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Test
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29.06.2017

Praxis

Getestet habe ich Pro Tools 12.8 auf meinem HD-Native-System, die genaue Bezeichnung Pro Tools HD. Die Bezeichnungen Pro Tools (Standard) und Pro Tools First verwende ich nachfolgend immer dann, wenn es auf den Unterschied ankommt. 

Dolby Atmos

Die größte Neuerung in Pro Tools 12.8 bleibt den HD-Kunden vorbehalten: die native Integration von Dolby Atmos. Bei diesem Raumklangformat kommen neben seitlichen und rückwärtigen Surround-Lautsprechern auch solche von der Decke, also von oben, zum Einsatz. Bislang konnte man zwar auch schon Dolby-Atmos-Mischungen in Pro Tools vornehmen, aber nur unter Zuhilfenahme von Dolby Hard- und Software (Dolby RMU). Wer sich für Details zur Produktion mit der Dolby RMU interessiert, liest bitte meinen Artikel über Kraftwerks neues Album, das in Dolby Atmos produziert wurde.

Um Dolby Atmos zu integrieren, musste in Pro Tools zunächst die Busbreite von 8 auf 10 Kanäle erhöht werden. Nur so lässt sich nämlich ein 7.1.2-Bus betreiben. 

Ebenfalls neu ist der dreidimensionale Panner, mit dem sich Atmos-Objekte direkt in Pro Tools ohne zusätzliche Software positionieren lassen. Wer bislang Signale im Atmos-Raum verteilen wollte, musste neben der Dolby RMU ein Dolby-Plug-in verwenden, das diese Positionierung übernommen hat.

Mangels entsprechender Lautsprecher-Systeme konnte ich die Atmos-Integration nicht auf Herz und Nieren testen, habe aber von anderen Usern gehört, dass alles geschmeidig läuft.

Die Dolby-Atmos-Integration wird selbst unter Post-Production-Profis nur von wenigen benutzt, ist aber trotzdem ein wichtiges Zeichen. Pro Tools ist und bleibt damit die DAW, die in den großen Studios eingesetzt wird, um beispielsweise Kino- oder Heimkino-Produktionen zu mischen. Richtige Kinomischungen erfordern trotz Atmos-Integration in Pro Tools auch zukünftig eine Dolby RMU und die entsprechende Lizenz von Dolby. Mit einer Software RMU von Dolby und der Atmos-Integration in Pro Tools ist es aber möglich, Atmos-Mischungen fürs Heimkino zu erstellen.   

Die Neuerungen für alle Pro-Tools-Versionen

Mit dem Update auf die Version 12.8 profitieren alle drei Varianten (HD, Pro Tools Standard und First) von erweiterten Cloud-Funktionen. Mit Pro Tools 12.8 können nun bis zu 10 Personen gleichzeitig an einem Cloud-Projekt arbeiten. Am interessantesten ist jedoch die neue Preisgestaltung: Ein Gigabyte Speicher ist gratis, 10 GB kosten 4,99 US-Dollar, 30 GB 9,99 $ und 80 GB 24,99 $, jeweils pro Monat. Damit sind die Kosten im Vergleich zur Einführung der Cloud Collaboration um etwa die Hälfte gesunken, was sehr zu begrüßen ist. Damals gab es lediglich 500 Megabyte gratis und die nächste Stufe waren 20 GB für etwa 10 Euro. Schon im vergangenen Herbst hatte Avid eine erste Preisreduktion vorgenommen und den Gratisspeicher auf 1 GB angehoben, jetzt wird das Angebot nochmals günstiger. 

Das Handling von Cloud-Projekten hat sich bei meinen ersten Tests jedoch nur geringfügig geändert: Bis sich die Fenster zum Einloggen in die Cloud wirklich öffnen, dauerte es bei mir zwischen 30 und 60 Sekunden, trotz sehr schneller Internetanbindung.

Außerdem ist laut Avid der Code in allen Programmversionen stark überarbeitet worden. Damit basiert auch das kostenlose Pro Tools First auf dem gleichen Code wie die beiden Kaufversionen. Wichtiger finde ich jedoch, dass die Liste der gefixten Bugs dieses Mal wirklich ausgesprochen lang ist. Aus meiner Sicht sollte es jedoch selbstverständlich sein, dass alle Nutzer in den Genuss dieser Fehlerbehebungen kommen und nicht nur die, die einen laufenden Upgrade-Plan (ein Abo) besitzen.

