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Feature
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04.11.2017

Interview und Feature: Dirk Erchingers Drumtrainer Online

Die Berliner Schlagzeugschule und ihre Online-Kurse

Ein Gespräch mit dem Cheftrainer

Viele junge Musiker, die ihr Handwerk professionell ausüben wollen, stehen nach der Schule vor der Frage, für welchen Weg sie sich entscheiden sollen. Klassische Schlagwerker und Jazzdrummer können sich im wahrsten Sinne des Wortes um die wenigen verfügbaren Plätze an deutschen Hochschulen „kloppen“. Wesentlich reichhaltiger ist mittlerweile das Angebot für Schlagzeuger, die sich in keinem der genannten Felder, sondern im weitläufigen Bereich der Popularmusik zuhause fühlen und eine strukturierte Ausbildung suchen. 

In Berlin gibt es seit fast einem Jahrzehnt Dirk Erchingers Drumtrainer. Hier bekommen junge Trommlerinnen und Trommler in einem einjährigen Intensivkurs umfassenden Input zu allen wichtigen Themen im Leben eines Profidrummers. Durch den Standort in der (Musik-)Hauptstadt kommen regelmäßig nationale und internationale Topdrummer vorbei, um Workshops oder Unterricht zu erteilen. Damit hiervon nicht nur die Teilnehmer der Berliner Schule profitieren können, gibt es seit diesem Jahr das Web-Portal „Drumtrainer Online“. Wir sprachen mit Dirk über den Drumtrainer, die Online Workshops und seinen Werdegang.

Hallo Dirk, vielen bist du durch den Drumtrainer in Berlin bekannt. Erzähl uns doch erstmal ein bisschen mehr von Dir!

Ich bin in Hannover geboren und habe dort und in Braunschweig lange gelebt. In der Zeit war ich viel mit Jazzkantine und Count Basic unterwegs. Am Percussion Institute of Technology in Los Angeles habe ich ein knappes Jahr viel gelernt und immens viel geübt und dann 1990 den Popkurs in Hamburg gemacht.  Auf ein Studium mit vielen Kursen, die teilweise auch nur sehr entfernt etwas mit Musik zu tun haben, über mehrere Jahre hatte ich damals einfach keine Lust und wollte lieber trommeln. Eigentlich wollte ich nach Los Angeles ziehen, bin dann aber 2003 in Berlin gelandet. Deshalb ist das Profitraining am Drumtrainer auch mit einem Jahr so schön kompakt.

Was genau ist der Drumtrainer?

2008 habe ich in Berlin die Schlagzeugschule „Drumtrainer“ aufgemacht, an der man neben einzelnen Unterrichtsstunden für groß und klein auch ein einjähriges oder zweijähriges Profitraining machen kann. Dort bieten wir Schlagzeug- und Percussionunterricht an und beschäftigen uns zudem mit Drum-Elektronik, Marching Drums, Tuning und den Anforderungen beim Trommeln im Studio. Zudem gibt es Coaching zur Bandarbeit, Selbstmarketing und Kurse zur Musiktheorie und Gehörbildung. Seit Jahren arbeite ich daran, eine staatliche Anerkennung für den Abschluss zu bekommen. Nun sind wir endlich soweit, ein Zertifikatsstudiengang in Zusammenarbeit mit der Hochschule der populären Künste anbieten zu können, der auch mit Credit Points unterlegt ist, die bei weiterführenden Studiengängen angerechnet werden. Das war wirklich viel Arbeit und ein langer Weg.

Wie viele Absolventen haben denn mittlerweile das Profitraining durchlaufen?

Mittlerweile sind es beim Profitraining über 100 Absolventen. An der Musikschule für Kinder und Jugendliche lernen 140 Schülerinnen und Schüler. Schön ist, dass auch nach dem Besuch der Musikschule schon vier Schlagzeuger das Profitraining absolviert haben und andere an verschiedenen Hochschulen studiert haben. Auch die Dozenten des „Drumtrainer Junior“ sind bis auf eine Ausnahme alles Absolventen des Profitrainings.

Bleibt bei so viel Arbeit als Dozent und der ganzen Administration noch Zeit für Konzerte und Touren?

