Librarian-Software.
Obwohl der n/vision mit dem K-25m Keyboard geliefert wird, zähle ich ihn für folgenden Betrachtung zu den Desktop-Modellen. Bereits in diesem Segment trifft er auf starke Mitbewerber mit spezifischen Klangcharakter: ASM Hydrasynth Desktop, Korg Modwave Module, Modal Argon 8M, Blofeld Desktop beziehungsweise Protein als Budget-Version.
Hardware-Module
Auch der Groove Synthesis 3rd Wave 8M ist ein heißer Kandidat: er ist deutlich flexibler, mit analogen Filter – und entsprechend teurer.
Ein echter Vorteil des n/vision ist bleibt aber sein kompaktes wie übersichtliches Panel, das für eine simple Soundbearbeitung sorgt. Bei den Mitbewerbern bekommt ihr in der Summe mehr Features – dazu ein knapper, tabellarischer Vergleich. Detaillierten Überblick bietet das Beste Wavetable-Synthesizer Feature.
| TEST | Roland n/vision | ASM Hydrasynth Desktop | Korg Modwave Module | Modal Argon 8M | Waldorf Blofeld Desktop |
| Klangerzeugung | Dual-Wavetable-Osc | 3 Osc mit 219 Wellenformen | 2 Wavetable-Layer, 4 GB User Speicher, Wavetable Import | 32 Wavetable-Osc | Drei Osc, 16-fach multitimbral |
| Polyfonie | 56 Stimmen | 8 Stimmen | 60 Stimmen | 8 Stimmen | Bis zu 25 Stimmen |
| Arp/Sequenzer | 2-Part mit 64 Steps | Arpeggiator | Motion Sequencing, Arpeggiator | Step-Sequenzer, Arpeggiator | Arpeggiator |
| Software | – | Kostenfreier Librarian | Kostenfreier Editor/Librarian und modwave native, separat verfügbar | Kostenfreie Modal App | Waldorf Blofeld Plugin, separat verfügbar |
| Preis | 689 Euro | 789 Euro | 549 Euro | 520 Euro | 499 Euro |
| Bewertung im Test | 4 | 4,5 | 5 | 4,5 | 4,5 |


























