Hersteller_Neumann
Test
2
26.01.2010

Praxis

Sehr neutraler, erwachsener Sound

„Smart. Sweet. Powerful.“, so bewirbt Neumann selbst das neue TLM 102. „Smart“ und „sweet“ können wir dem Mikro ja nun schon (zumindest optisch) bescheinigen. Doch nun geht es darum, zu sehen bzw. zu hören, was das süße Kleine mit der DAW verkabelt in der Praxis zu bieten hat. Bei einem ersten Test mit akustischer Gitarre fällt gleich auf, dass man sich von dem „putzigen“ Äußeren nicht täuschen lassen sollte, denn es landet gleich ein absolut erwachsener Sound auf der Festplatte meines Audio-Systems. Der komplette Tonumfang sowie der Charakter der Gitarre werden vom TLM 102 sehr direkt und unverfälscht übertragen. Das Mikro verhält sich dabei sehr neutral, sodass es keine wirklichen „Nasen“ oder „Löcher“ im Frequenzbild gibt. Der Mittenbereich wird sehr fein aufgelöst. Dementsprechend werden die einzelnen Töne auch bei kritischen Akkord-Voicings sauber und akkurat getrennt.

Ein gar nicht so ungleiches Geschwisterpaar

Als Vergleichs-Mikro habe ich ein TLM 103 benutzt – hier muss ich sagen, dass das 103er in den tiefen Mitten mehr Druck vermittelt bzw. diese einfach noch neutraler überträgt. Beim TLM 102 klingen die tiefen Mitten etwas gemächlicher und „flacher“. Auch in den Höhen bleibt der große Bruder noch einen Tick offener als das TLM 102 – was aber nicht heißen soll, dass das neue Mikro in den Höhen matt klingt - überhaupt nicht. Die Präsenzanhebung, die das TLM 102 in den Höhen besitzt,  macht genau das, was sie soll: sie verleiht dem Signal in den oberen Frequenzen zu mehr Durchsetzungskraft, einen edlen Charakter und eben die entsprechende Offenheit. Was mir beim Test mit der Akustikgitarre auch sofort aufgefallen ist, ist die sehr gute Übertragung der Transienten. Dadurch wirkt das Signal sehr dynamisch und präzise. Einen leichten Kompressionseffekt nimmt man wirklich nur bei sehr lauten Schallquellen marginal wahr. Aber auch das geschieht auf eine angenehme Art und Weise, die das Signal dann einfach etwas kompakter und noch direkter klingen lässt. Der Eindruck, den ich während des Tests mit der Gitarre hatte, bestätigte sich beim Gesangs-Test in vollem Umfang. Auch hier wurde Alices Stimme absolut naturgetreu und unverfärbt übertragen – schließlich sind Vocal-Recordings ja auch das erklärte Spezialgebiet des jüngsten Neumann-Sprosses. Ein weiterer Faktor, der während dieser Testphase hinzukam, war die sehr gute Sprachverständlichkeit. Erstaunlich war auch, wie genügsam das TLM 102 mit Pop- und Zisch-Lauten umgeht – ich habe die Aufnahmen absichtlich ohne zusätzlichen Pop-Schutz durchgeführt, um dies herausstellen zu können. Meiner Meinung nach schlägt sich das 102er in dieser Disziplin (besonders bei den Pop-Lauten) sogar noch etwas besser als das TLM 103. Was man auch merkt, ist, dass das Signal des TLM 103 etwas wärmer klingt, was natürlich mit den etwas präsenteren Tief-Mitten einhergeht. Aber für manche Anwendungen sind die etwas weniger ausgeprägten tiefen Mitten des TLM 102 sicherlich auch besser geeignet – z.B. sehr sonore, männliche Vocals oder Sprachaufnahmen, wo ein ganz klarer Stimmsound und nicht der übertriebene Werbesound für alkoholische, gelbe Kaltgetränke gewünscht ist. Sollte jemand bereits ein gutes Großmembran-Mikro besitzen (z.B. das TLM 103, um im neumännischen Portfolio zu bleiben), so kann ich mir das TLM 102 als sehr gute Ergänzung dazu vorstellen. Wir waren von dem, was das TLM 102 abgeliefert hat, jedenfalls absolut überzeugt. Jaja, die optische Größe ist eben nicht alles – auf die inneren Werte kommt es an, und die sind beim 102er definitiv größer als der erste, optische Eindruck.

Zum Schluss gibt es nun noch zwei Audio-Files mit Alice - einmal über das TLM 102 gesungen, und einmal zum Vergleich über das TLM 103. Beide Audios sind absolut unbearbeitet und wurden nach dem Recording einfach nur gebounced. Viel Spaß!

2 / 3
.

Verwandte Artikel

User Kommentare