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25.03.2020

History of Drums: Die ersten Yamaha 9000 Recording Schlagzeuge

Diese Trommeln verhalfen Yamaha zum Durchbruch

Über japanische Hersteller haben viele „Westler“ früher die Nase gerümpft. Die Asiaten galten als schamlose Kopisten amerikanischer und europäischer Erfindungen, eigene Innovationen schienen selten. Das änderte sich im Schlagzeugbereich spätestens im Jahre 1975, denn damals erblickte ein Instrument das Licht der Welt, welches heute landläufig als das „Recording“ bekannt ist, hergestellt von der Firma Yamaha. Diese Bezeichnung trugen die Drums aber noch nicht zu Beginn ihrer fulminanten Karriere, ihre korrekte Typenkennung lautete vielmehr „YD-9000“. Erst im Katalog für das Jahr 1980 findet sich die vielversprechende Ergänzung auch offiziell. Aber was machte die neuen Drumsets und ihre Hardware damals so besonders? Wie hat es eine Firma, deren Heimatland in der weltweiten Popkultur nur eine untergeordnete Rolle spielte, geschafft, dass plötzlich scharenweise berühmte Schlagzeuger aller Musikstile das Lager wechselten? 

Die Antwort darauf ist vielschichtig und hat sowohl mit allgemeinen Faktoren zu tun, als auch mit der Qualität der Produkte selbst. Yamaha war schon damals eine sehr große Firma mit einem außergewöhnlich breit gefächerten Produktportfolio, wobei Musikinstrumente einen großen Teil des Angebots ausmachten. Dass man auch in der Motorrad- und Motorenfertigung (und vielen weiteren Geschäftsfeldern) eine führende Rolle besaß, mag für uns Drummer nebensächlich erscheinen. Der Umstand sorgte aber dafür, dass im Unternehmen große Ressourcen für die Entwicklung und Produktion zur Verfügung standen, was sich wiederum direkt auf die Konstruktion und die Qualität der Schlagzeuge auswirkte. Darauf werde ich später noch näher eingehen. Ein weiterer Faktor für den Siegeszug der 9000er war die Wirtschaftskrise, welche die USA in den Siebzigerjahren beutelte und dafür sorgte, dass ausgerechnet die innovativen Marken von der Bildfläche verschwanden. So erwischte es nicht nur Rogers, auch das Überleben von Gretsch und Ludwig hing jahrelang am seidenen Faden. Häufige Besitzerwechsel und Geldmangel hemmten zudem die Innovationskraft dieser Traditionsmarken.

In diesem Klima handelten die Japaner klug und starteten eine große Endorser- und Studio-Offensive. Auch viele Backline-Firmen wurden mit den neuen Drumsets bedacht, und plötzlich sah man die 9000er überall. Daran hat sich bis heute nur wenig geändert, denn die Schlagzeuge werden – wenn auch in abgewandelter Form – immer noch gebaut. In diesem Artikel geht es aber eben um die alten Originale mit den dünnen Kesseln, welche wir uns jetzt mal im Detail anschauen. 

