Hersteller_Sennheiser Mikrofon
Test
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27.01.2012

Praxis

Ei, Ei, Ei - die Halterung!

Das Mikrofon polarisiert alleine schon durch seine Bauform. Jenseits der Diskussionsgrundlagen “Geschmack” und “technische Notwendigkeit” zeigen sich allerdings bezogen auf sein Äußeres auch ganz andere Zusammenhänge: Ich habe das Sennheiser MD 441 schon als “langes Elend” beschimpft und zurück in den Mikrofonkoffer gelegt, weil es sich dort, wo ich es einsetzen wollte, schlicht und einfach nicht positionieren ließ. Zwar hat das Ride-Becken nach der Ausrichtung hervorragend geklungen, doch wenn der Trommler durch das lange Mikrofon (plus XLR-Stecker und Kabelschlaufe) in seinem Bewegungsablauf eingeschränkt wird, seine Crashbecken umpositionieren muss oder riskiert, mit dem Stick einen Bugtreffer beim Mikrofon zu landen, dann muss eben ein anderes Gerät her - auch wenn das 441 noch so toll klingt. Wo ich mich gerade über Fußangeln in der Praxis echauffiere: Die Halterung des MD 441 ist ebenfalls nicht das Gelbe vom Ei. Nein, sie ist nicht einmal das Weiße vom Ei. Und auf keinen Fall das des Columbus! Dass ich hier über Höcksken und Stöcksken zwei Floskeln miteinander verbinden will, soll deutlich machen, dass es mir die Mühe wert ist, auf diesen Missstand aufmerksam zu machen: Unter der Snare fühlt sich ein 441 wohl, bei “negativen” Ausrichtungen habe ich immer ein wenig Angst, denn so richtig sicher sitzt das Mikrofon nicht in seiner Halterung. Nun gut, dynamische Mikrofone sind recht robust, aber selbst “nur “eine Delle im Korb ist bei einem Werkzeug der 1000-Euro-Klasse äußerst ärgerlich. Die aktuelle Mikrofonklammer MZQ-441 ist etwas stabiler als die ursprüngliche durchsichtige Version, die zwar schnell brach, aber über einen zumindest rudimentären Verriegelungsmechanismus verfügte. Doch auch die neue kann kaputt- oder einfach nur verlorengehen. Ärgerlich, denn in Standardklammern passt das MD 441 nicht (außer mit Gaffa) und das Ersatzteil kostet pfeffrige 46 Taler! Mag sein, dass es als Spezialzubehör kalkulatorisch diesen Preis erlösen muss, aber Servicefreundlichkeit sieht anders aus.

Das MD441 ist auch klanglich eine schrille Erscheinung 

Generell ist festzustellen, dass das MD 441 nicht gerade der sanftmütige Feingeist unter den dynamischen Mikrofonen ist. Es gibt eine gewisse Neigung, das Signal leicht schrill wirken zu lassen, besonders natürlich mit zugeschalteter Brillanz. Doch genau das ist es, was das Mikrofon für eher bedeckt klingende Hi-Hats, fahle Snareteppiche und – wie ich finde – besonders Bassamps (ja: Bassamps!) interessant macht. Dort kann man mit dem schnell beißenden Klangcharakter des Mikros hervorragend die Durchsetzungskraft des E-Basses erhöhen. Und alles bewegt sich absolut im Rahmen, das 441 klingt nie dumpf oder langweilig.

Die Richtung ist klangfärbend

Bei akustischen Instrumenten wie einer Gitarre wird man erkennen, dass die absoluten Höhen – wenn man Kondensatormikro-Maßstäbe ansetzt – ganz leicht “unecht” klingen können, doch sind sie immerhin ausreichend vorhanden! Der große Vorteil des MD 441 und gleichzeitig seine Daseinsberechtigung ist sein Signal, das unter den Tauchspulenmikros am deutlichsten an Kondensatormikrofone erinnert. Die ebenfalls dynamischen Bändchen sind aufgrund ihrer geringeren bewegten Masse zwar meist noch schneller, aber immer noch nicht robust genug für den rauen Alltagseinsatz. Die Vorteile von Tauchspulenmikrofonen liegen deshalb auf der Hand: Sie sind robust, langlebig, benötigen keine Speisespannung und damit auch keine Batterien, und sind schließlich auch übersteuerungsfester und preiswerter als Kondensatormikros. Letzteres gilt für das MD 441 freilich kaum, schließlich ist es eines der teuersten Tauchspulenmikrofone überhaupt.

