Test
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14.12.2016

Roland DJ-808 Test

Performance-Controller

Eierlegende Wollmilchsau?

Roland DJ-808 ist eine Symbiose aus DJ-Controller, Mischpult, TR-S Drum Machine und Vocal Transformer, gefüttert mit Drum Sounds der legendären TR-909, 808, 707 und 606, bereit, den Begriff des Performance-Controllers neu zu definieren. Die Trommelmaschine synchronisiert sich automatisch mit den Serato-Decks, die Sounds können über die Performance-Pads des Controllers live eingespielt werden und in umgekehrter Richtung ist es möglich, den TR-S Sequencer mit den Audiodateien des Serato Samplers zu füttern.

Doch das ist noch nicht alles, was der DJ-808 in die Waagschale wirft, denn er verfügt auch über einen Standalone-Vierkanal-Mixer, Jogwheels mit integriertem Nadelpositionsindikator, dedizierte Channel-FX samt zugehörigen Reglern sowie umfangreiche Schnittstellen zur Verbindung mit der Außenwelt, darunter zwei AIRA-Link USB-Ports, über die er mit den Instrumenten der Roland AIRA-Serie verbunden werden kann. Zudem bietet der DJ-808 zahlreiche Bedienelemente, um Seratos Kreativabteilungen zu knechten. Reichlich Stoff für diesen Artikel.

Details

„Was für ein Teil“ war mein Gedanke, als ich beim 909-Day erste Bilder des DJ-808 sah. Und jetzt, wo ich den Controller vor mit stehen habe, muss ich feststellen: Mit 67 Zentimetern Breite, 43 Zentimetern Tiefe und einer Höhe von knapp 8 Zentimetern fällt er, verglichen mit den nötigen Einzelkomponenten für ein derartiges Setup, noch „kompakt“ aus, allerdings nicht ganz so flach wie manches Konkurrenzmodell von Numark oder Pioneer.

6,8 Kilogramm wiegt Rolands Performance-Tool. Das ist deutlich weniger als ein einziger Technics Plattenspieler und mag sicher auch daran liegen, dass beim Chassis partiell Kunststoff zum Einsatz kommt, so etwa bei der „Bodenwanne“, doch dadurch ist das Teil eben auch noch transportabel. Es hat an der Seite praktische Griffmulden und steht sicher auf den großzügig dimensionierten Gummipads.

Das Farbkonzept – oder sagen wir besser die Beleuchtung – lehnt sich stark an die AIRA-Serie an. Vielleicht hätte man für Retro-Fans auch ein 909-Design ins Auge fassen können, ähnlich wie bei den TT-99 Turntables und dem DJ-99-Mixer, aber gut, das ist eine Frage des Geschmacks und hier heißt die Marschrichtung nun mal „AIRA“.

An der Verarbeitung habe ich nichts auszusetzen. Einzig die Front - und Rückblende haben unten mittig etwas Spiel, wenn man mit den Fingern drunter fasst. Die Fader gleiten gleichmäßig über die Leiterbahn, die Potis drehen sich angenehm, der Widerstand der Jogwheels ist wohl dosiert und sie fühlen sich schon im Trockenlauf gut an. Ein nettes Detail hier: Im Inneren visualisiert ein invertierbarer LED-Kranz den Serato Needle-Indikator und der umgebende Leuchtring wechselt von grün auf orange, wenn man mit den Decks 3 und 4 arbeitet.

Back- und Frontpanel

Der DJ-808 ist ein wahres Anschlussmekka: Ein Blick nach hinten zeigt ausgangseitig XLR- und Stereo-Cinch (Master) sowie Klinke (Booth) und ich sehe einen XLR/Klinke-Mikrofoneingang und je zwei Line- und Phono/Line-Inputs für CDJs/Turntables oder sonstige Soundgeneratoren.

„Bells and whistles“ bringt der DJ-808 auch in Form einer DIN-MIDI-Buchse und zweier AIRA-Link USB-Buchsen zum direkten Anschluss der gleichnamigen Roland Instrumentenserie mit, über die Audiosignale und MIDI-Daten übertragen werden und die sogar die angeschlossenen TB-3 und TB-03 mit Betriebsspannung versorgen. Zwei Stromadapter weniger, das gefällt. Wünschen würde ich mir hier noch die Möglichkeit, iOS-Geräte/Apps über diese Schnittstelle mit einbinden zu können.

Eine USB-Buchse für den PC, Netzteilbuchse mit Zugentlastung und Kensington-Lock kompatible Diebstahlsicherung beenden den Ausflug über das Backpanel.

