Test
8
18.02.2020

Behringer WING Test

48-Kanal Full Stereo Digitalmixer

Digitalmischpult im Aufwind

Schon beim Produktstart war klar, dass Behringers WING-Konsole enormes Potential hat. Zumindest der Papierform nach. Obwohl das Pult schon mit der ersten Firmware bei der Erstauslieferung gegen Ende Dezember letzten Jahres stabil und zuverlässig performte, muss man konstatieren, dass doch einige angekündigte Funktionen bei der Produkteinführung noch nicht verfügbar waren. Somit ließ sich nicht in Gänze einschätzen, was das Pult generell für ein Mixpotential mit zum Gig bringt. Wohin die Reise geht, darf ich nun anhand der zum Testpunkt frisch erschienen Firmware 1.03 evaluieren. So viel sei verraten: Die R&D-Abteilung war in den letzten zweieinhalb Monaten nicht untätig und hat neben Bugfixes gleich eine ganze Reihe essenzieller Funktionen nachgeliefert, welche der WING im Einsatz deutlich Mixing Power verleihen. Zeit, das Pult im Live-Einsatz auf seine neusten Funktionen abzuklopfen.

Details

Die Eckdaten Bevor es an die Neuerungen geht, hier noch ein kurzer Abriss der Eckdaten für diejenigen, die gerade erst jetzt aus dem Winterschlaf erwacht sind und bis dato noch nichts von der WING-Konsole vernommen haben. Alle anderen können getrost zum nächsten Abschnitt übergehen. Behringer sieht die WING nicht als Nachfolger für die X32-Serie. Diese erhielt gerade einen Performance-Boost durch das Firmware Upgrade 4.2 und soll demnach noch länger im Portfolio erhalten bleiben.

Die WING-Konsole etabliert sich, was den Preis und die Performance betrifft, oberhalb der X32-Serie. Auch optisch erscheint die WING mit einer völlig anderen Oberfläche. Zudem ist es konzeptuell eine eigenständige Entwicklung, was sowohl die Hardware als auch die Software betrifft.

Am offensichtlichsten wird das durch den 10-Zoll-Touchscreen, der sich stufenlos verstellen und sogar im Gehäuse versenken lässt. Somit lassen sich sogar alte X32 Fullsize-Cases für die WING weiterverwenden, wenn man die Schaumstoffeinlage entsprechend umgestaltet. Ebenfalls neu sind die touch-sensitiven Encoder, derer es gleich 22 Stück gibt. Man braucht nur einen Encoder zu berühren und der damit gekoppelte Parameter wird im Screen angezeigt. Generell wurde an der Hardware nicht gespart. Neben den 22 Motorfadern gesellt sich in der Channelstrip-Sektion rechts neben dem Touchscreen ein weiteres kleines Display dazu, das zusammen mit zahlreichen LEDs die wichtigsten Metadaten eines selektierten Kanals anzeigt.

Neu für einen Behringer-Mixer ist auch die Tatsache, dass zwei Techniker parallel an der WING arbeiten können, wenn einer den Touchscreen bedient und die zweite Person den Channelstrip nutzt. Die Aufteilung der Fader-Bänke ist ebenfalls originell. Die linken zwölf Fader bedienen per Default die Eingänge. Das Pult verfügt über 40 vollwertige Kanalzüge und acht zusätzliche Hilfseingänge mit einer abgespeckten Kanalausstattung.

Der Clou: Alle Ein- und Ausgänge sind stereo angelegt. Das bedeutet, die WING kann maximal 96 Signalquellen (48 Stereoquellen) simultan verwalten. Das Gleiche gilt für die 16 Mixbusse. Die WING verfügt über gleich vier Stereo-Summenausgänge und acht Stereo-Matrizen. Alle Mixbusse lassen sich per Knopfdruck mono schalten, wobei man aber keine 32 autarken Mono-Busse erhält. Vielmehr bleibt die Anzahl immer gleich, also maximal 48 Inputs und 16 Mixbusse im Mixbetrieb, die frei stereo oder mono konfigurierbar sind. Soviel für einen ersten Überblick.

