Gitarre Hersteller_Ovation
Test
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14.01.2021

Ovation 2715LTD-VIP 12-String Test

12 saitige Westerngitarre

Retro mit Update

Mit der Ovation 2715 Ltd-VIP präsentiert der Ovation Custom Shop die Neuauflage der alten Pacemaker aus den frühen Siebzigern. Die Pacemaker wurde zum ersten Mal im Ovation-Katalog von 1972 gesichtet.
Nicht zuletzt die Älteren unter uns dürften sich an das 12-saitige Schätzchen erinnern, das damals auch durch Freddy Mercury ins Scheinwerferlicht rückte. Die Neuauflage ist mit 45 Exemplaren limitiert. Die Instrumente werden in Korea produziert und zwar explizit für den europäischen Markt.

Details

Der schwebende Sound der zwölfsaitigen Gitarre erfreut sich nicht nur durch Songs wie Hotel California, Wish You Were Here, Ticket To Ride, Free Fallin', More Than A Feelin' u.v.a. immer noch größter Beliebtheit. Allerdings bleiben die Einsatzmöglichkeiten in der Regel begrenzt. Eine teure 12-saitige Gitarre sollte man deshalb erst erwerben, wenn man bereits im Besitz einer guten 6-Saitigen ist. Und Anfänger sollten zuerst auf der halben Anzahl Saiten Erfahrung sammeln, bevor sie sich ins zwölfsaitige Abenteuer stürzen. Oder man sollte diese Warnhinweise einfach ignorieren und den Testbericht weiterlesen, wenn man sich trotzdem vom Sound der 12-saitigen Gitarre inspirieren lassen möchte ;-)
Die Neuauflage kann voll und ganz aus dem Genpool der alten Pacemaker schöpfen. Zahlreiche Reminiszenzen, die das Vorbild damals von der klassischen Konzertgitarre übernommen hatte, prägen auch das Erscheinungsbild der aktuellen OV2715. Da die ursprüngliche Technologie inzwischen in allen Ehren ergraut ist, durfte die Neuauflage mit einem neuartigen Preamp und integriertem Virtual Image Prozessor zu neuen Ufern aufbrechen.

Decke

Die Deckenoberfläche der 2715LTD wird im altbekannten Uniformat präsentiert. Glanzlichter setzt die zweiteilige Decke, die aus massiver Sitkafichte der Güteklasse AA gefertigt wurde. Um den natürlichen Trocknungsprozess zu beschleunigen, wurde das Deckenholz in einem sauerstofffreien Ofen erhitzt. Eingelagerte Öle und Harze wurden dabei abgekocht. Das Verfahren verändert nachhaltig die Zellstruktur, sodass die sogenannte „torrefizierte“ Decke wie ein natürlich gealtertes Instrument mit eingespielten Hölzern klingt.

Eine ansehnliche Sunburst-Färbung zieht den Blick auf sich. Eine braun-schwarze (tobacco) Lackschicht am Rand kontrastiert mit dem transparenten tropfenförmigen Zentrum, wo die feinen Maserungen der Sitkafichte durchscheinen. Die Übergänge sind rundherum fließend. Eine von Meisterhänden perfekt hochglänzend polierte und versiegelte Oberfläche wertet das Instrument optisch weiter auf, wobei die Stoßkanten am Deckenrand mit einem cremefarbenen Binding geschützt werden. Der Strummer sollte die fabelhafte Decke unbedingt mit einem transparenten selbstklebenden Deckenschoner nachrüsten.

Auch die breite schwarze Schalllochverzierung mit wiederkehrenden stilisierten Eichenblättern aus echtem Perlmutt ist ein wahrer Hingucker. Ein dunkelbrauner Saitenhalter aus echtem Ebenholz wurde aufgeleimt und zusätzlich mit zwei Schrauben befestigt. Die zwölf Saiten werden durch Führungen hinten im Saitenhalter eingefädelt und mit den Ball-Ends arretiert, sodass man auf die üblichen Pins verzichten kann. 

Die Saiten laufen über eine sechsteilige längenkompensierte Stegeinlage, jeweils ein Saitenpärchen über einen Reiter. Allerdings können die Reiter weder in der Länge noch in der Höhe bewegt werden, auch wenn es so aussieht. Jedenfalls wurden die Reiter der beiden E-Saiten zusätzlich kompensiert, also versetzt eingearbeitet. Leider greifen die Maßnahmen bei diesem Testmodell nicht hundertprozentig, denn das Spiel leidet doch mehr oder weniger unter einer latenten Oktav-Unreinheit. Das Nachstimmen der zwölf Saiten kann mitunter zu Ermüdungserscheinungen beitragen. 

Korpus

Die Frage, warum eine ausgesprochene Rhythmusgitarre unbedingt mit einem rundgeschwungenen Cutaway auflaufen muss, lasse ich mal im Raum stehen. Jedenfalls kam die Pacemaker in den Siebzigern ohne aus. Der einteilige parabolisch geformte Resonanzkörper, auch „Roundback“, „Bowl“ oder auch Schale genannt, wird aus dem Werkstoff Lyrachord hergestellt und in unserem Fall mit der Sonderfarbe „vintage brown“ (statt schwarz) eingefärbt. Diese Sonderfarbe wurde früher praktisch nur mit Natur- und Sunburst-Decken kombiniert und darf natürlich auch bei diesem Retro-Modell nicht fehlen.

