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Test
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05.07.2018

iZotope VocalSynth 2 Test

Vocoder-Plug-in der Extreme

5 Stimmverfremder und 7 Effekte für den Sounddesign-Himmel

Neben dem momentan omnipräsenten Einsatz von Auto-Tune hat auch der Vocoder die Musikgeschichte tief geprägt. Gerade in den 70ern gab es im Psychedelic-Rock und im Disco unzählige Produktionen, die den Sound um die außerirdisch klingende Stimmverfremdung feierten. In den 80ern kamen die Talkbox und einige digitale Stimmverfremder hinzu, der Sound des Vocoders ist jedoch ähnlich des Wah-Wah-Effekts eng mit dem Vintage-Sound der 70er verbunden. 

VocalSynth 2 schlägt eine Brücke zwischen Vintage-Sound und modernen Technologien, indem es fünf verschiedene Stimmverfremdungs-Engines kombiniert, vier davon basieren auf bekannten Stimmeffekten: Vocoder, Compuvox, Talkbox und Polyvox. Hat man also Ambitionen, beispielsweise dem Daft-Punk-Sound nachzueifern, ist ein Plug-in wie VocalSynth 2 genau der richtige Ansatz.

Details

VocalSynth 2 kommt nach dem Erstling nun gute zwei Jahre später auf den Markt und treibt iZotopes Weg voran, den sie mit Neutron und Ozone 8 bereits eingeschlagen haben: hypermoderne, modulare Oberfläche mit einer Mischung aus aktuellen und nach Vintage klingenden Technologien unter der Haube. 

Carrier me home

Die Funktionsweise eines Vocoders haben wir bereits in einigen Vocoder-Tests detailliert erklärt, wichtig für diesen Effekt ist immer, dass er zwei Signale – ein Träger (Carrier)- und ein Modulationssignal – braucht, um zu funktionieren. 

Tipp: Egal, welches Signal ihr als Modulator nehmt – das auf der Spur selbst, andere Vocal- oder Drum-Aufnahmen: Um die bestmöglichen Resultate aus einem Vocoder zu bekommen, empfiehlt es sich beim Signal erst ein Noise Gate gegen Störgeräusche und dann einen kräftig zupackenden Kompressor einzusetzen. So stellt ihr sicher, dass keine Knackser den Vocoder stören und trotzdem jedes Wort und jede Silbe gut zu verstehen sind.

Was ist neu?

Im Vergleich zur Vorgängerversion hat sich einiges getan. So ist ein neues Modul zu Vocoder, Compuvox, Talkbox und Polyvox dazugekommen: Biovox. iZotope spricht hier etwas wolkig von Artikulationssynthese. Dazu später mehr. Weiterhin ist es nun bei jedem der fünf Module möglich, in Detailansichten die jeweiligen Synthese-Einstellungen nebst individuellen Panning- und Filter-Settings vorzunehmen.

Auffälligste grafische Veränderung: die Visualisierung der fünf Module in der Mitte des Plug-ins. Der Hersteller nennt dieses pflanzenartig aussehende Feld nicht ganz unpassend „Anemone“. Je nachdem, welche der fünf Stimm-Engines aktiv sind, sieht man sie aktiv bei der Arbeit und kann ihren Anteil am Gesamteffekt an einem farblich passendenden Blatt auch bestimmen.

Insgesamt sieben Effekte sind es jetzt, Chorus und Ring Mod sind dazugekommen, der Shred-Effekt ist überarbeitet worden. Unverändert dabei sind der Verzerrer Distort, die Amp-Simulation Transform, ein Filter-Modul und ein Delay-Effekt. Weiterhin ist es nun möglich, durch schlichtes Drag & Drop die Reihenfolge der Effekte zu verändern.

Kleinere Veränderungen sind ein verbessertes Pitch-Tracking, CPU-Optimierung und die Einbindung von VocalSynth 2 in die schon aus Ozone 8 und Neutron 2 bekannte Inter-Plug-in-Kommunikation. Ist das Plug-in auf einer Spur geladen, taucht es als einzelnes Modul im Visual Mixer von Neutron 2 auf. Ebenso lässt es sich in Neutrons Masking-EQ und in der Tonal Balance von Ozone 8 als Vergleichsspur einbinden. 

Einige kleinere Veränderungen haben iZotope scheinbar auch aus dem User-Feedback zur ersten Version vorgenommen. So verändert sich die bei der Pitch-Correction eingestellte Tonart nicht mehr, wenn man ein neues Preset lädt. Außerdem ist nun beim Umschalten zwischen Auto-, Midi- und Sidechain-Modus sehr vorbildlich eine jeweilige Anleitung eingeblendet, wie das Ganze in der eigenen DAW (wird automatisch erkannt) zu routen ist. 

