Test
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28.01.2019

Praxis

Perfektes Gehäuse

Das Gehäuse des Neumann BCM 104 verdient einen ersten Applaus. Es ist für den hochprofessionellen Einsatz wie geschaffen. Mehr muss ich eigentlich nicht sagen. Na, vielleicht doch: Die mechanische Trittschallfilterung funktioniert sehr gut. Und wo wir gerade schon dabei sind: die Poppfilterung genauso.

Klanglich genau richtig

Klanglich zeigt sich, dass Neumann genau weiß, was heutzutage gefragt ist. Ohne wirklich „modern“ (und somit irgendwann möglicherweise „outdated“) zu sein, ist es sprachoptimiert. Die Höhen sind sehr detailliert dargestellt, bleiben dabei offen und natürlich. Dass der Schärfebereich etwas zurückgenommen ist, fällt kaum auf. Und das ist ein gutes Zeichen! Denn dadurch bleibt die Natürlichkeit erhalten, die S-Laute wirken nicht „versteckt“ oder „unterdrückt“, sondern spielen weiterhin schnell – nur eben mit weniger Pegel. Hier zeigt sich auch, dass Neumann ein Profi-Tool entwickelt hat: Je nach Sprecher ist weiterhin der Einsatz eines De-Essers angeraten. Mikrofone, die „fertigen“ Sprechersound liefern wollen, sind im Profi-Betrieb nicht gerne gesehen. Das Signal des Neumann BCM 104 wird sanft vormodelliert, kann aber noch problemlos in verschiedenste Richtungen gebogen werden. Stimmen sind schließlich unterschiedlich.

Mitten und Tiefmitten werden trocken und präzise aufgezeichnet, genauso verhält es sich mit dem Bass. Auch bei voller Anhebung durch den Nahbesprechungseffekt schwimmt und schwabbelt nichts im Signal. Das muss auch so sein, wenn ein Mikrofon – zumal mit Neumann-Raute – ein explizites Broadcast-Mikrofon ist. Es zeigt sich dabei auch, dass das Hochpassfilter sehr gut und sauber arbeitet. Vor allem aber: Das Neumann BCM 104 klingt bei Abständen von weniger als 30 Zentimetern deutlich besser als bei größeren, die zwar noch ein schönes, rundes Klangbild liefern, aber rückwärtigen Schall stärker zulassen. Und ein Mikro wie das 104 ist nicht gerade mit dem Ziel konzipiert worden, diesen rückwärtigen oder auch seitlichen Schall möglichst natürlich klingen zu lassen. Als Raummikrofon oder als Mic mitten im Drumkit, umgeben von anderen Signalquellen, ist das Neumann BCM 104 verständlicherweise alles andere als meine erste Wahl gewesen

Feindynamik und Grobdynamik super

Toll ist, wie auch bei naher, basskräftiger Besprechung Details erhalten bleiben. Dadurch ist es ein Leichtes, das Signal nachträglich anzureichern und mit Röhrengeräten oder sonstigen Färbern anzudicken. Besonders im Broadcast wird ja gerne mit extremen Prozessoren gearbeitet, die teilweise brutale Eingriffe vornehmen, mit Multiband-Kompression, Psychoakustik-Limiting und dergleichen. Das geringe Eigenrauschen des BCM und die späte Zerrung erlauben einen hohen Pegelspielraum und auch hohe Kompressionshübe, ohne dass man dem Rauschen bei dieser Bewegung zuhören könnte.&nb

Sprecher, Sänger – und dazwischen

Was für Sprecher gut ist, ist es für Sänger ebenfalls. Besonders dann, wenn die Abstände nicht so hoch sind und der Raumklang keine große Rolle spielen soll. Als Rap-Mikrofon kann es daher je nach Stimme eine tolle Wahl sein. Und an dieser Stelle will ich auf eine weitere Eigenschaft kommen, den Preis. 1000 Euro sind absolut angemessen für ein Mikrofon dieser Qualität, Servicefähigkeit und dem zu erwartenden hohen Werterhalt und Wiederverkaufswe

Nur für die Stimme? Ganz und gar nicht…

An Schlaginstrumenten kann es gute Arbeit leisten, dort muss man vor allem die umgebenden, bleedenden Signale unter verschärfter Beobachtung halten. Gleiches gilt für akustische Instrumente größeren Klangkörpers: An der Akustikgitarre klang es ganz vorzüglich, wenngleich es durch den Frequenzgang eher in Konkurrenz zu Stimmen tritt. Im Auge behalten sollte man auch hier seitwärts eintreffende Signale. So klang das axiale Griffbrett-Signal einer akustischen Gitarre zwar hervorragend, mit dem Audio-Technica AT5045 beispielsweise war das seitlich eintreffende Signal des Korpus jedoch etwas natürlicher. 

Das Neumann BCM 104 ist eine ideale Ergänzung zu nicht sprachoptimierten, sehr linearen Mikrofonen, damit sind explizit auch Kleinmembraner gemeint. Sehr schön war das Mikro übrigens auch am Gitarrenverstärker. Besonders dann, wenn Höhen impulshaft übertragen werden sollen und eine hohe Detailgenauigkeit gefragt ist - ein cleanes „Fender“-Signal mit Federhall beispielsweise. Aber bei letztgenannten (zugegebenermaßen leicht zweckentfremdeten) Anwendungen ist es wirklich ärgerlich, nicht mal eben das Hochpassfilter ausprobieren oder zur Sicherheit das Pad aktivieren zu können. Dafür jedes Mal eine ambulante Operation durchzuführen ist nichts, was man im Produktionsalltag mal kurz einschieben kann.

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