Eigentlich kaum noch. Ich bin 2010 aus der „Jazzkantine“ ausgetreten, weil ich zu diesem Zeitpunkt auch noch einen Lehrauftrag an der Hochschule bekam. Die Studenten des Musikproduktions-Studiengangs können dort Schlagzeug als Hauptfach belegen. Früher habe ich dort auch noch Audiodesign unterrichtet. Das können die meisten Studenten aber mittlerweile besser. Damals habe ich auch noch in verschiedenen Gala-Bands und mit der Drum-Connection gespielt, aber mit einer Familie mit vier Kindern war das alles nicht mehr unter einen Hut zu bekommen. Mittlerweile habe ich nur noch meine Band „Count Basic“, mit der wir aber eigentlich nur noch einmal im Jahr spielen. (lacht) Ab und zu spiele ich mit der Drumtrainer Marching Band und den Drum Circles bei Firmenveranstaltungen oder mache Teambuilding-Workshops. Das läuft mittlerweile ganz gut, die Studenten am Drumtrainer finden das auch gut, weil ich sie mitnehme und sie dort Geld verdienen.

Was ist die Idee hinter Drumtrainer Online?

Nachdem der Drumtrainer gut anlief, habe ich schon länger über ein Online-Angebot nachgedacht. Ein Wiener Unternehmenscoach hat mich dann darauf angesprochen und dann wusste ich, dass ich es einfach machen musste. Mittlerweile ist die Technik soweit, dass man das Material auf einem qualitativ hohen Niveau anbieten kann. Früher hat mir dazu die Zeit gefehlt, jetzt fokussiere ich mich aber mit einem Partner, der für das Webdesign und Marketing zuständig ist, sehr auf die Sache. Ich habe dieses Jahr damit angefangen und viel Zeit und Arbeit investiert, damit zum Start im Juni auch genügend Content verfügbar war. Ich wollte auch nicht den identischen Inhalt wie andere Anbieter präsentieren. Ich sehe das nicht als Konkurrenz zu Plattformen wie OnlineLessons.tv von Florian Alexandru Zorn oder DRUMEO aus Kanada, sondern als logisches Add On zur Drumtrainer-Schule. Wir bieten eine Mitgliedschaft an, die derzeit bei sieben Euro pro Monat beziehungsweise 70 Euro im Jahr liegt, mit der man die Workshops und Lessons beziehen kann.

Weiterführende Kurse für spezielle Interessen kann man dann auf Wunsch dazu kaufen. Aber der Großteil unserer Kurse, auch die unserer vielen Stargäste sind in der Mitgliedschaft enthalten. Wir haben das deshalb so aufgeteilt, weil man ja davon ausgehen kann, dass Drummer, die sich für Metal Drumming interessieren, nicht unbedingt bei Jazz Drumming in die Tiefe gehen wollen. Natürlich gibt es Trommler wie Marco Minnemann oder Vinnie Colaiuta, die wirklich alles können, aber oft fühlen sich die Schüler vom Lehrangebot regelrecht erschlagen. Mit dem Modell der individuellen Aufbaukurse kann jeder intensiver an dem jeweiligen Stil arbeiten und sich darauf spezialisieren. Selbst Keith Carlock, der ja wirklich ein unglaublicher Trommler ist, meinte, dass er Metal und Double Bass einfach nicht spielen kann. Ich glaube, man muss sich irgendwann spezialisieren. Deshalb war es mir auch wichtig, völlig unterschiedliche Drummer zu verpflichten. Momentan probieren wir dieses Modell aus. Vielleicht ist das Feedback der Nutzer auch, dass sie lieber eine Flatrate auf alle Inhalte haben und dafür generell den etwas höheren Mitgliedsbeitrag bezahlen wollen, aber momentan bekommt man für sieben Euro schon ein wirklich breites Angebot. Jeder Unternehmenscoach würde mir sicherlich davon abraten, so viel für einen so geringen Preis zur Verfügung zu stellen, aber ich möchte dieses Angebot ausprobieren. 

Die Dozenten, die weiterführende Kurse anbieten, werden an den Verkäufen beteiligt und sind deshalb auch an aufbauenden Kursen interessiert, bei denen sie mehr ins Detail gehen und weitere Übekonzepte erklären können. Aber um das nochmals klarzustellen: Ungefähr 90% der Kurse, und vor allem die Kurse unserer Star Gäste, sind in der Mitgliedschaft enthalten. Niemand muss Angst haben, dass er erst eine Mitgliedschaft bezahlt und dann bei jedem weiteren Kurs zur Kasse gebeten wird.

Man sollte aber generell wissen, dass diese ganzen Inhalte eher Input sind und keinen Lehrer ersetzen, der persönlich auf den Schüler eingeht, genau analysieren kann, an welchen Stellen es noch nicht gut klingt und wie man zum Ziel kommt. Am allerwichtigsten ist es aber, dass man mit vielen verschiedenen Leuten spielt und sich Konzerte anguckt und nicht nur im Übungsraum zu Songs spielt.

