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Clueso Interview: Produktion und Songwriting von "Stadtrandlichter"

Über DIY, Inspiration und den Weg zum richtigen Weg

Seit der Veröffentlichung seines Debüts „Text und Ton“ ist bei Clueso viel passiert: Er hat eine Karriere mit Gold- und Platinauszeichnungen hingelegt und die ganz großen Hallen für seine Konzerte buchen. Seine Wurzeln sind zwar im Hip Hop, er hat sich über die Jahre stilistisch aber seinen eigenen Raum geschaffen. Seit dem letzten Album „An und für sich“ sind nicht nur 3 Jahre vergangen, er ist auch von seiner Plattenfirma Four Music weg gegangen und macht bis aufs Booking alles in Eigenregie: Clueso ist jetzt Independent! Wir sprachen mit ihm ausführlich über den Weg zum neuen Album, und vor allem darüber wie bei ihm Musik entsteht:

Wie bist Du zur Musik gekommen, und wann kam die Entscheidung, das professionell zu machen?

CLUESO: Hmm – gute Frage, kommt immer wieder mal, aber das kann man so genau nicht sagen. Irgendwie bin ich von meinen Eltern zum Gitarrenunterricht geschickt worden, weil ich so hyperaktiv war. Ich musste zu einer Lehrerin, die ich aber nicht cool fand. Dann hab ich immer so getan, als hätt‘ ich Magenschmerzen, und sie hat dann immer Milch mit Keksen gemacht. Aber eine Straße weiter hat mein Opa gewohnt, und bei dem habe ich dann Akkorde gelernt. So hatte ich schon mal eine Art erste Tuchfühlung mit Musik. Aber als ich mich dann wirklich für Musik interessiert hab, über die Hip Hop Szene bin ich rein gerutscht, da stand die Gitarre eine Weile in der Ecke. Da wollte ich rappen, freestylen und auf Jams fahren. Das war während der Lehrzeit – und vorher schon ein bisschen – ich hab Friseur gelernt. 

Irgendwann hab ich auf einer Hip Hop Jam Andreas Welskop kennen gelernt, meinen jetzigen Manager. Er hat mir die Platte „Quadratur des Kreises“ von Freundeskreis geschenkt, die mir gezeigt hat, dass Groove-Songwriting möglich ist. Dann hab‘ ich die Gitarre wieder aus der Ecke geholt. Es vermischt sich natürlich alles ein bisschen in der Vergangenheit: Ich kann dir nicht mehr GENAU sagen, dann-und-dann ist das-und-das passiert.

Ich konnte mich einfach wahnsinnig in der Musik verlieren, in allen anderen Sachen nicht. Für mich war alles Pflicht, außer Musik. Jetzt steck ich voll und ganz drin. Irgendwann habe ich die Lehre abgebrochen – zwar beendet, aber in Theorie bin ich durchgefallen. Zusammen mit einem Kumpel, der mit in der WG wohnte, und Koch gelernt hat, haben wir gesagt: Wir machen’s nicht mehr! Ich werd' jetzt Musiker – und er wollte Fotograf werden. Wir wohnen wieder zusammen in einer WG, seit Jahren: Er macht jetzt die ganze Grafik von Clueso und Videoanimation. Er macht auch viel für andere Bands. Und ich bin Musiker geworden. Das war der krasseste Schritt, sozusagen der krasseste Schnitt: Ich geh jetzt den Weg!

 

Und hat das wirtschaftlich gleich funktioniert? Das ist doch das größte Problem für alle – wie kriegt man das ans Funktionieren? Der Traum ist das eine...

CLUESO: Ich war immer abhängig von Leuten, die mich auch ein bisschen supported haben. Dazu gehört natürlich auch Andreas Welskop, der da was gesehen hat...

 

Hat er für dich da schon als Manager gearbeitet?

CLUESO: Er hat versucht Sachen zu managen, was schwierig war, weil er in Köln saß und ich in Erfurt. Das war noch während der Lehrzeit und es gab noch kein Internet in dem Sinne. Nur Telefon – ich hatte keinen richtigen Anschluss, war schwer zu erreichen. Er hat es dann über Freunde geschafft, mich irgendwie ran zu bekommen, damit ich mal ein Update gebe. Er war Supporter und ich hatte gar nicht soviel Feedback gegeben. Da gab’s dann auch mal Knatsch. Irgendwann hab ich dann gesagt: OK, ich geh jetzt nach Köln. Ich geh jetzt in die Nähe von dem Typen und check mal ein bisschen rum, was da geht. 