Family GUI

Wer die Bedienoberfläche von Neutron 2 und Ozone 8 mochte, wird sich bei VocalSynth 2 gleich zurechtfinden. iZotope sind ganz offensichtlich dabei, ähnlich wie Native Instruments bei neuen Plug-ins eine zunehmend vereinheitlichte Oberfläche einzuführen. konsequenterweise sind wie bei den erwähnten Plug-ins auch bei VocalSynth 2 alle zwölf Module durch einen Klick auf den kleinen Kreis ein- und ausschaltbar.

Zum Einstieg gibt es, bevor man sich in den zahlreichen Detail-Einstellungen verliert, insgesamt fast 180 Presets, die wiederum auf zwei der Modi (Auto-Mode und MIDI-Mode) in VS2 aufgeteilt sind. Für dem Sidechain-Mode gibt es keine eigenen Presets, da die Oszillatoren der Engines in diesem Modus nicht zur Geltung kommen, hier greift man auf die Presets der beiden anderen Modes zurück. Darunter gibt es dann mehr oder weniger bezeichnende Kategorien wie „Lush“, „Classic“ oder „Monstrous“. Sie bieten bereits einen hervorragend klingenden Ausgangspunkt. 

Wie bereits beim Vorgänger gibt es bei VocalSynth 2 drei Funktionsmodi. Im Auto-Mode ist die Audioquelle auf der Spur gleichzeitig Carrier und Modulator. Im MIDI-Mode braucht es immer neben der Spur mit dem Audiomaterial eine MIDI-Spur. Das Audiosignal wird auf seiner eigenen Spur gemutet, per Sidechain in VocalSynth 2 eingespeist und ist nur dann zu hören, wenn auch MIDI-Noten abgespielt werden. 

Der Sidechain-Modus entnimmt einer zweiten Audioquelle das Steuersignal, jagt es durch die jeweils aktiven Modulations-Engines von VocalSynth 2 und verändert das Trägersignal entsprechend. Die Tonhöhe des ausgespielten Trägersignals wird nicht durch die internen Oszillatoren oder MIDI-Noten, sondern durch das Audiomaterial der Sidechain-Quelle bestimmt. Daher sind die Oszillatoren der Engines wie auch das Polyvox-Modul in diesem Modus deaktiviert. 

  1. Biovox. Hier wird vor allem in der Detailansicht (Symbol mit drei kleinen Fadern an der rechten Ecke) klar, was mit Artikulationssynthese gemeint sein könnte. Ähnlich zu einem Formantfilter hat man hier die Möglichkeit, über ein X/Y-Pad einzelne Vokale der Modulationsquelle zu modulieren.
  2. Vocoder. Erzeugt gerade im MIDI-Mode mit einigen eingespielten Akkorden den klassischen Vocoder-Sound. Es gibt drei verschiedene Modi, „Smooth“, „Vintage“ und „Hard“, die sich, wie in der Detailansicht dann zu sehen ist, vor allem durch die Anzahl der Frequenzbänder unterscheiden, die das Signal auslesen. 
  3. Compuvox. Etwas kryptisch sind die Regler hier „Bits“, „Bytes“ und „Bats“ und die Modi „Math“, „Spell“ und „Read“ genannt worden. Der Sound erinnert stark an frühe „Text-to-Speech“-Experimente, wie man sie von Radioheads „Fitter Happier“ kennt. 
  4. Talkbox. Auch hier gibt es wieder drei Modi, „Dark“, „Classic“ und „Bright“ und einige modulspezifische Regler. Den Sound kennt man von einigen Peter-Frampton-Songs. 
  5. Polyvox. Ähnlich zu Live-Effekten wie das TC-Helion VoiceLive werden hier je nach Einstellung im Bereich „Voicing“ bis zu drei weitere Stimmen in verschiedenen Tonhöhen zum Trägersignal hinzugefügt. Bei Polyvox gibt es die wenigsten Detaileinstellungen, nur das Panning und die Filterung des Moduls lassen sich verändern. 

Im direkten Vergleich der 5 Engines könnt ihr jeweils hören welcher Teil des Gesangs wie verfremdet wird. Wer die Effekte direkt nachvollziehen können möchte: Als Vocal-Loop habe ich „Fynn Lyric 09“ aus der Logic Loop Library ausgewählt.

Die bei jedem Modul – den 5 Engines und 7 Effekten - vorhandenen Dry/Wet-Regler (neben einem globalen in der Mitte) bieten eine erste Möglichkeit, sich schnell mit dem Variantenreichtum von VocalSynth 2 vertraut zu machen. Egal welchen Modus ihr nehmt, habt ihr ein Preset ausgewählt, könnt ihr bei jedem aktiven Modul über den jeweiligen Regler den Anteil bestimmen und so ganz schnell, ohne euch in den Detailansichten zu verlieren, den Sound verändern.

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