Behringer CoPilot App übernimmt das Steuer

Während dieser Test geschrieben wurde, warten die WING-User stündlich auf die erste WING-Version der bekannten „Mixing Station“ App (iOS und Android) von David Schuhmann, die eine Fernsteuerung der WING via Tablet erlauben soll. Aber auch Behringers Software-R&D ist nicht untätig gewesen und veröffentlicht gerade die erste Version der Hauseigenen App „CoPilot“. Ich habe versucht, die App auf meinem betagten iPad 2 zu installieren, was leider nicht gelang. Die App CoPilot benötigt mindestens das Betriebssystem iOS 11, auf das sich mein iPad nicht mehr updaten lässt.

Schaut man sich den aktuellen Funktionsumfang der App CoPilot an, lässt sich das mitunter verschmerzen. Aktuell dient die App dazu, ein „Performance Setup“ zu erstellen. Die Idee dahinter ist folgende: Mit dem Tool lassen sich alle Sources für Ein- und Ausgänge benennen, mit Icons konnotieren und farblich kodieren. Das macht man idealerweise mit dem Tablet auf der Bühne, während man die Signalquellen an den Stageboxen andockt.

Ist man damit fertig, geht man von der Bühne zum FoH-Platz und hat am Pult bereits alle Sources definiert, was den Start beschleunigt und für eine bessere Übersichtlichkeit sorgt. Mehr bietet die CoPilot-App derzeit noch nicht. Aber Behringer hat jetzt schon eine Road Map für den CoPilot veröffentlicht, welche die drei nächsten Phasen der Entwicklung voraussagt.

In Phase 2 soll die App um ein umfassendes Metering der Sources erweitert werden. In einem dritten Schritt ist die Möglichkeit des Monitormixens angedacht. Damit lassen sich die Monitormixe auf der Bühne mittels Tablet unabhängig von der Konsole erstellen. Ein Feature, das besonders gefragt sein dürfte. In der letzten Phase soll der CoPilot auch den FoH-Mix erlauben. Ideal, wenn der FoH-Platz an einer ungünstigen Stelle steht.

Mit CoPilot und einem Tablet lässt sich der Mix überall im Venue übernehmen. Wann die App auf die nächsten Phasen aufgebohrt wird, ist derzeit noch unbekannt, aber zumindest weiß der Anwender wohin die Flugreise geht. Wo wir gerade beim Thema sind: Eine Remote-App bzw. Offline-Editoren für Mac und PC lassen ebenfalls noch auf sich warten, was bei dem Funktionsumfang der Konsole auch ein Stück weit verständlich ist.

Ein- und Ausgänge

Wie bereits in meinem Preview-Artikel zur WING beschrieben, kann das Pult mit allen bekannten Stageboxen aus der X32/M32-Serie betrieben werden. Wer bereits derartige Stageboxen besitzt, kann diese über die drei AES50-Ports der WING andocken. Neu ist nun die Möglichkeit, auch die größeren Midas-Pro-Stageboxen (z. B. DL251) dank der Firmware 1.03 mit der WING zu verbinden. Das macht tatsächlich Sinn, denn eine Midas DL251 mit ihren 48 Mic/Line-Eingängen passt gut zu den 48 Kanälen der Wing. Neben der DL251 werden nun auch die DL231 und die kleineren DL15X Stageboxen voll unterstützt.

Auch in den Kanalzügen hat sich einiges getan. So wurde das Kanal-Delay auf acht Meter (23.3 ms) erweitert und die Eingangsfiltersektion überarbeitet. Der Low Cut geht nun bis 2 kHz, während der High Cut sich bis 50 Hz einstellen lässt. Die EQ-Bandweite wurde nun in die gebräuchlichere Einheit „Q“ umgewandelt. Wer in den Kanälen und Bussen einen externen Effekt insertiert hat, darf sich jetzt über einen „send trim“ und ein „time alignment“ freuen.

Wer stets in Eile ist, der dürfte die neuen Optionen bezüglich der Fader-Geschwindigkeit begrüßen. Die Fader der WING waren bis dato recht gemächlich unterwegs, was nicht allen Usern gefiel. Mit der Firmware 1.03 kann der Anwender zwischen drei unterschiedlichen Geschwindigkeiten (slow, medium, fast) wählen. Zudem wurde die Funktion Solo-In-Place auf die Mixbusse erweitert.