Andreas stammt ursprünglich aus Berlin, hat viel auf der Insel gemacht, für die Jugendkultur (Anm. d. Red.: Insel der Jugend in Berlin). Später hat er beim Hip Hop Label MC Records in Köln gearbeitet. Dann sind wir da hin, und er hat versucht, Deals für mich zu bekommen. Letztendlich hat Four Music „angebissen“, lange Geschichte das alles. So bin ich reingekommen in die Musik. Am Anfang war ich eher abhängig von Andi oder anderen – und ich war auf dem Arbeitsmarkt in Köln, wo ich versuchte einen Job zu kriegen. Das hat nicht geklappt, weil ich ja keine Lehre fertig hatte, keinen Führerschein hatte, nie im Lager gearbeitet hatte...

Und warst Du da nie verzweifelt oder so?

CLUESO: Nee, dadurch das alles andere Pflicht war, und für Musik so eine große Liebe da war – oder sie so eine große Flucht darstellte – war ich ganz froh, dass ich noch eine Ausrede mehr hatte, dass zu machen. Wie ein Kind. Ich bin auch mehr für andere zum Arbeitsamt hin gelaufen: „Ging nicht, hab nichts gekriegt!“ Und hab dann weiter Musik gemacht. Aber da konnte ich mich wirklich drin verlieren! Du konntest mich in einen Raum einsperren, und ich hab dagesessen und an der MPC Beats gebaut. Plötzlich kamen auch Leute: In Köln gab es eine Hip Hop Szene, und da waren dann plötzlich Rapper in der Bude, die zu acht hinter mir saßen, und alles zugekifft haben, während ich die fetten Beats baute.

Bei meinen ersten Sachen sind wir noch mit MPC, ADAT und MiniDisc aufgetreten. Dann waren wir auf der Hip Hop Tour 2000 – das weiß ich noch ganz genau: Vollgestopft mit Hip Hoppern diese Busse. Vier oder fünf Stück, mit allen, die damals so aktiv waren. Und ich war mittendrin und war so ziemlich der Einzige, der noch Leute mitgenommen hatte: einen Bassisten und einen Gitarristen aus Erfurt. Und das waren die Einzigen, die da so Musik gemacht hatten. Es gab dann auch eine Gruppe, die sich dagegen gestellt hat: Die das scheiße fand, CDs zerknickt haben – es gab richtig Beef. Und es waren auch Leute dabei, die sich für mich eingesetzt haben, z.B. Illvibe, ein DJ von den Krauts und Joe Rilla, so’n Riesentyp aus Marzahn. Der hat dann auch gesagt: „Lasst mal den Kleenen in Ruhe!“ Wie im Knast: Schutz von den einen – bedroht wurde ich von den anderen. (Lacht)

 

Aber so richtig abgegangen ist es für Dich erst als Du nach Erfurt zurück gegangen bist, so um 2002?

CLUESO: Für mich persönlich ist es abgegangen, als ich 2001 mein Album „Text und Ton“ bei Four Music rausgebracht habe. Weil ich einen Deal hatte, von dem ich leben konnte – und Musik machen als Hauptberufung. Das war schon ein ganz, ganz großer Schritt! 

Das ist auch etwas, was ich als System durchaus gut finde: Dass man eine Band unterstützt, indem man ein bisschen Kohle gibt und die etwas machen lässt. Wenn jemand sozusagen nicht arbeiten muss und einfach Musik machen kann. Weil man merkt: Der hat eine Meise und kann sich darin verlieren. Dann das ist sehr förderlich! Und deshalb hatten wir mit einigen anderen ein kleines Studio gegründet, Zehn vor Zehn in Köln. Und da haben wir Musik gemacht.

 

Ich habe gesehen, dass Du Dich selbst als Autodidakt bezeichnest? OK, zum Beats programmieren kann man noch nicht zur Schule gehen...

CLUESO: Nein, aber man kann natürlich was über Rhythmik oder ein Instrument lernen, und das darüber verstehen. Ich habe zum Beispiel eine Weile gebraucht, um den 6/8 Takt für meine Kunst zu benutzen – weil ich eben nicht Schlagzeug gelernt hatte. Das kam dann nachher über die Band. 

