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Test
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02.06.2014

Golden Age Project Comp-54 MKII Test

Hardware-Kompressor

Neve-Verwandter mit hellerem Teint

Bei bonedo im Test: Der Comp-54 MKII von Golden Age Project. Mit mittlerweile zahlreichen Preamps und EQs im Programm können die Schweden von GAP beweisen, dass ihr Konzept von klassischer Class-A-Technik im Budgetformat durchaus aufgeht. Doch ohne Dynamikeinheit ist solch eine Produktpalette nicht komplett!

Es ist kein Geheimnis, dass die Zahl 54 im GAP-Projekt ein Verweis auf den Neve 2254 ist: Um 1970 brachte der britische Designer nicht nur seine Mischpulte mit den legendären Preamp/EQ-Eingangsmodulen auf den Markt, er entwickelte auch eine passende Kompressor-Kassette dazu. Diese hörte auf eben jenen schmucken Namen „2254“, war quadratisch, praktisch – und so gut, dass diese Schaltung heute als Urahn einer ganzen Familie von Kompressoren gesehen werden kann. Selbst der 33609, der noch heute von AMS-Neve gefertigt wird, geht letztlich auf den 2254 zurück. Kenner lieben den Neve-Klassiker für seinen warmen, dicken und eher dunklen Ton. Viele Kompressoren von 1176 bis SSL machen den Sound heller und bringen ihn nach vorne. Der Neve-Comp wird klassischerweise jedoch für das Gegenteil herangezogen. Ist ein sämiges, ruhiges, dunkles Signal gefordert, dann darf der 2254 seine Magie entfalten.

Als Transistorkompressor aus der Pionierzeit dieser Geräteklasse bleibt der Neve-Urahn dabei ein Charaktertyp. Seine Schaltung konnte sich nicht an dem Überfluss an Topologien bedienen, die heute zur Verfügung stehen. Vielmehr musste man damals sehr kreativ mit den technischen Gegebenheiten jonglieren – eine Herausforderung für die Designer, die an diesen Widerständen nur wachsen konnten und auf diese Weise eben die Geräte herstellten, die wohl auch aufgrund dieses erzwungenen Pioniergeistes heute als Legenden gesehen werden.

Details

Diodenbrücke

Das Regelelement des 2254 arbeitet auf Basis einer sogenannten Diodenbrücke. Dabei handelt es sich um ein eher exotisches Konzept, das in England in der zweiten Hälfte der 60er-Jahre aber gerne angewendet wurde, auch die EMI-Kompressoren (sowie heute deren Clones von Chandler Ltd.) basieren auf dieser Idee. Es handelt sich dabei um eine Technik, die für bestimmte Schaltfunktionen verwendet wurde und die man sich dann etwas weiterentwickelt auch für die Dynamikbearbeitung zunutze machen konnte. Dieses Prinzip behält auch der GAP Comp-54 bei, der in Class-A-Technik daherkommt und sich ebenfalls auf eine Diodenbrücke verlässt.

Fast alle Parameter gerastert

Auf Seite der Bedienelemente gibt sich sich der Comp-54 konventionell. Sämtliche Parameter zur Dynamikkontrolle arbeiten mit diskreten Schaltstufen, lediglich das Output Gain lässt sich mit einem Poti stufenlos einstellen. Der Threshold-Parameter bietet mit -20 bis +10 dB einen typischen Einstellbereich, mit den Kompressionsraten 1,5:1, 2:1, 3:1, 4:1 und 6:1 lässt sich der Charakter der Kompression im sanften bis durchaus ordentlich zupackenden Bereich anpassen. Die Zeitkonstanten bieten jeweils acht Optionen, wobei der Attackparameter zwischen 0,5 ms und 50 ms recht weit abgestimmt wurde und auch die Releasephase mit 25 ms bis 1,55 s den gesamten sinnvollen Bereich abdeckt, inklusive zweier ungewöhnlich schneller Positionen. Zudem bietet der Comp-54 noch zwei Auto-Release-Varianten, die programmadaptiv reagieren.