Die große Deep Contour-Schale dürfte sich positiv auf das Klangvolumen auswirken, dazu ist sie inzwischen ergonomisch geformt und bietet mehr Komfort im Handling. Mit dem flachen Boden liegt das Instrument näher am Körper an und mit der flachen Unterseite hält man es auch im Sitzen besser in der Balance. Der Klinkeneingang ist neben dem Gurtpin platziert, weshalb man das Instrument auch (notfalls) mit eingestecktem Klinkenstecker flach auf den Boden legen kann, wenn sich gerade kein Gitarrenständer in Reichweite befindet.

Innenraum

Dass die Decke einer 12-saitigen Gitarre größeren Zugkräften widerstehen muss, versteht sich von selbst. Bei diesem Modell soll ein altbewährtes X-Bracing für stabile Verhältnisse sorgen, zusätzlich wurden weitere kleinere Hilfsleisten verleimt, die man aber nur ertasten kann. In der Regel wird der Halsfuß bei Ovation-Gitarren direkt mit der Schale verschraubt. Einen echten Halsblock benötigt die Konstruktion deshalb nicht. Anstelle der sonst üblichen hölzernen Reifchen setzt Ovation an den Rändern einen Ring aus einem flexiblen Verbundmaterial ein, der das Schwingungsverhalten der Decke positiv beeinflusst. Verarbeitungsmängel konnte ich im Innenraum nicht entdecken.

Hals

Der Hals einer 12-saitigen Gitarre wird höheren Belastungen ausgesetzt. Der vergleichsweise dünne Mahagonihals (Halsumfang: 12,4 cm) darf deshalb von mehreren Stabilisierungsmaßnahmen gleichzeitig profitieren. Der Hersteller hat an der Unterseite entlang des Halses einen durchgängigen dreiteiliger Streifen aus Ahorn-Mahagoni-Ahorn eingearbeitet, der vom Halsfuß bis in die Kopfplatte reicht und für stabile Verhältnisse sorgt. Des Weiteren soll es ein eingelegter justierbarer Truss Rod richten, über den mit einem Innensechskant die Halskrümmung (im unteren Drittel) justiert wird. Die Stellschraube befindet sich im Innenraum unter dem Griffbrett. Allerdings ist der Halsumfang der OV 2715 mit 12,4 cm auch nur unwesentlich größer als der der 6-saitigen und sonst baugleichen OV Folklore.

Griffbrett

18 korrekt abgerichtete und sauber polierte Bünde haben sich auf dem unbehandelten Griffbrett aus feinem dunklem Ebenholz niedergelassen. Leider muss das Reissue (wie die Konzertgitarre) ganz ohne Bundmarkierer auskommen. Die alte Pacemaker kam noch jahrelang mit Punkteinlagen in den Handel. Nun bleiben nur noch die winzigen schwarzen Punkte auf der Griffbretteinbindung übrig. Der Sattel einer 12-saitigen Gitarre ist naturgemäß etwas breiter und das Standardmaß von 48 mm für 12-saitige Ovation-Gitarren bietet vergleichsweise ausreichend viel Spielraum. Mit einem Radius von 10“ (254 mm) ist das Griffbrett nur leicht gewölbt. Die Wölbung entspricht im Prinzip auch der des Sattels, der aus echtem Knochen gefertigt wurde.

Mensur

Die Anklänge, die unser Textmodell von der Konzertgitarre übernommen hat, sind unübersehbar. Der Hals-Korpus-Übergang befindet sich wie bei einer Konzertgitarre am 12. Bund. Der Saitenhalter wandert dadurch weiter in Richtung Korpusende, wo er, ebenfalls wie bei einer Konzertgitarre, mittig zwischen Schallloch und Rand platziert wurde. An der Normalmensur von 650 mm hat der Hersteller aber nicht „geschraubt“.

Kopfplatte

Die pilzförmige Kopfplatte mit doppelter Fensterung erinnert wieder an die gute alte Konzertgitarre. Auch mit der schweren ziemlich langgestreckten Kopfplatte liegt das Instrument ausbalanciert auf dem Oberschenkel. Die Saiten werden um sechs Metallachsen gewickelt, die dazugehörigen verchromten und geschlossenen Mechaniken sind an den beiden Seiten der Kopfplatte verschraubt. Gestimmt wird mit einfachen Wirbeln aus Kunststoff. Allerdings lassen sich diese nicht unbedingt butterweich drehen und springen z.T. zurück. Ansonsten bleiben sie, einmal gestimmt, in tune. An der Oberseite prangt das stolze Firmenlogo.

Pickup und Preamp

Mit dem neuartigen VIP-5 Preamp und einem OCP-1K Pickup, der unter der Stegeinlage parkt, macht unsere Kandidatin auch ein elektroakustisches Soundangebot, das eigentlich so gar nicht ins Retro-Konzept passt. Die Bezeichnung VIP steht für Virtual Image Prozessor. Fünf verschiedene Images können mit dem Image Selector ausgewählt und mit dem integrierten Piezo-Signal gemischt werden, wenn man den Image/Pickup-Schieberegler betätigt. Für die Herstellung der VIP-Sounds wurden Vintage-Gitarren von Ovation ausgewählt und mit hochwertigen Studiomikrofonen abgenommen. Die speziellen Klangcharakteristiken wurden herausgefiltert und zu Presets verarbeitet. Der Sound wird mit drei Schiebereglern (1x High, 1 x Mid, 1x Bass) eingestellt. Schließlich stellt das Paneel ein einfaches Stimmgerät zur Verfügung.

Lieferumfang

Im Lieferumfang befindet sich bei diesem Testmodell ein passender Koffer und ein Innensechskant. Der versprochene Ledergurt (Ovation Premium Ledergurt Chocolate) und der Saitensatz (Adamas Nuova Coated Phosphor-Bronze Roundcore 1818 NURC Light .012-.053) fehlen bei diesem Testmodell.

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