Ich habe Gitarre gelernt bei Frau Dietze, wo ich nicht hingegangen bin, und bei meinem Opa dann die ordentlichen Akkorde, weil ich keinen Bock hatte auf Etüden. Und das war es dann schon – ich kann die Grundgriffe und das dann verschieben. Ich benutze, was ich höre – auch kompliziertere Akkorde, aber ich weiß meistens nicht, wie sie heißen. Das geht übers Gehör. 

Aber ich kann mir wahnsinnig gut Melodien merken, vor allem eigene (lacht). Gerade bin ich mit dem Musiker Tim Neuhaus unterwegs. Davor hatten wir uns lange nicht gesehen und packten eine Skizze von vor drei oder vier Jahren aus, und er meinte: Krass, Du weißt sofort die Melodie – weißt wo es lang geht, die Akkorde. Das kann ich mir scheinbar ganz gut merken. Andere Sachen vergesse ich sehr schnell (grinst).

Kommen wir zum neuen Album „Stadtrandlichter“...

CLUESO: ...das habe ich zum ersten Mal selbst produziert. Produziert habe ich ja schon immer, auch im Hip Hop damals für Künstler wie Afu-Ra, Grand Agent und diverse andere – auch unbekannte. Aber ich habe nie so richtig gewusst, was ich da eigentlich tat. Ich wusste nicht, wie ein Kompressor funktioniert, wie ein Buss-Kompressor funktioniert, wie ein EQ sich aufbaut, wie man Instrumente staffelt – und was cool wäre für die Musik, die ich mache. Und dann hab ich gedacht: Das möchte ich jetzt selbst lernen. Ich möchte nicht mehr hinter jemandem sitzen und erklären, was ich möchte, sondern diese Sprache sprechen. Dass ich, wenn wir zum Beispiel beim Radio was aufnehmen, sagen kann: Du, das ist ein bisschen viel in den Tiefen bei 200 Hertz – mach mal weniger. Und das geht, das kann man sich selbst beibringen. Das ist schon ein Unterschied zu den anderen Alben. Ich habe es nicht komplett allein produziert und gemischt: Ich habe es vorproduziert und gemischt und es dann jemandem gegeben, der aus Scheiße Bonbons gemacht und das dann auf das richtige Level gehievt hat. Als Basis hatte ich ihm gebouncte Spuren gegeben.

 

Was für eine DAW hast Du denn benutzt? Pro Tools, Logic...? 

CLUESO: Ich habe Logic benutzt, und wir haben uns einen Analogsummierer gekauft, um die Sachen zusammen zu bringen. Ich hab mir viele Plug-Ins reingezogen, viel Waves. Ich bin total fasziniert vom MAQ-EQ und vom Fab-Filter. Die finde ich richtig, richtig geil! Ich habe viele neue Helden im Mixen und Recorden gefunden, wie zum Beispiel Michael Brauer. Von dem haben wir uns Buss-Kompression reingezogen, er hat da ein tolles System, wie man mehr Bass bekommt. Ganz viel habe ich von Dave Pensados YouTube-Filmen gelernt.

 

Als ihr mit der Produktion angefangen habt, waren die Songs da alle schon fertig oder entstanden sie erst?

CLUESO: Total unterschiedlich! Ich habe ja das Studio bei mir und wohne da auch. Mein Schlafzimmer ist direkt neben dem Studio. Ständig sind Musiker zu Gast, und dann hat jemand eine Idee. Inzwischen mag ich es, mit den einfachsten Mitteln aufzunehmen, damit man sich nicht verpfriemelt. 

Das ist das, was ich meinte: Man findet was interessant, lernt was darüber und wehrt sich als Autodidakt instinktiv gegen Systeme. Findet es nicht cool, wenn es zu geregelt ist, weil man Angst hat, dass das „Mojo“ verloren geht. Aber es gibt bestimmte Regeln, um die man nicht herum kommt. Man braucht eine Ordnung, zum Beispiel wie man Sachen benennt. Das hab ich gelernt mit einem Typen zusammen, der ein paar Jährchen jünger ist als ich, der sich sehr für Musik interessiert. Er hat auch die ganzen Tutorials und Sachen und Zeitungen angeschleppt und geguckt, wie man Verzeichnisse anlegt und Material sortiert. Und die Organisation von dem Sound ging nahtlos in die Musik über. 

