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Test
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22.10.2019

Roland MC-707 Test

Groovebox

Groove-Workstation mit interessanter Ausstattung

1996 brachte Roland die MC-303 auf den Markt und gab der kompakten Kombination aus Sequenzer, Drumkits und Synthesizern zur Produktion tanzbarer Musik einen Namen: „Groovebox“. Dann wurden Computer immer leistungsfähiger, günstige Software verdrängte teure Hardware und DAWs wie Ableton Live prägten die ‚Nuller‘ Jahre. Durch kleine, charaktervolle Maschinen wie die Korg Volca Serie, Synths und Module kleiner leidenschaftlicher Hersteller und nicht zuletzt Roland’s AIRA-Serie wurde Hardware in den letzten Jahren wieder begehrenswert und nun, 23 Jahre nach der MC-303, wirft Roland seinen Hut wieder in die Arena und stellt eine brandneue 64-stimmige Hardware-Workstation vor, die mit einem riesigen Arsenal an internen Drumkits, Synth-Sounds, einem Achtspur-Sequenzer und Audio-Timestretching eine kompakte und komplette Produktionsmaschine sein möchte. Tatsächlich wirkt die MC-707 nach einem ersten Blick auf die Feature-Liste fast wie ein Hybrid aus Akai Force und der hauseigenen TR-8S. „Grooveboxen“ sind wieder en vogue und wir haben Roland’s jüngsten AIRA-Spross unter die Lupe genommen.

Details

Lieferumfang

Die MC-707 folgt in Formfaktor, Bedienphilosophie und Farbgebung der AIRA-Linie und kommt im typischen stylischen „Beautycase“ ins Haus. Im Lieferumfang gibt’s außer der Maschine noch eine 8 GB SD-Karte, ein Netzteil (kompatibel mit der TR-8S), ein sehr knappes mehrsprachiges Handbuch und ein Read-Me-First, das war’s. Wer eine detailliertere Bedienungsanleitung sucht, der muss das englischsprachige Reference Manual herunterladen.

Erscheinungsbild

Die MC-707 steckt im exakt gleich großen schwarzen Plastikgehäuse wie die Roland TR-8S. Es gibt außer der Namensgebung keinerlei Referenzen zu den längst eingestellten Vorgängern MC-808 und MC-909. Auch das Unterteil verfügt über die kantigen Aussparungen vorne links und rechts an den Außenseiten. Die linke Sektion erinnert ebenfalls stark an die TR-8S: oben zwei Regler für Gesamtlautstärke und den Kopfhörerausgang, darunter Buttons für Shift und Clear, darunter weitere Funktionsbuttons zur Anwahl des Projekts, zur Quantisierung und zur Aufnahme. Zwei schwarze Gummibuttons mit hintergrundbeleuchteter Schrift dienen zur Aufnahme von Parameterveränderungen (Motion Recording), darunter gibt’s vier Buttons zum Starten von Scenes und zwei Measure-Buttons zum Anwählen von bis kennen wir bereits von der TR-8S.

Die mittlere Sektion wird unten von den 16 anschlagdynamischen, hintergrundbeleuchtetem RGB-Pads in einer 8 x 2-Matrix dominiert. Darüber befinden sich 16 zusätzliche hintergrundbeleuchtete Gummibuttons für die Step-Sequenzer-Programmierung. Darüber thront eine rudimentäre Achtspur-Mischpult-Abteilung mit je einem Lautstärkefader und drei Potis für Filter, Modulation und Effekte. Diese Bezeichnungen sind jedoch lediglich Serviervorschläge, denn die Potis lassen sich per Knob Assign vielen Parametern zuweisen, leider nicht allen.

Ganz oben liegen pro Kanal vier LEDs, die im laufenden Betrieb Auskunft über den Beat des Patterns geben. Die bei der TR-8S über den Mixerkanälen liegende Effektabteilung ist bei der MC-707 nach oben rechts gerutscht. Hier kann User Reverb, Delay oder einen Multieffekt anwählen und mit zwei Reglern tweaken. Im Master-Insert befinden sich auch noch ein programmierbarer Kompressor und ein Fünfbandequalizer mit drei voll parametrischen Mittenbändern. 

Dargestellt wird das alles in dem 9 x 3 Zentimeter großen OLED, ein großer Fortschritt zur zweizeiligen LCD-Anzeige der TR-8S. Hier werden mit rudimentärer piktographischer Unterstützung diverse Funktionen angezeigt. Der Clou ist jedoch die Ableton-Live-mäßige winzig kleine Clipview. Mit Hilfe von vier Endlosreglern mit Push-Funktion unter dem Display lassen sich im Display dargestellte Werte verändern, auch der große, grün beleuchtete Endlosregler (ohne Pushfunktion) und die vier Cursor dienen zur Navigation und Anwahl in den Menüs.

