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30.01.2014

Producer Loops Future Pop Vol 5, Experimental Dubstep Vol 6, Urban Minimal Vol 3 Test

Construction-Kits für DJs und Produzenten

Klangfutter für urbane Beats

Producer Loops Future Pop Vol 5, Experimental Dubstep Vol 6 und Urban Minimal Vol 3 im bonedo.de-Test: Wenn man - wie jetzt im Augenblick gerade ich - auf einige Dekaden der technologischen und inhaltlichen Entwicklung im Bereich der Musikproduktion zurückblicken kann, dann erscheinen einem in der Retrospektive manche Diskussionen früher Jahre fast schon albern, um nicht gar zu sagen naiv. Was war das nicht damals für ein irrsinniger Aufstand, als man dank des Ensonique Mirage-Samplers urplötzlich eine Frauenstimme ein zartes „Ha“ hauchen hörte (das, wenn es auch nur eine Quinte höher oder tiefer ging, schnell zur lustigen Mickey Mouse oder zum furchterregenden Borg wurde). Ganze Ausflugsgruppen von Sängerinnen besuchten mich damals, um die neue Konkurrenz für den Background-Gesang einem kritischen Hörtest zu unterziehen.

Nun, keine von den damaligen Besucherinnen ist aufgrund dieses einsekündigen 8-Bit-Samples arbeitslos geworden und gute Background-Vocals sind auch heute noch ein gefragtes Element in jeder aufwendigen Produktion. Wem am Ende aber der harsche Wind der Digitalisierung und die entsprechend verkürzten Produktionszeiten in Verbindung mit engen Budgets so richtig forsch ins Gesicht wehte, waren die Produzenten selbst, die dieses Teufelswerk zu bedienen hatten. Glücklich können sich heute die Musikdienstleister schätzen, deren Kunden, ob Werbeagenturen oder Multimedia-Produktionsfirmen, ein sattes Budget und einen wohldimensionierten Zeitrahmen mitbringen, damit sich der feine Herr Musikus im Studio einschließen und ein Layout von Grund auf neu entwickeln kann. Der Normalfall aber ist oft, dass der Kunde im Grund schon vor Ort und sofort ein passendes musikalisches Konzept geliefert haben möchte. Nicht selten ist dabei die Exklusivität zweitrangig. Schnell soll es gehen, passen muss es und billig soll es sein. Ach ja, und auch das Wort GEMA wird besonders in Agenturkreisen (leider) nicht immer gerne und selbstverständlich ausgesprochen. Was allerdings hauptsächlich einem schlimmen Informationsdefizit geschuldet ist, denn die ordnungsgemäß lizenzierte Verwendung GEMA-angemeldeter Musik ist in der Regel weitaus günstiger als man glaubt. Aber das ist ein anderes Thema. Als überaus praktisches und kostengünstiges Medium haben sich hier sogenannte Construction-Kits erwiesen. Ein Konzept, was im Kern über die klassische Sampling-CD weit hinausgeht. Denn während auf der Sampling-CD in der Regel Audioschleifen oder Samples von Einzelinstrumenten unterschiedlichster Couleur versammelt sind, die erst noch in „Handarbeit“ zu einem Arrangement zusammengefügt werden müssen, beinhaltet das Construction-Kit bereits alle Spuren, die den endgültigen Track ausmachen. Also komplette, mehrtaktige Sequenzen, die nur noch in einzelne Audiospuren gezogen und kopiert werden müssen und gewissermaßen ein Zwischending aus Mehrspurprojekt und Stem-Master bilden. Klar, dass sich dies dann auch in idealer Weise dazu eignet, in Grenzbereichen zwischen Produktion und DJ-Performance genutzt zu werden. Denn gerade Traktor Pro und seine Remix-Decks laden natürlich zum Echtzeit-Arrangieren förmlich ein.

