Hersteller_Manley
Test
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26.09.2016

Praxis

Nicht nur das Netzteil ist ein Schritt ins Heute

Den modernen Charakter des Manley Nu Mu spürt man bereits direkt beim Auspacken. Erstaunlich leicht ist das Gehäuse, und es kommt mit einer erstaunlich geringen Einbautiefe aus. Grund dafür ist vor allem das neuentwickelte Netzteil, welches ohne einen voluminösen und schweren Trafo auskommt. Dass Manley, trotz seiner langen Firmenhistorie, die sich an wirklich klassischen Designs anlehnte, nun ziemlich deutliche Schritte ins Heute vollzogen hat, dieser Eindruck setzt sich dann auch nach dem Anschließen fort. Der Nu Mu mit seiner blau-weißen Beleuchtung versprüht einen zurückhaltend-futuristischen Charme, dieser läuft nach der Betätigung des Standby-Schalters zur Höchstform auf. Unterstützt von sanftem Blinken wird der Softstart-Modus zur schonenden Aufwärmung der Röhren aktiviert, und wenn man endlich loslegen kann, hat man bereits ein kleines Unterhaltungsprogramm bester amerikanischer Qualität hinter sich.

Manley Nu "Smooth" Mu

Angetreten ist der Nu Mu nicht nur, um die Erfolgsgeschichte des Vari Mu mit etwas anderen Vorzeichen fortzuschreiben, sondern auch, um hier ein paar eigene Akzente zu setzen. Der zweite Vorname des Gerätes könnte „smooth“ lauten – so seidig, elegant und sanft gelingt es dem Dynamikprozessor, das Eingangssignal zu verdichten. Fast scheint es, der Nu Mu lasse sich niemals aus der Fassung bringen, so ruhig, aber bestimmt hält er das Audiomaterial fest.

Geringe, unmerkliche Reduktionen sind sein Metier

Es zeigt sich allerdings an vielen Stellen, dass das Gerät auch genau (und vor allem) auf diese Einsatzzwecke hin konzipiert und optimiert wurde. Schon die eher geringe maximale Aufholverstärkung verrät, dass der Manley nicht dazu gedacht ist, die Kompressorkeule zu schwingen. Das heißt nicht, dass er nicht auch in der Lage wäre, etwas unruhigere Signale in die Schranken zu weisen, aber ruppig-robuste Explosionen à la Distressor oder 1176 sind seine Sache nicht – und zwar überhaupt nicht! Man kann das Gerät zwar durchaus etwas kitzeln, aber je weiter man es aus seiner Komfortzone herausdrängt, desto weniger vorhersagbar reagiert es. Es scheint, der Übergang zwischen der absolut eleganten Verdichtung zu deutlich hörbarerem Pumpen ist hier bisweilen relativ klein, ganz so, als ob der Nu Mu im Maximalbereich etwas unter Stress gerät und dann manchmal nicht mehr genau weiß wie er mit der Situation umgehen soll: weiter versuchen, die sanfte Kontrolle zu behalten oder doch mal seine dunkle Seite rauslassen? Das heißt nicht, dass heftigere Einsätze nicht auch gut funktionieren können, aber die Selbstverständlichkeit, die der Manley bei seinem Kerngebiet an den Tag legt, geht einfach irgendwann flöten. Vielleicht fällt dies auch nur auf, weil der Nu Mu im Bereich bis 3, maximal 5 dB Pegelreduktion einfach so ordentlich und sauber arbeitet, dass der Kontrast besonders groß ist.

Besonders weit gefasst: Attack

Dank der zahlreichen Extras und der teilweise recht weit gefassten Parameterbereiche lässt sich der Nu Mu nicht nur feinfühlig einstellen, sondern auch vielen unterschiedlichen Anforderungen gezielt anpassen. Einige Funktionen, wie etwa die unterschiedlichen Verstärkungsfaktoren am Input, greifen sehr subtil ins Klanggeschehen ein. Ob die Röhren nun mit drei dB mehr oder weniger angefahren werden, kann beim Mastering das I-Tüpfelchen aufsetzen, auf Einzelsignalen erscheint mir aber bisweilen fraglich, ob der Unterschied sich wirklich so deutlich im finalen Ergebnis bemerkbar macht. Ganz anders der Attack-Parameter: Dieser ist recht weit gefasst und stufenlos durchstimmbar. Das steigert die Vielseitigkeit des Gerätes fast ins Unermessliche. Breite, satte Attacks auf Summensignalen kann der Nu Mu ebenso herauskitzeln wie er die Transienten einer Vocalspur mit aller gebotenen Autorität in Schach halten kann. Features wie die Hip-Funktion und das Sidechain-Filter sind geeignet, das Endergebnis weiter zu verfeinern. Wie bei allen (auch) auf Mastering ausgelegten Geräten muss man nur bereit sein, genau hinzuhören, denn hier geht es sowohl bei den Arbeitsschritten als auch bei den Funktionen der dazu verwendeten Geräte um Feinheiten. Man sollte also nicht immer plakativ-dramatische Variationen erwarten, sondern bereit sein, auch auf die Zwischentöne zu hören.

Manley-Röhrenstufe unverkennbar

Auch das Konzept des Signalwegs geht auf: Die Qualitäten der Manley-Röhrenstufe sind unverkennbar, mit ihrem seidig-offenen Sound, welcher stets das Eingangsmaterial unterstützt und nicht vordergründige Röhrenartefakte hineinmeißelt. Da braucht es wahrlich keine weitere auf Röhren basierende Ausgangsstufe, der breitbandige Transistor-Ausgang ist schlichtweg nur dazu da, die klanglichen Qualitäten des Inputs an nachfolgende Geräte weiterzureichen. Dabei bleibt der Manley stets, ich muss es nochmal schreiben, smooth und sanft. Hier wird mit subtilen Klangfarben gearbeitet, es geht darum, das Audiomaterial in eine bessere Form zu fassen, im Grund aber unangetastet zu lassen – und das macht der Nu Mu auf eine sehr im positiven Sinne unaufgeregte Art und Weise.

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