Das Key-Signal kann gefiltert werden

Zur weiteren Klangkontrolle lässt sich noch das Sidechain-Filter heranziehen. Dieses greift wahlweise nicht nur bei 50 und 100 Hz als Hochpass, sondern auch als Peaking-Filter bei 7 kHz. Dies erlaubt den Einsatz des Comp-54 auch als De-Esser, da das Gerät mit diesem Filter besonders sensibel in genau jenem Präsenzbereich reagiert, in welchem knallige Konsonanten gerne ein rundes Vocal-Erlebnis zunichte machen: eine eher ungewöhnliche Ergänzung, die das Original so nicht bietet und die auch bei vielen anderen Comps mit eingebautem Sidechain-Filter wünschenswert wäre.

Input-, Output- und Interstage-Übertrager

Ergänzend finden sich auf der Frontplatte noch ein paar Schaltfunktionen, teilweise von LEDs unterstützt: der Betriebsschalter, ein weiterer zur Aktivierung der Link-Funktion für zwei Einheiten, ein Releais-gestützter Bypass sowie die Möglichkeit, das – recht hübsche, beleuchtete – VU-Meter zwischen Pegelreduktion und Ausgangspegel umzuschalten. Dazu gibt es noch einen weiteren Schalter, der lediglich die Kompression deaktiviert, die Schaltkreise des Comp-54 aber im Signalweg belässt. Das ist durchaus sinnvoll, denn auch der GAP-Kompressor sollte sich wie sein Neve-Vorbild durchaus für klangfärbende Aufgaben nutzen lassen, was bei einem Blick auf sein Innenleben schnell offensichtlich wird.

Die mit konventionellen Bauteilen ausgeführte Class-A-Schaltung bietet aufgrund ihrer wesentlichen Merkmale, die sich recht nahe an denen des Ur-2254 orientieren nämlich einiges Potenzial zur Soundverbiegung. Nach dem Eingangsübertrager folgt bereits die Diodenbrücke. Danach durchläuft das Signal einen sogenannten Interstage-Übertrager, in dem auch das Sidechain-Signal abgezweigt wird. Nach einer transistorisierten Ausgangsstufe folgt dann der Ausgangsübertrager – nicht weniger als drei Stück liegen also im Signalweg. Zwar kommen bei dem in Fernost gefertigten Comp-54 ab Werk No-Name-Übertrager zum Einsatz, was Kostengründen geschuldet ist. Wer möchte, kann das Gerät aber mit den Carnhill-Übertragern modifizieren (lassen), die gemeinhin für Neve-Clones höherer Preisklassen verbaut werden, und die auch immer noch – ob nun in einer besonderen Varianten oder nicht – von AMS-Neve eingesetzt werden. Die Platinen sind für diesen Umbau jedenfalls bereits vorbereitet. Abgesehen von dieser offentlichlichen Möglichkeit, Fertigungskosten zu sparen, macht das Gerät rein technisch aber einen guten Eindruck. Das Gehäuse scheint solide, wenngleich es beim Design keine Kapriolen schlägt. Es kommen durchaus ordentliche Bauteile zum Einsatz, sämtliche Buchsen sind mit dem Gehäuse verschraubt. Es ist klar, dass man zu diesem Preis keine Highend-Hardware erwarten darf, aber in rein funktionaler Hinsicht gibt sich der Comp-54 keine Blöße. Das externe Netzteil ist nicht unbedingt schön, aber in dieser Preisklasse muss man es wohl hinnehmen. Sämtliche Audio-Anschlüsse liegen parallel an symmetrisch beschalteten XLR- und TRS-Buchsen an. Laut Hersteller ist die Ausgangsstufe kräftig genug, um auch zwei Geräte mit Signalen zu versorgen, so dass man den Comp-54 auch als Signalsplitter einsetzen können sollte. Der 600-Ohm-Schalter dient der Anpassung an „moderne“ oder „Vintage“-Standards bei der Ausführung der Ein-/Ausgangsstufen von Geräten. Originalgetreu ausgeführt „erwartet“ der Ausgangsübertrager eine Last von 600 Ohm, was bei vielen modernen Geräten mit Eingangsimpedanzen im Kiloohm-Bereich zu Fehlanpassungen führen kann. Normalerweise sollte man diesen Schalter also eingeschaltet lassen, man kann ihn aber auch als potenziell interessante Klangvariation nutzen: Im Gegensatz zu Verstärkerendstufen und Lautsprecherboxen kann hier nichts kaputt gehen, im Höchstfall bekommt der Sound eine leicht andere Note.

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