Hersteller_Neumann
Test
2
26.01.2010

Neumann TLM 102 Test

Großmembran-Kondensator-Mikrofon

"Little Sweety"

Wenn ein weiteres neues Mikrofon auf den ohnehin schon „kurz vor Überfüllung geschlossenen“ Markt kommt, sorgt das in der Regel nicht mehr automatisch für übergroßes Interesse. Aber Ausnahmen bestätigen ja bekanntlich die Regel, und eine solche Ausnahme stellt definitiv der Mikrofonhersteller Neumann dar. Wenn die Berliner Traditionsfirma einen neuen Spross präsentiert, horcht man in Audiokreisen auch heute noch gespannt auf. Und wenn es sich bei dem neuen Mikrofon dann auch noch um eine taufrische Erweiterung des bestehenden Portfolios nach unten handelt, wächst das Interesse umso stärker.

Ja, richtig gehört bzw. gelesen: beim TLM 102 (so ist nämlich der Name des „Neuen“) handelt es sich um das preisgünstigste Großmembran-Kondensatormikrofon aus dem berühmt berüchtigten Hause. Die Vergangenheit hat jedoch gezeigt, dass ein Highend-Hersteller, der meint, er müsse auf einmal preislich auch Produkte im mittleren oder unteren Segment bereithalten, nicht zwingend auch ein amtliches Ergebnis präsentieren muss. Getreu dem Motto „Gebranntes Kind scheut das Feuer“ war ich dann auch etwas skeptisch, als mich die Pressemitteilung des TLM 102 erreichte. Denn ehrlich gesagt wurde ich von günstigeren Produkten renommierter Hersteller in der Vergangenheit schon häufiger mal enttäuscht und musste zu dem Schluss kommen: Nun gut, man möchte eben auch auf dem Massenmarkt präsent sein, auch wenn die Qualität nichts mit dem eigentlich von solchen Firmen gewohnten Standard zu tun hat.

Bevor ich mich nun aber zu sehr meinen Vorurteilen hingebe, lasse ich das TLM 102 doch lieber im Studio zeigen, was es kann – zumal es mit dem TLM 103 ja einen bewährten, professionellen und erstklassigen Paten hat (mich hat das 103er jedenfalls bei den verschiedensten Recordings schon sehr, sehr häufig zu 100% zufriedengestellt).

Details

So klein und dennoch ein Großmembran-Mikrofon

„Das ist ja süß!“, so lautete der Kommentar von Alice, einer befreundeten Sängerin, die ich zum Praxistest des TLM 102 eingeladen hatte, als sie Neumann´s Neues zum ersten mal sah. Und in der Tat, ich muss Alice Recht geben. Diese Aussage trifft den Nagel auf den Kopf. Ok, man könnte „süß“ auch gegen „putzig“, „drollig“, „niedlich“, etc. austauschen oder einfach nüchtern sagen: Dieses Mikro ist wirklich ultra-kompakt. Man könnte aber zuerst auch erschrocken schreien: „Mamaaaa, ich habe das TLM 103 zu heiß gewaschen!“ Auch das TLM 103 ist ja für ein Großmembran-Mikro nicht gerade ein Riese (Durchmesser: 60 mm, Länge: 132 mm, Gewicht: ca. 500 g), aber gegen das TLM 102 wirkt es fast wie Goliath. Die Maße des 102er betragen gerade einmal 52 mm (Durchmesser) und 116 mm (Länge), und auf die Waage bringt es lediglich 260 Gramm – errechnete man aus diesen Daten den BMI (Body Mass (Mikrofon) Index), würde man sicherlich in Untergewichtsregionen landen.

Erstklassige Verarbeitung und vielseitiger Einsatzbereich in der Praxis

Aber ganz im Ernst: unterm Strich wird man beim ersten Anblick des TLM 102 nicht unbedingt einen großen und kräftigen Sound erwarten. Doch beim zweiten Blick und vor allem beim Anfassen merkt man gleich, dass man es hier mit einem waschechten Neumann zu tun hat. Das Mikrofon ist absolut erstklassig verarbeitet und vermittelt sofort einen hochwertigen Eindruck (ganz so, wie man es von den größeren Verwandten gewohnt ist) - das hebt die Erwartungen an die Klangübertragungseigenschaften dann doch schon wieder deutlich. Der Mikrofonbody ist eine solide Vollmetallkonstruktion, ein hochglänzender Ring bildet den Übergang zum Mikrofon-Korb, der aus einem stabilen Drahtgeflecht besteht. Das TLM 102 ist in Schwarz und Nickel erhältlich und wird mit einem Stativgelenk geliefert. Demnächst wird es auch eine spezielle Spinne für dieses Mikrofon geben, die deutlich günstiger sein soll, als die bisherige Neumann-Spinne (der Preis für diese Spinne wird (deutlich) unter 100 EUR liegen). Am unteren Ende des Mikrofonkörpers befindet sich der sauber verschraubte XLR-Anschluss und ein präzise geschnittenes Gewinde, über das man das Mikro sicher mit der Spinne oder dem Stativgelenk verbinden kann.

Speziell entwickelte Großmembrankapsel mit fester Nieren-Richtcharakteristik

Es scheint erst einmal fast unglaublich, dass in diesem kompakten Mikro eine Großmembrankapsel ihren Dienst verrichtet, doch nach der Abnahme des Mikrofonkorbs offenbart sich tatsächlich eine solche. Die Großmembrankapsel wurde speziell für das TLM 102 entwickelt und arbeitet mit fester Nieren-Richtcharakteristik. Schaut man sich das Frequenzdiagramm an, so sieht man bis ca. 6 kHz einen absolut linearen Verlauf. Ab dieser Frequenz gibt es eine Präsenzanhebung von ca. 4 dB. Die technischen Daten offenbaren keine großen Überraschungen, alles lässt auf einen reibungslosen, zuverlässigen und auch durchaus vielseitigen Praxiseinsatz schließen. Den Übertragungsbereich gibt der Hersteller mit 20 Hz - 20 kHz an, den Feldübertragunsfaktor mit 11 mV/Pa (@ 1 kHz an 1 kOhm), den Ersatzgeräuschpegel mit 12 dB(A), den Grenzschalldruckpegel mit 144 dB(SPL) (K<0,5%) und die maximale Ausgangsspannung mit 13 dBU. Aufgrund des hohen verkraftbaren Schalldruckpegels von 144 dB(SPL) steht also auch dem Einsatz am Drumkit (z.B. Snaredrum oder Toms) nichts im Wege - aufgrund der kompakten Abmessungen hat man es mit der Positionierung sogar sehr leicht, da man ja beim Drumkit vom Platz her meist sehr eingeschränkt ist. Die Schaltungstechnik gliedert sich, wie die Typenbezeichnung ja eigentlich schon verrät, kompromisslos in Neumanns TLM-Design ein - es handelt sich also um eine komplett transformatorlose Schaltung. Wer etwas mehr über die TLM-Technologie erfahren möchte, kann seinen Wissenshunger bei unserem Test des TLM 103 stillen - so ersparen wir uns an dieser Stelle eine Wiederholung und können gleich zur Tat schreiten, also ab ins Studio.

1 / 3
.

Verwandte Artikel

User Kommentare