Ich hab sozusagen provoziert, dass der rote Knopf nicht an ist bei der Band, sondern wir mit den billigsten aller Mittel aufnehmen. Wir haben an unterschiedlichen Orten Band-Camps gemacht und am Anfang nur mit Laptop mitgeschnitten. Da ging es darum, Ideen zu sammeln. Viele Ideen hatte ich vorher schon als Akkorde auf der Gitarre. Ich bin sehr schnell beim Schreiben, da kommt die Band manchmal nicht hinterher (lacht).

Es läuft vieles über Mimesis und Nachahmung, ich finde es aber nicht geil, wenn man Sachen komplett nachmacht. Also Stile zum Beispiel – ich mag immer, wenn ein Bruch da drin ist. Wenn man etwas ausprobiert und herausfindet, warum etwas so gemacht wird, und für sich lieber nur die Farbe mitnimmt. Die Band hat einen eigenen Stil und es gab nicht den EINEN Weg. Bei mir läuft viel über eine Idee, Akkorde zum Beispiel, die dann eine Melodie in mir hervor kitzeln. Ich hab’ eigentlich immer sofort Melodien. Heute haben wir im Radio gespielt, ich hab das iPhone raus gezuckelt und Tim gefragt: „Was spielst Du da?“ Er so: „Öhh... kam gerad‘ jetzt!“ Das ist vielleicht der Unterschied zu Musikern. Die spielen immer irgendwas und haben diese ‚rote Lampe‘ nicht, dass man das gebrauchen könnte. Geht mir aber selbst auch so, wenn ich irgendwas fummel. Jedenfalls halte ich das fest, singe da irgendwas drauf in einer Art “Duschenglisch”, damit ich die erste Idee hab, einen ersten Impuls. Und versuch da dann meine Lyrik einzubauen und dranzubleiben. Die deutsche Sprache ist schwierig. Ich bin froh, dass ich aus dem Hip Hop komme, sie biegen und formen kann, weil in der deutschen Sprache eigentlich immer ein Wort zu viel da ist, um gut zu singen. Man muss halt einen anderen Stil an den Tag legen, was das Singen angeht – das klingt nicht sooo geil. Nun bin aber auch nicht so ein ‚Schönsänger’. 

Ich baue also meine Lyrik da rein und habe dann schon ein Grundgerüst. Manchmal produziere ich aber auch ewig – die schwierigste Aufgabe ist es, der ersten Idee gerecht zu werden. Dass man sozusagen eine Vision hat von einem Song oder eine Idee, als was er „kommt“. Da bin ich dann auch rigoros, tausche auch mal Drumspuren aus oder lasse jemand anderen etwas spielen und versuche irgendwas zu erreichen – wobei ich aber nicht genau weiß, was es ist.

Also einfach mal so experimentieren und gucken, was passiert – das macht es ja gerade interessant, finde ich. Es gibt ja auch Musik, die gezielt „geplant“ wird auf einen bestimmten Effekt – oder wie damals Stock Aitken Waterman fast schon „vom Fließband“ produziert wird...

CLUESO: Das ist nicht verwerflich. Das ist voll OK, dass es diese Art Musik und Kunst gibt, die auch Leute hören – am Ende entscheiden das die Leute. Dass man sich trifft und überlegt, was der Mensch braucht: „Aah – alle haben gerade große Ängste, was Geld angeht – Griechenland und was-weiß-ich – schreiben wir doch mal einen Text darüber!“. Das ist nicht meine Herangehensweise, aber ich denke schon daran, dass da am Ende jemand sitzt, der es auch verstehen muss. Das ist dann der „Pop“: Ich will nicht, dass die Leute rausfliegen in der Kurve, aber ich lege mich ganz schön rein manchmal. Zu warten und zu horchen, was aus einem rauskommt, ist eine andere Art Musik, und deswegen mache ich gern nachts Musik! Da hat sozusagen der Journalist in mir Schreibverbot. Da muss ich gucken was sich angesammelt hat, muss sortieren. 

 

Ich habe in eurer Presseinfo gelesen, dass Du seit dem Weggang von Four Music Material für zwei Alben in der Schublade gesammelt hast. Sind von diesen Songs welche auf dem neuen Album, oder sind das einfach Experimente gewesen, die erst mal komplett darauf warten, irgendwann zu passen?