Vorn bietet die Kopfhörersektion zwei Buchsen in Mini- und Standardklinke. Ferner sind hier anzutreffen: der Lautstärkeregler, Cuemix zum stufenlosen Mischen von Master- und Preview-Signal sowie eine Split/Cue-Schaltung zur Verteilung dieser auf die beiden Hörmuscheln. Der Kopfhörerausgang offeriert eine ordentliche Lautstärke. Ein minimaler Pegelabfall beim Anschluss einer zweiten Einheit ist wahrzunehmen. Das Mastersignal ist rauscharm, klar und druckvoll. Im Setup-Menü des DJ-808 kann man eine Dämpfung des Master-Ausgangs aktivieren (0 bis -18 dB). 

Decks, Pads & FX

Im Zentrum der Decksektionen logieren die Case-sensitiven Jogwheels: Oberflächenkontakt zum Scratchen im Vinyl Modus, Seitenkontakt zum Phasenabgleich. So soll es sein.

Für Freunde des manuellen Beatmatchings ist ein 100 Millimeter langer Tempofader mit Pick-Up-LEDs verbaut, die nach einem Deck-Wechsel signalisieren, wo der „alte“ Fader-Wert abzuholen ist. Die Deadzones der Flachbahnregler liegen bei gut ¾ einer Skalenteilung am Nullpunkt und an den Enden.

Darüber sitzt die Effektgarnitur für Seratos Klangverbieger, die von den Plug-in Spezialisten iZotope stammen. Neben den jeweiligen Parametern lässt sich hier die Effektauswahl treffen oder der Betriebsmodus festlegen (1x Einzeleffekt, Effektkette mit 3 FX), dazu das Timing per Push-Encoder bestimmen (Drücken zum Zurücksetzen – prima!) und die Bezugsgröße, so sie nicht automatisch zu den Decks laufen soll, manuell einklopfen. On Top lassen sich die FX auch auf die TR-S schicken.

Ein Panel/View-Umschalter ruft verschiedenen Serato GUI-Layouts und Funktionspanels auf, sodass man die benötigten Module vom Controller aus ein– und ausschalten kann. Praktisch, nicht nur auf kleinen Screens. „Quantize“ trägt Sorge, dass eure Cue- und Loop-Aktionen im Taktraster erfolgen. Eine Quantisierung der TRS-Drums, getriggert via Performance-Pads, erfolgt nicht. „Live is live“, wie man so schön sagt. Gegenüber residiert anstelle der zuvor genannten Tasten der Booth-Regler. Die darunter liegenden Tasten zum Anpassen des Taktrasters sind selbstredend auf beiden Seiten vorhanden, folglich lassen sich Beatgrid-Korrekturen vom DJ-808 aus vornehmen.

Reverse und Censor ermöglichen einen Rückwärtslauf, wobei im zweiten Fall der Abspielkopf während des Reverse ungehört im Hintergrund weiter läuft und somit unter anderem ermöglicht, „Explicit Lyrics“ zu zensieren oder nach dem Reverse einfach taktgenau an der Stelle fortzufahren, wo man auch ohne ihn angelangt wäre. Die Slip-Taste puffert ebenso die Echtzeitposition, zum Beispiel wenn Scratches, Loops, Cues und dergleichen abgefeuert werden. Auch so bleibt man also stets im Rhythmus.

Ein weiteres Bonbon ist die Pitch’n’Time Sektion direkt auf der Benutzeroberfläche. Damit lässt sich auf Knopfdruck die Tonlage des Decks schrittweise erhöhen oder verringern sowie die Keylock-Funktion einschalten. Der Pitch’n’Time DJ Algorithmus, basierend auf den Erfahrungen mit dem Studio-Plug-in entwickelt, leistet hervorragende Arbeit, viel besser als die „kostenlose“ Standard-Version. Hier ein Vergleich:

Performance Pad Power

Unter den Jogwheels sitzen die Transport-Sektion und der gut ausgestattete Schleifenbaukasten. Dieser setzt manuelle und automatische Loops, hat einen Cutter/Doppler, Loop-Shifting einstellbarem Versatz, Reloop/Exit und Selektionstaster für gespeicherte Loops an Bord. Das gefällt.

