Software
Test
10
23.10.2017

Praxis

Import in Revoice

Revoice ist ein eigenständiges Programm; zwei zusätzliche Plug-ins dienen als Schnittstelle zwischen dem Editor und der DAW. Um das Audiosignal einer Vocalspur in die Software zu übertragen, ist Revoice mit einer Importfunktion ausgestattet. Damit nicht jede Audiospur aus der DAW exportiert werden muss, wird das „Revoice Monitor Plug-in“ in die zu bearbeitende Spur eingefügt. Dieses besitzt lediglich einen Capture Button, welcher das eigentliche Programm zum Transfer „Record ready“ schaltet, sowie ein Menü, in dem sich die Zielspur von Revoice auswählen lässt. Sobald der Song in der DAW abgespielt wird, zeichnet Revoice das Audiosignal in Echtzeit auf. Das kennt man in ähnlicher Form von Melodyne, nur dass Revoice selbst eben nicht direkt als Plug-in eingesetzt wird. Die Herrschaften von Synchro Arts bieten reichlich Tutorials, die alles (auch alle weiteren Funktionen) step by step erklären – man kann also nichts falsch machen.

Schnellere Übertragung durch auswahlbasierte Bearbeitung

Pro Tools User hatten durch die auswahlbasierte Audio Suite bislang als Einzige einen entscheidenden Vorteil: Das Audio muss nicht live aufgezeichnet werden, sondern kann mit nur einem Klick direkt in die Software transferiert werden, was sehr zeitsparend ist. Mit dem Update auf Version 3.3 wird nun auch die auswahlbasierten Bearbeitungsfunktionen von Logic Pro X unterstützt. In Logic wird der zu bearbeitende Bereich einer Spur, etwa eine Refrain-Region ausgewählt und unter Funktionen → auswahlbasierte Bearbeitung das Link-Plug-in eingefügt. Im Link-Plug-in wird nur noch die Zielspur ausgewählt. Mit einem Klick auf Capture ist das Audio sofort in Revoice übertragen.

Warp in der Praxis

Nachdem das Audio in Revoice gelandet ist, kann es auch gleich mit der Bearbeitung losgehen. Da das Tool in der Lage ist, die Tonhöhe von einer Guide-Spur auf weitere (zum Beispiel Backing-Vocals) zu übertragen, nutze ich zunächst die Warp-Funktion, um eine möglichst stimmige Hauptspur zu erstellen. Der Editor ist insgesamt unübersichtlicher als Melodyne und sieht optisch noch ein wenig „unfertig“ aus. Beispielsweise sind die Bearbeitungs-Tools ausschließlich per Tastenkombination oder Rechtsklick erreichbar, aussagekräftige Symbole besitzt das Kontext-Menü leider auch nicht. Die Bearbeitung der Tonhöhe ist mit dem standardmäßig ausgewählten Selector-Tool möglich. Möchte man mehrere Noten gleichzeitig begradigen, bietet das Correct-Tool die Möglichkeit, die Noten prozentual auf die absoluten Werte zu schieben, wie man es von Melodyne kennt. Hinzu kommt ein Cutter Tool zum Aufsplitten von Noten, ein Join Tool zum Verbinden und ein Smooth Join Tool, das weniger abrupte Verbindungen der Blöcke erlaubt. Auch Vibrato-Verläufe lassen sich korrigieren.

Insgesamt steckt der Warp Editor verglichen mit Melodyne noch in den Kinderschuhen und ist etwas fummelig strukturiert – von der Usability des Celemony-Schlachtschiffes ist es noch ein gutes Stück entfernt. Nichtsdestotrotz klingen die Tonhöhenkorrekturen amtlich, und letzten Endes zählt nun mal das Ergebnis. Sogar extreme Transponierungen in fünf Halbtonschritten nach oben klingen noch relativ natürlich. Zum Vergleich dieselbe Methode in Melodyne: Erstaunlich ist, dass die Melodyne-Ergebnisse ein wenig künstlicher klingen, was besonders bei starken Transponierungen auffällt. Scheinbar passt Revoice beim Verändern der Tonhöhe automatisch die Formanten an. Allerdings gelang es mir selbst mit der Formanten-Justierung in Melodyne nicht, den authentischen Klang von Revoice nachzubilden.

Wirklich nützlich ist auch die Lautstärkebearbeitung mit Warp: Zwar verfügt Melodyne auch über die Funktion die Lautstärke der Blobs zu editieren, jedoch stellt Revoice S-Laute und Atmer in einer gesonderten Farbe dar. Dadurch ist es sehr leicht, diese in der Lautstärke anzugleichen, wie ihr es im sechsten Beispiel hören könnt. Ähnliche Resultate können natürlich auch mit einem Deesser erreicht werden, allerdings verfügen diese für gewöhnlich nicht über Editoren, mit denen man so gezielt in einzelne Stellen eingreifen kann.