CLUESO: Es sind sogar noch mehr, ich schreibe viele Songs und sortiere ein Album nach einer Art „Säule“ von „beseelten” Werken. Es gibt halt Songs, wo man sofort weiß: „Da muss ich nichts mehr machen.“ Die Musik war dein Freund an dem Tag. Die „Muse“, ALLES war irgendwie perfekt. Nach diesen Songs richtet sich dann ein Album und es entsteht eine Art Mixtape. Die ziehen andere dann andere an; große Songs – wie eine Art Säule für ein Album – ziehen andere an. Die stehen dann zueinander und „kämpfen“ miteinander, und manche fallen einfach weg. Deswegen fallen viele Songs weg. 

Ich hatte aber noch eine andere Ansammlung von Songs, von einem Reisealbum, das einen ganz anderen Stil hat. Und da haben sich Songs in einem Pool gefunden, um die 20 Songs, die ich zwischen Tür und Angel aufgenommen habe: Auf Udo-Tour, auf Reisen, auf Fuerteventura... und es hat einen anderen Stil. „Stadtrandlichter“ war dann stärker, die ersten Songs, die kamen. Ich wollte nicht auf zwei Herdplatten kochen und habe die eine erst mal ausgemacht – das werde ich mir nochmal angucken. Das ist eine schöne Ansammlung von Songs, und es wird hoffentlich – wenn ich schon davon rede – nicht lange dauern, bis ich das auch mal raus bringe. (lacht)

... und für meinen Großvater habe ich ein Album aufgenommen. Der ist 84 Jahre alt und hat so eine Stimme wie Johnny Cash, klingt super. Er singt immer so alte Arbeiterlieder mit witzigem Twist und auch mal einen Mike-Krüger-Song – irgendwas – auf Geburtstagen. Ist Wahnsinn, meinen Großvater im Studio zu erleben. Wäre er in dieser Zeit geboren, wäre er genau der gleiche Typ: Er hat da manchmal stundenlang gesessen, hat nichts gegessen. Da mussten wir sagen: „So Opa, jetzt mal einen Apfel essen“, nach sechs bis sieben Stunden. Weil er einfach so richtig Bock gekriegt hat, Zweitstimmen zu singen und was auszuprobieren – er ist richtig heiß geworden. Ein Intro zu bauen: „Da muss ein Pfeifen rein“, und hier-und-zack. (grinst) Das war so ein „Hang“ mit Opa und noch was dabei machen! (lacht)

Im Prinzip hast Du also die anderen „Säulen“ ausgeblendet , und die Songs sind dann alle, nachdem das andere abgeschlossen war, entstanden – also relativ „frisch“? Und dann passte alles und wurde zu „Stadtrandlichter“?

CLUESO: „Stadtrandlichter“ war der erste Song, der mir gesagt hat: Da passiert was, da ist eine Energie da, da ist was Neues. Das ist ein Song, der für mich auf eine Art und Weise „international“ klingt, und ich die einzelnen Spuren nicht höre. Das heißt, ich höre keinen Produktionsprozess – und das ist immer ein gutes Zeichen, wenn man nur den Song wahrnimmt. Der aber auch gar nichts total Neues hat, irgendwelche wilden modernen Synthies oder so. Witzig ist nur, dass ich vorher auf dem iPhone eine Skizze aufgenommen habe, das wurde dann die Strophe. Und am nächsten Tag habe ich ein paar andere Akkorde gesammelt, mit Christoph dem Gitarristen, das wurde dann der Refrain. Dann habe ich das in Logic erstmal zusammengebaut, um zu schreiben. Und der Refrain – weil es ein anderer Tag war – war ein bisschen langsamer. Das fand ich aber geil für „Stadtrandlichter“: Weil es, wenn es in die Stadt rein geht, so den Berg runter geht. Das hab ich dann mit den Musikern versucht umzusetzen, und wir haben das ohne Klick eingespielt: Im Refrain ist es 3 BPM langsamer, als in der Strophe. Ist ein witziger Twist in einem Song. Und das fand ich dann irgendwie NEU: Kommt der Zufall wieder ins Spiel – und jetzt geht’s los!

