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Test
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21.04.2017

Millennia STT-1 Origin Test

High-End-Channelstrip

Doppelt hält besser

Dass Millennia den STT-1 Origin Twin nicht als Channelstrip, sondern als "Recording System" bezeichnet, ist einerseits mehr als passend, andererseits aber pures Understatement. Denn beim STT-1 handelt es sich möglicherweise um das am umfangreichsten ausgestattete Gerät seiner Gattung auf dem Markt.

Bei der Konzeption des STT-1 muss auf dem Audio-Olymp irgendein Wettstreit stattgefunden haben: Wer schafft es, auf zwei 19"-Höheneinheiten ein Maximum an Channelstrip unterzubringen? Die Challenge gewonnen haben letztlich die Amerikaner von Millennia Music & Media Systems, möglicherweise auch, weil sie bei den Komponenten vollständig auf hauseigene, bereits bestehende Produkte zurückgreifen konnten. Baukastenartig wurde ein Best-of aus dem eigenen Portfolio zusammengestellt, und für uns bleibt zu klären, ob das Ganze mehr als die Summe seiner Teile darstellt oder "nur" eine 1:1-Entsprechung bewährter Komponenten bleibt. Der Hersteller nimmt für sich in Anspruch, dass der endgültige Kaufpreis seiner Geräte bei der Entwicklung allenfalls eine untergeordnete Rolle spielt. Ziel ist vielmehr, Komponenten zu entwickeln, die den Anwender aus dem ewigen Upgrade-Hamsterrad herausholen, die eine Karriere lang hervorragende Dienste leisten und verlässlich Top-Ergebnisse liefern. Das lässt die Millennia-Boliden zwangsläufig im Premiumsegment rangieren, aber hier gilt eben: "Wer billig kauft, kauft (mindestens) zweimal!"

Details

Zwei Channelstrips in einem

Es handelt sich beim STT-1 um einen Kanalzug mit Vollausstattung. Das bedeutet, er vereint vier Prozessoren unter seiner Haube: Preamp, EQ, Kompressor und De-Esser. Wie bereits erwähnt, handelt es sich bei diesen Komponenten nicht um Neuentwicklungen für den STT-1, sondern um Baugruppen aus bereits bewährten Prozessoren. Der Vorverstärker wurde den hauseigenen Geräten M-2B und HV-3 entliehen, der EQ stammt vom NSEQ-2, der Kompressor von Millennias TCL-2. Dies sorgt an sich schon für geballte Processing-Power und tonale Flexibilität, aber schaut man sich die Ausstattung im Detail an, dann kommt noch eine ganz andere Dimension ins Spiel - nicht zuletzt wird der STT-1 von Millennia als "Twin Topology Channel Strip" bezeichnet. Zwar handelt es sich um ein Mono-Gerät, aber letztlich arbeiten sozusagen zwei Channelstrips unter der Haube des Millennia, weil die Audio-Verstärkerschaltungen in doppelter Ausführung vorliegen. Der STT-1 erlaubt nicht nur die Signalbearbeitung beziehungsweise Aufholverstärkung mittels FET-basierten Transistorstufen, er kann auch als reinrassiger Röhren-Channelstrip arbeiten. Die erwähnte Flexibilität bezieht sich also nicht nur auf die umfangreiche Ausstattung mit Funktionen und Bedienelementen, sondern auch auf die technische Umsetzung derselben. Doch am besten der Reihe nach...

Preamp flexibel, aber mit recht wenig Gain

Eingangsseitig wird per Drehschalter zunächst die Quelle festgelegt: Mic, Line oder Instrument. Die hochohmige Instrumentenbuchse liegt auf der Frontplatte, alle anderen Anschlüsse auf dem rückwärtigen Panel. Ganz gleich, für welches Signal man sich entscheidet, es kann nun alternativ über zwei Preamps geschickt werden, die Röhrenstufe mit +22 bis +40 dB Gain oder die Transistorschaltung mit +10 bis +50 dB Gain. Zusammen mit der Aufholverstärkung am Output-Poti bietet der STT-1 eine Gesamtverstärkung von 50 oder 60 dB, je nach gewähltem Pfad. Das ist von Spitzenwerten weit entfernt und kann mit dynamischen Mikrofonen, besonders Bändchenmikros und/oder leisen Quellen möglicherweise kritisch werden. Blickt man aber auf Gesangsaufnahmen als Paradedisziplin des Millennia, so sind die Verstärkungsfaktoren allemal mehr als akzeptabel.

Bei Bedarf: Eingangsübertrager

Bei Millennia steht man sehr auf einen klaren, unverfälschten Ton. Auf solche Schaltungen wurde bei der Entwicklung des Channels größter Wert gelegt, aber es lässt sich auf Wunsch ein Eingangsübertrager zuschalten, der Farbe ins Geschehen bringen kann. Orientiert hat man sich bei der Entwicklung des hauseigenen, mit MIT-01 bezeichneten Bauteils an den Übertragern klassischer Neve-Channels aus den späten 60ern. Das Motto von Millennia scheint hier zu lauten: "Gut, wenn ihr es schon nicht lebensecht haben wollt, dann bekommt ihr es eben larger than life!" Wie sämtliche andere Druckschalter auf der Frontplatte ist auch dieser farblich codiert hintergrundbeleuchtet und das satte Klicken eines Relais im Gerät verrät, wie auch bei den anderen das Signalrouting betreffenden Schaltfunktionen, dass der Schaltvorgang sauber umgesetzt wird. Dass der STT-1 auch über eine Polaritätsumschaltung und über Phantomspeisung verfügt, ist ein beinahe selbstverständliches Extra.

