Test
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06.07.2016

Praxis

Ich möchte den Praxistest in einer mittleren Stimmung beginnen und schaue mir als erstes das Resonanzfell an. Vom Werk aus ist es schon einigermaßen hart gespannt, ich lege trotzdem noch ein wenig nach, um eine möglichst sensible Teppichansprache zu erreichen. Der Teppich liegt wunderbar sauber am Snarebed an, er wirkt im Ganzen minimal kürzer als andere, so dass beidseitig eine etwas größere Lücke zwischen Fellrand und dem Plättchen, welches die Schnarren an den Enden des Teppichs bündelt, zu erkennen ist. Ich denke zwar nicht, dass dies negative Auswirkungen auf die Ansprache hat, werde aber darauf achten. Dann widme ich mich der Schlagfellseite und versuche, den Tuning-Sweetspot, also den quasi-natürlichen Klang der Snare, zu finden.

Die Spannschrauben drehen weich und gleichmäßig, da kommt schon ein bisschen Mecedes-Benz-Feeling auf – also wie bei den alten Kisten, mit Türen schwer wie Panzerschränke. Durch die relativ geringe Tiefe des Kessels scheint nach unten bezüglich des Stimmbereiches nicht endlos viel Luft zu sein, so dass, anders herum betrachtet, die „Komfortzone“ der Trommel etwas höher zu liegen scheint. Die Tineo lässt sich, von diesem Referenzpunkt ausgehend, recht schnell auf ein gleichmäßiges Tuning bringen – und macht sofort richtig Laune. Kurz, trocken, kontrollierbar, ohne unangenehm langes Sustain oder Singen ist die Snare sofort einsatzbereit und liefert einen knackigen, ziemlich lauten Sound. Die Teppichansprache lässt keinerlei Schwächen erkennen, auch leise Wirbel werden sensitiv wiedergegeben. Mit nicht angelegten Snares produziert die Trommel in dieser mittleren Stimmung einen schönen, klatschigen Klang, und auch der Rimclick setzt sich gut durch. 

Die Tuning-Bandbreite ist gut, aber nicht riesig.

In dieser mittleren Stimmung macht das gute Stück also schonmal eine wirklich gute Figur, nun will ich mal sehen, wieviel Low-End und Fat-Sound in der Tineo stecken. Wie eben bereits angedeutet, sind die Möglichkeiten hier nicht endlos; stimmt man die Trommel maximal runter – also Schrauben quasi lose – und arbeitet sich dann Schraube für Schraube wieder zurück, watet man zunächst durch ein Tal von länger singendem, schwer zu kontrollierendem, tiefen Grundton, der sich nach weiterem Drehen an den Spannschrauben und etwas Geduld beim anschließenden Finetuning aber irgendwann verflüchtigt. Dann ist man allerdings schon beinahe wieder in einem Stimmungsbereich, den ich eher als „unteres Mittel-Tuning“ definieren würde. Das bedeutet, dass die Tineo für einen wirklich tiefen, fetten, schweren Snare-Sound nicht gemacht ist, allerdings ist das bei einer Tiefe von fünf Zoll aber auch nicht unbedingt zu erwarten.

Also, Stimmschlüssel raus (im Lieferumfang enthalten ist ein Sonor-Stimmschlüssel mit praktischer, anklemmbarer Schlüsselbund-Halterung und sowohl mit dem Old-School-Sonor-Schlitz als auch mit Standard-Vierkant ausgestattet), und ab nach oben mit dem Tuning. Und dann ist der Funk im Haus: Knackig-scharf knallt die Tineo mir meine Backbeats in die Gehörgänge, der Teppich spricht klasse an – ein bisschen Experimentieren mit der Stimmung des Resonanzfells kann hier Wunder bewirken – , kein unkontrollierbares Singen verkompliziert das Klangbild, und der dicke Kessel sorgt für „Trockenheit“.  Dennoch versprüht die Snare einen lebendigen, atmenden Charakter, und auch ohne Teppich bleibt der „Timbale-Sound“ beherrschbar, setzt sich schön durch und macht einfach Spaß. 

Die Snare-Abhebung ist ein echtes Highlight.

Apropos Teppich: Die verbaute Sonor Dual Glide Snare-Abhebung ist ein weiteres Highlight dieses edlen Instrumentes: Der breite, verchromte Hebel sieht nicht nur sehr schick aus, sondern funktioniert, wie überhaupt die gesamte Abhebung, hervorragend. Weich schmiegt sich der Teppich an, je eine griffige, verchromte Schraube pro Seite erlaubt exaktes Finetuning der Teppichauflage. Auch ein Teppich- oder Resonanzfellwechsel ist dank der genialen, beidseitig einfach ausklinkbaren Butt-End-Teile in kürzester Zeit vollzogen. Super und edel, das Ganze!  Dieses System steht anderen, vergleichbaren Edel-Abhebungs-Varianten wie z.B. DW`s „Mag Throw-Off“ in nichts nach. 

Mein Gesamteindruck bezüglich Sound und Tuning lässt sich vielleicht so zusammenfassen: Die Tineo entfaltet sich am besten in höheren Stimmungen. Nach unten ist zwar auch einiges möglich, aber in dieser Richtung gibt es (natürliche) Grenzen. Die Wucht des schweren, 27-lagigen Buchenholz-Kessels sorgt für ordentlich lauten, trockenen Alarm, aber es bedarf zumindest eines gewissen Maßes an Tuning-Fähigkeiten und des Willens, die Möglichkeiten der Trommel auch geduldig auszureizen. Will heißen, die Sonor Tineo ist ein anspruchsvolles Instrument, welches auch gewisse Ansprüche an den Trommler selbst stellt. 

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