An dieser Stelle ist das Geschäftsmodell Upgrade-Plan schief: Dass der Nutzer für Bugfixes zahlen soll, ist meiner Meinung nach nicht gerechtfertigt. Avid lehnt sich aus dem Fenster und verspricht „relentless reliability“, was man mit „gnadenloser Zuverlässigkeit“ übersetzen kann. Das kann ich nur bedingt bestätigen: Während meines Tests traten zwei nicht reproduzierbare Crashes auf: Der erste beim Erzeugen eines Atmos-Bed-Busses und der zweite einen Tag später beim Versuch, mich in die Artist Community einzuloggen. Abgesehen davon lief das Programm während des Tests jedoch äußerst stabil und zuverlässig, so wie ich es seit Jahren gewohnt bin.

Die größte Verbesserung: Pro Tools First

Das kostenlose Pro Tools First bekommt jetzt vollständigen Zugang zur Cloud Collaboration und kann bis zu drei Projekte auf einem GB Cloud-Speicher verwalten. In dieser Hinsicht unterscheidet sich die Programmvariante nicht von den beiden Kaufversionen und wird besser in das Produktportfolio eingebunden. Auch beim Zukauf von Cloud-Speicher gibt es keinen Unterschied zu den größeren Versionen: Für knapp fünf US-Dollar im Monat fällt die Beschränkung auf drei Projekte und die Projekte lassen sich auch lokal als Session speichern.

Neu für Pro Tools First ist auch die sogenannte Soundbase. In dieser Datenbank befinden sich 500 Megabyte an Loops, Samples und Sounds zur direkten Verwendung in einem Projekt. Zum Vergleich: Für Nutzer der Bezahlversionen ist diese Datenbank mit zwei Gigabyte viermal so groß.

Ein weiteres neues Feature ist Track Freeze, das ebenfalls den Kaufversionen entlehnt ist. Damit lassen sich zum Beispiel prozessorintensive Spuren virtueller Instrumente zu Audiodateien „einfrieren“, um Prozessorleistung für andere Aufgaben freizugeben.

Mit 16 Audiospuren (Mono oder Stereo), bis zu 16 Instrument-Tracks und bis zu vier simultan nutzbaren Inputs bietet Pro Tools First dem Einsteiger, Singer/Songwriter oder Sprecher alle Möglichkeiten. Durch die Anbindung an die Cloud Collaboration ist die Schnittstelle zu den größeren Versionen geschaffen und das Produktportfolio wirkt damit aus meiner Sicht aufgeräumter.

Wer schon immer einmal damit geliebäugelt hat, Pro Tools auszuprobieren, kann das jetzt kostenlos und mit allen für kleinere Projekte notwendigen Funktionen tun. Um es einzuordnen: Für alle Funkspots, die ich produziere, würde der Funktionsumfang von Pro Tools First ausreichen. Sämtliche Arbeiten zum Videobild sind nicht möglich, da Pro Tools First keine Videos wiedergeben kann. Bei Musikproduktionen kann ich bei etwa 20 bis 30 Prozent meiner Projekte mit 16 Audio Tracks und 16 virtuellen Instrumenten auskommen. Für eine kostenlose Version finde ich diesen Leistungsumfang sehr gut. 

Was bringt 12.8 für den Nutzer von Pro Tools Standard?

Ehrlich gesagt ausgesprochen wenig, zumindest so gut wie keine zusätzliche Funktionalität. Ergänzen muss man aber an dieser Stelle, dass die Abonnenten dieser Variante bislang immer sehr gut weggekommen sind bei den Updates. Ich erinnere mich zum Beispiel an die zahlreichen HD-Features, die nach und nach freigeschaltet wurden. Zu den wenigen Verbesserungen in 12.8 gehören Bedienungserleichterungen in Soundbase und Workspace sowie die neue Voreinstellung „Keep Window on Top“. Damit lässt sich einstellen, dass die MIDI Event List, der Score Editor oder Soundbase/Workspace im Vordergrund bleiben, auch wenn man aktuell im Edit- oder Mix-Fenster arbeitet.

Und damit habe ich auch schon die prominentesten Verbesserungen genannt. 

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