Das Herzstück der ersten Produktionsjahre: ein dünner Birkenkessel

Der Sound einer Trommel wird maßgeblich durch ihren Kessel geprägt. Und genau dort hat Yamaha in den Siebzigern intensive Forschung betrieben, um etwas Neues anbieten zu können. Während viele andere Hersteller der Zeit in ihren Katalogen nur unbestimmt von Holzkesseln sprechen, stellt Yamaha erstmals die Holzsorte – ausgesuchtes Birkenholz – der 9000er in den Vordergrund, außerdem die Art der Konstruktion. Mithilfe eines speziellen Verfahrens namens „Air Seal“ konnten perfekt runde Kessel gebaut werden, deren Lagen keine Lücken oder Überlappungen aufwiesen. Grafiken dazu finden sich bereits in den Katalogen der späten Siebzigerjahre. Das war allerdings nicht die einzige Besonderheit der Kessel, denn auch der Gratung und dem Finish wurde verstärkte Aufmerksamkeit zuteil. So besitzen die Holzzylinder auch auf den Innenseiten und auf der Gratung eine Lackierung. Letztere war – im Gegensatz zu den späteren Jahrgängen ab 1985 – noch rundlich geformt und von Hand gestaltet. Bis 1982 gab es  nur das sogenannte „Real Wood“-Finish und verschiedene Folienoberflächen. Beim Chrom-Outfit handelte es sich übrigens um echtes Metall. Ab 1982 splittete Yamaha seine High End Drums in die GA- (Gigging Artist oder Recording Standard) und RA- (Recording Artist oder Recording Custom) Linien auf, wobei die RA Drums auf den Außenseiten mit den gleichen Pianolacken versehen wurden wie die berühmten Flügel der Firma. Auch innen waren die Trommeln „in Wagenfarbe“ lackiert. Ein schwarzes Set dieser Art wurde zu Steve Gadd's Markenzeichen, seine Trommelgrößen waren 20x14, 10x8, 12x8, 13x9 und 15x12 Zoll. Die GA's waren etwas günstiger und umfassten das matte Real Wood Naturfinish sowie verschiedene Folien. Die Kesselinnenseiten waren ebenfalls klar lackiert. Originale GA Kits besitzen immer holzfarbene Bassdrumreifen. Zur genaueren Einordnung und Altersbestimmung habe ich weiter unten noch weitere Infos zusammengestellt. 

Die Kessel wurden nicht von Yamaha selbst hergestellt

Wer sich ein bisschen mit Yamaha-Trommeln beschäftigt, weiß, dass die Firma zwar die Technolgie entwickelt und auch die Maschinen bereitgestellt hat, gebaut wurden die „Made in Japan“-Instrumente – bis 2014 – jedoch vom kleinen Hersteller Sakae in Osaka. Dies gilt auch für die Anfangszeit der 9000er Trommeln. Die Frage ist natürlich, wo die Taiwan-Kits entstanden. In Anbetracht der identischen Bauweise und Verarbeitungsqualität gehen einige Yamaha-Kenner davon aus, dass alle Kesselarbeiten von Sakae erledigt wurden, in Taiwan fand dann möglicherweise nur der Zusammenbau und die Endkontrolle statt. Dies ist jedoch keine gesicherte Erkenntnis. 

Die Hardware-Lösungen der 9000er ließen die Konkurrenz alt aussehen

Ein ganz klarer Vorteil der YD-9000er war die neu entwickelte Hardware. Die stellte nämlich (fast) alles in den Schatten, was es bis dahin am Markt gab und begründete den legendären Ruf, den Yamaha-Hardware seitdem genießt. Ich möchte mich hier allerdings nur auf die Kessel- beziehungsweise die Halterungs-Hardware konzentrieren. Eine der wichtigsten und effektivsten Neuerungen stellten damals die Kugelgelenk-Halterungen für die Toms und die Snareständer (!) dar. Anders als die grob gerasterten und oft wenig zuverlässigen Produkte der Konkurrenz, präsentierte Yamaha ein Design, welches nicht nur extrem flexibel in alle Richtungen einstellbar war, sondern die einmal gewählte Justierung auch zuverlässig hielt. Dass die Konstruktion bis heute immer noch kaum verändert gebaut wird und auch viele alte Originalhalter noch funktionieren wie am ersten Tag, zeigt, wie ausgereift sie schon damals war. Ein weiterer Vorteil waren die Kunststoff-gefütterten Rohre und Halterosetten, die ein müheloses Arretieren erlaubten und beim Spielen nicht klapperten. Dies gilt auch für die Innereien der Spannböckchen. Dass auch die Verchromung von sehr hoher Qualität war, erkennen Besitzer der bis zu 45 Jahre alten Trommeln daran, dass es – bei halbwegs guter Pflege – nur selten zu Pitting oder Rost kommt. Die Metallteile wurden schon damals (vermutlich) in den Motorenwerken gebaut und verchromt und waren darauf ausgelegt, auch bei schlechter Witterung lange zu halten.  