Effekte und Emulationen

Die WING-Konsole bietet ein großes Angebot an Effekten und Emulationen bekannter Hardwareklassiker. Dabei gilt es zu unterscheiden. Das Pult verfügt über ein Effekt-Rack mit 16 Stereo-Slots. Hier finden wir unter anderem Halleffekt-Emulationen von Lexicon, Quantec und EMT. Darüber hinaus notiere ich viele Delay- und Modulationseffekte und echte Spezialisten wie Gitarrenamp-Simulationen, einen Sansamp und einen Vocal Rider. Damit nicht genug: Jeder Kanal verfügt über zwei Insert-Slots, an dem Effekte aus dem FX-Rack insertiert werden können.

Darüber hinaus lassen die Gates, Kompressoren und EQs der WING durch Alternativen ersetzten, ohne dass man dazu das FX-Rack bemühen muss. Die Auswahl ist reichhaltig. Hier ein Auszug aus dem Portfolio: Pultec EQ, SSL Buscompressor, SPL TD, Neve EQ, Gae, Kompressor, Focusrite ISA und D3, dbx 160, LA-2A, 1176, Elysia mPressor, Empirical Labs Distressor.

Die WING-Konsole ist zudem gespickt mit kleinen Goodies wie einer sechszehnkanaligen Automix-Funktion oder einer variabel einstellbaren RTA-Anzeige in den EQs. Lang erwartet und mit der Firmware 1.03 endlich umgesetzt, ist der bekannte Hall-Algorithmus VSS3 aus dem Hause TC Electronic. Dieser legendäre Hall-Algorithmus kam schon im High-End-Effektgerät TC System 6000 zum Einsatz und war bis dato nicht in Pulten der WING-Preisklasse erhältlich.

Die optische Umsetzung sowie die Bedienung über den Touchscreen sind gelungen. Der Anwender hat die Wahl, die originalen TC-Presets mit Hilfe des Encoders unterhalb des Summenmeters durchzuwählen oder alternativ jeden Parameter von Hand einzustellen. Ein mächtiges Werkzeug, logisch, dass ich davon einige Klangbeispiele machen musste. Andere Effekte erfuhren durch die neue Firmware ein GUI-Update, kleinere Bugfixes und vor allem eine FX Mix Control (Dry/Wet). Somit ist die Effektsektion sicherlich ein Highlight der Konsole.

Workflow Verbesserungen

Auch im Workflow hat sich was getan. Die Mute-Gruppenzuweisung funktioniert nun ähnlich intuitiv wie bei den DCA-Gruppen. Man hält die Tasten „Mute Groups“ und die gewünschte Mute-Gruppe gedrückt und wählt dann über die Select-Tasten aus, welche Kanäle/Busse dieser Gruppe zugeordnet werden sollen. Easy! Die beiden 32-Kanal-SD-Recorder lassen sich zu einem Sample-synchronen 64-Kanal-Recorder kaskadieren, während die Tap-Tempo-Taste sich endlich auch auf einer Custom--Control-Taste ablegen lässt. Dabei zeigt das dazugehörige Display sogar die Delay-Zeit an. Die ganze „Custom Controls“ Sektion wurde um Parameter erweitert und erhielt zudem doppelt so viele Unterseiten. Statt vormals acht Preset-Seiten notiere ich nun gleich 16. Erstmals eingebunden sind nun auch die vier GPIO-Ports, die ebenfalls mit Parametern belegbar sind.

Was noch zu tun ist

Anhand der neuen Features ist klar zu erkennen, was in der Entwicklungsabteilung von Behringer Vorfahrt genießt. Offensichtlich gilt es, die Pult-internen Eigenschaften bevorzugt fertigzustellen. Daher verwundert es nicht, dass es in puncto „Optionskarten“ übersichtlich aussieht. Die WING verfügt über einen Optionskartenslot, in dem ab Werk der SD-Karten-Recorder WING-LIVE sitzt. Dazu kommt ein weiterer, interner Kartensteckplatz.

Hier sollen in Zukunft entweder eine Dante oder eine Waves SoundGrid-Karte eine Heimat finden. Die Dante- und Waves-Optionen sollen allerdings auch im Optionskartenformat im Austausch für die WING-LIVE-Karte kommen. Dank der eingebauten Transportfunktionen (inklusive Jogwheel) ist die WING auch für den Einsatz im Tonstudio gerüstet. Angekündigt ist dementsprechend auch eine DAW-Steuerung. Diese steht allerdings ebenfalls noch auf der To-do-Liste.

1 / 3
.

Verwandte Artikel

User Kommentare