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Nachruf Eliane Radigue

Eliane Radigue, die Grande Dame der elektroakustischen Musik, ist gestorben. Sie hinterlässt ein Œuvre, das sich seit den frühen 1970ern über mehrere Jahrzehnte und Stilperioden entfaltet hat. Über 30 Jahre mit dabei: ihr Arp 2500, auf dem sie ihre Meisterwerke komponiert hat.

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Frühe Jahre

Eliane Radigue kommt am 24. Januar 1932 in Paris zur Welt. Klavierstunden in der Kindheit, Chor, später Harfe und Komposition: so weit, so klassisch. 1953 heiratet sie den Künstler Arman. Die beiden ziehen nach Nizza, drei Kinder kommen zur Welt. Autodidaktisch eignet Radigue sich Schönbergs Zwölftontechnik bei. Dann der Wendepunkt: 1954 hört sie im Radio erstmals Musique concrète. Kurz darauf trifft sie Pierre Schaeffer, den Übervater dieser Musikrichtung. Sie nimmt Unterricht bei ihm und bei seinem Kollegen Pierre Henry, der später vielen als der Komponist der Titelmusik von Futurama bekannt werden wird. Ihr kompositorischer Fokus verschiebt sich weg von Noten und Instrumenten auf den Klang selber.

Musique concrète und erste Eigenständigkeit

Ihr Mann wird langsam erfolgreich und die Familie geht vor. 1958 muss sie die Assistentenstelle bei Schaeffer aufgeben. 1961 zieht die Familie für ein Jahr nach New York, wo sie Philip Glass und Steve Reich, begegnet, die später noch sehr berühmt werden sollten. Außerdem trifft sie den Komponisten James Tenney, der zu der Zeit im Bells Lab daran arbeitet, wie man mit Computern Musik machen kann. Er macht sie mit John Cage bekannt und zeigt ihr die Avantgarde Musik Szene von New York City.

1962 kommt die Familie wieder nach Frankreich zurück. 1967 trennt sich Radigue von Arman und kehrt mit den Kindern nach Paris zurück. Jetzt wird sie bei Pierre Henry Assistentin, der ihr Mikrofone, Tolana-Tonbandgeräte und Mischpult gibt, damit sie auch zuhause arbeiten kann. Dort entsteht 1967 mit 35 Jahren ihr erstes eigenes Werk: Jouet électronique. 

Feedback und Klanginstallationen

Ihre Ästhetik wird geprägt vom Minimalismus ihres Heimstudios. Feedbacks als Rohmaterial, verarbeitet mit begrenzten Mitteln. Von Schaeffer und Henry werden ihre Stücke allerdings abgelehnt, Feedback Experimente haben in ihrem Pariser Studio nichts zu suchen. 1969 kündigt sie, um sich auf ihre eigene Musik zu konzentrieren. Sie komponiert jetzt Musik unbegrenzter Dauer, die sie für bestimmte Orte schreibt. Später wird man das Klanginstallation nennen. 

Der Arp 2500

1970 erfährt sie von modularen Synthesizern und kehrt mit 40 Jahren für eine Residency nach New York zurück. Mit Laurie Spiegel und Rhys Chatham teilt sie sich ein Studio an der New York University, in dem ein von Morton Subotnick installierter Buchla Modularsynthesizer steht. Sie probiert auch modulare Synthesizer von Moog aus, entschließt sich aber schließlich für einen Arp 2500 ohne Tastatur. Mit dem “Jules” getauften Instrument kehrt sie zurück nach Paris und schreibt ab jetzt elektroakustische Musik. 

Buddhistische Inspiration

Radigue kehrt noch ein paarmal in die USA zurück. Nach einer Aufführung ihres Stücks „Adnan I“ in San Francisco im Jahr 1975 machen ein paar französische Studenten sie darauf aufmerksam, dass ihre Musik etwas Buddhistisches hat. Daraufhin beschäftigt sie sich drei Jahre nur mehr mit buddhistischen Studien und schreibt keine Musik mehr. Als sie wieder zu komponieren anfängt, entstehen die Stücke, die sie berühmt machen werden: Adnos II/III, Les Chants de Milarepa, Jetsun Mila und schließlich die dreistündige Trilogie de la mort (1988–1993). Hier wird den Klängen auf subtilste Weise nachgehört, weshalb die Stücke auch alle eine große Ausdehnung haben. Entwickelt werden die Klänge auf ihrem Arp 2500, danach werden sie in mühevoller Arbeit auf analogem Tape zusammengesetzt. Hier gibt es keine Dramatik, keine Bridge und keinen Drop. Alles was es gibt, sind sich langsam verändernde Klänge, aber jede Veränderung kommt genau an der richtigen Stelle. Und auf einmal ist ein einstündiges Musikstück gar nicht so lang. 

Späte Wendungen

Eliane Radigue ist jetzt fast 70 Jahre alt und immer noch ein Geheimtipp. Als ihr Arp langsam den Geist aufgibt, beschäftigt sie sich Ende der 1990er mit digitalen Synthesizern, zum Beispiel dem E-mu Proteus. Und sie wird auch kurze Zeit Mitglied einer Laptop Gruppe, den The Lappetites, die 2005 eine CD herausbringen. Aber so richtig warm wird sie mit der digitalen Technologie nicht. Nachdem sie 2000 ihr letztes elektroakustisches Stück geschrieben hat, für das sie die Goldene Nika bei der Ars Electronica gewinnt, schreibt sie jetzt 20 Jahre lang fast nur noch Stücke für akustische Instrumente. Nach und nach werde ihre früheren Stücke entdeckt und 2019 wird sie mit dem Giga-Hertz-Award für ihr Lebenswerk geehrt. Mit 91 wird dann ein großes Orchesterstück bei den Donaueschinger Musiktagen aufgeführt, was sie stolz macht aber auch amüsiert. Denn für Eliane Radigue waren ihre eigentlichen musikalischen Entdeckungen diejenigen, die sie Anfang der 1970er in New York gemacht hat. Alles andere war „the same as everyone“. Eliane Radigue ist am 23. Februar 2026 mit 94 Jahren in Paris nach einem Sturz gestorben.

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