Nahtlose Spannreifen und Stimmsicherungen gab es auch schon

Obwohl die 9000er von damals optisch sehr schlicht und geradlinig daherkommen, verbergen sich an und in ihnen verschiedene Features und Bedienhilfen, die ihrer Zeit voraus waren. So besaßen die Trommeln der ersten Baujahre schon spezielle, geschlitzte Stimmschrauben mit einer Art Kunststofffüllung, welche als Stimmsicherung fungierte und auch heute noch gut funktioniert (sofern man mit der etwas schwergängigen Schraubenbewegung zurecht kommt). Praktisch war auch die Möglichkeit, sowohl Bassdrumspitzen als auch die Floortombeine schnell und problemlos von Gummi auf Metallspitze umstellen zu können. Dass die 1,6 Millimeter starken Stahlspannreifen an Toms und Snares nahtlos gezogen waren, würde heute ganz sicher immer noch als herausragendes Feature beworben. 

Der Sound ist legendär 

So komfortabel, zuverlässig und modern die neuen Hardware-Features damals auch waren, niemand hätte alleine dafür ein mittelmäßig klingendes Schlagzeug gekauft. Natürlich klangen die Sets der Konkurrenz in den Siebzigern auch toll, das Besondere an den Yamaha-Kesseln war jedoch ihre extreme Festigkeit und Konsistenz. Drummer und Tonleute waren damals auf der Suche nach klaren, vollen Signalen, die sich live gut durchsetzen konnten – Stichwort: lauter werdende Gitarren – und gleichzeitig unter Mikrofonen mit ausreichend Höhen überzeugten. Ein Blick in alte Kataloge zeigt, wo der klangliche Fokus liegen sollte. So ist im 78er Prospekt bei der Beschreibung der 9000er vom „sharpest sound and brightest response“ zu lesen. Ich würde einfach mal behaupten, dass die Attribute „scharf“ und „hell“ heute nicht mehr geeignet wären, Begeisterung für den Klang eines Drumsets zu wecken. Anders als heute, ging es damals jedoch nicht darum, möglichst warme Vintagesounds zu erzeugen, stattdessen entwickelten sich die Hörgewohnheiten in Richtung „Hi-Fi“, also möglichst natürlich, detailreich und durchsetzungsfähig. Der Trend ging zweifellos weg von den dünnen Kesseln softerer Struktur hin zu starreren Konstruktionen mit höherem Wirkungsgrad. Hier waren die Yamaha-Kessel aus harter Hokkaido-Birke aus damaliger Sicht klar im Vorteil. Aber wie klingen die Teile denn nun? Ich werde euch jetzt einen subjektiven Eindruck schildern, der sowohl auf meiner Erfahrung mit meinen eigenen 9000ern, als auch mit Vintage Drums anderer Hersteller basiert. 

Was an den alten Trommeln sofort auffällt, ist ihr erstaunlich zeitgemäßer Sound. Im Vergleich mit einem Ludwig 3-ply oder einem Gretsch-Set der Ära erzeugen die Yamahas mehr Druck und auch etwas mehr Lautstärke. Sie sind außerdem sehr klar und „fest“ im Ton und exakt stimmbar. Gleichzeitig klingen sie aber nicht hart, sondern erzeugen einen transparenten, „schmatzigen“ Anschlag, der wiederum einen deutlichen Retro-Einschlag besitzt. Die späteren Recordings ab 1985 haben aufgrund ihrer dickeren Kessel und der schärferen Gratung einen etwas knalligeren und im Vergleich synthetischeren Attack. Eine weitere tolle Eigenschaft der Instrumente ist ihre Fähigkeit, die Eigenarten unterschiedlicher Felle sehr deutlich herauszustellen. Aufgrund ihrer verrundeten Gratungen besteht ein guter Fellkontakt, sodass der Unterschied zwischen beispielsweise einlagigen und doppellagigen Fellen klar hörbar und – wie ich finde – auch fühlbar ist. Gleichzeitig verhalten sich die 9000er sehr gutmütig, sofern man keine groben Stimmfehler macht. Auch diese Eigenschaft dürfte zu ihrer schnellen Verbreitung in Studios und auf Bühnen beigetragen haben. Fans eines langen Sustains können auf RIMS verzichten, wenn sie die Toms möglichst nicht allzu weit auf die Halterungen schieben. 