Ganz unten rechts gibt’s dann noch fünf große Buttons mit hintergrundbeleuchteter Beschriftung, die den jeweiligen Betriebszustand der 16 Pads definieren: Mute, Clip, Note, Chord und den unkaputtbaren Scatter-Effekt, den uns Roland auch hier wieder andient. Auch wenn die MC-707 eine völlig andere Maschine ist, folgt sie in vielen Merkmalen dem Layout der TR-8S und User dieser Maschine sollten sich auf der MC-707 wirklich schnell zurechtfinden.

Aufbau

Der Aufbau der Patternstruktur ist ähnlich wie bei Ableton Live oder der Akai Force, allerdings mit klaren Beschränkungen. Es gibt genau acht Tracks und jeder Track kann 16 Clips enthalten. Jeder Track ist entweder ein Drum-Track mit 16 Sound-Slots, ein Tone-Track für Synthesizer aller Art, oder ein Loopertrack für Audio-Loops. Inklusive automatischem Timestretching. Ein Tone-Track kann auch WAVs von der SD-Card laden und so ist chromatisches Spielen eines Samples möglich. Multisamples – wie bei Hardwaresamplern schon in den Neunziger Jahren der Standard - sind leider nicht vorgesehen. Drum-Tracks dürfen ebenfalls aus bis zu 16 eigenen WAVs bestehen. Die MC-707 kann über beide MIDI-Ausgänge auch externe Synths ansteuern, via USB auch Softsynths auf einem angeschlossenen Computer.

Von den fünf sogenannten „Total Effects“ in der Summe sind Reverb und Delay als Send-Effekte angelegt, Multieffekt (MFX), Compressor und EQ als Insert-Effekte. Leider machen die Effekt-Editiermenüs keinen Gebrauch von den darstellerischen Möglichkeiten des großzügigen Displays: Der Anwender muss sich durch Parameterlisten scrollen und kann immer nur einen Wert pro Zeit ändern. Eine piktographische Darstellung von vier Parametern wie z. B. auf der Input-Page hätte mir sehr viel besser gefallen.

Anschlüsse

Die Inputs finden sich auf der Rückseite, deren Ausstattung einiges über die Philosophie der MC-707 als autarke, zentrale Steuereinheit aussagt: anstatt die Maschine mit Audioeinzelausgängen zu überladen, finden wir unter den zehn Monoklinken-Inputs einen Master-Stereo-Out, einen Stereo-Individual Out und eine komplette Stereo-Effektschleife mit Send und Return. Ein Stereo-Eingang zum Aufnehmen von Mikrofon- oder Line-Signalen bietet die MC-707 auch, denn ja: Dieser Sampler kann wirklich selber sampeln. Praktisch: Wird die MC-707 eingeschaltet, wird per Default das letzte gespeicherte Projekt von der SD-Card geladen. Vor dem Ausschalten nicht gespeicherte Änderungen gehen natürlich verloren.

Der SD-Card-Slot befindet sich rückseitig zwischen den Audio-und MIDI-Buchsen. Eine mit zwei kleinen Kreuzschlitzschrauben befestigte Blende schützt die Karte vor dem Herausfallen oder langen Fingern. Ich habe während des Tests ohne Probleme eine 32GB Sandisk-Karte verwendet. Das Netzteil ist identisch mit dem der TR-8S. Zur Sicherung des Kabels steht eine Kabelklemme zur Verfügung. Wie die anderen AIRA-Produkte auch kann die MC-707 mit einem einzigen USB-Kabel an den Roland MX-1 Mixer angeschlossen werden und sendet dann nicht nur das Audio-Stereosignal an das AIRA-Mischpult, sondern übernimmt auch dessen Tempo. Angeschlossen an einen Computer, sind die einzelnen Spuren in Stereo in der DAW unseres Vertrauens abgreifbar, denn die MC-707 fungiert nach erfolgreicher Treiberinstallation auch als Soundkarte.

Organisation

Die oberste Ebene des MC-707 ist ein „Project“. Ein Project beinhaltet die Daten aller Tracks, Clips, Tones und verwendeten Samples und wird auf der eingeführten SD-Karte gesichert. Ein Project enthält maximal acht Spuren mit bis zu jeweils maximal 16 Clips. Eine Spur oder Slot enthält entweder ein Drumkit mit 16 Instrumenten, einen Tonetrack oder einen Audiolooptrack. Auf Wunsch greift jeder Clip auf einen beliebig wählbaren Sound zurück. Der Grundrhythmus mit 808-Sounds und im Break dann ein brachiales EDM-Kit können also auf einem Track stattfinden, was bei der doch beschränkten Kanalanzahl ein sehr wertvolles Feature ist.

