Mit dem 88R LBC bringt AMS Neve den Kompressor seiner Flaggschiff-Konsole 88R(S) als 500er-Kassette “Made in England”. Das Konzept ist denkbar einfach: Die hervorragende Dynamik-Sektion wird nahezu unverändert in ein einzelnes API-500-Series-Modul übertragen – inklusive einzigartigen Neve-Features wie Adaptive Attack, Auto-Release und Anti-Breath!

Wer sich mit aktuellem Neve-Outboard beschäftigt hat, dürfte Parallelen erkennen: funktional basiert der 88R LBC auf dem 88C, der bereits als ” Zwei-Kanal-Standalone-Gerät” erschien.
Das lässt sich mit dem Formfaktor-identischen 88M-Interface wunderbar kombinieren und ergänzt dessen charaktervollen Mikrofonvorverstärker so um hochwertige analoge Kompression. Auch das Preis/Leistung-Verhältnis ist hier top!
- Flexibler, flinker VCA-Kompressor
- Smoothe Auto-Release & praktisches Auto-Make-Up
- hoher Preis
88R Channel Compression
Der AMS Neve 88R LBC ist ein moderner Limiter/Compressor und bietet alle typischen Grundparameter eines VCA-Designs: sein Threshold reicht äußerst üppig über einen Arbeitsbereich +20 bis −30 dB, das Make-Up erlaubt kräftige 30 dB Gain und die Gain-Reduction zeigt Kompression mit bis zu 50dB GR auf dem Meter an!

Die Ratio ist angenehm variabel und löst fein von 1 bis 8 auf, bis sie in Limit endet. Die Release deckt schnelle 0,03 bis gemütliche 3 Sekunden ab und ermöglicht so präzise Transienten-Kontrolle als auch smoothe Bus-Compression. Ergänzt werden die Zeitkonstanten durch eine Auto-Release sowie Fast-Attack-Option. Ein flexibles HP-Filter entrümpelt den Sidechain.
Englische API-500 Premium Kassette
Die Verarbeitung des Moduls ist hochwertig, und trotz knappen 500er-Format bleibt ausreichend Platz zwischen den Bedienelementen, die sich allesamt gut greifen lassen. Die Kippschalter sind indes als sehr schlanke und stramme Taster ausgelegt, werden aber übersichltich mit gelber LED quittiert.
Das 500er-Modul verfügt außerdem über echten True Bypass. Die Link-Funktion ermöglicht in entsprechend ausgestatteten 500er-Racks, dass die jeweils höchste Gain-Reduction den Sidechain-Bus steuert. So lassen sich Stereo- und Gruppenkompressionen konsistent realisieren, während pro Kanal weiterhin gezielte Feinabstimmungen möglich bleiben.
Übertrager wie im 88er Preamp kommen hier beim LBC allerdings nicht zum Einsatz. Mit über +27 dBu Headroom, einer Dynamik von mehr als 114 dB sowie einer extrem geringer Verzerrung (THD+N): >0.008% würde das auch nicht ganz ins Konzept passen. Trotzdem spannend: der Rest der 88R als 500er in Form des Preamp und des EQ. AMS RMX 16 dazu und das Gewinner-Rack ist fertig. Günstig ist der Spass allerdings nicht.
Adaptive (Fast) Attack
Einen echten Attack-Regler gibt es offensichtlich nicht, denn der Neve 88R LBC arbeitet mit Adaptive Attack, reagiert also programmabhängig: überschreitet man den Threshold um bis zu 4 dB, beträgt die Attack 5 ms. Nur bei stärkeren Transienten verkürzt sie sich auf 1,5 bis 5 ms.
Laute Peaks werden also schneller abgefangen, leisere Transienten sanfter behandelt. Das sorgt für ein musikalische und natürliche Kompression. Im zuschaltbaren Fast-Attack-Modus wird die Regelung für starke Transienten noch flinker und erlaubt Attacks von gerade einmal 0,1 ms. Das ist dann schon Limiting.
Auto-Release ohne Pumpen und schlechten Atem
Aktiviert man A.REL, wird der manuelle Release-Regler aus dem Signalweg genommen und die Release arbeitet nun ebenfalls programmabhängig: schnelle Transienten führen dabei zu kurzen Release-Zeiten, während Signale, die länger über dem Threshold verweilen, langsamer ausgeregelt werden.

Das Ergebnis ist eine soweit natürliche und teils durchaus groovy Release, die grundsätzlich mit schneller Erholung nach Peaks und wenig Pumpen bei komplexem Material reagiert. Ergänzt wird das durch Anti-Breathe: fällt das Signal plötzlich 30 dB oder mehr, verhindert die Schaltung auch das typische Nachpumpen und sorgt für einen natürlichen Ausklang der Reduction.
Neues Auto Make Up Feature
Eine weitere Besonderheit ist das Automatic Make-Up Gain. Diese Funktion kennt man aus Plugins, im analogen Bereich ist es eher selten. Aktiviert man A.MKP, kompensiert der Kompressor den Pegelverlust automatisch vom Threshold-Regler ausgehend– besonders praktisch beim schnellen Arbeiten, etwa während Tracking-Sessions oder im analogen Mix.
Flexibles Sidechain-Filter
Zur weiteren Kontrolle der Kompression besitzt der 88R LBC ein Sidechain-High-Pass-Filter, das sich per Schalter auf Off, 80, 125 oder 300 Hz einstellen lässt. Dadurch wird verhindert, dass tieffrequente Signale – etwa Kickdrum oder Bass – den Kompressor übermäßig auslösen. Ferner bleibt die Kompression stärker auf den restlichen Frequenzbereich fokussiert, was das Low-End im Verhältnis sogar druckvoller und präsenter wirken lässt.
Historischer Hintergrund: Neve und VCA-Kompression
Neve ist vor allem für seine 1073 Preamps, sowie die eher färbenden Diode-Bridge-Kompressoren wie den 2254 bekannt. Doch bereits in den 1970er-Jahren setzte sich eine weitere, alternative Technologie durch: VCA-Kompression.
Maßgeblich von David Blackmer (dbx) entwickelt, übernimmt hier ein Voltage Controlled Amplifier (VCA) die eigentliche Gain-Reduction – anstatt der bis dahin eher üblichen “Widerstands-Regelung” in Röhren- oder Transistorschaltungen.
Auch Neve greift diese Technik früh auf: Konsolen wie die Neve 8108 nutzen VCAs, später folgen Designs mit dbx-Chips. Die moderne Weiterentwicklung ist der THAT2181, welcher im Kompressor der 88R(S)-Konsole und auch im 88R LBC arbeitet. Auch andere Hersteller, wie SSL und Behringer, verwenden diese Chips.
Das Ergebnis ist jedenfalls ein grundsätzlich sauberer und transparenter VCA-Kompressor, der neutraler und ruhiger als klassische Neve-Designs reagiert, trotzdem aber einen leicht fetten Anstrich mitbringt. Ebenfalls nicht zu vergessen: AMS Neve und Rupert Neve Designs sind zwei verschiedenen Firmen mit teils ähnlichen Produkten.