Ganz großartig klingen auch die Bassdrums, welche einen äußerst druckvollen, soliden Sound erzeugen. Meine 24er gehört zu den mächtigsten Trommeln, die ich bisher in meinem Studio hatte. Meine Beobachtung ist, dass nur wenig Dämpfung nötig ist, um einen kontrollierten und fokussierten Ton zu erzeugen. Zudem gilt auch hier, ähnlich wie bei den Toms, dass unterschiedliche Felle und Beater eine große Vielfalt an Sounds ermöglichen. 

Die 9000er Snaredrums aus Birke und Stahl

Bei den 9000er Snares konnte der Drummer zwischen Birkenkesseln und nahtlosen Stahlkesseln wählen. Jeweils drei Größen standen zur Verfügung, nämlich 14x5, 14x5,5 und 14x6,5 Zoll (ab 1982/83 gab es die Recording Custom/RA Holzsnares auch in 14x7 Zoll). Zwei Abhebungen bot Yamaha an, eine davon war eine beidseitig justierbare Variante mit verlängertem Snareteppich, die andere kann als Yamaha-Version der Ludwig Super Sensitive bezeichnet werden. „000“ Serie hießen Snares mit dieser aufwendigen Konstruktion. Ich besitze zwei davon, eine in der 14x5,5 Stahl- sowie eine in der 14x6,5 Birkenversion. Anders als heute, liegen die beiden Materialien klanglich relativ weit auseinander. Die Stahlsnare ist offen, lebendig und höhenreich, während die Holzsnare, nun ja, deutlich holziger und weicher klingt. Gemein ist beiden die äußerst crispe Ansprache, welche sich mit den großen Stellrädern sehr exakt einstellen lässt. Wie alle meine 9000er, verwende ich auch die Snares regelmäßig für Aufnahmen aller Art. Um euch einen kleinen klanglichen Eindruck von den Drums zu vermitteln, habe ich euch alle Trommeln sowohl als Soundfile als auch im Video aufgenommen.   

Seriennummern und Besonderheiten: Wie lässt sich das Alter bestimmen? 

Langsam, aber sicher werden Drums der ersten Baujahre der Yamaha 9000er zu begehrten Spiel- und Sammelobjekten und viele Besitzer fragen sich, wann ihre Schätzchen hergestellt wurden. Obwohl Yamaha für bestimmte Produktionszeiträume ein recht zuverlässiges Nummerierungssystem hatte, fällt es trotzdem manchmal schwer, die verschiedenen Modellvariationen chronologisch zu ordnen. Besonders die verschiedenen Zusatzbuchstaben auf den Typenschildern (E, D, DA, G, GA, RA), die Böckchenformen sowie die Produktionsstätten sorgen für Irritationen. Es ist außerdem anzunehmen, dass Yamaha die weltweiten Märkte zeitgleich mit jeweils unterschiedlichen Modellvariationen beliefert hat. Fangen wir mit der grundlegenden Sortierung an. Vier leicht unterschiedliche Typenschilder und zwei Arten von Böckchen hat Yamaha in den ersten Produktionsjahren bis 1984 verwendet. Aus allen Badges geht zunächst zweifelsfrei der Produktionsstandort hervor. Die Trommeln, auf die wir uns hier konzentrieren, wurden entweder in Taiwan oder in Japan gefertigt (von 1987 bis 1992 auch in England, die aktuellen Recording Customs kommen aus China), wobei es zwischen den Fabriken keine nennenswerten Qualitätsunterschiede gibt. 

