Mikrofon
Test
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07.03.2012

Sanken CU-41 Test

Zweiwege-Kondensatormikrofon

Mikro-Aschenputtel

Es gibt Dinge, die gehen an einem vorbei. Man bemerkt sie entweder nicht, weil sie vielleicht nicht schrill genug daherkommen, sich nicht in den Vordergrund spielen oder man sie vielleicht auch einfach nicht ernst nimmt. Und wenn nichts Außergewöhnliches passiert, wird man unter Umständen nicht einmal bemerken, dass man etwas verpasst hat. Und mit unserem Testkandidaten geht es nahezu einem ganzen Berufszweig so. Das unter Tontechnikern recht wenig bekannte und genau so wenig verbreitete Sanken CU-41 ist ein Mikrofon, für das ich nach einem ausführlichen Test nur die letzte Erklärung gelten lassen kann – so wie fast alle anderen Tontechniker, die bereits mit ihm gearbeitet haben.

Es ist jetzt auch nicht so, als würde die Firma Sanken ein totales Höhlendasein führen, den Firmennamen haben einige schon herumgeistern sehen. Doch wenn man die Websites der Musikstudios weltweit durchforstet, findet man Mikrofone des japanischen Unternehmens zum einen nur sehr selten in den Equipmentlisten, zum anderen fast nur in teuren und umfangreich ausgestatteten Studios. Den Tontechnikkollegen von Film, Fernsehen, Rundfunk und der Klassikproduktion ist Sanken auch aufgrund der Lavalier- und DE-Mikrofone (CO-100K mit 100kHz-Spektrum!) schon eher ein Begriff, allerdings wird auch in diesen Bereichen im Regelfall auf andere Unternehmen vertraut – besonders hierzulande. Kein Wunder, sind in Deutschland doch einige der erlesensten Mikrofonbauer beheimatet. An meinen bisherigen Worten wird aber jeder gemerkt haben, dass für mich die Arbeit mit dem CU-41 ein Erlebnis war, das mir definitiv Augen und Ohren geöffnet hat. Warum das so ist, könnt ihr in den nächsten Minuten hier lesen. Und hören.

Details

Unspektakuläre Erscheinung

Hätte ich den Namen Sanken nicht schon einige Male gehört und gewusst, wie das CU-41 aussieht, hätte ich es wahrscheinlich als “Wühltischware” abgetan. Der uninspirierte und wenig inspirierende Korpus setzt sich annähernd symmetrisch zusammen aus konischer Unterseite und einem ebenso geformten Korb. In der Mitte befinden sich ein Metallring und eine Verjüngung im Korpus. Gebürstetes Metall, Unscheinbarkeit, Langeweile. Ein paar Informationen sind zu lesen, am ehesten erkennbar ist das “SM”-Zeichen (die Buchstabenkombination, nicht dieses Sado-Maso-Erkennungsmerkmal “Ring of O”), welches sicherlich für “Sanken Microphones” steht.

Wenig Informationen von Herstellerseite

Der Korb selbst ist recht hoch, so dass man eine Großmembrankapsel darin vermuten könnte. Es verhält sich aber so: Im Inneren des Mikros verrichten nicht eine, sondern zwei Kapseln ihr Werk. Was erst einmal nicht sonderlich ungewöhnlich klingt, ist es doch: Die beiden Kapseln sind unterschiedlich groß und übereinander angeordnet! Zugegeben, das klingt für mich im ersten Augenblick wie der krampfhafte Versuch, auf Teufel komm raus etwas einfach nur anders machen zu wollen als alle anderen. Dazu sollte man allerdings wissen, dass das Mikrofon seit nunmehr fast 30 Jahren gebaut wird, denn schon 1982 wurde es vorgestellt. Die kleinere der beiden Kapseln liegt oben im Korb, die größere ist näher am Korpus bündig in eine rechteckige Platte eingelassen. Womöglich soll hier ein Grenzflächeneffekt bei recht kurzen Wellenlängen greifen. Viel Information ist bei Sanken nicht zu bekommen, nur soviel, dass es sich bei der Bespannung der Kapseln um Titanmembranen von einem Mikron Dicke handelt und die Anfälligkeit für Feuchtigkeit, Temperaturwechsel und Alterung äußerst gering sein soll. Die Trennfrequenz der beiden Kapseln liegt nach Aussage eines Sanken-Mitarbeiters bei 1 kHz. Was die genaue Beschaffenheit der Druckgradientenempfänger-Kapseln ist, welches Filterdesign verwendet wird und dergleichen, ist nicht zu erfahren. Selbst der Zugang zum Inneren des Mikrofons bleibt dem Normalsterblichen verwehrt: Zum Öffnen benötigt man ein spezielles Werkzeug! Uuuh: Geheimnisvoll! Allerdings: Zur Reparatur muss das Mikrofon zwingend nach Japan geschickt werden, selbst für einen abgerauchten Widerstand oder einen wackelnden XLR-Pin! Das kann im Servicefall gehörig nerven, denn solche Aktionen sind in der Regel mit dicken Kosten und viel Zeit verbunden.

Sicherlich interessanter als die Fragen zu technischen Hintergründen ist, was sich daraus für Eigenschaften ergeben. Da wäre zunächst einmal der Frequenzgang, welcher unterhalb von 50 Hz zwar eine sanfte Abflachung aufweist, aber dafür annähernd linear bis weit unter 20 Hz geht. Der Frequenzgang im Bereich über 50 Hz ist nicht schnurgerade, wie man es von einigen Mikrofonen kennt, sondern in einem breiten Bereich um 600 Hz ganz sanft eingedellt und weist bis 20 kHz mehrere leichte Dips und Boosts auf, allerdings sämtliche im Bereich um +/-1 dB. Erst weit oberhalb von 20 kHz durchläuft die Kurve den -3dB-Punkt, selbst bei 40 kHz wird noch ordentlich Pegel übertragen!

