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Test
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26.09.2016

Manley Nu Mu Test

Variable-MU-Röhrenlimiter

Der neue Mu

Tradition und Moderne, vereint in einem Gehäuse – was nach abgedroschener Marketingsprache klingt, trifft bei Manleys neuem Röhren-Limiter „Nu Mu“ tatsächlich zu. Und der hier vollzogene Paradigmenwechsel zeigt uns, wie Analogtechnik auf der Höhe der Zeit aussehen kann.

Bereits seit 1993 als Hersteller von hochwertigem Studio- und HiFi-Equipment am Markt etabliert, zählt Manley zu den etablierten Playern, vor allem, was aktuelles Röhrenequipment betrifft. Glimmende Glaskolben und die sie umgebenden Schaltkreise gehören seit eh und je zum Markenkern des kalifornischen Herstellers, der stolz und mit etwas Augenzwinkern darauf hinweist, dass seine Geräte in Chino, etwas außerhalb des Großraumes Los Angeles gelegen, gefertigt werden und nicht etwa in einem fernöstlichen Land mit ganz ähnlichem Namen.

Die klangformende Kraft von Röhrentechnik propagierte der Hersteller damit bereits zu einem Zeitpunkt, an dem sich in diesem Marktsegment nur wenige andere Player wie Tube Tech oder Summit Audio tummelten. Auf breiter Front kamen Vakuumröhren erst etwas später wieder in Mode, damals war man von dem unfassbar unübersichtlichen Angebot an Studiotechnik, das sich uns heute bietet, noch weit entfernt. So ist es – neben der schlichten Tatsache, dass die meisten Manley-Prozessoren schlichtweg umwerfend klingen – wohl auch dieser visionären Denkweise geschuldet, dass einige Manley-Geräte mittlerweile selbst zu Legenden geworden sind, zu absoluten Studiostandards, deren Nimbus es mit den Klassikern aus den 50ern bis 70ern durchaus aufnehmen kann. Eines dieser Geräte ist der Variable Mu, ein Kompressor, der sein Funktionsprinzip bereits im Namen trägt: Ein Vollröhrenkompressor, der sich schon zu einer Zeit am ehrwürdigen Fairchild orientierte, als jener praktisch in Vergessenheit geraten war. Kürzlich entschied man, dass dieser Manley-Bestseller ein Facelift verdient hätte. Was dabei herauskam, ist so eigentständig, dass es dem hauseigenen Klassiker an die Seite gestellt wurde. Auch der Variable Mu ist weiterhin erhältlich, aber er wird flankiert von einem Gerät, das durch und durch modernste Denkweisen atmet – werfen wir einen näheren Blick auf den Nu Mu!

Details

Das Rad der Audiotechnik hat sich seit dem Fairchild 670 ein paar Mal weitergedreht

Wie auch bei seinem Vorgänger spricht der Gerätename hier bereits Bände: Der Nu Mu setzt ebenso auf klassische Röhrenkompression wie sein Vorbild, aber diese wurde in eine ganz andere Schaltung integriert, die sich weniger an Vintage-Vorbildern orientiert, sondern an ganz zeitgemäßen Konzepten. Präsentiert sich der Nu Mu eingangsseitig noch als klassischer Manley, mit proprietären Eingangsübertragern und zwei handselektierten 6BA6-Röhren pro Audiokanal, so folgen Ausgangsstufe und Netzteil anderen Gesetzen. Nach der Röhrenstufe, deren „Remote Cutoff“-Röhren ja auch für die Pegelreduktion zuständig sind, folgt eine diskrete FET-Ausgangsstufe. Die Idee dahinter: Die Klangformung samt Kompression geschieht am Eingang, und das nunmehr praktisch „fertige“ Signal soll breitbandig und weit offen bestmöglich an die Außenwelt weitergereicht werden, ohne dass an dieser Stelle noch weiter bedeutend ins Klanggeschehen eingegriffen wird. Analog dazu setzt das Gerät auf ein Schaltnetzteil, welches laut Manley audiophilen Ansprüchen genügen soll. In beiden Feldern ist die Technik heute ebenso ausgereift (und ausgereizt) wie die klassische Röhrentechnik, und Manley verspricht sich davon, sozusagen das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Vollröhren- und Vintage-Puristen müssen möglicherweise noch überzeugt werden, aber hervorragend ausgeführt erlauben diese Kniffe, ein Gerät ohne klangliche Einbußen mit geringerem Bauteil- und Fertigungsaufwand herzustellen, bei Stromverbrauch und thermischen Emissionen zu sparen, was wiederum der Langlebigkeit der Komponenten zugute kommen kann. Kurzum: Das Rad der Audiotechnik hat sich seit der Markteinführung des ehrwürdigen Fairchild 670 ein paar Mal weitergedreht, und es gibt keine vernünftigen Gründe, warum sich das nicht in aktuellen Gerätedesigns niederschlagen sollte.

Stereo, kein Dual Mono

Als Zweikanal-Gerät ausgeführt, bietet sich der Nu Mu vor allem für die Bearbeitung von Stereosignalen an. Auch wenn die Einschränkungen nur klein sind, ist das Gerät kein Dual-Mono-Prozessor mit vollständig separaten Kanälen. Zwar verfügen beide Seiten über die gleichen Basis-Bedienlemente wie Potis für Threshold, Output und Attack-Parameter sowie einen fünfstufigen Release-Schalter, jedoch teilen sich beide Kanäle die Schalter für Zusatzfunktionen wie die Comp/Limit-Umschaltung und das Sidechain-Hochpassfilter.