In den Siebzigern produzierte man sowohl durchgehende als auch einzelne Böckchen

Eines der herausstechenden Merkmale der 9000er-Serie sind sicherlich die markanten, durchgehenden Spannböckchen, welche zum Zeitpunkt ihres Erscheinens, abgesehen von den britischen Premier Drums, eine Neuheit auf dem Schlagzeugmarkt darstellten. Allerdings brachte Yamaha in den Siebzigerjahren auch 9000er mit knubbeligen Einzelböckchen auf den Markt, welche die Formensprache der Yamaha-Trommeln der 60er Jahre weiterführten und stärker an den US-Geschmack angelehnt waren. Diese Drums könnt ihr euch beispielsweise im 1978er Katalog ansehen. Produziert wurden diese Trommeln vorwiegend in Taiwan (später auch in Japan), vom Zusatz „Recording“ ist noch nicht die Rede. Und hier kommt schon die erste Verwirrung, denn optisch waren diese identisch mit der später (1983) vorgestellten 8000er Tour Serie. Um Entwicklungskosten zu sparen, reichte man das vormalige „Top of the Line“-Design in die zweite Reihe weiter, die 9000er besaßen zur selben Zeit schon die bekannten, durchgehenden Böckchen. Hier hilft nur ein Blick auf das Badge. Dort steht dann – links neben dem Luftloch – beispielsweise „TT-914D“. TT steht für Tom Tom, und die 9 zeigt die Serie an, also 9000. Die 14 beschreibt den Durchmesser, es handelt sich also um ein 14x10 Hängetom der 9000er-Serie. Das Floortom der Reihe heißt FT-914D. Unterschiedliche Kesseltiefen gab es bis 1984 noch nicht, die Toms hatten alle das Traditional-Maß, also 12x8, 13x9, 14x10, 15x12 Zoll. Wo die 8er und 10er sind, fragt ihr euch jetzt? Die gab es offiziell vermutlich erst ab 1981. Werft mal einen Blick in den 1978er Katalog, dort findet ihr auch die anderen Größen und Bezeichnungen. 

Neben der Typenbezeichnung findet sich auf den Badges noch eine weitere Buchstaben- und Ziffernfolge. Diese findet ihr auf dem Badge rechts neben dem Luftloch. Nehmen wir als Beispiel mal eine meiner Snares, eine 14x6,5 Birkentrommel mit der aufwendigen Parallelabhebung (sogenannte „000“-Reihe). Rechts auf dem Badge steht hier PX 5004. Kurioserweise geben nicht die Zahlen, sondern die beiden Buchstaben Aufschluss über Baujahr- und Monat. Der erste markiert dabei das Produktionsjahr, der zweite den Produktionsmonat. Es startet bei H (1971, 1981). Zählt man bei unserer Snare also weiter bis P, würde man bei 1979 landen. Bleibt noch die vierstellige Ziffernfolge, welche immer mit einer 5 beginnt. Langjährige Sammler mit einem großen Archiv an Seriennummern haben mir gesagt, dass man am Anfang des Monats immer wieder auf 5000 „resettet“ hat. Die Nummern wurden zudem mehrfach für unterschiedliche Größen verwendet. Nach dieser Theorie könnte beispielsweise die 5005 jeweils die fünfte Trommel einer Größe in einem Monat sein. Anhand dieser Infos könnte man zudem zu einer mittleren Jahresproduktion von etwa 1500 Trommeln, also etwa 300 Sets kommen. Dies sind jedoch nur Annahmen, echte Klarheit könnten wohl nur Produktionslisten aus den Werken schaffen. 

So entschlüsselt ihr die beiden Datumsbuchstaben auf den Typenschildern

Der Buchstabe H markiert jeweils den Start der Zählweise sowohl für das Produktionsjahr als auch den Monat. Warum es das H ist, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Die Zählweise ist für die 70er und 80er Jahre identisch, ihr müsst daher zumindest wissen, in welchem Jahrzehnt eure Trommeln gebaut wurden. Das ist jedoch relativ einfach, wenn ihr diesen Text lest. 

Erster Buchstabe: Baujahr (die relevanten Baujahre sind fett markiert)

