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Test
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08.03.2012

Sennheiser MKH 800 TWIN Test

Doppel-Kleinmembran-Kondensatormikrofon

Die Dreifach-Überraschung

Gibt es nicht? Gibt es wohl: Mit gleich drei Besonderheiten buhlt das Sennheiser MKH 800 TWIN um Aufmerksamkeit. Das seit ungefähr zehn Jahren äußerst beliebte Doppelmembran-Mikrofon MKH 800 ist vor Kurzem um die Möglichkeit erweitert worden, die Richtcharakteristik außerhalb des Mikrofons (und dadurch im Nachhinein) festlegen zu können. Diese neue “TWIN”-Version hatte ich in den Händen und auf dem Mikroständer – und natürlich ihre Signale unter den Faderfingern und im Ohr.

Das winzige MKH 800 TWIN präsentiert sich schon in der technischen Beschreibung als äußerst flexibles Werkzeug. Die erste Besonderheit: Es wird Sennheisers Hochfrequenz-Technik einsetzt, die ich gleich kurz erklären werde. Außerdem gehört das 800er zur exotischen Gruppe der Doppel-Klein(!)membran-Kondensatormikrofone und arbeitet im Twin-Modus, den ich ebenfalls kurz darstellen will.

Details

Sennheisers Hochfrequenz-Technik sorgt für ein rauscharmes Audiosignal 

Bei besagter Hochfrequenz-Technik wird nicht wie bei sonstigen Kondensatormikrofonen direkt eine Spannung weitergeleitet, die der Auslenkung der Membran entspricht, sondern die Kapazitätsänderung moduliert eine sehr hohe Trägerfrequenz. Diese muss von einem Schwingkreis generiert werden, der sich im Mikrofon befindet. Noch im Mikrofonverstärker wird das durch die Membranauslenkung in seiner Frequenz veränderte Signal wieder demoduliert. Was übrig bleibt, ist ein rauscharmes Audiosignal mit brauchbarer Impedanz. Vom Prinzip her wird die Technik der Frequenzmodulation auch bei der analogen Radioübertragung (daher “FM”) benutzt.

Kleinmembran contra Großmembran

Dass zwei Rücken an Rücken liegende Nieren-Druckgradientenempfänger ein flexibles Werkzeug darstellen, ist bekannt und weit verbreitet – zumindest, wenn es sich um Membrangrößen handelt, die um ein Zoll Durchmesser aufweisen. Beim MKH 800 und dem “Zwilling” MKH 800 TWIN kommen aber Kleinmembrankapseln zum Einsatz. Kleinmembraner erreichen heute ebenfalls atemberaubend niedrige Rauschwerte und haben aufgrund der geringeren Größe weniger mit den üblichen Nachteilen der Großmembraner zu kämpfen. So bieten sie aufgrund der kleineren Membranfläche weitaus glattere Höhen und ein größeres Spektrum – im Datenblatt des TWIN grinsen mich die -3dB-Werte 30 Hz und 50 kHz an. Auch sonst sind dort feine Zahlen zu lesen. Der A-bewertete Noise-Level liegt bei 12 dB, die Empfindlichkeit bei 40 mV/Pa, der maximale Schalldruckpegel bei 134 dB SPL. Der Frequenzgang übrigens zeigt nach einem recht linearen Verlauf ab 5 kHz einen sanften Anstieg, der bei etwa 15 kHz in einem Boost von runden 3 dB gipfelt, nur unwesentlich abfällt und kurz unter 50 kHz eine Anhebung von 5 dB aufweist. Nun sind bekanntermaßen die Wellenlängen in diesen Frequenzbereichen derart klein (unter einem Zentimeter!), dass auch eine sehr kleine Kapsel ein starkes Hindernis darstellt. Die angegebenen Werte gelten also nur für Frontalbesprechung, zu den Höhen hin – vor allem im Ultraschallbereich – bricht die Richtcharakteristik ein.

