Test
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11.01.2021

Praxis

Praktisch

Ein nicht unwichtiger Aspekt ist in der Detailbeschreibung möglicherweise nicht ausreichend gewürdigt worden: Für ein Großmembranmikrofon ist das Microtech Gefell M 930 außerordentlich leicht und kompakt, und das selbst in voller Montur mit dem optionalen elastischen Halter und dem Poppschutz, den Håkan Lindberg beisteuert. Die Nutzung auf Scherenstativen oder anderen Tischstativen, wie sie besonders in Rundfunkstationen eingesetzt werden, ist dadurch besonders praktisch. Schwere Sprechermikrofone vom Schlag Shure SM7B oder Electro-Voice RE20 zwingen diese schneller in die Knie und sind deutlich wuchtiger.

Tadellos

Mit dem Understatement deutscher Qualitätsprodukte zeigt sich das M 930 nicht nur optisch unauffällig, sondern auch – wie buchstäblich jedes MG-Produkt, das ich in den Händen halten konnte – in absolut perfekter Material- und Herstellungsqualität.

Unmissverständlich

Klanglich zeigt Microtech Gefell mit dem M 930 unmissverständlich, dass das traditionsreiche Unternehmen in der obersten Liga mitspielt. In technischer wie klanglicher Hinsicht ist das 930 ein hervorragendes Mikrofon. Wenn es klanglich nicht das bringen sollte, was man in einer Situation benötigt oder wünscht, dann hat man wohl eher nicht das falsche Mikrofon gewählt, sondern den verkehrten Mikrofontypus.

Schnell, detailliert und formbar

Für ein Großmembranmikrofon ist die Darstellung außerordentlich schnell und detailliert. Die Höhen werden klar und offen übertragen, ohne dass das Signal dort kühl wirkt. Dass das Luftband von allen Großmembran-Kondensatorkapseln prinzipbedingt nicht mit dem Pegel an die Elektronik weitergegeben werden kann, kompensiert das 930 durch seine Anhebung um die 10 kHz, wodurch es leicht höhenreich und durchaus etwas frisch klingt, aber niemals künstlich oder gehypt. Das ganz freie „Atmen“ wie man es bei manchen guten Kleinmembranern beobachten kann, liefert es naturgemäß nicht. Sein geringes Rauschen ermöglicht es aber problemlos, in allen Frequenzbereichen und bei Bedarf mit extremen Hüben mit einem Equalizer zu boosten. In der Möglichkeit zur Bearbeitung, auch mit Dynamikgeräten, liegt übrigens ein wesentlicher Unterschied zwischen hochwertigen und eher einfachen Mikros, deren Signal vielleicht im Direktvielleicht auch ganz gut klingen mag, aber im Mix schnell einmal „auseinanderfällt“.

Trotz Anhebung nicht vorgefertigt klingend oder zu bissig

Denkt man über den Einsatz des MG M 930 als Mikrofon für die Stimme nach, erscheint es nach einem Blick auf den Frequenzgang so, als müsse in jedem Fall die Schärfe mit einem EQ zurückgenommen werden oder ein De-Esser eingesetzt werden. Dem ist nicht so, was mich durchaus verwundert hat: Vor allem durch seine Pegelfestigkeit klingen auch schärfere S-Laute nicht so bissig, sondern immer noch natürlich. Insofern ist es nur bei extrem scharfer Aussprache notwendig gegenzusteuern, man stelle sich einen Sprecher aus Wien vor, der „Na sicher!“ sagt. Wer ein Mikrofon sucht, das eher mix-ready daherkommt und mit einem deutlichen Dip die Schärfe zurücknimmt, der würde vielleicht mit dem Microtech Gefell M 1030 etwas glücklicher, das mir aber im Vergleich etwas zu „vorgefertigt“ klingt.

Trockener, aber nicht kantiger Bass

In den Mitten präsentiert sich das 930 sehr neutral, was sich bis in den Frequenzkeller nicht ändert. Der Bass zeigt sich sehr schnell und trocken – ein Merkmal, das er auch bei sehr naher Besprechung nicht verliert. Unter hohem Einfluss des Proximity-Effekts werden Signale natürlich bassig, doch lässt sich im Test mit der Stimme erkennen, dass darunter die anderen Bänder nicht leiden. Der Bass selbst wird als steifes, massives Fundament wahrgenommen, hat dabei aber keine Anflüge von wummernden, schwimmenden oder dröhnenden Eigenschaften. Gleichzeitig wirkt er nicht zu kantig.

Besser mit Poppschutz

Recht dicht ist zwar der mehrschichtige Schutzkorb, aber dennoch ist das 930 nicht weniger empfindlich gegenüber Popplauten als andere Großmembraner, sodass bei Aufnahme der Stimme eigentlich ein Schutz geboten ist. Wie das Mikrofon auf Körperschall reagiert, ist einleuchtenderweise von der Wahl der Halterung abhängig. Wichtig ist sicher folgende Information, dass man getrost zum kleinen elastischen Halter greifen kann, da die Differenz zur ausladenden Spinne doch recht klein ist (und auch eine solche ihre Nachteile besitzt).

Stabiles Pattern

Ein wesentliches Qualitäts- und Auswahlkriterium bei den meisten Mikrofonen ist die Art und Weise, mit der abseits der Hauptaufsprechrichung eintreffender Schall weitergegeben wird. Kleinmembraner sind hier Großmembranern gegenüber im Vorteil, doch zeigt sich das M 930 auch in dieser Disziplin von der besten Seite. Die absoluten Höhen sind zwar gebündelt, doch verläuft die Abschattung zu den Seiten so sanft, dass es bei Sprache und anderen Signalen nicht auffällt, wenn sich die Schallquelle sich etwas bewegt. Und auch seitlich besprochen generiert das Gefell noch immer einen kompletten und sehr färbungsarmen Klang. Auch hier gilt: Wer ein Mikrofon mit wirklich großem Sweet Spot sucht, der greift statt zum 930 eben zum 950.

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