H: 1971, 1981

I: 1972, 1982

J: 1973, 1983

K: 1974, 1984

L: 1975, 1985

M: 1976, 1986

N: 1977, 1987

O: 1978, 1988

P: 1979, 1989

X: 1970, 1980

Zweiter Buchstabe: Monat

H: Januar

I: Februar

J: März

K: April

L: Mai

M: Juni

N: Juli

O: August

P: September

X: Oktober

Q: November

Z: Dezember

Ab 1976: oben eckige Badges, Made in Japan, durchgehende Lugs

Nach meinen eigenen Recherchen und der Rücksprache mit verschiedenen Sammlern komme ich zu dem Schluss, dass die ersten Yamaha 9000er-Trommeln im Jahre 1976 auf den Markt kamen. Sie wurden in Japan hergestellt und besaßen zunächst die durchgehenden Böckchen, die wir heute mit den Recordings verbinden. Die Typenkennung links auf dem Badge endet mit einem „A“, rechts vom Luftloch stehen nur zwei Buchstaben. Beispiel: TT-913A und NO. Es handelt sich um ein 13er Tom, welches im Juli 1977 hergestellt wurde. Trommeln mit einer M-Kennung (1976) sind extrem selten. Auffällig an den Badges ist der Umstand, dass die beiden oberen Ecken spitz auslaufen und nicht – wie bei den anderen Typenschildern – verrundet ausgeführt sind. Die letzten dieser Art wurden – nach meiner Recherche – bis Mitte 1978 (O-Kennung) gebaut.

Ab 1977/78: zwei Produktionsstätten, zwei Böckchenformen

Ab jetzt wird es etwas undurchsichtig, denn im Katalog für 1978 werden die 9000er Drums mit einzelnen Stimmböckchen vorgestellt, durchgehende Lugs sind hier nicht aufgeführt. Eine typische Seriennummer (Made in Taiwan) könnte jetzt so lauten: BD-924D und OO 5034. Es handelt sich um eine 24er Bassdrum, welche im August 1978 hergestellt wurde. Man beachte auch das D hinter der Größenangabe, dieses kennzeichnet die Versionen mit Einzelböckchen. Aber Vorsicht! Es gibt auch noch die Kennung DA, mit welcher offenbar eine andere Kesselkomposition aus den Hölzern Birke und Camellia (eine asiatische, weichere Holzart) gekennzeichnet wurde. Es soll aber sogar Werkskits mit gemixten Seriennummern aus D und DA geben, deren Besitzer angeben, dass alle Kessel absolut identisch aussehen. Es ist auch ziemlich offensichtlich, dass in den Werken manchmal fehlerhaft oder willkürlich gekennzeichnet wurde. Darauf lassen Typenschilder ganz ohne Herstellungsmonat oder -jahr schließen. 

Nun wird es noch verwirrender, denn irgendwann im Laufe des Jahres 1978 (vielleicht sogar früher) begann Yamaha, die 9000er zusätzlich wieder mit den langen, durchgehenden Lugs zu bestücken. Diese besaßen dann den Buchstaben E hinter der Größenbezeichnung und wurden ebenfalls in Taiwan, ab spätestens 1980 aber auch in Japan gefertigt. Bis 1982 waren die Badges silberfarben und an allen vier Ecken verrundet ausgeführt. Anhand von Nachforschungen kann festgestellt werden, dass im groben Zeitraum von 1978 bis 1982 sowohl Drums mit Einzelböckchen (D, DA) als auch mit den Long Lugs (E), also durchgehenden Böckchen gebaut wurden. Beides geschah sowohl an den Produktionsstandorten Taiwan als auch in Japan. Dass sich in der Modern Drummer Ausgabe vom Juni 1981 eine Vorstellung eines 9000D (Einzelböckchen) Kits findet, während es schon seit einigen Jahren Modelle mit den durchgehenden Versionen gab, stützt die These, dass man den US-Markt bis etwa 1982 noch mit den Einzelböckchen-9000ern versorgt hat, während es in Europa viele Sets mit früheren Jahreskennungen und durchgehenden Böckchen gibt.  

