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Test
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15.08.2013

Mackie DL806 Test

iPad basiertes Digitalmischpult

Little Brother

Es ist noch kein Jahr her, dass Mackie mit ihrem hochinnovativen Digitalmischpult-Konzept „DL1608“ für einigen Aufruhr im Bereich des Beschallungsgewerbes sorgten -  und das nicht ohne Grund. Denn die Idee, eine stationäre Wandlersektion samt Ein- und Ausgangsbuchsen mit einem iPad zu verkoppeln, auf dessen Bedienoberfläche man sogar drahtlos sämtliche Mix-Aufgaben per Fingerstreich erledigen kann, darf man ohne Zweifel als ziemlich clever bezeichnen. Nun liefert die Traditionsfirma aus Woodinville (USA) eine – zumindest was die Zahl der Eingänge angeht – halbierte Version ab und senkt im Ergebnis den Verkaufspreis um ziemlich genau ein Viertel. In der Relation ist das nicht besonders viel, mag da mancher denken. Auf der anderen Seite gibt es aber auch eine ganze Reihe von Szenarien, wo absehbar nicht mehr als acht Eingangskanäle erforderlich sind, und für die ist eine etwas kostengünstigere und übersichtlichere Variante dann eben die beste Wahl. Vor diesem Hintergrund haben wir getestet, ob sich das DL806 genauso geschmeidig befingern lässt, wie sein Vorgänger ... und gleichzeitig direkt mal einen Blick auf die Version 1.4 der Master Fader App geworfen.

Details

Zum Erscheinen des DL1608 hatten sich mein Kollege Peter Westermeier und ich unverzüglich und umfassend an die eingehende Begutachtung des neuen Gerätetypus gemacht. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse haben heute noch ihre Gültigkeit, weshalb ich den vielleicht noch unentschlossenen Leser an dieser Stelle ebenfalls auf den Volltest zum „großen Bruder“ verweisen möchte, der hier zu finden ist.

In aller Kürze zusammengefasst handelt es sich beim DL-Konzept um ein Hybridsystem aus Hard- und Software. Hardwareseitig besteht es – neben dem vom Anwender bereitzustellenden Apple iPad - aus einem Hardware-Dock, das sämtliche physikalischen Ein- und Ausgänge beherbergt und mit Potenziometern zum Einpegeln der Kanäle sowie DSPs zur Berechnung der Equalizer und Effekte ausgestattet ist. In den Einschub passen alle Versionen bis auf das iPad 4, welches sich nur über WiFi oder Apple "30-Pin auf Lightning Adapter" verbinden lässt. Softwareseitig kommt die kostenlose Master Fader App zum Einsatz. Sie ist eine Eigenentwicklung von Mackie, mit der man die Steuerung sämtlicher Bedienvorgänge per Fingerstreich erledigt. Die Kommunikation zwischen iPad und Dock erfolgt dabei, indem der Mobilrechner in das Mackie-Dock eingeschoben wird oder via W-Lan über einen Router, wobei der Parallelbetrieb mehrerer iPads (bis zu zehn) möglich ist. Beispielsweise mit einem iPad, das im Dock verbleibt, und einem, das man mobil bei sich trägt. Oder mit mehreren Tablets, die man den Musikern auf der Bühne zur selbstständigen Regelung Ihrer Monitore in die Hand drückt, respektive auf Stative stellt.

Grundsätzlich verfügt jeder Kanal über einen Vierband-EQ, ein Gate und einen Kompressor. Des Weiteren stehen zwei interne Effektschleifen bereit, von denen die erste mit der Verhallung des Signals und die zweite mit dem Echo betraut ist. Auf der Master-Schiene kann darüber hinaus noch ein 31-bandiger grafischer Equalizer auf die Summe appliziert werden. Eine umfassende Szenen/Show-Steuerung mit Total-Recall-Funktionalität, optionales Mitschneiden der Stereo-Summe und eine ausgefuchste Aux-Send-Logik untermauern den professionellen Anspruch des Geräts. Gerade im Hinblick auf den umfangreichen Vorrat an Klangverbiegern ist an dieser Stelle noch einmal zu betonen, dass die gesamte Rechenpower ihr Zuhause in Form von DSPs innerhalb des Docks hat. Das iPad wird also nur als Eingabe- und Visualisierungshilfe genutzt, was ursächlich für die Bescheidenheit der App in Bezug auf die genutzte iPad-Hardware ist.

Äußerlichkeiten

Der Mackie wird in einer robusten Kiste geliefert, die kurzfristig durchaus als brauchbares Stage-Case missbraucht werden darf. In der Box befinden sich folgende Inhaltsstoffe:

  • 1x Mixer Mackie DL-806
  • 1x Netzteil plus Netzteilkabel Euro
  • 1x montierter „iPad2-Schlitten“
  • 1x Halter mit passendem Innensechskant-Schlüssel
  • 1x Quickstart Guide Englisch

 

Bis auf das iPad, das der Anwender selbstverständlich eigenverantwortlich erwerben muss, ist das System somit komplett. Sonderwünsche wie ein passender Rack-Einbaurahmen, eine Schutzhülle oder eine Tragetasche sind von Mackie als Zubehör erhältlich.

