Test
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15.01.2014

Praxis

Dass mir die überdeutlich zur Schau gestellte Röhre im Lewitt LCT 940 nicht sonderlich zusagt, habe ich wohl explizit genug dargestellt. Das ist aber Geschmackssache. Weniger Geschmackssache sind einige andere Eigenschaften, die mich nicht wirklich begeistern. Es mag zwar eine Besonderheit sein, dass es ein “automatisches Pad” gibt, doch halte ich im Studio die Nützlichkeit für nicht sonderlich hoch. Ein Schalten während des Betriebs ist natürlich zu verhindern, jeder vernünftige Workflow beginnt mit vernünftigem Einpegeln, einem im Zweifel etwas größeren Headroom und setzt voraus, dass Einzelsignale auf Peaks überprüft werden. Dass das Netzteil zu hohe Pegel anzeigt, ist wiederum sinnvoll, beides ist zumindest kein Schaden. Man hat aber eher das Gefühl, dass die Auto-Pad-Funktion integriert wurde, weil es sich (als “Unique Selling Point”) marketingtechnisch gut macht und eben machbar ist. Genauso scheint die Lock-Funktion ihren Weg von der Konzeptionierung in das fertige Produkt gefunden zu haben – “weil es eben geht”. Ich bin mir wirklich nicht sicher, ob die Welt genau darauf gewartet hat. Kann es sein, dass man aus Versehen in der laufenden Aufnahme an ein Bedienelement am Netzteil kommt? Pfuscht vielleicht der Sänger an den Settings herum und soll als “Unbefugter” daran gehindert werden? Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht… Ich hätte das reine Vorhandensein beider genannten Funktionen auch nicht so kritisiert, wenn man darüber informiert werden würde. Es wird schließlich vorkommen, dass Personen das 940 einsetzen, die vorher nicht das Manual gelesen haben – wer aus Versehen eine der beiden Features aktiviert, wird sich unnötig wundern. Das passiert möglicherweise deswegen sogar häufiger als geplant, da die haptische Rückmeldung aller Schaltfunktionen nicht gerade herausragend gut ist – Stichwort “Druckpunkt”.

Baut man das Lewitt auf und nimmt es in Betrieb, fällt ein leises Sirren aus dem Inneren des Speiseteils auf, nicht laut, nichts Wildes, aber es ist da. Zwei gute Nachrichten: a) Es ist absolut nichts davon im Audiopfad zu finden und b) weiß man das bei Lewitt und wird dies wohl in Kürze behoben haben. 

Klanglich zeigt sich das Großmembranmikrofon – im FET-Modus und auf Niere gestellt – von der modernen Seite, wirkt auf den ersten Blick clean und unaufgeregt. Es liefert ein rauscharmes, störungsfreies Signal mit einem nicht enden wollenden Spektrum nach oben und unten, schnell und transparent, knackig und trocken im Bass, frei von jeglichen Merkwürdigkeiten oder Eigenschaften, an denen man sich stoßen könnte. Dadurch macht es nicht nur bei der Abnahme von Vocals einen guten Job, sondern lässt sich als universelles Mikrofon mit wohl einem Großteil der Aufgaben eines Großmembran-Kondensatormikrofons im Studio betrauen. Blickt man auf die Ausstattungsseite, ist genau das vom Hersteller auch so gedacht. Andererseit bedeutet diese Vielseitigkeit, dass das 940 nicht gerade vor Charakter sprüht: Manchmal benötig man ein Signal mit etwas mehr Eigenständigkeit, Mojo, ja sogar Kauzigkeit. Aber man kann schließlich nicht alles haben – oder doch? Vielleicht bewirkt ein Drehen am FET-/Tube-Rad ja Wunder! 

Nun, es bewirkt etwas, doch Wunder sind das nicht. Wie zu erwarten, wird das Mikrofonsignal mit zunehmendem Anteil der Röhrenschaltung reicher und dicker, “verfettet” zwar etwas, “verklebt” aber keineswegs. Die auffälligsten Veränderungen geschehen bei starken Pegeländerungen, bei den Gesangsfiles also vor allem auf die S- und T-Laute achten! Was aber viel wichtiger ist: Die Addierung zweier Schaltungen sorgt entgegen der Befürchtungen, die man vielleicht hegt, überhaupt nicht für Probleme. Ich konnte im Test in keiner Position Phasenprobleme, Verschmierungen oder gar Löcher ausmachen! Sicher kann man sich wünschen, dass die Röhrenschaltung eine deutlichere, kräftigere Farbe ins Spiel bringt, doch dadurch wären die Einsatzmöglichkeiten des Lewitts wiederum weitaus beschränkter. Allerdings bleibt der “Aha”-Effekt für manchen User möglicherweise aus, wenn er am vermeintlichen Wunderrad dreht. 

Das generell ordentliche dynamische Verhalten wird besonders im Röhrenbetrieb für meinen Geschmack etwas rabiat gedeckelt: Ab einem gewissen Pegel hat man das Gefühl, das Signal “gegen die Wand laufen zu lassen”, es limitiert, verliert Luftigkeit, wird gedrungen und kompakt. Das kann natürlich in der Produktion gewünscht sein, doch sind weichere Verläufe einfacher zu handhaben – und Verdichtung ist üblicherweise eine Aufgabe für den Mixdown.

Bei Lewitt weiss man sicherlich, was die am häufigsten genutzte Richtcharakteristik ist: Es ist die Niere. Und wie bei vielen umschaltbaren Mikrofonen ist es auch die Niere, für die offenbar das Mikrofon optimiert wurde. Auffällig sind die oberen Mitten und Höhen, denn diese klingen im Cardioid natürlicher als wenn die rückseitige Membran ins Spiel kommt. Hier ist ein deutliches Shifting zu bemerken, ja sogar eine deutliche Farbe, das Signal wird etwas hohler. Nun ist es verständlich, dass es sehr schwer in der Herstellung eines Mikrofons ist, verschiedene Richtcharakteristika und Schaltungstopologien unter einen Hut zu bringen. Abseits der Hauptaufsprechrichtung bietet das LCT 940 sehr unterschiedliche Charakteristika, was Fluch und Segen zugleich ist – in Abhängigkeit von Tube-/FET-Blend und Richtcharakteristik ergibt sich mit dem Einsprechwinkel ein durchaus breites Band an verschiedenen Klangeigenschaften, nur gut vorhersehbar erscheint das nicht. 

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