Ja, und dann hat mir aber auch irgendwas Modernes gefehlt. Ich dachte, wo bin ich denn gerade in der Zeit – was interessiert mich, welche Sounds interessieren mich. Und habe die noch versucht, mit „draufzustreuen“. Deshalb hat der Song „Still“ so einen Synthie, der mich so ein bißchen an Radiohead erinnert. Man bastelt so rum, um sich sozusagen was Modernes zu schaffen, was Zeitnahes, ohne gleichzeitig was zu zerstören. Was passiert, was eben so klingt, wie es klingt.

Für mich klingt das alles extrem organisch. Das Album hat so einen „Bandsound“, so ein „echte-Instrumente-Feel“. Also den Song habt ihr dann auch als Band aufgenommen, komplett getrackt? 


CLUESO: „Stadtrandlichter“ ist komplett der Song, der Take – hinten gibt es noch eine Akustikgitarre. Das Witzige bei dem Song ist: Ich war in Berlin aus, weil ich dachte ich würde viel, viel später singen. Alle meinten so: “Mach mal eine Skizze“. Stimme war kaputt, übernächtigt. Ich hab es dann nur mit einem SM58 eingesungen, und alle so: „Ey! Darfst nichts dran machen! Das ist total cool.“ Oh – OK, gut! (lacht) Deswegen ist das SM58 auf der Aufnahme – und das meine ich mit Zufall. Der Zufall kommt dann, und Dinge fügen sich, und vielleicht ist das manchmal die lange Denkarbeit. Also, dass man etwas sendet, philosophisch gesehen. Und hofft, dass man wie ein Goldgräber was sucht,  dass man dann auch findet. Dass man die Nuggets in der Hand hält. Ja, „Stadtrandlichter“ ist so ein Song.

Bei „Nebenbei“, dem letzten Song auf dem Album, war es eine ganz andere Herangehensweise. Da war es so, dass ein Kollege mit im Studio saß. Der spielte dieses Lick auf der Gitarre, wo ich dachte: „Ey, das kenn ich irgendwoher“. Und da hab ich ihn gefragt: „Hey, was ist das?“ Und er meinte so: „Nee, das kam gerade.“ Und dann haben wir das sofort aufgenommen, bisschen umarrangiert. Ich habe mich von einem anderen Song von Crowded House inspirieren lassen, ich hatte eine Coverversion gebaut. Und habe dann Akkorde dazu gespielt, die ich gerade cool fand, neue Kombinationen – und dann war der Song da. Es war kein Drummer im Studio, also hat sich der Gitarrist, Alex, ans Schlagzeug gesetzt, und ich habe das Schlagzeug mit nur einem Mic aufgenommen – was ich so gelernt habe von den „Neuen Helden“: Oh, bisschen was angezerrt, ok die Hihat war zu laut, also ein Stück weg nach hinten – so wie damals. (lacht) Er hat es dann eingespielt, irgendwie so, dann die Gitarre noch dazu, und plötzlich war ein Song da. Dann hatte ich keinen Text und hab mich bei einem Kollegen in der Wohnung eingeschlossen, weil ich mal aus dem Studio raus wollte. Hab einen Text geschrieben, gemeinsam mit Baris Aladag, und hatte kein Mikro da. Ich hab es dann übers Laptopmikro eingesungen, beim Mac ist da sogar noch so eine Rauschunterdrückung drauf – und das war es dann auch! Er meinte, „lass es so“. Und Alex, der den Song ja sozusagen angeschleppt hatte an dem Tag, sagte auch: „Bitte, tu’ mir den Gefallen, und lass es so!“ 

Es ist natürlich klar, wenn ein Mikrofon unter dem Poppschutz verdreht war, und es mumpfig klingt – dann macht es keinen Sinn, selbst wenn es ein Supertake ist. Aber wenn alles „da“ ist, und es dem Song dienlich ist, dann sollte man es einfach lassen. Das zu erkennen, ist auch eine Art Übung (lacht). Darum geht’s: Wann funktioniert Emotion. Das ist die große Frage beim Musik machen.

Als Musiker, gerade wenn man die Songs selbst schreibt, ist man ja immer sehr nah an der Wand. Wenn man dann auch noch selbst produziert, ist man noch näher an der Wand. Wie hast Du die Auswahl fürs Album gemacht?


