Hersteller_Millennia
Test
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21.04.2017

Praxis

Hochwertige Hardware und sauberer Klang

Etwas Aufwärmzeit sollte man dem Millennia STT-1 schon gönnen und nach einiger Zeit im Betrieb wird es auch ordentlich warm. Fünf hochvoltig beschaltete Röhren tun eben ihren Dienst. Man sollte also überlegen, ob man dem Gerät eine leere Höheneinheit "Headroom" im Rack gönnt, damit die Wärme durch das obere Lochblech gut entweichen kann. Mit satten 37 Bedienelementen kann die Frontplatte auf den ersten Blick erschlagend wirken, aber die Funktionsgruppen sind so gut strukturiert, dass man sich schnell zurechtfindet. Bis auf ganz wenige speziellere Optionen wie die rein passive Verwendung des Kompressors erklärt sich eigentlich alles von selbst: Es macht schnell Spaß, mit dem STT-1 zu arbeiten, und zwar richtig! Das liegt zum einen an der Hardware selbst, die man mit den aus massivem Aluminium gefrästen Poti- und Drehschalterkappen gerne anfasst, zum anderen natürlich an den Klangresultaten, die selbstverständlich die Hauptrolle spielen. Alles andere ist letztlich nur Mittel zum Zweck, auch wenn man - erst recht in kreativen Metiers - natürlich gerne das Nützliche mit dem Angenehmen verbindet...

Millennias Kernkompetenz ist die Konzeption ausgesprochen sauberer, signaltreuer Schaltungen, die allenfalls minimal in Richtung samtig-smoother Schattierungen tendieren. Das bedeutet: Hier wird stets Wert auf Dynamik, Schnelligkeit und Offenheit gelegt, aber zu Härten neigt das Klangbild nur dann, wenn das Ausgangsmaterial diese bereits in stärkerem Maße mitbringt und partout nicht loswerden will. Der "Nachteil" solch sauberer, klar abgestimmter Prozessoren ist, dass man krass färbende Verrundungen eben nicht so gut durchführen kann, aber dazu ist der STT-1 eben nicht gedacht. Er soll als äußerst hochwertiges, vielseitiges Recording-Frontend für alle Fälle dienen, als solches eben objektiv nicht viel verändern und trotzdem subjektiv den Klang etwas verschönern. Am besten gelingt dem Gerät dies für meinen Geschmack mit den Röhrenstufen, die noch am ehesten feinsanfte Verrundungen provozieren, auf der anderen Seite aber all die natürliche Dynamik aufbieten, die echte, hochvoltige Röhrenstufen auszeichnen. Das ist auf einem Level etwa mit den über allen Zweifel erhabenen und ähnlich konzipierten Topologien von Pendulum Audio. Dieser sanft hingetupfte Charakter steht vielen Signalen hervorragend. Demgegenüber klingen die Transistorverstärker - leicht übertrieben, um den Punkt deutlicher zu machen - eine Nuance stabiler, glasiger und quellentreuer. Es ist auf den ersten Blick kein weltbewegender Unterschied, aber es ist toll, dass man die Wahl zwischen größtmöglicher Transparenz und einer ganz fein umschmeichelten Variante hat. Wie gesagt, subjektiv bevorzuge ich oft letzteres. Der Übertrager am Eingang macht sich klanglich ziemlich stark bemerkbar und die Neve-1272/1073-Referenz trifft den Nagel auf den Kopf. Zwar bleibt auch dieses Bauteil Millennia-typisch etwas kultivierter als Ruperts Raubeine, aber die Richtung stimmt als Klangbeschreibung schon gut: Der Sound wird mit Übertrager etwas grobkörniger, reibeliger, auf eine eigentümlich raue Weise samtig, so wie man das von Neve kennt, nur eben etwas zurückhaltender. Als Option in diesem Gesamtkonzept kann das wertvoll sein!

EQ und Kompressor

Sowohl EQ als auch Kompressor unterstreichen die Stoßrichtung, die sich hier abzeichnet, in nahezu perfekter Manier. Der EQ rangiert ebenfalls auf der feinen, klaren Seite, aber mit ±15 dB pro Band, die sich auch wie solche anfühlen, bietet er eine enorme Kraft auf, die ihn - falls erforderlich - zu einem kraftvollen wie effektiven Werkzeug machen. Eine große Qualität ist die Natürlichkeit des Entzerrers: Schaltet man zurück auf das unbearbeitete Original, so möchte man den EQ sofort wieder aktivieren, denn die Optimierung des Frequenzganges wird nicht mit einer Verschlechterung des Klangbildes an sich erkauft. In anderen Worten: Es ist schwer bis unmöglich, das Signal mit eingeschaltetem EQ schlechter klingen zu lassen als das Ausgangsmaterial. Kein Wunder, dass die Millennia-EQs gerne im Mastering eingesetzt werden. Überrascht hat mich der Kompressor des STT-1, da ich ihm aufgrund der Parameterwerte auf dem Papier bestimmte Eigenschaften nicht zugetraut hätte. Sämtliche Bereiche sind hier weit abgestimmt, aber eine minimale Attackzeit von immerhin zwei Millisekunden erschien mir zunächst ganz schön lang. Für Vocal-Kompression sind oftmals Werte im Mikrosekundenbereich hilfreich, aber hier darf man sich von den Zahlen nicht blenden lassen. Konsonanten und andere Transienten hält der Vactrol-Opto mit gebührender Autorität in Schach. Selbst wenn man es nicht einmal besonders drauf anlegt und noch eher sanft zu Werke geht, so kann der Comp bereits ordentlich als Dick- und Lautmacher fungieren und das Punch-Department beherrscht er (im Opto-Rahmen) ohnehin. Vactrol-Comps sind generell etwas knackiger abgestimmt als etwa ein träger LA-2A, aber die Resultate bleiben im Unterschied zu so manchem VCA-Comp dennoch immer geschmeidig. Allerdings sollte man eines nicht vergessen: Beim STT-1 dienen sowohl EQ als auch Dynamiksektion eher der Anpassung, Verbesserung und meinetwegen auch Verschönerung der Quelle. Sie arbeiten designbedingt eher als Mittel zum Zweck und sie sind keine ausgewiesenen Sounddesign-Tools für krasse - im Wortsinne - Effekte.

Audiobeispiele Vocals

Audiobeispiele Bass

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