Bei der Benutzung eines MD 441 sollte man sich natürlich im Klaren drüber sein, es hier mit einem stark richtenden Mikrofon zu tun zu haben. Das ist in manchen Situationen von Vorteil, doch sind derartige Richtwirkungen mit Vorsicht zu genießen, da sie Positionsveränderungen mit Klangfarbenänderungen bestrafen. Wenn Frau Roche also beim Sprechen allzu agil herumfuchtelte, konnte man direkt eine Veränderung in der Klangfarbe ihrer Stimme erkennen. Für Sprecherinstallationen kann die Superniere allerdings ein Segen sein, denn bei üblichen Winkeln von 30 - 45° an Sprecherpulten sind die aufgezeichneten Reflektionen der Tischplatte (und somit der Kammfiltereffekt) recht gering. Gesungenen wie gesprochenen Stimmen kommt zugute, dass das Mikrofon eine hohe Durchsetzungskraft besitzt. Erstaunlicherweise ist das Signal je nach Stimme zwar etwas “spitz”, wirkt aber dennoch ausgewogen. Trotzdem ist man gut beraten, lieber einen Abstand von mindestens 10 cm zum Korb zu halten, als ihn mit den Lippen zu berühren und dann mit dem M-S-Schalter die Bässe absenken zu müssen. 

Das Sennheiser MD 441 ist ja so ein langgezogenes Ding

Wer glaubt, dass die Form des Mikrofons eine Affinität zur Klangquelle haben müsste und deshalb so etwas Langes wie das MD 441 nicht unbedingt zur Abnahme einer Bassdrum passt, der liegt nicht unbedingt richtig. Nicht immer lässt sich nämlich bei Mikrofonen vom Äußeren auf den Klang schließen. Das nachfolgende Audiofile nimmt sich dieses Vorurteils an und ich bezweifle, dass ich noch mehr kommentieren muss:

Nahbesprechungseffekt und Richtwirkung

Deutlich zu hören, dass der Nahbesprechungseffekt auch sehr gute Dienste leisten kann. Zudem liegt der Boost im Frequenzgang so, dass man sich um mangelnden Attack keine Sorgen machen muss. Richtig genial finde ich aber, den Bassbereich mittels auf “S” gestelltem Ring zu dämpfen, um dem 441 den Anschlagssound und ein wenig “Holz” zu überlassen. Trotz harter Richtwirkung klingt es an und in der großen Trommel schön klopfig. Geil für kontrollierte Funk-Bassdrums!

Vor der Membran der Gitarrenamps liefert das Sennheiser ebenfalls einen angenehmen Sound, besonders ausgewogen ist die verzerrte Gitarre über den Vox AC-15. Doch auch beim Picking ist das MD 441 die perfekte Besetzung: Durchsetzungsstark und schnell, aber nicht fundamentlos.  

Der Preis ist heiß

Mein Proband ist ein insgesamt ausgewogenes Mikrofon mit einer klaren Höhenausrichtung, das aber deswegen noch lange unter Bassarmut leidet. Seine “Spritzigkeit” tut vielen Signalen gut, sollte aber etwas unter Kontrolle gehalten werden. Anders als das ungleiche Geschwisterchen MD 421 ist das 441 kein allzu starker Klangpräger, was seine Allroundfähigkeiten stark erweitert. Charakterlich präsentiert es sich eher aufgekratzt als schönes Gegenstück zum eher gutmütigen und gemächlichen Shure SM7B. Das Hauptmanko des MD 441 ist jedoch sein Preis, dessen Zustandekommen zwar durchaus nachvollziehbar ist, der deshalb aber auch nicht geringer wird.

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