Test
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19.01.2017

Soyuz SU-011 Test

Kleinmembran-Röhrenmikrofon

Russische Röhrentechnik der Luxusklasse

Die Firma Soyuz gibt es erst seit wenigen Jahren, und dementsprechend fällt das Angebot des in der russischen Stadt Tula ansässigen Herstellers noch recht überschaubar aus. Tatsächlich ist das hier getestete Soyuz SU-011 Kleinmembran-Röhrenmikrofon momentan eines von insgesamt nur drei Produkten, und zudem handelt es sich bei den beiden Großmembran-Geschwistern SU-017 und SU-019 im Grunde zweimal um das gleiche Mikrofon in einer Röhren- und einer FET-Variante.

Die Mikrofone aus dem Hause Soyuz werden grundsätzlich handgefertigt, und das trägt natürlich dazu bei, dass die russischen Schallwandler alles andere als Schnäppchen sind. Die Frage, ob der stolze Preis nun in Euro oder Rubel berechnet wird, wäre also nicht unberechtigt. Deshalb hier noch einmal die Bestätigung: Ja, das SU-011 schlägt mit einem stolzen Straßenpreis von rund 1300 Euro pro Exemplar (ohne alternative Kapseln) zu Buche und gehört damit eindeutig in die Luxusklasse der Kleinmembraner. Im Test werden wir herausfinden, ob es dieser Einordnung auch ansonsten würdig ist.

Details

Mehr als nur ein Hauch von Extravaganz

Kleinmembraner klingen in der Regel nicht nur verhältnismäßig natürlich, sondern verhalten sich in vielen Fällen auch mit ihrer Optik entsprechend zurückhaltend. Beim Soyuz SU-011, das von der Form her an den Stößel eines Gewürzmörsers erinnert, ist dem ganz offensichtlich nicht so. Laut Hersteller wurde der extravagante Look des Mikrofons mit seinem cremefarbenen bis weißen Body und dem glänzenden Messingkopf von goldbekuppelten russischen Kathedralen inspiriert. Für einen Einsatz auf Theaterbühnen oder bei Fernsehaufzeichnungen könnte das ausgefallene Erscheinungsbild durchaus etwas zu viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen, im Studio ist das natürlich reine Geschmacksfrage.

Die Verarbeitung wirkt dagegen ganz ohne Diskussion gelungen. Der Body des Mikrofons ist massiv, und die Kapsel wird von einem feinen Drahtgeflecht geschützt, das selbst wiederum hinter einem dicken Gitter aus Messing sitzt. Das Messing ist allerdings unbehandelt, und wer Wert auf dauerhaften Hochglanz legt, der wird öfters zum Poliertuch greifen müssen. So ist das eben bei Schmuckstücken.

Bei einem (zumindest im Moment noch) kleineren Anbieter wie Soyuz, dessen Verkaufszahlen wegen der allgemein recht hohen Preise vermutlich überschaubar sind, ist eine umfassende Qualitätssicherung möglich. Jedes einzelne Mikrofon wird vom Techniker und dem Chefentwickler höchstpersönlich überprüft, bevor es zum Verkauf freigegeben wird. Um dies ganz offiziell zu bescheinigen, liegen kleine Kärtchen mit den entsprechenden Unterschriften, der Seriennummer und dem Herstellungsdatum des Mikrofons bei. Sogar individuell für jede Kapsel angefertigte Frequenzgang-Diagramme finden sich im Paket, und so wird noch einmal klargestellt, dass es sich hier keineswegs um eilig auf einem Fließband zusammengeschraubte Massenprodukte handelt.

Alternative Kapseln und ein Pad zum Aufschrauben

Jedes Soyuz SU-011 wird in einer hübschen kleinen Holzschatulle geliefert, die zur Aufbewahrung dient und optional zwei alternative Kapseln, in jedem Fall aber ein 20 dB Dämpfungsglied enthält, das zwischen Body und Kapsel geschraubt werden kann. Mehr True Bypass, als die Komponente vollständig vom Mikrofon zu entfernen, gibt es wohl nicht, und Signalpfadpuristen werden diesen Punkt zu würdigen wissen. Ein kleiner Schalter am Mikrofon wäre aber natürlich einfacher zu handhaben. Die maximale Schalldruckverträglichkeit wächst durch Einsatz des Pads auf 140 dB SPL und ist damit für die meisten Anwendungen völlig ausreichend. Als besonders interessant empfinde ich den Punkt, dass laut Hersteller auch die Großmembran-Kapsel des SU-017 bzw. SU-019 zusammen mit dem Body des SU-011 verwendet werden kann! 