Details

Genau aus solchen Construction-Kits bestehen die hier zum Test antretenden Sample-Packs von Producer Loops. Zeitgemäß werden diese nicht mehr auf physischem Datenträger angeboten, sondern ausschließlich als Zip-Download direkt aus dem Online-Shop heraus. Die Nummerierung der Packs verrät, dass es sich hierbei jeweils um fortlaufende Reihen handelt, die kontinuierlich ergänzt und oft als Bundles zusammengefasst werden. So beispielsweise „Future Progressive Trance Bundle (Vols 1-3)“. Wer häufig und oft die einzelnen Ausgaben einer Serie kauft, dürfte sich hier wahrscheinlich gut zurechtfinden, für den Gelegenheits-Sample-Shopper ist die Vielzahl der unterschiedlichen Nummern und Editionen dagegen etwas verwirrend. Der grundsätzliche Gedanke dahinter ist dagegen fraglos klug und folgerichtig. Statt nämlich immer „zu warten“ bis ein komplettes, „großes“ Track-Bundle fertig ist, veröffentlichen Producer Loops die jeweils immer circa fünf, sechs Stücke umfassenden Track-Pakete in schneller Reihenfolge, gewissermaßen „studiofrisch“ und mit verhältnismäßig moderatem Preis (meist irgendwo im Bereich zwischen 20 und 50 Euro). Und gerade der Faktor Schnelligkeit ist speziell im Geschäft mit Material, das für den Tanzboden gedacht ist, natürlich nicht unerheblich. Denn wer weiß schon, ob beispielsweise die zerhackte Sinuston-Melodie, die gerade der ultrahippe Tanzbefehl in allen Diskotheken von Ibiza bis Berlin ist, nicht im kommenden Monat schon zum staubigen Retro-Fundus gehört. 

Lobenswert zu erwähnen ist auch, dass die Packs ohne Aufpreis in unterschiedlichen Formaten zur Verfügung stehen. Man hat hier die freie Wahl zwischen Reason-Refills, Rex-Dateien, Apple-Loops (Aiff) oder Acid-Waves (Wave) plus MIDI-Dateien. MIDI-Dateien? Lässt sich hier doch tiefer ins Arrangement eingreifen? Nun, in den meisten Fällen handelt es sich hier um basale Fragmente wie etwa Basslinien oder Akkordfolgen. Da den Packs aber keine Sample-Instrumente beigefügt sind, muss man diese erst noch durch eigene Sounds ersetzen. Verkehrt ist es dennoch nicht, sie an Bord zu haben, denn wer weiß schon, ob man nicht am Ende das ganze schöne Construction-Kit so weit ummodelt, dass es zu einem „eigenen“ Track wird. Hilfreich bei diesem Verlauf der Produktion ist auch, dass sich im Ordner jedes Stückes (meistens) ein Unterordner mit One-Shot-Samples der essenziellen Drums (Kick, Snare, Clap) befindet. Eine Ausnahme macht hier das Paket „Experimental Dubstep 6“, wo auf diesen Ordner verzichtet wurde. Man geht wohl folgerichtig davon aus, dass der durchschnittliche Dubstep-Producer in der Lage ist, sich die Einzelsamples eigenständig aus den gegebenen Loops zu slicen. In den übrigen beiden Libraries trifft man dagegen immer wieder auf dieselbe Hierarchie: Im obersten Ordner liegen fertige Demo-Layouts der Stücke als unkomprimierte Audiodatei, wobei im Track-Namen bereits die BPM-Zahl und die Tonart inkludiert sind. Diese Kurz-Layouts der Tracks erweisen sich im Dialog mit dem Kunden oft als überaus hilfreich, wie ich aus eigener Erfahrung zu berichten weiß. Denn nicht selten sind die Übergänge zwischen den Tätigkeitsfeldern Produzent und Audioberater fließend, gerade wenn man es mit Agenturen zu tun hat. Hierdurch kann man entsprechend sehr schnell die Anmutung eines Kits (beispielsweise im Zusammenhang mit Videomaterial) überprüfen. Im Ordner finden sich dann die mehrtaktigen Audioschleifen der verschiedenen Klangbausteine nebst Unterordnern ein, die mit „Dry Audio Files“, „FX Tails“, „MIDI Files“ und „One Shot Samples“ betitelt sind.

