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Test
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29.01.2013

Chandler Ltd. Germ 500 MkII Test

API 500 Mikrofonvorverstärker

Eingedampfter Germanium-Preamp

Als vor einigen Jahren die 19“-Version des Germanium-Preamps auf den Markt kam, war dies das erste komplett eigenständig entwickelte Chandler-Produkt. Nichtsdestotrotz präsentiert sich der Vorverstärker äußerst ausgereift – und das hat zahlreiche Gründe. Als der Germanium-Pre entwickelt wurde, konnte der Hersteller aus dem amerikanischen Shell Rock (Iowa) schon auf viele, viele Jahre Erfahrung im Umgang mit analoger Schaltungstechnik zurückblicken. Die hauseigenen Neve-Clones der LTD-Serie behaupteten sich gut gegen die zahlreich vertretene Konkurrenz, die TG-Serie bleibt bis heute ein echtes Alleinstellungsmerkmal des Herstellers. Diese Geräte, in Kooperation mit dem Abbey Road entwickelt, orientieren sich an alten EMI-Designs aus den 60er-Jahren, und dieses zu Recht hochgelobte Equipment hat bis heute kein anderer Anbieter im Programm.

Sowohl die Neve- als auch die EMI-TG-Geräte aus den späten 60er-Jahren sind auf Basis der gleichen Schaltungstopologien aufgebaut. Es handelt sich durch die Bank um transistorisierte Class-A-Technik, diskret aufgebaut und mit Audio-Übertragern symmetriert. Kurzum: ganz so, wie sich das für klassisches Transistor-Studioequipment gehört. Auch der Germanium-Preamp macht hier keine Ausnahme.

Seinen Namen hat der Preamp aufgrund der Transistoren erhalten, die in seinem Inneren ihren Dienst verrichten. Während seit etwa 1970 praktisch ausschließlich noch solche aus Silizium ge- und verbaut werden, galten in  den 60ern zunächst Bauteile aus Germanium als das Maß aller Dinge. Transistoren aus Silizium sind technisch insofern hochwertiger, als dass sie (temperatur-)stabiler laufen, sie haben in vielen Aspekten bessere elektrische Eigenschaften und lassen sich leichter fertigen. Dennoch haben Germanium-Transistoren einen gewissen Charme – vor allem immer dann, wenn es um einen nichtlinearen Betrieb der Schaltung geht, diese also verzerren darf. Nicht zuletzt zieht das unter Gitarristen legendäre Dallas Arbiter Fuzz Face, ein prototypischer Verzerrer, welcher unter anderem von Jimi Hendrix verwendet wurde, seine Power aus ebensolchen Transistoren aus Germanium. Von einem Gitarrenverzerrer ist der Chandler-Preamp jedoch weit entfernt! Es handelt sich hier vielmehr um ein hochwertiges Stück Studioelektronik, das zum Vorbild keine Gitarristen-Tretmine hat, sondern eher frühe Neve-Kassetten wie 1053, 1055 und 1057, und zudem die EMI-TG-Technik, die ebenso auf Germanium-Transistoren basiert.

Details

API 500? Es geht auch eine Nummer größer!

Nun aber wirklich zurück zum Chandler-Preamp! Dieser wird in zwei Varianten angeboten: Zum einen ganz regulär in seiner 19“-Urversion, zum anderen als 500-Modul, das mittlerweile in einer leicht überarbeiteten MKII-Variante erhältlich ist. Selbstverständlich unterscheiden sich die beiden Darreichungsformen in puncto Verpackung (vulgo: Gehäuseform), der Signalweg ist jedoch exakt identisch. Im Kern ist der Germanium-Preamp ein durschnittlich potenter Vorverstärker, der aus seinen Transistorstufen maximal 65 dB Gain holen kann. Das ist in der Praxis in den allermeisten Fällen okay, vom Gain-Spitzenfeld, das beispielsweise von bestimmten Neve- und Telefunken-Kassetten besetzt wird, jedoch gute 15 dB entfernt.

