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Test
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21.10.2009

Installation und Autorisierung
Miroslav Philharmonik verlangt nach ungefähr 7GB freiem Festplatten-Platz für die Sampledaten. Verglichen mit den meisten aktuellen Librarys zeigt sich diese also erfreulich sparsam. Außerdem kann IK Multimedia die Software so auch als Download im Web-Shop anbieten. Hätte man mir vor 15 Jahren erzählt, dass wir uns eines Tages Samples mit einem Umfang von 7GB einfach so aus dem Netz ziehen würden – ich hätte ihn wohl für verrückt erklärt. Aber dass sich seit dem Erscheinen der Originalversion der Miroslav Vitous Symphonic Library technisch so einiges getan hat, haben wir ja bereits festgestellt ... Hat man alles heruntergeladen oder sich die Box-Version im Laden besorgt, geht es an die Installation. Hier gibt es keine Überraschungen. Plug-In installieren, Speicherort für die Samples festlegen, warten, fertig. Die einzelnen Bestandteile der Library wie String Ensembles, Solo Instruments und so weiter werden jeweils separat installiert. Also kann man auch nur bestimmte Teile der Sounds installieren, wenn der Speicherplatz knapp ist und man nicht alles benötigt.

Challenge & Response
IK Multimedia hat vor einiger Zeit den zuvor verwendeten USB-Dongle-Kopierschutz zugunsten des Challenge-and-Response-Verfahrens aufgegeben. Zur Autorisierung muss man die Seriennummer und eine computerabhängige Digital-ID auf der Website von IK Multimedia eingeben und erhält dann einen Autorisierungscode. Das funktioniert reibungslos und schnell. Nach der Installation steht Miroslav Philharmonik als Stand-alone-Anwendung und als VST-, RTAS- und AU-Plugin zur Verfügung.


Parent Preset, Child Preset und Combi
Ein „Preset“ ist im IK-Multimedia-Jargon ein Einzelsound. Man tut gut daran, sich durch einen Blick ins Handbuch den Unterschied zwischen „Parent-“ und „Child-Presets“ klar zu machen – ansonsten droht Verwirrung angesichts der zunächst etwas unübersichtlichen Preset-Auswahlliste. Das „Parent-Preset“ enthält einen Grundsound. Hierzu können verschiedene „Child-Presets“ existieren, die denselben Grundsound verwenden und darüber hinaus Feineinstellungen wie beispielsweise die Zuweisung der MIDI-Controller für die Echtzeitsteuerung enthalten kann. Zur Auswahl der Sounds muss man sich relativ umständlich durch die Liste im rechten Bereich des Fensters klicken. Leider ist es nicht möglich, die Samples per Drag & Drop in die Slots zu ziehen. Alternativ stehen über „Load Combi“ auch komplette Zusammenstellungen von Sounds bereit. Auch hier gibt es bereits diverse nützliche Voreinstellungen, die einem in vielen Fällen das mühsame Zusammensuchen der einzelnen Presets ersparen können. Natürlich lassen sich auch User-Combis speichern.


Klangbearbeitung und Effekte
Im unteren Bereich des Players finden sich diverse Regler zur Beeinflussung der Sounds. Neben typischen Synth-Parametern wie Filter, LFOs und Hüllkurven (deren Verwendung bei Orchestersamples wohlüberlegt sein wollen, um nichts zu verschlimmbessern), stehen unter „Macro“ auch einige Library-spezifische Parameter bereit. Je nach Sound kann hier beispielsweise detailliert der Startpunkt der Samples gesteuert werden, um ihnen ein realistischeres Einschwingverhalten zu geben oder sie an das Tempo des Spiels anzupassen. 

 

Rechts unten bietet der Player darüber hinaus einige Effekte an, von denen jeweils bis zu vier für jeden Slot ausgewählt werden können. Die Palette reicht von einem Dreiband-EQ mit halbparametrischen Mitten, der mit einem einfachen Kompressor kombiniert ist, über Reverb und verschiedene Modulationseffekte bis hin zu Distortion und anderen Spezialeffekten, die höchstens in ausgesprochen avantgardistischen Orchesterkompositionen zum Einsatz kommen dürften. Die Effekte stammen zum Teil aus anderen IK-Multimedia-Produkten wie CSR, T-Racks und Amplitube und klingen sehr brauchbar.