Der Aufbau des Systems entspricht in Bezug auf die Abmessungen und die verwendeten Bauteile dem DL1608-Modell. Weil jedoch beim 806 auf der gleichen Fläche gerade mal acht Eingangskanäle (1-4 XLR, 5-8 XLR/Klinke-Combo) sowie sechs Aux-Sends (Klinke, symmetrisch) und ein Main-Out (XLR, symmetrisch) verteilt wurden, wirkt das Anschlussfeld des kleinen Bruders natürlich luftiger und aufgeräumter. Auch hier verrichten die bewährten ONYX-Mikrofonvorverstärker ihren Dienst, deren Signale von hochwertigen 24-Bit Cirrus Logic A/D-D/A-Wandlern in die Digitalwelt überführt werden.

Master Fader App

Erfolgte unser damaliger Test des DL1608 noch mit der Software 1.1, kommt im aktuellen Fall die neue Version 1.4 zum Einsatz. Auf den ersten Blick scheint erst einmal alles beim Alten geblieben zu sein. Im Detail zeigt sich aber, dass die Entwickler nicht faul waren und die Anwendung in der Zwischenzeit mächtig aufgemotzt haben. Den offensichtlichsten Eye- und (hoffentlich auch) Earcatcher entdeckt man, wenn man im Unterdialog Klangregelung auf die unscheinbare Schaltfläche „Vintage“ drückt. Dann nämlich verschwindet das „Modern“ getaufte GUI und eine hübsche Darstellung, angelehnt an klassische Pultec/Neve-Hardware, kommt zum Vorschein. Noch mal zur Erinnerung: Innerhalb der Master Fader App arbeitet man angenehmerweise eigentlich nur mit zwei Ansichten, und zwar Mixer und Kanal (EQ, Dynamik und Effekte). 

Besonders clever gelöst: Schalte ich zwischen beiden Modi um, die wohlgemerkt nicht nur optisch, sondern auch klanglich unterschiedlichen Philosophien folgen, werden die eingestellten Parameter weitestgehend „übernommen“. Praktisch bedeutet das, wenn ich beispielsweise dem Kompressor im Modern-Modus eine sehr lange Release-Zeit verpasse, wird diese Einstellung auch im Vintage-Betrieb übernommen. Da dieser Modus aber nur mit drei Festwert-Tastern arbeitet (Fast, Medium, Slow), wird dann automatisch die Schalterstellung selektiert, die meiner in der Modern-Betriebsart gemachten Einstellung am nächsten kommt.

Unzählige Detailverbesserungen hat die Verwaltung von Presets, Shows und Snapshots erfahren. So wird ständig die aktuelle Einstellung (auf allen Ebenen) automatisch gespeichert, einzelne Kanäle lassen sich beim Laden von Show-Einstellungen exkludieren, und sie können sogar während des laufenden Betriebs geladen werden. Zum Verständnis: Die Einstellungen von Klangmodulen wie Equalizern, Kompressoren und Effekten werden in Presets abgelegt. Snapshots sind vollständige Abbilder des aktuellen Betriebszustandes des gesamten Mischgeschehens. Shows sind eine Art Sammelordner, in dem bis zu 99 Snapshots abgelegt werden können. Man kann der DL-Serie also ohne Übertreibung attestieren, dass sie vollständig Total-Recall-fähig ist. Und das ist natürlich eines der wohl schlagkräftigsten Argumente für das gesamte Konzept, da sich dadurch der Zeitaufwand bis die Mischung steht dramatisch verkürzen lässt. Ja, es sind sogar weitaus dramatischere Wechsel im Klanggeschehen möglich, als man sie mit einem analogen Mischpult jemals realisieren könnte. Da das Umschalten zwischen Szenen ohne hörbare Aussetzer erfolgt, sind sogar Mischungswechsel innerhalb eines Songs realisierbar („Und dann bitte erst im Refrain den Hall aufmachen, dabei aber die Lead-Stimme in der Frequenz ein bisschen ausdünnen, damit das zusammen mit den Background-Vocals nicht so zusuppt ...“).

Gerade für die Festinstallation hilfreich, kann man jetzt Einstellungen via PIN-Code vor unbefugtem Verstellen schützen und das sogar äußerst fein skalierbar. Das reicht von Einzelkanälen über DSP-Effekte bis zur Preset- und Show-Verwaltung. Optimal, wenn man beispielsweise mit einem vom Ordnungsamt verordneten Limiter arbeiten muss und der Masterfader nicht verstellt werden darf. Oder wenn man bei Festinstallationen im Konferenzbereich den akribisch justierten Summen-Equalizer vor unbefugtem Rumgewurschtel verbergen will.

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