Dry Audio Files enthält – der Name lässt es vermuten – bestimmte Elemente des Songs, bei denen auf Effekte verzichtet wurde. FX Tails dagegen beinhaltet Audioschnipsel, die bis zum „Ende“ durchlaufen - wo also beispielsweise eine Sequenz aufhört und das darüber liegende Delay noch bis zum endgültigen Verschwinden nachklingt. In der Praxis benötigt das Zusammensuchen der zueinander gehörenden Schleifen innerhalb der verschiedenen Ordner unnötig Zeit und ich hätte mir eigentlich alle in einem großen Ordner gewünscht oder eben fertig DAW-Arrangements.

Kurze Anmerkungen des Producers selbst zu seinem Werk, wie im Fall von Experimental Dubstep 6, verdienen Sympathiepunkte, fließen aber nicht in die Endwertung ein. Gibt es innerhalb von Audioschleifen des gleichen Typs Variationen, so sind diese durch Buchstaben kenntlich gemacht: PLFPV5_02_A_Kick_128, PLFPV5_02_B_Kick_128. Wie sich damit am Ende arbeiten lässt, lest ihr im Praxisteil. Jetzt kommen wir allerdings zunächst einmal zum ...

Sound

Alle Loops der Construction-Kits sind durch die Bank als weitgehend „ausproduziert“ zu bezeichnen. Sprich: Die Einzelspuren haben hörbar den klassischen Dreisprung-Parcours aus Equalizer, Dynamik und Effekten durchlaufen, wurden dann exportiert und entsprechend geloopt (wobei ich jetzt einfach mal davon ausgehe, dass die entsprechenden Loops direkt aus der DAW heraus generiert wurden, da diese Vorgehensweise einfach naheliegend ist). Besonders deutlich hörbar wird dies im Fall von Future Pop 5, wo die Stücke durchgängig mit einer modern klingenden Sidechain-Kompression versehen wurden und entsprechend auch die Einzel-Loops munter vor sich hin „pumpen“. Aus Produzenten-Sicht ist man hier natürlich schnell versucht zu sagen „Na, die Subgruppe mit Sidechain-Kompressor hätte ich mir schnell auch selber bauen können“. Auf der anderen Seite entspricht es in letzter Konsequenz natürlich dem Construction Kit-Gedanken, dass alles ausnahmslos wirklich „verzehrfertig“ ist, also ins Arrangement gezogen werden kann und dort funktioniert. Erfreulicherweise ist es dann auch tatsächlich so, dass der Käufer, bedient er sich genau der Demo-Loops des entsprechenden Songs, eins zu eins beim klanglichen Ergebnis des Demo-Songs landet. Das ist nicht selbstverständlich, denn nicht selten wird hier von den Herstellern bei der Produktion der Demos noch ein wenig Mastering-Glanz und Dynamik appliziert.

Im Detail ist die klangliche Marschrichtung, wohlgemerkt innerhalb der vorgegeben Stilistik, mit einer gewissen „Middle of the road“ Signatur versehen. Extrem dramatische, sperrige oder auch gewagte Klangepisoden sucht man hier also meist vergeblich. Das ist vor dem Hintergrund der möglichen Einsatzbereiche auch goldrichtig. Eine Produzentenlegende wird man damit innerhalb der entsprechenden Stilistik natürlich nicht. Aber vor dem Hintergrund eines imaginativen Art Directors, der die Ansage in den Raum wirft: „Wir hätten da gerne so was mit Dubstep“, ist das natürlich zu verschmerzen. Rückt man den Einzelspuren mit ein bisschen Unverfrorenheit, Experimentierfreude und tontechnischer Finesse zu Leibe, lässt sich der Sache selbstverständlich hier und da noch ein persönlicher Stempel aufdrücken und ein bisschen mehr Kernigkeit mit auf den Weg geben.