Interne Drums

Die 74 internen Drumkits bieten Variationen der hauseigenen Klassiker 909, 808, 707, 727, 606, 626 und CR-78, aber auch genretypische Kits von Techno und House über Drum & Bass, Reggae, Hip-Hop und Trap, sowie instrumentenspezifische Kits ausschließlich mit Kicks, Snares, Becken oder sonstiger Percussion. Man kann sich auch eigene Kits aus den vorhandenen Sounds und eigenen Samples bauen. Vier Sample-Layers pro Drumpad sind machbar, pro Drum-Sound steht zudem ein programmierbarer Filter und Hüllkurven für Filter, Pitch und Verstärker zur Verfügung. User kann also je nach Gusto auf hervorragend klingende Preset-Drums zugreifen oder seine ganz eigenen Trademark-Drumkits bauen.

Interne Synths

Gleiches gilt für die Tone-Tracks: Auf sechs Preset-Bänken tummeln sich moderne Klänge, Brot-und-Butter-Sounds und natürlich zahlreiche Zitate unvermeidlicher Klassiker. User hat die Qual der Wahl aus über 3.600 Synth-Presets. Bank C imitiert z. B. 128 Roland-Legenden von Jupiter-8, Jupiter-6, Juno-106, Juno-60, SH-101, TB-303, D-50, Bank D ist bestückt mit 258 Strings und Pads, beginnend mit den firmeneigenen Jupiter-, Juno-und VP-330-Trademark-Sounds, aber auch Oberheim, Prophet und andere kommen zum Zuge. 101 und 303-Imitate gibt es auch, aber diese können kaum überzeugen. Dafür gibt es noch hunderte anderer Bässe, Leads und Hooks, Bells und Brass, insgesamt 1.109 Programme.

Beim Durchsuchen der Presets ist der angewählte Synth (oder das Drumkit) sofort anspielbar, bevor er endgültig geladen wird und so darf man Roland trotz dem elenden ‚Durchgescrolle‘ danken, beim Preset-Soundangebot nicht gekleckert, sondern wahrlich geklotzt zu haben. Zum Glück muss man nicht alle Bänke durchhören, um beispielsweise nach Sound-FXs zu suchen, der Browser bietet auch eine grobe kategoriebezogene Suche an.

Sämtliche Sound-Presets sind reine Serviervorschläge und können komplett umprogrammiert werden.  Das Editieren der internen Synth-Engine ist ungefähr so komfortabel wie das Programmieren von Racksynths der Neunziger Jahre: Es gibt schönere Dinge im Leben, aber, wenn man die Editierstruktur einmal durchschaut hat, geht es flott von der Hand. Immerhin können hier stets vier Parameter gleichzeitig bearbeitet werden.

Sampling

Hier gilt es – wie auch bei den verschiedenen Track-Arten – klar zu trennen zwischen „User Samples“ und „Loop Samples“.  Die verfügbare Samplingzeit für User-Samples beträgt zwölf Minuten in Mono und sechs Minuten in Stereo bei 44,1 KHz. User-Samples sind allerdings jene Samples, die für Tone-und-Drumtracks genutzt werden. Für die sogenannten Looper-Samples stehen hingegen nur ca. 60 Sekunden bei 44,1 kHz Stereo zur Verfügung. Das ist ein wichtiger Punkt: sechs Minuten User-Samples klingt erst mal OK, aber Loops, Stems und alles, was timegestretched werden soll, muss mit lediglich einer mageren Minute auskommen. Sechs Minuten Loops abfeuern ist also mit der MC-707 nicht möglich. Mehr dazu im Praxisteil.

Update

Vor den Test haben die Rolands wie bei allen AIRAs die Installation des Treibers und außerdem ein Update gesetzt. Auch die die MC-707 ist nicht class-compliant und wird erst nach der Treiberinstallation von meinem MacBook Pro als Soundkarte und externe Festplatte erkannt. Die Systemvoraussetzungen für den USB-Treiber sind mindestens Windows 7 oder macOS 10.12. Apple-Computer, die nach wie vor unter El Capitan laufen, sind somit außen vor. Auch das Update auf Version 1.02 wird per SD-Card aufgespielt, der Updateprozess selbst dauert nur wenige Minuten.

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