Machst du die komplette Produktion der Inhalte mit Film und Sound selbst?

Nein. Das Sessions mache ich zusammen mit Simeon Cöster, dem Schlagzeuger der Band „Isolation Berlin“, der ein total fitter Audio-Engineer ist. Er betreut auch das Video Setup und hat mir viel eingerichtet, sodass wir einen beständigen Look haben und das aus vielen Perspektiven filmen können. Meinen eigenen Kurse nehme ich aber alleine auf. 2003 habe ich mir ein Studio eingerichtet und 2008 den Service „Drums by request“ aufgemacht. Dort habe ich für viele Künstler, von Thomas Anders bis zu Metal Bands, Drums eingespielt, die mir ihre Songs geschickt haben und ihren programmierten Drums durch echtes Schlagzeug ersetzen lassen wollten. Irgendwann wurde mir der recht umfangreiche technische Aufwand zu viel. Mir war das im Verhältnis zum Verdienst wirklich zu anstrengend. Alle diese Aufnahmen habe ich meinem kleinen Kreuzberger Studio gemacht und heute filmen wir dort die Inhalte für Drumtrainer Online. Es ist witzig, immer wenn Leute herkommen, fragen sie verwundet „Was? Hier machst du das?“ (lacht)

Kennst du alle Dozenten schon länger oder kontaktierst du sie extra dafür?

Einige kenne ich natürlich, ansonsten gucke ich immer, wer gerade in Berlin spielt oder frage meine Studenten nach Empfehlungen. So kam der Workshop mit Nate Smith zustande, den ich einfach angeschrieben habe, als er in Berlin war. Yamaha hat mich auch beispielsweise wegen Tommy Aldridge angefragt. Ich möchte aber auch deutsche Trommler dabei haben. Gerade in der Weltstadt Berlin tummeln sich so viele interessante Musiker, die eben nicht den Fokus durch Endorsements und Workshop-Tourneen auf sich ziehen. Matthias Pröllochs von der Band „Me and My Drummer“ ist zum Beispiel so ein Schlagzeuger, den ich sehr interessant finde, der aber nicht in den Drum-Magazinen stattfindet und den deshalb viele nicht kennen. Wir er spielt, ist sehr kreativ. Mir geht es ja beim Profitraining auch darum, den Schülern zu zeigen, wie Trommeln zum Beruf werden kann. Das benötigt einerseits eine gute Grundlage, aber andererseits geht es auch darum, einfach seine Nische zu finden und sich damit wertvoll zu machen. Man muss kein Alleskönner sein.

Gibst du den Dozenten vor, worüber sie in ihren Kursen sprechen sollen?

Nicht wirklich. Ich sage schon, was mich interessiert oder was andere spannend finden würden und frage das auch im Gespräch vor der Kamera. Im Großen und Ganzen lasse ich sie aber ihr Ding machen. Keith Carlock hatte zum Beispiel Lust, etwas über Shuffles zu machen und hat das extrem gut umgesetzt.

Wie war das denn damals bei Dir?

Ich war nie ein Überflieger. Ich konnte gut trommeln und war relativ jung. Ich hatte Bock auf Schlagzeugspielen, war fleißig und wollte einfach nichts anderes machen. Eine Karriere als Drummer kann so vielseitig sein. Es gibt ja nicht nur die Bühne und Tourneen als Betätigungsfeld. Ich selbst unterrichte, veranstalte Events und spiele auf denen oder lade Drummer zu Workshops ein, ich schreibe Musik und profitiere von den Gema-Einnahmen und wenn ich Songs aufnehme bekomme ich eine Gage. Es gibt also unzählige Möglichkeiten und auf die weisen die Dozenten oder ich auch hin, um das gesamte Spektrum zu veranschaulichen. Wichtig ist mir also sowohl bei den Dozenten am Drumtrainer, als auch bei den Online Kursen, dass das Leute sind, die wirklich im Geschäft sind und wissen, worum es geht. Wir wollen den Leuten viel Input geben, aber es liegt natürlich letztlich an ihnen, was sie sich da herausziehen und wie sie sich spezialisieren. Ich finde es oft interessant, dass Leute, von denen man das anfangs nicht unbedingt gedacht hätte, plötzlich Ihr eigenes Ding durchziehen und vom Trommeln und Unterrichten leben können und damit ihr Glück finden.

Vielen Dank für's Gespräch!

Link zum Drumtrainer Webangebot: www.drumtrainer.online

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