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Test
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24.09.2013

Warm Audio WA12 500 Test

API 500 Mikrofon-Vorverstärker

Der Warm, der sooo warm gar nicht ist…

Der Lunchbox-Mikrofon-Vorverstärker Warm Audio WA12 500 im bonedo-Review – Class-A-Signalwege, noble Übertrager und Vintage-Vibe sind Insignien gehobener Preisklassen? Weit gefehlt! Warm Audio beweist, dass es auch anders geht...

Der relativ junge Hersteller aus Round Rock, Texas, hat sich einen der großen Klassiker der Preampgeschichte zum Vorbild genommen und bietet mittlerweile eine Handvoll Geräte an, die auf diesem Design basieren. Pate gestanden für die Warm-Audio-Geräte hat der API 312. Hierbei handelt es sich um die Preamp-Karte, die der amerikanische Mischpulthersteller zu Anfang der 70er-Jahre in seinen Flaggschiff-Konsolen verbaute. Typisch für die damalige Zeit handelt es sich um übertragersymmetrierte Transistor-Class-A-Schaltkreise. Als integraler Bestandteil des API-Signalwegs kann der 312 also als stilprägend für den Sound zumindest eines guten Teils der amerikanischen Rockmusik aus dieser Zeit angesehen werden.

Warm Audio haben diese kleine Preamp-Karte, die normalerweise in den Eingeweiden der großen Konsolen vor sich hinwerkelt, in ein eigenes Gehäuse gepackt und reihen sich damit ein in den Kreis von Herstellern, die heute Preamps auf Basis der 312-Urversion anbieten (wie etwa API selbst oder auch BAE).

Details

312-Heritage

Charakteristisch für den API 312 ist dessen simpler Aufbau. Genau diesem folgt auch Warm Audio. So handelt es sich auch beim WA12 um eine Schaltung mit Ein- und Ausgangsübertragern, welche einen einzigen diskret aufgebauten Operationsverstärker einbettet. Trotzdem ist dieser Straightforward-Signalweg kraftvoll genug, um eine maximale Gesamtverstärkung von immerhin 71 dB zu ermöglichen.

„Sonderausstattung“: Tone-Schaltung und Power-Schalter

Eingestellt wird die Verstärkung über ein Rasterpoti, das standardmäßig den Bereich von +29 bis +65 dB überstreicht. Zu den restlichen 6 dB Gain kommen wir in Kürze. Zudem bietet der WA12 all die Funktionen, die bei einem zeitgemäßen Preamp als Standard gelten dürfen: Phantomspeisung, eine 20dB-Pegeldämpfung (Pad), Phaseninvertierung sowie ein hochohmiger Instrumenteneingang auf der Frontplatte. Dazu kommt der Tone-Schalter, welcher auf beide Inputs (Mic sowie Instrument) Einfluss hat. Am Mic-Input setzt er die Eingangsimpedanz von 600 auf 150 Ohm herunter, zusätzlich hebt er den Signalpegel um zusätzliche 6 dB an (womit die Maximalverstärkung von 71 dB erreicht wird). Somit eignet sich dieser Modus besonders für den Einsatz von Bändchenmikros, aber es darf ausdrücklich auf allen Quellen experimentiert werden; die Tone-Schaltung liefert im Zusammenspiel bestimmter Komponenten eine klangliche Alternative, die je nach Einzelfall mal mehr und mal weniger deutlich zu Tage tritt.

Schließlich verfügt das Modul – als eher ungewöhnliches Feature – noch über einen Power-Schalter, mt dem sich die Stromversorgung des Moduls abschalten lässt. Normalerweise übernimmt diese Funktion einfach global der Netzschalter der Lunchbox bzw. des Modulträgers, hier gibt’s das noch einmal extra. Mir ist im Moment kein weiteres 500-Modul bekannt, das ebenfalls über einen eigenen Power-Schalter verfügt, und im WA12 befinden sich eigentlich auch keine besonders verschleißträchtigen Komponenten wie etwa Röhren, bei denen dieses Feature noch am ehesten Sinn machen würde. Gut ist allerdings, dass jeder Schalter am WA12 über seine eigene Status-LED verfügt, so dass man stets direkten, visuellen Aufschluss über die Schaltfunktionen erhält.

Kein Metering

Metering-Möglichkeiten sucht man am Modul jedenfalls vergebens. Nicht jeder Preamp braucht zwingend eine lange, fein aufgelöst LED-Kette, da im Zweifelsfall heute in der Regel das Meter am DAW-Eingang ausschlaggebend ist. Dennoch hätte ich am WA12 gerne zumindest eine einzige Pegel-LED gesehen, damit man wenigstens sofort Bescheid weiß, ob überhaupt ein Signal anliegt. Diesen Platz (auch für eine Handvoll Pegel-LEDs...) hätte es auf der Frontplatte gegeben, wenn Warm Audio auf den Power-Schalter verzichtet hätte – aus meiner Sicht wäre das das wichtigere Feature gewesen. Aber wer weiß, vielleicht war das auch eine Kostenfrage, denn in diesem Fall ginge es ja nicht nur um die LEDs, sondern auch um die Treiberschaltung, die sie ansteuert. Und bekanntlich wurde beim WA12 ja äußerst knapp kalkuliert.

Cinemag-Transformer

Auf jeden Fall wurde der Rotstift nicht innerhalb des Gehäuses beim Kern des Audiosignalwegs angesetzt. Im WA12 arbeiten keine Billig-Übertrager, sondern zwei Wicklungsungetüme des amerikanischen Premium-Herstellers Cinemag. Cinemag ist der direkte Nachfolger von Reichenbach, welche schon in der Vintage-Ära aktiv waren und viele der Geräte, die heute nachgebaut werden, damals mit ihren Original-Übertragern ausstatteten. Und beim diskreten Op-Amp setzt Warm Audio auf einen Nachbau des Melcor 1731, und damit auf den Vorläufer des legendären API 2520, der noch heute Kern aller API-Schaltungen ist. Klassisch in Through-The-Hole-Technik mit herkömmlichen Komponenten gefertigt, unterscheidet sich die Schaltung an den entscheidenden Stellen damit nur unwesentlich vom Vintage-Vorbild.

Auch Instrumentensignale laufen über den Eingangsübertrager

Das Modul ist in geschlossener Baumform gefertigt und macht durch und durch einen stabilen, funktionalen Eindruck und es wirkt auch auf gar keinen Fall so „billig“, wie der Kaufpreis es erwarten lassen könnte. In puncto Design und Aufmachung kann der WA12 für meinen Geschmack mit der Highend-Liga nicht mithalten, aber das kann man zu diesem Preis nicht auch noch erwarten. Vielmehr gilt es noch einmal festzuhalten, dass der WA12 an den (klanglich) entscheidenden Stellen eben nicht spart, und man also hier so viel vom Kaufpreis wie möglich in die Kernkompetenz eines jeden Preamps investiert: Die – hoffentlich – gut klingende Signalverstärkung. Erwähnenswert bleibt noch, dass der Hi-Z-Eingang ebenfalls (mittels einer kleinen zusätzlichen Transistorstufe) über den Eingangsübertrager geführt wird. Das ist ein eher ungewöhnliches Feature, das es auch Instrumentensignalen erlaubt, vom Klangcharakter des Cinemag-Eingangsübertragers zu profitieren.

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