Test
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11.05.2018

Sony C-100 Test

Umschaltbares Hi-Res-Dualkapselmikrofon

Back in the game

Mit dem Sony C-100 ist ein umschaltbares Studio-Kondensatormikrofon erhältlich, welches gemeinsam mit den Kleinmembranern Sony ECM-100N (Druckempfänger-Kugel) und Sony ECM-100U (Niere) die neue Hi-Res-Serie der Studiomikros bildet. Der japanische Elektronikkonzern Sony ist nicht die erste Firma, die unter Tonmenschen genannt wird, wenn es um hochwertige, professionelle Audiotechnik geht. Kein Wunder: Nach der letzten Neuvorstellung eines Profi-Mikrofons vor etwa einem Vierteljahrhundert und den durchaus wegweisenden Digitalpulten Oxford und DMX um die Jahrtausendwende ist es still geworden.

Dabei ist nicht nur das ab 1955 gebaute Röhrenmikrofon C37A mit der später von Josephson und Manley aufgegriffenen und ähnlich auch in Schoeps MK5 verwendeten mechanischen Patternumschaltung eine Legende, auch der transistorisierte Nachfolger C38B und das lange Zeit teuerste Mikrofon der Welt, das auffällige Röhrenmikro C-800G, zählen zu den besten Mikrofonen, die man für Geld kaufen kann. Die letztgenannten werden immer noch im Sony-Werk in der Präfektur Oita auf der japanischen Südinsel Kyushu hergestellt, dürfen aber aufgrund der RoHS-Bestimmungen in China und Europa nicht gehandelt werden. Das will im Falles des C800 auch kaum jemand: Sein Preis in den USA ist fünfstellig.

Sony hat ein wenig den Ruf, ein Unternehmen zu sein, das gerne mal mit einem Paukenschlag auf sich aufmerksam macht. Das damals sündhaft teure Digitalpult Sony Oxford zumindest war bahnbrechend, es ist aber davon auszugehen, dass Sony damit trotz des galaktischen Preises wenig Geld verdient hat – um es mal vorsichtig auszudrücken. Für Sony ist eine kleine Audio-Entwicklungsabteilung finanziell absolut nebensächlich, da reicht es schon, dass man sich mit technisch hochwertigem Equipment direkt an der Spitze der Hersteller einordnen und eine positive Wahrnehmung unter den Profis einstreichen kann. Beim C-100 und den beiden gleichzeitig vorgestellten Stäbchen ECM-100N/U geht es aber nicht um Ruhm und Ehre. Es fehlt momentan einfach an ausreichend derartigen Wandlern, um die „Hi-Res Audio“-Consumerprodukte (etwa Player, Kopfhörer) zu bespielen. Zwar hat eine Auflösung mit 96 kHz und 24 Bit im Vergleich zu „CD-Qualität“ (44,1/16) auch ohne passende Mikrofone ihre Daseinsberechtigung, doch werden Sonys neue Mikros sicher ein Gewinn sein. 

Details

Doppelkapsel mal anders

Es gibt verschiedene Konzepte für Doppelkapselmikrofone – und ich meine hier nicht Doppelmembrankapseln, wie sie in klassischen umschaltbaren Mikrofonen wie dem Neumann U 87 zum Einsatz kommen. (Zu) wenige kennen das Doppelkapselprinzip von Sanken, die beispielsweise im CU-41 und im CU-51 Kapseln mit einer Trennung bei einem Kilohertz verwenden, um dadurch die Tendenz zur Acht in den Höhen und zur Kugel in den Tiefen abzufangen und eine sehr gleichmäßige Nierencharakteristik zu erreichen. Josephson ermöglicht im C700A eine Wahl der Richtcharakteristik, indem Kugel- und Acht-Signale wie bei Schoeps' Polarflex-System zu allen dazwischen liegenden Patterns gemischt werden können. Sony geht einen anderen Weg: Zwei unterschiedlich große Kapseln (mit insgesamt drei Membranen, einer Doppelmembrankapsel und einer Ultraschall-Einzelmembrankapsel) sind für unterschiedliche Frequenzbereiche zuständig. Die Trennung erfolgt bei 25 kHz. Das ist kein Tippfehler: bei fünfundzwanzigtausend Schwingungen pro Sekunde, also in einem Bereich, der vom menschlichen Gehör nicht mehr wahrgenommen wird. 

Ultraschall? Ist doch Quatsch, oder?

Schon klar: Sony will nicht erreichen, dass wir alle für das neu gegründete Label „Sony Bat Music Ultrasonic Sounds Ltd.“ im Ultraschallbereich produzieren. Es geht um etwas Anderes, nämlich das genannte „Hi-Res Audio“. Bei zeitlich hochauflösenden Audioketten, beispielsweise mit einer Samplingfrequenz von 96 kHz, können Transienten von Einschwingvorgängen und weitere rapide Änderungen im Luftschall gut übertragen werden. Fakt ist: Um besonders steile Anstiege in einem analogen Audiosignal übertragen zu können, kann die obere Grenzfrequenz prinzipiell nicht hoch genug sein, im Idealfall bei unendlich Hertz. Das kann jeder mit additiver Synthese probieren oder sich anschauen, was mit einem möglichst harten (etwa digital erzeugten) echten Rechteck geschieht, wenn man es durch ein Tiefpassfilter schickt: Es verrundet. Dass das Sony C-100 also auch im Ultraschallbereich aufzeichnet ist also alles andere als Quatsch und Marketing-Blabla, sondern durchaus nützlich. Zumindest in der Theorie und wenn die restliche Übertragungskette mitspielt. 

Das erste Mikro mit derartigem Frequenzgang? Nein.

Die Technik des C-100 ist zwar durchaus besonders, doch gibt es bereits Mikrofone mit einem erweiterten Frequenzgang. Schoeps' CMC 6 xt beispielsweise erlaubt mit Druckempfängerkapseln die Aufnahme von bis zu 40 kHz, in Tokyo baut Sanken das CO-100, ein DE-Mikro mit einem Frequenzgang bis 100 kHz. Allerdings ist keines dieser Mikros richtend, geschweige denn umschaltbar. 

Hartschalenkoffer, Spinne und Windschutz dabei

Mattschwarz ist das C-100 – und erinnert im Design deutlich an das Traummikrofon C-800G. Den Blick ins Innere gibt das Objekt nicht so einfach frei, es ist jedoch logisch, dass schon ein einziges Bauteil zu einer zu niedrigen Grenzfrequenz sorgen könnte. Die obere des gesamten Mikrofons liegt bei 50 kHz, wobei jenseits der oberen Hörgrenze die Linearität des Pegelfrequenzgangs abnimmt. Das Eigenrauschen liegt je nach gewähltem Pattern zwischen 19 und 24 dB, offen bleibt, ob mit Filterkurve bewertet oder nicht. Schalldruck (wahrscheinlich 0,5 % THD+N vor Pad) ist maximal 138 dBSPL bei der Kugel (132 bei der Niere). Die Ausgangsimpedanz liegt knapp unter 100 Ohm, zum Betrieb wird natürlich Phantomspeisung verwendet. Das Sony C-100 kommt im hochwertigen Hartschalenköfferchen mit Spinne, Windschutz und Papierkram.

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