Bedienelemente wurden ausgelagert

Als Spannungsquelle begnügt sich das nur gut 13 cm hohe MKH mit den üblichen 48 Volt, im Betrieb wird mit einer blauen (vorne) und roten (hinten) LED auch über die Entfernung Bereitschaft und Ausrichtung mitgeteilt. Das ist etwa in abgehängtem Zustand praktisch. Bedienelemente sieht man keine, was für ein Doppelmembranmikrofon außergewöhnlich ist – mit Ausnahme fernumschaltbarer Geräte. Beim “Einzelkind” sind im Gegensatz zum TWIN auf der Vorderseite Richtcharakteristik, zweistufiges Pad, Hochpassfilterfrequenz und Höhenboost einstellbar. Darauf verzichtet das TWIN komplett, nur für die fehlende Richtcharakteristik-Umschaltung gibt es eine andere Lösung. Schaut man in den Sockel des Sennheisers, fällt auf, dass dort ein fünfpoliger XLR-Male verbaut ist.

Die Richtcharakteristik kann unter Abhörbedingungen eingestellt und optimiert werden

Dem Mikrofon liegt ein kleiner Breakout-Adapter bei, der das Signal auf zwei handelsübliche XLR-Mikrofon-Outputs aufsplittet. Diese beiden Kabel übermitteln dann die Signale von vorderer und hinterer Kapsel getrennt. Dadurch wird es ermöglicht, die Richtcharakteristik außerhalb des Mikrofons zu bestimmen, indem man der vorderen Niere das Signal der hinteren entweder gleich- oder gegenphasig zu unterschiedlichen Pegelverhältnissen beimischt. In Phase ergibt das breite Nieren und die Kugel, bei Invertierung je nach Pegel Super-, Hyperniere und Acht, natürlich jeweils mit fließenden Übergängen. Getrennte Mikrofonsignale lassen sich natürlich auch getrennt aufzeichnen. Dadurch, dass ein Speicher in der Signalkette liegt, kann man etwas tun, bei dem die ganze Chose erst richtig interessant wird: die Richtcharakteristik des MKH 800 TWIN im Nachhinein bestimmen! Will ich also etwas mehr oder etwas weniger Raum auf meiner Aufnahme, benachbarte Signale gezielt ausblenden - mit fließendem Übergang von Niere zu Acht lässt sich der Winkel der Off-Axis zwischen 180° und 90° [bzw. 270°] exakt bestimmen - kann ich mir damit bis zum Mix Zeit lassen. Cool? Cool! Man muss der Gerechtigkeit halber aber allerdings dazusagen, dass dieses die "Aufschieberitis" der Richtcharakteristikwahl fördernde System nicht ganz neu ist. Ich empfehle einmal, sich die Produkte der Firma "SoundField" anzusehen, denn da wird es erst richtig spaßig -Stichwort Surround! Doch auch schon mit den beiden getrennten Kapselsignalen des Sennheiser lassen sich weitere feine Dinge anstellen, die die Frickler unter den Tonis freuen werden. Wie wäre es mit einer pegelabhängigen Änderung der Richtcharakteristik im Mixdown? Vielleicht im Sinne eines Duckers: Das Signal der vorderen Niere wird zusätzlich in den delayten Sidechain eines Gates gegeben, durch das das hintere Kapselsignal läuft. Das wird dann wiederum dem Hauptsignal (vordere Kapsel) zugemischt. Ergebnis: Die Stimme wird zwar im Grunde nur mit der vorderen Niere wiedergegeben, doch hört der Sänger auf zu singen - etwa am Ende einer Strophe - wird das Mikrofonsignal mit einer einstellbaren Zeit langsam zur Kugel. Man verwendet also den echten Raumklang des Aufnahmeraums statt irgendwelcher Plug-Ins oder Hallprozessoren für die berühmte "Fahne".

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