Acht gut spielbare, anschlagdynamische, je nach Modus anders beleuchtete Performance-Pads, bieten die folgenden Modi an:

  • Hotcue (acht Schnellsprungmarker)
  • Cue Loop (in der Länge einstellbarer Loop, beginnend am Hotcue-Marker)
  • Roll („geslippte“ Loops diverser Längen)
  • Slicer (acht spielbare Slices mit flexibler Quantisierung, optional im Loop-Modus)
  • Sampler (acht Slots, vier Bänke, optional anschlagdynamisch) TR (die TR-S Drum Machine, optional anschlagdynamisch)
  • Pattern (Sequenz-Auswahl der TR-S) Pitch Play („Cuepoints“ wie mit einem Keyboard spielen)

Die ersten fünf Betriebsarten dürften hinlänglich bekannt sein, die anderen drei Modi sollen aufgrund der Aktualität und Exklusivität besondere Erwähnung finden:

Die Taste „TR“ ermöglicht, die Sounds der TR-S Drum Maschine, die über Rolands Analog Circuit Behaviour Technologie erzeugt werden, zu triggern – entweder statisch oder anschlagdynamisch. Da lediglich vier Instrumente simultan spielbar sind, ist die untere Zeile der Performance-Pads mit Drum Rolls belegt, für die wiederum unterschiedliche Variationen via Parameter-Tasten und Druckintensität zur Verfügung stehen, die manchmal aber etwas laut wirken. Hier hätte ich nichts gegen die Möglichkeit einzuwenden, die Fills optional leiser einzuspielen. Drei Beispiele nachstehend, der Rest folgt im Praxisteil.

Außerdem lässt sich das Fingerdrumming, nicht jedoch die Fills, via Instant Rec Funktion in den Step-Sequencer aufzeichnen. Anders als bei einem Serato-Audiosample, landet der Drum Sound in der Standardeinstellung dann auf einer 16tel Note. Pattern erlaubt in Kombination mit Shift die Auswahl der maximal 16 intern abgespeicherten Patterns, ohne dabei die Tasten der Trommelmaschine bemühen zu müssen.

Pitch Play

Pitch Play ermöglicht, ausgehend von einem Cuepoint eurer Wahl, die Tonlage des Tracks über die Pads zu spielen. Es gibt drei Wertebereiche:

  • Up-Range (+1 bis +7 Halbtöne und Original-Tonhöhe)
  • Middle-Range (Original-Tonhöhe bis +3 und -4)
  • Low-Range (-1 bis -7 Halbtöne und Original-Tonhöhe)

Voraussetzung hierfür ist eine Seriennummer des kostenpflichtigen Serato Pitch’n’Time Plug-ins (29 Euro) und die gehört zum Lieferumgang von DJ-808. Deck-Akrobaten dürfen sich zudem über den Dual-Deck-Modus zur Simultansteuerung zweier Player pro Seite freuen. So können beispielsweise Slices unterschiedlicher Länge und Quantisierung, Hotcues, Sampler, Censor, TR oder Rolls auf beiden Decks simultan getriggert werden.

Mischpult

Die zentralen Kanäle 1 und 2 nehmen PC-, Line- und Phono-Signale entgegen, die äußeren beiden Kanäle 3 und 4 stattdessen PC-, Line- und USB-Signale. USB steht hier nicht für die Computerverbindung, sondern für die AIRA-Connection.

Vertraut ist der Blick in den Kanalzug und das nicht nur wegen seiner Load-Buttons (zweimal tippen für Instant Doubles), Serato FX-Tasten, Dreiband-EQs mit variablem Boost (entweder 6 oder 12 dB), Preview und den 45er-Linefadern. Auch der FX-gelabelte Drehregler, der sich der Steuerung eines von vier selektierbaren Channel-FX (Dub Echo, Jet, Noise, Filter) verschrieben hat, kommt – man muss das Rad nicht immer neu erfinden – mir bekannt vor.

Die Effekte klingen gut und sind einsteigerfreundlich parametrisiert. Besonders die Post-Fader Echo- und Rauschfahnen machen Laune. Doch hätte ich mir gewünscht, die TR- und das Mastersignal könnten ebenfalls davon Gebrauch machen, ist aber nicht so. Erwähnung finden sollte noch, dass die Ladetasten via Shift beim Sortieren der Musikbibliothek behilflich sind, der Browser-Encoder in Begleitung der Back- und Prepare-Listentaste sitzt dazwischen. Nichts Ungewöhnliches.

Der Crossfader mit den A/B/Through-Switches und die Linefader dürfen in der Flankensteilheit in drei Ausprägungen angepasst werden. Roland und Serato haben also – selbst wenn ein Hamster Switch fehlt – auch an die Scratch-Fraktion gedacht, die zudem über die Phono-Eingänge die Steuerung der Serato-Decks mittels Timecode-Vinyl nutzen kann. Innofader-kompatibel und schnellwechselbar ist der Crossfader nicht. Scratcher sollten zudem wissen: Der Crossfader-Lag ist von Werk aus auf 1 gestellt. Im Geräte-Setup gibt es einen Wertebereich von 0-10.

Kommen wir aber zu dem, was den TR von allem anderen am Markt befindlichen Controllern unterscheidet und gehen damit in den Praxisteil über:

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