APT in der Praxis

Die Hauptfunktionen von Revoice werden „Prozesse“ genannt. Mit einem Rechtsklick auf das Audiofile oder dem Tastenkommando „B“ öffnet man in Revoice das Prozess-Fenster, in dem sich APT, Warp, Doubler und Analyzer auswählen lassen. Im Song habe ich die Sängerin eine Lead-Vocal und zwei Backing-Vocals singen lassen. Die Main-Vocal, die wir bereits mit Warp bearbeitet haben, soll nun im APT-Prozess als Guide-Spur dienen, um Tonhöhe und Timing auf die Backing-Vocals zu übertragen. Dazu werden in Revoice zunächst Spuren angelegt, auf denen die künstlichen Dopplungen erzeugt werden können. Für zwei Backings braucht man dementsprechend zwei neue Spuren; hinzu kommen zwei Spuren, um die Originale aus der DAW in Revoice zu übertragen. Ihr hört im Folgenden zunächst die originalen Takes und im Anschluss die APT-bearbeitete Variante. Das Timing ist wesentlich näher an der Main-Vocal und auch die Tonhöhen-Abweichungen sind enger beieinander, was insgesamt deutlich tighter klingt als das Ausgangsmaterial.

Doubler

Die künstliche Dopplung ist ebenso einfach umzusetzen. Zunächst werden die Guide-Spur, die zu bearbeitende Spur sowie eine Zielspur für das Endergebnis ausgewählt. Revoice hält viele Presets bereit, die schon auf die typischen Anwendungen abgestimmt sind. „Vocal Moderat“ hat in diesem Fall das authentischste Ergebnis erzielt. Da braucht man es ehrlich gesagt kaum noch selbst zu singen und kann sich zudem die Editierarbeit sparen!

Zurück in die DAW

Die gesamte Bearbeitung kann mittels Monitor-Plug-in in der DAW synchron zum Song mitgehört werden. Das Plug-in wird dazu in Logic als AU-Generator einer Instrumenten-Spur eingefügt; in Revoice wird dann der Output mittels „Plug“-Button an die DAW geleitet. Das ist keine schlechte Lösung, ich persönlich fände es einfacher, wenn es gleich eine Plug-in-Version von Revoice gäbe, dann könnte man sich die Konfiguration sparen – warum muss es unbedingt ein Standalone-Editor sein? Wer die weiteren Spuren, etwa Instrumente des Songs während der Bearbeitung nicht mithören möchte, kann einfach ohne Monitor-Plug-in arbeiten.

Der Export aus Revoice zurück in die DAW geht ganz einfach via Drag and Drop: Shift + Alt gedrückt halten und schon kann eine bearbeitete Spur wieder in die DAW gezogen werden. Da Revoice die Timecode-Informationen überträgt, lässt sich das File in Logic Pro X an die exakte Stelle („Originalposition“) verschieben! Das natürlichste Ergebnis erreichte ich in diesem Audiobeispiel nicht mit dem Doubler, sondern mit der APT-Synchronisierung. Zunächst hört ihr das nicht editierte Ausgangsmaterial und darauffolgend die mit Warp bearbeitete Main-Vocal inklusive der mit APT synchronisierten Backing-Vocals. Tonhöhe und S-Laute sind im letzten Beispiel also ebenfalls mit Revoice bearbeitet. Die Lautstärkeverhältnisse des Songs sind so angepasst, dass man die Vocals und vor allem die Backings besser raushören kann, um den Effekt zu verdeutlichen – insgesamt ein amtlicher Vocal-Sound!

Für wen lohnt sich Revoice Pro?

Gleich vorab: Vieles, was Revoice kann, ist auch mit der Standardausrüstung vieler DAWs und zusätzlichen Plug-ins machbar. Einige Hosts sind serienmäßig mit Pitch-Correction-Editoren bzw. Plug-ins ausgerüstet, mit denen sich die Tonhöhe und meistens auch das Timing korrigieren lässt. Zum Beseitigen von S-Lauten gibt es Deesser-Plug-ins. Falls eine DAW keinen besitzt, kann man sich mittels EQ-Kompressor-Kombination bzw. Multiband-Kompressoren selbst einen bauen oder ein entsprechendes Plug-in (auch Freeware) in den Host laden. Zudem werden Konsonanten in Pitch-Editoren meist getrennt von Noten dargestellt, wodurch sich relativ schnell identifizieren und im Pegel verringern lassen. Sogar das Übertragen von Timing-Anpassungen einer Guide-Spur auf Backing-Tracks ist in manchen DAWs mittels „Groove-Spuren“ durchführbar, etwa in Apple Logic Pro. 

Abgesehen von Revoice, ist mir jedoch noch keine Möglichkeit untergekommen, mit der man S-Laute-, Tonhöhen- und Lautstärke-Anpassungen zwischen Spuren übertragen kann und zusätzlich noch vergleichsweise authentische Dopplungen erzeugt. Und genau hier liegen die Stärken des Programms. Wer seine Editing-Jobs durch diesen Luxus erleichtern möchte und dabei keine Kompromisse in der Qualität eingehen will, der ist mit Revoice Pro 3 bestens beraten. Nicht nur die APT-Synchronisierungen, sondern auch die Pitch Correction von Revoice macht klanglich einen erstaunlich guten Job! Leider ist der Preis recht stolz, was dem ein oder anderen Homerecorder einen Strich durch die Rechnung machen könnte. Wer also in seinen Produktionen keinen Zeitdruck hat und sich in die Editing-Materie einarbeitet, kann sich mithilfe von (Onboard-) Alternativen aushelfen und die Anschaffungskosten von Revoice sparen. Ob der stolze Preis von 588 Euro die Zeitersparnis der Editing-Jobs rechtfertigt, muss letzten Endes jeder für sich selbst entscheiden.

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