Gitarre
Test
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23.02.2018

Praxis

„Tu-be or not Tu-be?“

Es ist schon erstaunlich, wie fortgeschritten die Ingenieure beim eigentlich zu Genüge behandelten Thema Kondensatormikrofon gekommen sind: Das Warm Audio WA-47jr klingt schon irgendwie nach Röhrenmikrofon. Zumindest nach Sättigungsprodukten: Die typischen Bauteile, die gemeinhin für die Anreicherung des Kapselsignals mit Harmonischen verantwortlich sind, namentlich Röhre und Ausgangsübertrager, fehlen im WA-47jr schließlich, zudem wird nicht gerade mit wenigen SMD-Bauteilen gearbeitet. Dass dennoch ein röhrenähnlicher Klang entsteht, freut natürlich – und zwar in erster Linie den Geldbeutel. Insofern ist es verständlich, dass der Blick auf die Platinenbestückung verwehrt bleibt, schön ist es dennoch nicht.  

Satt und warm

Auf den ersten und auch auf den zweiten Blick liefert das Signal des kleineren Warm-47ers einen satten, warmen Klang, der Stimmen durchaus schmeichelt und nach „schöner, großer Studiowelt“ klingt. Hört man etwas weiter in den Klang hinein, fallen gewiss die Gründe auf, weshalb auch heute noch Röhrenmikrofone gebaut werden und auch Transistormikrofone stärker färbender Art meist deutlich teurer sind: Besonders in Nierenstellung ist das Signal etwas kantig und unruhig, bei Frequenz- und Dynamikbearbeitung fehlt es jedoch schneller an Fundament als bei teureren Mikrofonen ähnlicher Bauart. Das ist keine Überraschung. Das Nierensignal „phast“ leicht in den Mitten. Das unterstützt den Eindruck von Breite und vermindert die Schärfe gerade von „deutsch“ ausgesprochenen, scharfen Konsonanten. Im Vergleich mit dem etwas teureren Aston Spirit zeigt sich, dass dieses generell ein wenig weicher abgestimmt ist. So smooth ist beim Warm eigentlich nur die Kugel, wenngleich diese dafür etwas hohl wirkt. Zieht man das Mojave Audio MA-201FET heran, hört man sofort dessen Übertrager reiben. Der wirklich fiese Vergleich mit dem Dreitausend-Euro-Mikrofon Microtech Gefell UM 92.1S, seines Zeichens ein Mikrofon in der deutlichen Blutlinie des Neumann U 47, offenbart auch, dass die Tiefen des Warm im Vergleich deutlich weniger straff und linear sind. Das fällt besonders bei geringen Abständen auf. Ein gut kontrollierbarer Grundtonbereich mag für Gesangslinien wie die von Sänger Chul-Min im Audiobeispiel und auch die meisten Rapper passen, bei einer großen Range kann es schwieriger werden, mit dem EQ und Kompressor dagegen zu arbeiten.  

WA-47 „kompletter“ als der Junior

Vergleicht man nun Warm WA-47 und WA-47jr, fallen trotz identischer Kapsel und ähnlichem generellen Soundpattern Unterschiede auf. Neben den Differenzen im Bassfundament – das 47 ist deutlich „kompletter“ – und der hochwertigeren Klangfärbung des Röhrenmikros ist es vor allem die Dynamik, die den Junior nicht so gut dastehen lässt wie das „große“ 47. Der Senior punktet durch eine hohe Detailtreue, die dem Käufer des 47jr in diesem Umfang leider verwehrt bleibt. Bezüglich der Patternstabilität verhält sich das 47r ähnlich wie das 47. Hier macht sich die identische Kapsel durchaus bemerkbar.

Mehr als nur Vocals

Während des Reviewzeitraums zeigte sich, dass das Mikrofon sich auch dann lohnt, wenn man mehr als nur Vocals aufnehmen möchte. Durch die doch recht deutliche Farbe eignet es sich als Counterpart zu cleanen, linearen (Kleinmembran-?)Mikrofonen über dem Schlagzeug, unter der Snare, vor Gitarrencabinets, Akustikgitarren, „rauchigem“ Saxophon und dergleichen. Man sollte auch bedenken: Zwei dieser Mikrofone kosten immer noch weniger als ein einziges „Nicht-Junior“. Für den „ambitionierten Hobbyrecordler“ ist das genauso interessant wie für alle anderen, die im Mikrofonfundus ein oder (weiteres) charaktervolles Großmembran-Kondensatormikrofon gebrauchen können. Oder eben zwei.  

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