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Test
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22.12.2015

Solid State Logic VHD Pre Test

Preamp für System 500

Höchster SSL-Standard

Als SSL ankündigten, künftig auch Module für APIs 500er-Format anzubieten, grinsten nicht wenige Engineers in sich hinein. Sicher war es zu einem Teil die Bestätigung, dass sich langfristig ein System durchsetzen wird und Tube-Tech, SPL und eben auch Solid State Logic mit ihren Eigengebräuen nicht aus der Nische herauskommen können. Zwar haben die genannten Kassettensysteme durchaus ihre Vorteile, was uneingeschränkt auch für SSLs X-Rack gilt, doch selbst das kleinere API-200-Format findet keine wirkliche Verbreitung – und ist sogar vielen Usern absolut unbekannt.

Das aktuelle Testgerät ist ein 500er-Modul - und zwar, nachdem es schon Channel-EQ und -Kompressor gibt, ein weiterer Bestandteil eines Kanalzugs: der Preamp. Der Begriff „SSL-Vorverstärker“ zwingt in diesem Fall dazu, etwas weiter ausholen zu müssen: Analogmischpulte des englischen Herstellers SSL sind weltweit beliebt und waren Grundlage für Grundsatzdiskussionen à la „Neve gegen SSL“. Wo Neve ein wenig mehr Farbe, Wärme und Gemütlichkeit ins Spiel bringt, zählt SSL traditionell als klarer, feiner und „schnittiger“, wenn mir diese malerischen Umschreibungen erlaubt sind. Das gilt nicht unbedingt für alle Produkte, denn besonders die älteren hatten noch mit Artefakten zu kämpfen, die aus heutiger Sicht gerne wieder gezielt eingesetzt werden. Und so ist es nicht verwunderlich, dass für den jetzigen Markt, der das oft pultlose Studio bedient, einzelne Preamps mit genau diesen Möglichkeiten verfügbar sind. Wer mag, kann also den modernen SSL-Charakter haben, der bei Bedarf angereichert wird. Klingt cool. Ich darf verratend hinzufügen: Das ist es auch. 

Details

Irgendwie absurd – aber voll durchdacht

Erst arbeiten die Ingenieure in Oxford Jahrzehnte daran, Verzerrungen aus den Schaltungen zu entfernen, dann fügen sie sie wieder hinzu. Was absurd klingt, ist doch sinnvoll und nachvollziehbar, denn schließlich geschieht dieses Hinzufügen nur dann, wenn es der Tontechniker bewusst entscheidet. Nicht ganz eindeutig erkennbar ist die Funktionsweise dieser Schaltung, daher möchte ich direkt zu Beginn damit um die Ecke kommen: Die Anreicherung mit Harmonischen bleibt deaktiviert, wenn der Schalter „VHD In“ nicht gedrückt ist. In diesem Fall agiert der Preamp so clean, wie er eben kann. Wird die Funktion aktiviert, ist es nicht so, dass man die Sättigung schrittweise hinzumischen kann. Die Beschriftung verrät, dass man zwischen zweiten und dritten Harmonischen stufenlos überblenden kann (also erstem und zweitem Oberton). Wie bei einer echten Schaltung folgt das Maß der Anreicherung der Kennlinie, je höher der Pegel, desto umfangreicher ist der anteilige Klirr. Übrigens: Harmonische zweiter Ordnung („2nd“) sind typisch für Röhren-, solche dritter Ordnung („3rd“) für Transistorschaltungen. Theoretisch hätten SSL auch „Tube“ an den linken und „Solid State“ an den rechten Poti-Anschlag schreiben können. In diesem Fall hätten sie sich aber von Besserwissern wie mir den blöden Kommentar gefallen lassen müssen, dass der Preamp dann ja von „TSSL“ sein müsste, also „Tube-/Solid State Logic“. Insofern haben die Briten also alles richtig gemacht und ich muss mir ein anderes Feld für meine blöden Witze suchen…

Sonst: Preamp-Standards. Bis auf einen.

Die Vorverstärkung wird am Solid State Logic von 20 bis 75 dB mit dem Gain eingestellt, dem ein Trim von +/-20 dB zur Seite steht. Mit einem Pad lässt sich das Eingangssignal zudem um 20 dB absenken, sodass Signale auch ohne Verstärkung durch die Kassette hindurchtransportiert werden können. Die Eingangsimpedanz kann dabei gewählt werden, zur Verfügung stehen 1,2 und 10 kOhm, was für umschaltbare Preamps beides einigermaßen hoch angesetzt ist. Selbstverständlich kann über das Mikrofonkabel eine Phantomspeisung von 48 Volt bereitgestellt werden, um bedürftige Kondensator- und aktive Bändchenmikrofone mit Saft zu versorgen. Einfach zu integrieren und deswegen an fast jedem Preamp zu finden ist die Phaseninvertierung, da macht der SSL VHD Pre 500 keine Ausnahme. Eher selten ist jedoch, dass der kleine Preamp auf einen Instrumenteneingang verzichtet. Schade, denn für viele User wird der SSL der einzige Preamp im Rack sein: Kombiniert mit 500er-EQ und -Kompressor ergibt sich im verbreiteten Dreislot-Rack ein netter Channelstrip, den man sich Schritt für Schritt aufbauen kann. Dass dann Bass, Gitarre und Synths nicht direkt vorne eingestöpselt werden und von der Anreicherungsfunktion Gebrauch machen können, wird nicht wenige vom Kauf abhalten. 

Hoch reichendes Hochpassfilter

SSL macht den Verlust für manche verschmerzbar und durch ein anderes Feature wieder wett. Wo viele andere Hersteller einen simplen Drucktaster einsetzen und „Lowcut 75 Hz“ oder etwas vergleichbares daneben auf die Frontplatte pinseln, kommt der kleine, preiswerte Preamp mit einem stufenlos einstellbaren Hochpassfilter, das bis weit in den Grundtonbereich vieler Signale hineinreicht – bis 500 Hz. Unwichtig? Bestimmt nicht! Ein stimmiges Lowcut-Management ist in vielen Fällen die Basis für einen funktionierenden Mix. Die Möglichkeit zum hohen Ansetzen verhilft Snaresignalen zur besseren Kanaltrennung, Vocals und Gitarren profitieren von gesteigertem Durchsetzungsvermögen, wenn sie ohne Bassballast „schnittiger“ werden. 

Signalampel

Am Ende der Signalkette, also auch hinter dem, den beiden Gainstages nachgelagerten Filter, liegt der Abgriff für das Metering. „Welches Metering?“ denkt man vielleicht beim Betrachten der Frontplatte. Die LED ist eine mehrfarbige LED und zeigt mit den Ampelfarben Grün, Gelb und Rot den anliegenden Pegel an. Grün leuchtet bei -24 dBu, das Gelb bei +4, Rot bei +21 dBu. Mit einem Jumper, der ja bei dem offenen Gehäuse schnell erreicht ist, kann man die letzten Farben der Signalampel schon bei 0 und +16 dBu erscheinen lassen. 

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