 

Keyswitches? Leider nein

Was der ansonsten ordentlich ausgestattete Player schmerzlich vermissen lässt, ist eine Möglichkeit, zwischen verschiedenen Spielweisen der Instrumente per Keyswitch umzuschalten. Dieses ist aus meiner Sicht ein gravierendes Manko gegenüber anderen aktuellen Librarys, da es das Einspielen und vor allem den Live-Einsatz sehr umständlich macht. Wo man in anderen Librarys zum Beispiel einfach per Keyswitch zu Staccato-Samples wechseln kann, muss man in Miroslav Philharmonik die unterschiedlichen Artikulationen ganz klassisch auf verschiedene MIDI-Kanäle legen und die Noten im Sequenzer umständlich editieren. In einem normalen Studio-Setup, in dem das Masterkeyboard in der Regel nur auf einem MIDI-Kanal sendet, ist das ausgesprochen unpraktisch und zeitraubend. Alternativ bietet sich die Möglichkeit an, sich aus verschiedenen Artikulationen Split-Setups zu basteln – auch das ist umständlich und vor allem bei Instrumenten mit großem Tonumfang auch nicht wirklich praktikabel.

 

Erweiterung der ursprünglichen Library und nun in 24bit!

Miroslav Philharmonik enthält sämtliche Samples der ursprünglichen Miroslav Vitous Symphonic Library sowie umfangreiche Erweiterungen, die in der Original-Library wohl aus Gründen des Speicherplatzmangels nicht enthalten waren. Ein weiterer Unterschied: IK Multimedia vertreibt sie im 24bit Format! Im reichhaltigen Fundus finden sich alle traditionellen Orchesterinstrumente, also Streich- und Bläserensembles, Solo- und diverse Percussion-Instrumente. Darüber hinaus sind auch verschiedene Chöre, ein Piano, ein Cembalo und eine Orgel mit an Bord, was diese Library von einigen ihrer Mitbewerber abhebt. Sogar an einige „Nebengeräusche“ wie Atmen und Gespräche der Musiker im Orchestergraben wurde gedacht – eine nette Zugabe. Die Streichensembles liegen zum Teil in unterschiedlichen Größen vor, um realistische Divisi-Passagen zu ermöglichen. So gibt es neben dem großen Violinenensemble mit 23 Spielern auch eines mit elf und eines mit nur vier Geigern, wodurch sich die Möglichkeit eröffnet, das große Ensemble bei Bedarf realistisch in mehrere Einzelstimmen aufzusplitten. Auch in einem Kammerorchester-Kontext machen sich die kleineren Ensembles gut. Leider sind nur die Violinen derartig gut ausgestattet – bei den anderen Instrumenten sucht man vergeblich nach dieser Option. In der Praxis wird man aber in der Regel damit auskommen.

 


Die Instrumente bieten allesamt die gebräuchlichsten Spielweisen wie Sustain, Staccato, Marcato, Pizzicato und andere. Nicht aufwarten kann Miroslav Philharmonik mit technisch anspruchsvollen Details wie den aus der Vienna Symphonic Library bekannten Intervall-Performances. Um eine halbwegs naturnahe Legato-Performance zu erhalten, muss man also etwas in die Trickkiste greifen und sich genauer mit dem Ein- und Ausschwingverhalten der einzelnen Sounds beschäftigen. Verglichen mit den Möglichkeiten einiger anderer aktueller Librarys wird man hiermit jedoch längst nicht so weit kommen.

Velocity Layer
Noch schwerer wiegt allerdings die sehr rudimentäre Ausstattung der Library mit Velocity-Layern. Ein Einzelsound klingt erstmal immer genau gleich, egal wie stark man die Taste anschlägt. Einige Sounds gibt es zwar in Piano- und Forte-Ausführungen und in darauf basierenden „Dynamic Layer“-Kombinationen, aber das ist im Vergleich zur Konkurrenz schon etwas dürftig. Alle weiteren Velocity-abhängigen Echtzeitmöglichkeiten der Engine beziehen sich auf die Synthese-Parameter (Hüllkurven, Filter) und arbeiten nicht mit tatsächlichen Aufnahmen der Instrumente in verschiedenen Intensitäten. Hier wird es langsam haarig, wenn man auf der Suche nach einem wirklich realistischen Orchesterklang ist. So bietet zwar der Player die Möglichkeit, mittels der „Aftertouch Push“-Funktion ein Anschwellen des Sounds bei gleichzeitiger Veränderung des Timbres zu realisieren. Dieses geschieht jedoch durch Beeinflussung des Filters und nicht durch ein Überblenden verschiedener Samples. Die Zeiten, in denen man aus den wenigen Samples, die in den Hardwaresampler passten, mit viel Trickserei einen halbwegs brauchbaren Sound herauskitzeln musste, schienen angesichts der Möglichkeiten vieler anderer aktueller Orchesterlibrarys eigentlich vorbei zu sein. Aufgrund fehlender Velocity-Layer erfordert Miroslav Philharmonik jedoch zum Teil eine ähnliche Bastelei wie man sie vor zehn Jahren gewohnt war, und bleibt dann letztlich in Sachen Klangqualität doch hinter den aufwendiger gesampelten modernen Librarys zurück. Hier lässt die gute alte Miroslav-Library einiges an Federn gegenüber der Konkurrenz.

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