CLUESO: Also, ich hatte Yngwie, den Kollegen, der wie gesagt ein paar Jahre jünger ist, sich für Musik interessiert, der aber auch ein Instrument spielen kann – und einen guten Geschmack hat. Man braucht so eine Art "Sideman", eine Art "Wingman", der einem hilft. Außerdem wohne ich in einer WG mit sechs, sieben anderen Künstlern: Jeder betritt den Raum und gibt seinen Senf dazu. Ich ticke auch so: „Wie findste das?“ Ich spiele das wirklich ständig vor, ist mir auch sehr wichtig. Ich treffe am Ende trotzdem meine Entscheidung, und das ist vielleicht der Unterschied zu damals. Dass ich dann meinen eigenen Moment suche zu den Songs, und auch gegen alle Meinungen gehe. Nicht zwangsläufig, aber das ist halt wichtig. Deswegen heißt es auch „Stadrandlichter“: Auf diese Stadt gucken von außen, Pause machen und mal Auto fahren und hören. Ich hatte zum Beispiel eine Reihenfolge fürs Album gemacht, die ich sehr schlau fand. Dann bin ich mit Opa morgens zum See zum Angeln gefahren, und ich bin dabei fast eingepennt. Und dachte: „Nein, ich will nicht, dass man die CD hört, und morgens einpennt. Ich will eine FETTE, starke Setlist haben, und lieber später „privat“ werden. Also bin ich gegen das ursprüngliche Konzept gegangen, und auch gegen Empfehlungen, und dachte: Jetzt muss halt mal Vollgas! Das war fast schon eine „Jungs-Setlist“. Alle Jungs in unserem Umfeld fanden die sofort cool. Mir hat aber auch gefallen, dass das im Prinzip schon wie eine Vorgabe für eine Live-Setlist ist, weil ich da auch ein bisschen an live denke.

 

Hast Du bei der Zusammenstellung der Songs die amerikanische Methode benutzt: 40 Songs geschrieben und dann wurden mit dem Manager „knallhart“ die besten ausgewählt?

CLUESO: (lacht) Schön wär’s! Es waren am Ende 15 gemacht, und ich wollte gern 12 drauf haben. Jetzt habe ich doch 14 drauf, einer hat es nicht geschafft: „Kein Platz in Deinem Boot“. Und es gab noch ein paar Anwärter. Die meisten haben während des Produzierens immer sofort einen anderen Song aus unserem Pool „angezogen“. Das ist so eine Eigendynamik, die so ein Album entwickelt.

 

Was macht denn für Dich einen guten Song aus? Hast Du eine Antenne dafür zu wissen, wenn Du „was“ hast? Wie gehst Du mit dem Druck um, den nächsten „Clueso-Hit“ zu schreiben? Es gibt ja auch Erwartungen an Dich – blendest Du die komplett aus?

CLUESO: Ja, teilweise! Deswegen hatte ich auch eine Öffentlichkeitssperre gemacht, keine Interviews mehr – und deswegen habe ich auch Opa ein bisschen vorgezogen. Einerseits wollte ich das wirklich jetzt machen, auch weil er schon 84 Jahre alt ist, andererseits um woanders hin zu kommen und so wieder „anzudocken“.

Ich fand’s auch geil mich in der Stadt ein bisschen zu bewegen und zu hängen, und über das Spielen – wie Kinder, die so für sich spielen – mich fallen zu lassen. Gleichzeitig war es schwierig, weil ich auch Produzent war. Aber das ist eine Wesenserscheinung: Mich lassen Sachen nicht los, wenn ich sie angerissen habe, und sie mich irgendwie berühren. Und das machen gute Songs! 

Außerdem bin ich jemand, der versucht Energie zu übersetzen. Das heißt, ich hör mir den Chorus vielleicht oft an, wenn er mir gut gelungen ist. Aber ich hol mir keinen drauf runter, den ganzen Tag, sondern nutz die Energie gleich für den zweiten Vers. Der von mir aus auch noch erster werden kann. Das was ich schreibe, sind erstmal nur Parts. Ich sage nicht: „Das ist der Refrain!“ Weil Clueso Songs oft gar nicht diesen ...(denkt nach)... meine Refrains klingen ja immer wie eine Pre-Hook. Weil ich diese Theatralik nicht so ausstehen kann – und auch nicht die passende Stimme dafür hab. Ein B-Part könnte zu einer Strophe werden, das kann man alles noch ändern – brutal. Deswegen hör ich einfach nur auf Parts, die mir Energie geben, und dann lassen die mich nicht los!

Weitere Infos: www.zughafen.de/clueso/

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