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Test
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11.11.2016

Steinberg Dorico Test Preview

Notationssoftware

Konkurrenz für Finale und Sibelius?

Steinberg verspricht mit der Veröffentlichung von Dorico vollkommen neue Möglichkeiten für die Notation von Musik und wirbelt damit jede Menge Staub auf. Der Sektor der professionellen Notationssoftware wird seit Jahrzehnten von den beiden Platzhirschen MakeMusic Finale und Avid Sibelius beherrscht. Kann die von Grund auf neu programmierte Software eine ernsthafte Konkurrenz für die bisher weitgehend unangefochtenen Marktführer darstellen? 

Wir haben Dorico momentan im Test, und bevor der ausführliche Bericht kommt, wollen wir euch in diesem Preview einen Vorab-Überblick verschaffen.

Details

Anfängliche Ernüchterung

Dorico wurde offenbar unter erheblichem Veröffentlichungsdruck fertiggestellt, und folglich sind in Version 1.0 einige Features, die für eine professionelle Notationssoftware unabdingbar wären, noch nicht implementiert. Beispielsweise gibt es keinen befriedigenden Weg, mit Akkordsymbolen zu arbeiten, mehrere Percussion-Instrumente mit unbestimmter Tonhöhe (wie z.B. beim Drumset) können nicht gleichzeitig in einer Notenzeile kombiniert werden, Wechsel von Instrumenten-Artikulationen (Arco, Pizzicato etc.) werden bei der Wiedergabe noch nicht berücksichtigt und Klammern für alternative Enden einer Wiederholung (Haus 1, Haus 2...) gibt es schlichtweg nicht. Um es noch einmal zu betonen: Ja, da fehlen wirklich grundlegende Features – und die genannten Beispiele sind nur die Spitze des Eisbergs. Ganz abgesehen davon ist die Reaktionsgeschwindigkeit der Software an vielen Stellen eindeutig verbesserungswürdig, die Dokumentation noch nicht ausgearbeitet und die deutsche Version der Benutzeroberfläche zum Teil auf Englisch.

Da für November ein erstes Update angekündigt wurde, werden wir mit dem letztendlichen Testbericht noch etwas abwarten und uns zunächst nur die im Grunde wirklich sehr vielversprechenden Ansätze von Dorico ansehen.

Spieler und Partien

Dorico bietet die Möglichkeit, innerhalb eines Projekts mehrere „Partien“ (im Englischen: Flows) anzulegen, die in sich geschlossen sind und für verschiedene Teile einer Komposition stehen. So lassen sich beispielsweise mehrere Sätze eines Orchester-Stücks oder auch mehrere Songs eines Musicals in einer einzelnen Datei vereinen, was ein schnelles Wechseln zwischen entfernten Stellen eines größeren Werkes erlaubt.

In Hinblick auf die musikalische Besetzung geht die Software nicht zwangsweise davon aus, dass einzelne Stimmen immer nur einzelne Instrumente betreffen. Stattdessen beschreitet Dorico mit dem Konzept der „Spieler“ (im Englischen: Players) einen neuen und realistischeren Weg. Eine Notenzeile gilt immer für einen Musiker, der an manchen Stellen möglicherweise Pause hat und gegebenenfalls zu einem anderen Instrument wechseln oder auch in einer ganzen Partie ausgeblendet werden kann. Der Clou dabei ist, dass sich die Spieler in allen möglichen Kombinationen darstellen, bearbeiten und natürlich auch direkt exportieren bzw. ausdrucken lassen. Einzelstimmen oder ausgedünnte Layouts (z.B. nur Streicher für eine Satzprobe) sind also in Windeseile zusammengestellt.

Noteneingabe mit bisher unbekannter Freiheit 

Noten gibt man in Dorico entweder mit der Maus, der Tastatur oder einem angeschlossenen MIDI-Keyboard ein. Eine Reihe von übersichtlich angelegten Tastaturshortcuts erleichtert die Eingabe ungemein, im Prinzip passiert bis zu dieser Stelle aber nichts anderes als beispielsweise in Sibelius – mit dem Unterschied, dass die Shortcuts nicht auf dem Ziffernblock liegen, der auf vielen Tastaturen nicht mehr vorhanden ist.

Was hingegen auffällt, ist der Punkt, dass Noten prinzipiell immer ohne eine vorhandene Taktart eingegeben werden können und man somit gerade bei ersten Ideen, die möglicherweise auf komplexe Taktartenwechsel hinauslaufen, keine verfrühten Entscheidungen fällen muss. Sehr Hilfreich ist der Insert-Modus, der es erlaubt, an jeder beliebigen Stelle weitere Noten einzufügen und dabei die bestehenden Noten hinter der aktuellen Position weiter nach hinten zu schieben. Bei den Konkurrenten ist dazu eine Copy/Paste-Aktion nötig, die bei längeren Stücken recht kompliziert ausfallen kann. Und ebenfalls schön: Schon während der Eingabe von Noten können Bindebögen über mehrere Noten hinweg erzeugt werden.

Allgemein bietet Dorico bei der Eingabe von Noten sehr viel Freiheit – so ist es auch möglich, Triolen über einen Taktstrich hinweg laufen zu lassen oder einen Taktstrich einfach zu löschen, ohne dass sich die Software beschweren würde, weil die Taktart nicht mehr aufgeht. Mit dieser Freiheit muss man allerdings umzugehen lernen, und in dieser Hinsicht eignet sich Dorico mehr für diejenigen, die genau wissen, was sie tun. Einem Einsteiger in Sachen Notation könnten hier durchaus Fehler unterlaufen.