Die im Fall des voll ausgestatteten Stereo-Sets drei mitgelieferten Kapseln zeichnen sich wie zu erwarten durch unterschiedliche Richtcharakteristiken aus und variieren folglich auch in anderen Bereichen. Die Unterschiede im Frequenzgang werden wir uns im Praxis-Teil noch genauer zu Gemüte führen. An dieser Stelle sei vor allem darauf hingewiesen, dass sich auch die Empfindlichkeit von Kapsel zu Kapsel verändert. Diese steigt gemeinsam mit der Geschlossenheit der Richtcharakteristik und liegt für die Kugel bei 10 mV/Pa, für die Niere bei 12 mV/Pa und für die Hyperniere bei 14 mV/Pa. Insgesamt sind alle drei Werte in einem durchschnittlichen Bereich, sodass ein Vorverstärker problemlos mit den Signalen umzugehen wissen wird. Das Eigenrauschen ist natürlich höher als bei einem Mikrofon, das auf einer Transistor-Schaltung basiert, befindet sich mit 18 dB(A) für ein Röhren-Mikro mit kleiner Membran aber absolut innerhalb annehmbarer Grenzen.

Netzteil mit normaler XLR-Verbindung zum Mikrofon

Beim hier getesteten Stereo-Pärchen läuft die Stromversorgung beider Mikrofone über ein gemeinsames Netzteil, das jeweils zwei Ein- und Ausgänge bietet. Etwas ungewöhnlich ist der Punkt, dass nicht nur die Ausgänge in Richtung Vorverstärker, sondern auch die Eingänge, über die auch die Spannungsversorgung der Mikrofone läuft, das dreipolige XLR-Format verwenden. Auch das SU-011 selbst bietet folglich eine simple XLR-Buchse an seinem Body und verhält sich in dieser Hinsicht anders als die meisten seiner Artgenossen, die von eigenen Netzteilen mit Strom versorgt werden. 

In der Regel werden bei Einsatz eines externen Netzteils Verbindungen mit sechs bis acht Polen genutzt. Das ist hier deutlich anders, der Hersteller weist im Handbuch ausdrücklich darauf hin, dass das SU-011 keinesfalls mit 48 V Phantomspeisung aus einem Preamp versorgt werden sollte. Das Mikrofon ließe sich mechanisch allerdings problemlos anschließen. In dieser Hinsicht ist also extreme Vorsicht geboten! Und auch anders herum sollte man vorsichtig sein: Das Soyuz-Netzteil arbeitet mit einer Spannung von 120 V, und ein versehentliches Anschließen anderer Mikrofone könnte durchaus bedauerliche Folgen haben. Und noch etwas Da das Signal erst im Netzteil symmetriert wird, ist zudem dazu zu raten, die mitgelieferten fünf Meter langen Kabel von Sommer Cable zu verwenden oder sich beim Austausch an diese Länge zu halten, um Einstreuungen zu vermeiden. Schade! Mit einer Symmetrierung des Signals im Mikrofon selbst und einer sicherheitshalber nicht ganz so standardmäßigen Buchse würde das Konzept wesentlich stimmiger wirken. Die Gefahr, im stressigen Recording-Alltag einmal einen Fehler mit möglichen schlimmen Konsequenzen zu machen, ist sehr hoch.

Befeuert von einer russischen Miniatur-Röhre

Bei einer Länge von etwa 12 cm (mit Kapsel) und einem Durchmesser von knapp 2 cm passt natürlich keine große Röhre in den Body: Soyuz verbaut im SU-011 russische Miniaturröhren mit der Bezeichnung 6S6B, die in den 1980er Jahren hergestellt wurden und aus alten Lagerbeständen stammen.

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