Teilweise wünschte ich mir für manche Sounds – besonders im Pack Urban Minimal - ein bisschen mehr „Schmutz“ und „Patina“, wie man sie sich zwangsläufig bei Vinyl-Samples einfängt. Aber da es sich hier ausschließlich um neu produziertes Material unter Zuhilfenahme von elektronischen Klangerzeugern handelt, klingt hier alles eben entsprechend „sauber“. Andere Hersteller, zum Beispiel die überragenden „Equippedmusic“ aus Schweden, „Big Fish Audio“ aus Kalifornien oder „Zero-G“ aus England, können hier oftmals mit „noch einem Quäntchen mehr“ Charakterlichkeit, Klangsignatur und Inspiration punkten, haben sich allerdings auch weitgehend dem Bereich der Medium- bis Downtempo-Nummern verschrieben.

Stil/Kreativität

Grundsätzlich lässt sich für alle hier angetretenen Construction-Kits festhalten, dass der avisierte stilistische Korridor weitgehend getroffen wurde. Je nachdem, wie weit man mit den gegebenen Schleifen kreativ umgeht, lassen sich daraus mindestens zwei, wenn nicht gar mehr klar unterscheidbare Songparts bauen. Dabei haben natürlich alle Vertreter, gerade auch im Bereich der elektronischen Tanzmusik, mit der Grundproblematik zu kämpfen, dass Sounds und Elemente ab dem Zeitpunkt, wo sie „stiltypisch“ geworden sind, mit einem Verfallsdatum versehen sind. Am stärksten zeigt sich das im Reigen der hier probegehörten Libraries bei „Future Pop“. Die typische Sidechain-Kompression in Verbindung mit den Pulswellen-Bässen ist im gleichen Maße, wie sie markant daherkommt, auch von einer geringeren Frischhaltezeit bedroht. Future Pop ist dann aber auch das Sample-Pack, welches meiner Meinung nach mit größter Zielgenauigkeit den Kern aktueller Chart/Dance-Produktionen trifft, wie die folgenden Demos beweisen.

Weitaus tentativer mäandert dagegen „Urban Minimal 3“ durch die Musiklandschaft, was sich schon am wesentlich breiter gestreuten Tempo-Bereich (120–154 BPM) zeigt. Hier wollte der ausführende Produzent wohl gleichzeitig dem Dancefloor und dem kopfnickenden EDM-Hörer gerecht werden. Im Ergebnis wirkt das auf mich stellenweise ein bisschen ziellos oder wie man als norddeutscher Herzblut-Produzent zu sagen pflegt: „Es fehlen die Cohones“. Aber keine Regel ohne Ausnahme, denn auch hier empfehlen sich einzelne Klangepisoden durchaus für höhere Aufgaben. So konnten mir persönlich beispielsweise der niedliche, bitgecrushte und formantgefilterte Lead-Sound mit dem kleinen Table-Stop-Effekt des ersten Stückes genauso gut gefallen, wie die plastikspielzeughaft klapperige Clap des letzten Tracks.

Wesentlich besser als das in meinen Augen unästhetisch anmutende Cover (wie übrigens bei fast allen der Sample-Packs) gefällt mir der musikalische Inhalt von Experimental Dubstep 6. Zwar vermisst man auch hier stellenweise ein wenig den krediblen „Schmutz“, der musikalische Ideenvorrat lässt aber keinen Zweifel daran, dass sich der Produzent mit dem klangvollen Namen „Jeff Rhodes“ hörbar Mühe gegeben hat, frische, unkonventionelle Dubstep-Tunes zu entwickeln, die ohne plakatives Formant-Gewobbel auskommen.

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