Aber um nach all den wirklich vielversprechenden Features ein wenig auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben: Momentan ist der Notensatz mit Dorico noch in vielerlei Hinsicht problematisch. So gibt es beispielsweise keine befriedigende Möglichkeit, eine bestehende Auswahl von Noten mit weiteren Bestandteilen zu erweitern, eine Transpositionsfunktion in andere Tonarten ist nicht vorhanden, und die allgemeine Bedienung wirkt an vielen Stellen hakelig und bei manchen Vorgängen extrem umständlich oder langsam.

Freiheit auch beim Seitenlayout

Der Notenstichmodus (im Englischen: Engrave Mode) bietet ebenfalls Freiheiten, die für eine Notationssoftware bisher unbekannt waren. Das System basiert auf Noten-, Text- und Grafik-Frames, die frei positioniert werden können. So kann man schon in Dorico eine Seite sehr schön gestalten, ohne dabei in eine andere Software wechseln zu müssen – und zwar separat für einzelne Stimmen bzw. Layouts, die im Einrichtungsmodus zusammengestellt wurden. Was mir eindeutig noch fehlt, sind intelligente Hilfslinien, wie man sie beispielsweise von der Software aus dem Hause Adobe kennt.

Ansonsten ist der Notenstichmodus voller Optionen für die Darstellung von Noten und zugehörigen Symbolen, und prinzipiell kann alles so auf einer Seite positioniert oder dargestellt werden, wie es das Herz begehrt. Es wird sicherlich etwas Eingewöhnung erfordern, zum verschieben eines Dynamiksymbols aus dem Write Mode in den Engrave Mode zu wechseln, der Punkt, dass dies nötig ist, um versehentliches Bearbeiten des Notenmaterials zu vermeiden, erscheint mir in dieser Test-Preview-Phase aber einleuchtend.

Playback mit DAW-Features

Das Playback in Dorico basiert auf der Audio-Engine von Steinbergs DAW-Flaggschiff Cubase und verwendet als standardmäßigen Klangerzeuger HALion Sonic SE 2 mit den zusätzlichen Sounds aus dem HALion Symphonic Orchestra. Prinzipiell soll es auch möglich sein, andere Klangerzeuger wie beispielsweise NI Kontakt zu verwenden. Die Frage, ob dies tatsächlich gut funktioniert, möchte ich mir aber bis zum finalen Testbericht aufheben. Grundsätzlich klingen die Standard-Sounds aus HALion für eine Notationssoftware recht vernünftig, allerdings mit dem Manko, dass der Wechsel von Artikulationen (Acro, Pizzicato, Triller, etc.) in der Wiedergabe noch nicht berücksichtigt wird und auch die Steuerung der Dynamik nur stufenweise läuft. Crescendi oder Decrescendi sind in der momentanen Version noch nicht hörbar.

Der Punkt, dass Dorico in seinem Wiedergabemodus einen Piano-Roll-Editor anbietet, ist zunächst natürlich äußerst lobenswert. Hier lassen sich MIDI-Noten bearbeiten, ohne dass man gleichzeitig das Erscheinungsbild der Notation verändern würde. Der naheliegendste Einsatz dieses Editors ist das verlängern von Legato-Noten, um Überlappungen zu erzeugen, die für eine gebundenere Wiedergabe sorgen. Weitere Features eines Piano-Roll-Editors, wie zum Beispiel das Bearbeiten von Anschlagstärke oder gar MIDI-CCs wären aber ebenfalls äußerst willkommen. Zudem gibt es auch hier noch einige Schnitzer – zum Beispiel ist es nicht möglich, mehrere MIDI-Noten gleichzeitig zu bearbeiten. Wer Überlappungen erzeugen will, muss jede Note einzeln verlängern.

Einstweiliges Fazit

Dorico zeigt an vielen Stellen sehr viel Potenzial, der Konkurrenz den Rang abzulaufen. Die Freiheit beim Erzeugen von Noten und Layouts ist wirklich enorm, wobei sich viele der Alleinstellungsmerkmale vor allem an Komponisten richten dürften, die komplexe und individuelle Scores erstellen wollen, die richtig gut aussehen. Mir persönlich ist es allerdings ein Rätsel, wie Steinberg auf den Gedanken gekommen ist, dass Dorico in Version 1.0 auch nur ansatzweise konkurrenzfähig sein könnte. Einige Monate zusätzlicher Entwicklungszeit hätten dem durchaus wichtigen ersten Eindruck sicher gut getan, denn es fehlt an absolut grundlegenden Features, und an vielen Stellen wird klar, dass Dorico schlicht und einfach noch nicht fertig ist. Würde es sich hier um eine Vorab-Version einer Software handeln, die über eine Kickstarter-Kampagne finanziert wird, dann wären solche Mängel verzeihlich, für ein als mehr oder weniger vollständig zu begreifendes Programm, das auch preislich ganz oben mitspielt, gehört sich das meiner Meinung nach aber einfach nicht. Bleibt zu hoffen, dass sich mit dem für November angekündigten ersten Update noch einiges tut. Sobald dieses verfügbar ist, werden wir einen ausführlicheren Test nachliefern.

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