Feedback aufdrehen verringert den Feedback-Pegel

Den Pegel des Gerätes kann man an insgesamt drei Stellen beeinflussen. Den Anfang macht der 11-stufige Gain-Drehschalter des Qualitätsherstellers ELMA. Dazu kommt das Feedback-Poti, das den Grad der Gegenkopplung der Verstärkerstufe bestimmt. Damit definiert es nicht nur den endgültigen Ausgangspegel, sondern es nimmt auch gravierenden Einfluss auf das Klanggeschehen. Gegenkopplung bedeutet, dass ein Teil des Verstärkerausgangssignals mit gedrehter Phase wieder auf den Eingang geführt wird. Dadurch wird das Ausgangssignal nicht nur leiser, sondern es klingt auch sauberer, da die speziellen Klangfärbungen des Preamps sich ebenfalls auslöschen. Vereinfacht gesagt kann man also folgendes festhalten: Je mehr Feedback (also je weiter das Poti zugedreht ist), desto klarer und offener der Sound, desto weniger Verzerrungen. Dreht man das Poti hingegen auf (und reduziert damit die Gegenkopplung), so wird das Timbre dichter und mittiger, fetter im Bass, runder in den Höhen, und die Verzerrungsanteile nehmen zu. Weiterhin verfügt der Germanium-Preamp noch über einen Pad-Schalter, mit dem man das Signal um 15 dB absenken kann. Dies kann bei besonders „heißem“ Input helfen, aber auch dann, wenn man die Germanium-Stufen noch stärker in die Sättigung fahren möchte, ohne dabei den Ausgang zu übersteuern.

Pad, Phantom und "Thick", aber kein Hochpassfilter

Wie zu erwarten bietet der Chandler-Preamp auch Standard-Features wie Phasendrehung und Phantomspeisung. Daneben kann auch die „Thick“-Funktion aktiviert werden. Das ist ein kleines, aber effektives EQ-Preset: Es hebt die Bässe an, die Filterkurve setzt aber schon sanft im Tiefmittenbereich ein: Besonders gut, wenn eben „dicke“ Signale benötigt werden. Ein Trittschallfilter hingegen ist nicht an Bord.

Sowohl 19“- als auch 500-Einheit bieten allerdings einen frontseitigen Klinkeneingang für Instrumentensignale. Während man jegliches Metering am 500-Modul aus Platzgründen vergeblich sucht, bietet die 19“-Version zu diesem Zweck eine LED-Kette mit 10 Segmenten, die zwischen zwei Anzeigebereichen umgeschaltet werden kann – und einfach klasse aussieht. Das ist durchaus eine echte und auch praktische Alternative zum klassischen VU-Meter.

Wie bei allen Geräten, die Chandler gegenwärtig fertigt, rangiert die Qualität der Hardware auf hohen Niveau. Beide Einheiten geben sich äußerst robust und sind mit hochwertigen Bauteilen konstruiert. Die beiden Audio-Übertrager werden speziell für Chandler gefertigt; laut Hersteller orientieren sie sich an Vintage-Designs von St. Ives und Gardner. Prinzipbedingt geht es im 500-Gehäuse etwas gedrängt zu, zudem handelt es sich hier um eine der schwersten 500-Kassetten, die ich ich jemals in der Hand gehalten habe – da schlagen die Übertrager, der gekapselte/vergossene Op-Amp und die robuste Fertigung doch deutlich zu Buche.

Netzteile sind bei Chandler nie an Bord

Im 19“-Gerät ist hingegen reichtlich Luft um die Hauptplatine herum: Zwei Übertrager, der gekapselte Operationsverstärker (das eigentliche Herz des Preamps) sowie eine Handvoll weitere Bauteile reichen schon aus, um die Funktionalität des Teils zu erfüllen. Dies liegt auch daran, dass 19“-Geräte von Chandler grundsätzlich mit externen Netzteilen arbeiten, unter anderem, um Einstreuungen von der Audio-Elektronik fernzuhalten. Hierbei handelt es sich aber um konventionelle Netzteile mit Trafo und keineswegs um Schaltnetzteile. Sie liefern eine Versorgungsspannung von recht ordentlichen ±28 Volt, und das erklärt auch den üppigen Headroom der Chandler-Teile. Die externen Netzteile müssen zusätzlich zum eigentlichen Preamp budgetiert werden (betrifft natürlich nicht die 500-Variante), aber sie können bis zu zwei Geräte mit Strom versorgen. Das bedeutet: Beim zweiten Chandler-Gerät, das man erwirbt, wird dieser Posten dann nicht noch einmal fällig...

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