Ideal für große Klangkörper durch sehr breiten Frequenzgang

Ein breiter Frequenzgang ist sicher eine schöne Sache. Doch nun die erste wirkliche Sensation: Die beschriebenen Werte gelten über ein großes Spektrum selbst für Schalleinfallswinkel jenseits der 90°! Selbst bei über 120° erhält man einen Frequenzgang, der bei geringerem Gesamtpegel noch erstaunlich konstant ist. Lediglich im Air-Band geht es seitlich etwas früher hinunter, die beschriebenen Frequenz-Nichtlinearitäten sind ab dem Präsenzband ein klein wenig andersgeartet. Eine derartige Konstanz kenne ich sonst nur bei “echten” Achten. Daraus ergeben sich natürlich unfassbare Möglichkeiten, denn das CU-41 wird damit auch Signale von jenseits der Hauptaufsprechrichtung gut behandeln und nicht wie viele andere Mikrofone hemmungslos im Frequenzgang verzerren. Sollen also große Klangkörper aufgenommen oder seitlich einfallender Schall möglichst ohne Veränderung aufgezeichnet werden, bietet sich das CU-41 förmlich als Ideallösung an. Ich denke deshalb sofort an Hauptmikrofonierungen, besonders an den Einsatz als Mittensignalmikrofon bei MS-Mikrofonierung. Auch für den Einsatz als Stütze wird es sicher nicht falsch sein, von den umliegenden Instrumenten ein Signal zu erhalten, das nicht im Frequenzgang stark verändert wird. Der Gedanke an die Beschaffenheit der Reflektionen eines guten Raumes gefällt mir ebenfalls. Für mein nächstes ORTF oder NOS würde ich also sehr gerne einmal CU-41er nutzen. Auch als Overhead am Schlagzeug kann man sich das Mikrofon aus genannten Gründen gut vorstellen.

So gut wie kein Nahbesprechungseffekt!

Da ich gerade von einer “ersten” Sensation gesprochen habe, ist klar, dass auch eine zweite zu erwarten ist. Hier ist sie: Anders als sonst bei richtenden Mikrofonen, gibt es beim Sanken CU-41 so gut wie keinen Nahbesprechungseffekt. Die sonst auftretende starke Bassanhebung im Nahbereich eines Druckgradientenempfängers entfällt beim CU-41. Wie das geht, scheint die “Cola-Rezeptur” des Herstellers zu sein, auf jeden Fall schwiegt Sanken dazu wie ein Grab. Es ist aber von einer gewissen Ähnlichkeit zum “Variable-D”-System im grandiosen (dynamischen!) Electro-Voice RE20 und seinen Verwandten auszugehen.

Jetzt ist es natürlich nicht so, als sei dieser Proximity-Effekt immer unerwünscht. Sprech- und Gesangsstimmen kann er ordentlich Fundament verleihen, auch an Trommeln und Lautsprecherboxen hat er sogar unser ästhetisches Empfinden mitgeprägt. Eine Bierwerbung ohne kernige Männerstimme? Das ist außer für ein alkoholfreies, kalorienreduziertes Kirschbier absolut undenkbar. Und doch kann genau dieser Effekt dem Tontechniker sehr auf die Nerven gehen. Ich beispielsweise empfinde ihn bei vielen Mikrofonen etwas “unecht” und übertrieben, obwohl mir gerade vor Großmembranern Konsonanten im Nahbereich besonders gut zusprechen. Bei vielen Instrumenten bewirkt eine Mikrofonierung im absoluten Nahbereich oft eine totale Katastrophe: Bei Saiteninstrumenten wie Violinen, Akustikgitarren und Klavier ist eine Bassanhebung im Regelfall absolut ungewünscht und wirkt wie ein Fremdkörper im Signal. Der Einsatz von Druckempfängern hätte wiederum den Nachteil der geringeren Signaltrennung. Das Sanken kann dieses Problem lösen. Ein weiterer Gedanke zur Einsatzmöglichkeit des CU-41 gilt daher Becken, deren Nahmikrofonierung üblicherweise zu unbrauchbaren Signalen führt. Ausnahmen dieser negativen Auswirkung sehe ich nur für das Erzielen extremer Effektsounds oder bei Mikrofonierung des Bottom-Cymbals der Hi-Hat. Selbst bei sanft spielenden Schlagzeugern hat man bisweilen das Problem, dass sich die Becken so weit bewegen, dass sich die Intensität des Nahbesprechungseffekts merklich verändert. Um Klirr braucht man sich zunächst keine Sorgen zu machen, denn 1% THD sind erst bei 140 dB SPL erreicht. Erwartungsgemäß ist die nominale Empfindlichkeit nicht sonderlich hoch, sie liegt bei 7 mV/Pa. Bedenkt man diese Zusammenhänge, kann man das CU-41 mit 15 dB(A) Eigenrauschen als sehr rauscharm bezeichnen. 

48V-Phantomspeisung ist zum Betrieb ausreichend

Das Sanken wird mit einer elastischen Halterung mit der Bezeichnung S-41 ausgeliefert. Wer mag, kann auch die etwas jüngere Abwandlung des CU-41 erstehen, die mit dem Kürzel CU-44X im Handel ist. Der wesentliche Unterschied des ganz in edlem Schwarz gehaltenen Verwandten liegt darin, dass er ohne Transformer arbeitet. Anders als das ursprüngliche CU-44X benötigt die aktuelle Mk II wie das CU-41 eine 48V-Phantomspeisung. Vormals war es ein spezielles 100V-Speisenetzteil. Doch nun wieder zum eigentlichen Testling: Vorhang auf für den Praxistest!

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