Ab 1982 hießen die Drums offiziell Recording Standard (GA) und Recording Custom (RA)

1982 begann Yamaha offenbar, das Projekt 9000er zu straffen und mit verstärkten Anstrengungen voran zu treiben. Im Katalog desselben Jahres wird erstmals mit Bildern der vielen berühmten (amerikanischen) Endorser geworben. Gleichzeitig beendete Yamaha die Herstellung der Oberklasselinien am taiwanesischen Standort. 9000er gab es ab jetzt nur noch mit den durchgehenden Spannböckchen. Im Katalog ist jetzt offiziell von 9000GA (Gigging Artist oder Recording Standard) und 9000RA (Recording Artist oder Recording Custom) die Rede. Die Altersbestimmung gestaltet sich nun sehr einfach. Rechts neben dem Luftloch finden sich nur noch zwei Buchstaben, der erste markiert das Produktionsjahr der zweite den Monat. Eine Trommel mit der Inschrift FT-916RA und JJ ist dementsprechend als hochglanzlackiertes (Recording Custom) 16er Floortom aus dem März 1983 identifizierbar. Auch die Badges selbst heben sich durch eine leichte Kupferfärbung (von Kennern pink badge genannt) von den früheren, silbernen Versionen ab.

Welche Modelle sind besonders selten und gesucht?

Insgesamt zählen heute grundsätzlich alle Yamaha 9000er-Trommeln mit den dünnen Birkenkesseln und verrundeten Gratungen zu den gesuchten Vintage-Instrumenten. Es gibt jedoch einige Modelle, die besonders Sammler und Kenner elektrisieren und für die teils stattliche Preise gezahlt werden. Ein paar davon möchte ich euch kurz vorstellen, die Liste ist jedoch sicherlich nicht vollständig und variiert auch. 

Sehr gut erhaltene Werkskesselsätze und ganze Kits mit Hardware: Neulich hatte ein holländischer Shop ein Set mit Hardware im Real Wood Finish im Angebot, welches 40 Jahre lang in ungeöffneten Originalkartons lag. So perfekt muss es aber natürlich gar nicht sein, auch gepflegte Spielerkits sind gesucht. 

Kleine Toms (keine Concert-Toms): Reguläre Toms in den Größen acht und zehn Zoll gab es offiziell erst ab etwa 1981, schon 1985 wurden die moderneren Recordings mit den dickeren Kesseln vorgestellt. Die meisten Kunden bestellten damals jedoch Sets in den Standardausführungen ab der 12er Größe. Somit sind diese Größen sehr selten und gesucht.

Bassdrums in 18 und 20 Zoll Größe: Besonders rar sind auch die kleineren Bassdrumgrößen. Obwohl diese im 1978er Katalog aufgeführt waren, ist es sehr schwierig, sie zu finden. Selbst Bilder finden sich im Netz kaum. Meine eigene 18er mit zehn Spannböckchen ist die einzige dieser Art, die ich überhaupt je gesehen habe. Spätere Modelle mit acht Böckchen tauchen ab und zu mal auf, das gleiche gilt für 20er. Aber die sind äußerst schwer zu finden. Dasselbe gilt übrigens für 26er Modelle, auch hier braucht es teils jahrelange Geduld, bis man eine gefunden hat. 

Holz-Snares der 000-Serie: Snares mit der überkandidelten Parallelabhebung hießen 000-Serie und sind gesucht. Speziell die flachen 5er und 5,5er Modelle aus Birke wurden damals eher selten gekauft und sind entsprechend rar. 

Hochglanzlackierte Trommeln und Kits (RA, Recording Custom): Die meisten Käufer haben sich damals für eine folierte Modellvariante oder ein Set in mattem Real Wood entschieden. Die lackierten Recording Customs kamen erst 1982 auf den Markt und wurden in dieser Form (mit den dünnen Kesseln) nur noch drei Jahre lang angeboten. Sie waren außerdem damals schon teurer. 

Eine absolute Rarität stellen auch die „Tunable Floor Toms“ dar, welche sich über ein unter der Trommel montiertes Pedal beim Spielen stufenlos umstimmen ließen. Sie wurden vermutlich nur zwei bis drei Jahre lang gebaut und selten bestellt. 

Was kosten diese Drums heute?

Seit ein paar Jahren ziehen die Preise für „Vintage Drums“ an. Gretsch- und Ludwig-Trommeln zählen schon lange zu den offiziellen Sammlerobjekten, und spätestens, seit Yamaha mit der Einführung der neu aufgelegten Recording Customs die Aufmerksamkeit auf die Historie gelenkt hat, geht es auch bei den 9000ern los. Am häufigsten sind folierte Kesselsätze der Größen 24x14, 13x9, 14x10 und 18x16, sowie 22x14, 12x8, 13x9 und 16x16 zu finden. In gut erhaltenem Zustand kosten die jeweils etwa 1000 bis 1300 Euro, makellose Exemplare können auch 1500 und mehr bringen. In der Farbe Real Wood (matt) kann man etwa 300 bis 500 Euro hinzurechnen. 