Kein üppiges Make-Up

Einige Eigenheiten des Nu Mu verraten, dass das Vorbild Vari Mu vor allem in Masteringstudios zuhause ist. So bietet die Ausgangsstufe maximal 10 dB Gain, addiert man noch die Verstärkung am Input hinzu, die zwischen -3, 0 und +3 dB betragen kann, so kommt man auf eine Gesamtverstärkung von maximal 13 dB. Das ist nicht üppig, aber für die erwartungsgemäß eher sanften Masteringeinsätze allemal ausreichend. Auch alltägliche Mix-Aufgaben wie Vocal-Leveling lassen sich innerhalb dieser Reserven zufriedenstellend ausführen, und für brutalere Eingriffe wird man wahrscheinlich eh ein anderes Werkzeug aus dem Giftschrank holen. Typisch für das Vari-Mu-Funktionsprinzip variieren die Arbeitsparameter je nach Stärke der Kompression. Abhängig von der Pegelreduktion können Attackwerte zwischen 1,3 und 640 Millisekunden realisiert werden, wobei stärkere Pegelreduktion für längere Zeitkonstanten sorgt. Die Releasewerte (hier „Recovery“ genannt) können, abermals abhängig von der Kompression, in fünf Stufen gesetzt werden, welche bei moderater Kompression, zwischen 0,1 und 1,7 Sekunden liegen, bei heftiger Pegelreduktion aber zwischen rund 0,23 und 3,9 Sekunden rangieren. Die Umschaltung zwischen Kompression und Limiting erlaubt Raten von etwa 3:1 und 10:1, wobei der Nu Mu prinzipbedingt mit eher weichem Knie arbeitet und als Feedback-Design ausgeführt wurde, bei welchem die Steuerspannung des Sidechains hinter dem Regelelement abgegriffen wird.

Das Gerät verfügt über einen globalen Hardwire-Bypass sowie über einen Link-Modus, bei dem die Bedienelemente des linken Kanals auch die Steuerung der rechten Seite übernehmen. Die Eckfrequenz des Sidechain-Hochpasses beträgt 100 Hz, und als interessantes Extra lässt sich noch der sogenannte „HIP“-Modus aktivieren. Hier ist eine Verdichtung der leiseren Signalanteile möglich ohne dass die lauteren Transienten komplett plattgebügelt werden. Solche Resultate lassen sich mit Parallelkompression, also der leisen Zumischung eines heftig(er) komprimierten Signales realisieren, gelingen hier aber auf Knopfdruck und ohne zusätzlichen Routing-Aufwand.  

Softstart-Prozedur zur Aufwärmung der Röhrenschalkreise

Zwei zentrale VU-Meter erlauben die Anzeige von Pegelreduktion und Ausgangspegel, und schließlich befindet sich ganz rechts auf der Frontplatte noch der Betriebsschalter. Sobald ein stromführendes Netzkabel mit dem Gerät verbunden wird, befindet sich dieses im Bypass-Modus mit bereits sanft leuchtendem Schalter. Aktiviert man ihn, so beginnt eine Softstart-Prozedur zur Aufwärmung der Röhrenschalkreise. Erst nach etwa 30 Sekunden werden die Audioausgänge freigegeben.

Geringe Einbautiefe

Sämtliche Anschlüsse befinden sich auf der Rückseite des Gehäuses. Hier finden sich für jeden Audiokanal Ein- und Ausgänge an symmetrischen XLRs sowie jeweils ein unsymmetrischer Insert an einer TRS-Buchse. Manleys Highend-Expertise verrät sich bereits auf den ersten Blick schon an der Qualität der Hardware. Die Fertigung gibt sich keine Blöße, und das betrifft auch innere Qualitäten wie die Wahl hochwertiger Bauteile. So setzt Manley etwa traditionell auf hochwertige, besonders rauscharme Leitplastik-Potenziometer. Das Gerät ist erstaunlich leicht und kommt mit einer geringen Einbautiefe aus, was sicherlich vor allem dem modernen, kompakten Schaltnetzteil geschuldet ist.

Gespiegelte Bedienelemente

Die unkonventionell designte Frontplatte bietet eine gute Raumaufteilung bei unmissverständlich modernem Look, welcher wie immer Geschmackssache ist. Mein einziger Kritikpunkt ist hier die Anordnung der Bedienelemente. Diese haben zwar mehr als genug Platz, wurden gut verteilt und, wenn man nur auf die einzelnen Kanäle blickt, vernünftig arrangiert. Allerdings wurden die großen Haupt-Bedienlemente beider Kanäle gespiegelt, was meinen Gehirnwindungen an sich schon einen Denkprozess mehr abverlangt, und dazu sind die kleinen Schalter nicht besonders intuitiv angeordnet. Einige Positionen haben auf beiden Kanälen die gleiche Funktion, andere steuern jeweils unterschiedliche Parameter an. Im Ergebnis ist der Nu Mu weniger intuitiv bedienbar als man auf den ersten Blick denken sollte – beziehungsweise dieses Konzept erscheint mir anfälliger für Bedienungsfehler als ein Layout, bei dem beide Kanäle strikt dem selben Schema folgen.

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