Erweiterter Konsolen-EQ

Derart auf Pegel gebracht, wird das Signal an die klangformenden Baugruppen weitergereicht, namentlich den Vierband-EQ und die Dynamik-Sektion. Die beiden äußeren Bänder arbeiten wahlweisen in Peaking- oder Shelving-Charakteristik die beiden Mittenbänder sind sogar vollparametrisch ausgelegt. Man könnte sagen, dies ist anerkannter Standard für den "erweiterten Konsolen-EQ". Alle Bänder arbeiten mit einer Amplitude von ordentlichen ±15 dB, und sie bieten recht weite, überlappende Frequenzbereiche. Diese reichen in den Tiefen von 20-270 Hz und in den Höhen von 4,8-21 kHz, jeweils schaltbar in sechs Schritten. Frequenzen und Filtergüte (4,0-0,4) in den Mitten lassen sich stufenlos durchstimmen, erstere in jeweils zwei Frequenzbereichen: 20-220 oder 200-2200 Hz in den Tiefmitten, 0,25-2,5 oder 2,5-25 kHz in den Hochmitten. Damit wird klar, dass dies strenggenommen gar keine Mittenbänder sind (von ihrer Position in der Mitte des EQs mal abgesehen), sondern dass sie zusammen das gesamte menschliche Hörspektrum abdecken oder sogar überschreiten. Was dem Channel allerdings fehlt, ist ein Trittschallfilter.

Der Optokompressor kann auch als De-Esser genutzt werden

Schließlich bietet der STT-1 noch eine recht umfangreiche Dynamikbearbeitung. Herzstück ist ein Optokompressor, dessen Parameter Threshold (±20 dBu), Attack (2-100 s), Release (0,08-3 s) sowie Ratio (1,4:1-30:1) stufenlos justiert werden können. Alternativ kann die Baugruppe auch in den De-Esser-Modus geschaltet werden, wobei hier dasselbe optoelektronische Regelelement wie bei der Fullrange-Kompression zum Einsatz kommt. Es stehen fünf unterschiedliche Eckfrequenzen zwischen 4,5 und 11,9 kHz zur Verfügung. Starten sollte man mit schnellen Zeitkonstanten, und mittels Threshold und Ratio kann man nicht nur kontrollieren, wie stark der De-Esser eingreift, sondern auch wie schmalbandig: Dreht man das Ratio-Poti weiter nach rechts, so wird die jeweilige Frequenz schmalbandiger angefahren. Leider steht das VU-Meter als visuelle Hilfe im De-Esser-Modus nicht zur Verfügung, hier muss man sich ganz auf seine Ohren verlassen. Dafür lässt sich die Reihenfolge von EQ und Comp im Signalfluss auf Knopfdruck vertauschen, und auch in dieser Sektion lässt sich wahlweise, allerdings stets für beide Funktionsgruppen gemeinsam, eine Röhren- oder Transistorstufe zur Aufholverstärkung aktivieren. Allerdings kann die prinzipbedingt passive Optozelle des Kompressors auch ganz transparent ohne Aufholverstärker eingesetzt werden, dann muss man allerdings auf die simultane Verwendung des EQs ebenfalls verzichten.

Neben den klangformenden Bedienlementen finden sich auf der Frontplatte noch ein paar weitere Controls. Praktischerweise gibt es einen Output-Mute-Schalter, der beispielsweise beim Mikrofonwechsel oder beim Einstöpseln eines Instrumentes gute Dienste leistet. Das VU-Meter kann zwischen Ausgang und Pegelreduktion umgeschaltet werden und der Betriebsschalter wurde sicher vor Fehlbedienung geschützt, indem er tief in der massiven Aluminium-Frontplatte versenkt wurde.

Bei der Hardwareausstattung nicht gespart

Apropos: Hardwareseitig wurde hier an allen Ecken und Enden geklotzt. Das betrifft nicht nur den äußeren mechanischen Aufbau, sondern auch die Schaltungstopologien sowie die Bauteilebene selbst. Die Verstärkung erfolgt entweder mit in Class A gebiasten JFET-Baugruppen oder aber mit den Röhren, die mit 300 V extrem hochvoltig laufen. Im Mic-Pre arbeiten zwei 12AX7 und 12AU7, am Instrumenteninput eine 12AT7 und im EQ/Comp abermals zwei 12AX7 und 12AU7. Unter anderem kommen Grayhill-Drehschalter mit Goldkontakten zum Einsatz, auch die Kontakte der Röhrensockel wurden vergoldet und die interne Verkabelung wurde mit Material von Mogami ausgeführt. Insgesamt wurden also sehr hochwertige Komponenten ausgewählt und auch der Optokoppler, eine Vactrol-Zelle, ist ein echter Industriestandard.

Vielseitig sind auch die Anschlussmöglichkeiten an der Rückseite. Sämtliche Audio-Anschlüsse sind standesgemäß XLRs, aber der Line-Input bietet auch eine Klinkenbuchse. Für die Preamp-Sektion gibt es einen Direktausgang und der Hauptausgang liegt sowohl symmetrisch als auch unsymmetrisch vor, letzteres ebenfalls auch per Klinke. Per Cinchbuchse kann die Pegelreduktion im Stereobetrieb zweier STT-1 gekoppelt werden neben der Kaltgerätebuchse liegt noch ein separates Erdungsterminal. Trotz der erstaunlichen Einbautiefe ist das Gerät randvoll gefüllt, wobei rund ein Viertel des Gehäusevolumens auf das mithin sehr ordentlich dimensionierte Netzteil entfällt. Konstruktiv hat der Hersteller beim STT-1 fraglos alles richtig gemacht.

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