Der Herstellungsort spielt dabei eine eher untergeordnete Rolle, Kenner wissen nämlich, dass es keine Qualitätsunterschiede zwischen den Produktionsländern Japan und Taiwan gab. Bei den Snaredrums kommt die nahtlose Stahlvariante SD-955MA oder SD-965MA am häufigsten vor, weil diese Typen meist mitbestellt wurden. Je nach Zustand liegen die etwa bei 200 bis 250 Euro, die sogenannte 000-Version mit Parallelabhebung kostet um die 50 Euro mehr. 

Tief in die Tasche greifen (und viel Geduld haben) müsst ihr, wenn ihr die gesuchten Größen (siehe oben) und Farben euer Eigen nennen wollt. Ihr tretet dann in Konkurrenz zu anderen Sammlern, die oft schon seit Jahren nach einer Erweiterung ihrer Standard-Outfits suchen. Hier liegen die Preise schnell bei 400 bis 700 Euro für Toms (8er, 10er, 14x14 Floortoms). Manche Trommeln sind hingegen fast unmöglich zu finden, wie eben die kleinen Bassdrums oder auch bestimmte (lackierte) Farben. Manchmal tauchen allerdings ganze Kits auf, bei denen die speziellen Größen Teil des Angebots sind. 

In einem 1982/83er Originalkatalog aus meiner Sammlung hat ein Vorbesitzer damals übrigens die D-Mark-Preise für einige Konfigurationen mit Bleistift notiert. Danach kostete der folierte (beziehungsweise Real Wood) 9000GA Kesselsatz mit 22er Bassdrum 1860 Mark, jener mit 24er lag bei 2050 Mark. Für das Hardwareset mit Pedalen, zwei Beckenstativen und Snareständer musste man zusätzlich 905 Mark berappen. Zum Vergleich: Ein VW Käfer kostete zur selben Zeit etwa 9000 Mark. 

Fazit

Die Geschichte der berühmten Yamaha 9000 Recording Drums begann im Jahre 1976, als die japanische Firma ein komplett neu designtes Drumset samt moderner Hardware auf den Markt brachte und damit die weltweite Konkurrenz das Fürchten lehrte. Anders als die Version ab 1985, hatten die ersten Modellgenerationen einen dünnen Birkenkessel mit verrundeten und lackierten Gratungen. Unter Sammlern und Fans sind diese Trommeln besonders begehrt. Ihre Hardware ist immer noch zeitgemäß und funktional, und die exzellente Verarbeitung sorgt bei vielen dieser 40 Jahre alten Instrumente immer noch für ein schönes Erscheinungsbild. Klanglich liegen die 9000er dieser Art zwischen dem sehr warmen und oft höhenarmen Ton der US-Kits jener Zeit und einem eher modernen, klaren Sound aktueller Kits. Sie lassen sich leicht stimmen, reagieren sensibel auf verschiedene Felle und erzeugen besonders im Studio schnell toll klingende Ergebnisse. 

Noch ein paar Worte zu diesem Text und meiner Recherche. Die von mir zusammen getragenen Informationen stammen aus verschiedenen Quellen wie altem Katalogmaterial, Artikeln in Zeitschriften und nicht zuletzt von meinem eigenen Anschauungsmaterial. Danke auch an drumforum.org-Mitglied Brian (Tama CW) für wertvolle Hilfe bei der zeitlichen Einordnung der Produktionsvariationen. Trotzdem gibt es Lücken in der Historie, manche Infos waren auch nach intensiver Suche nicht klar zu bestimmen. So gilt schon die Datierung der verfügbaren Kataloge als nicht eindeutig, denn sie weisen keinerlei Veröffentlichungsdaten auf. Wenn ihr also selbst Informationen zu diesen tollen Drums habt, zögert nicht, uns anzuschreiben!

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