Test
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26.09.2013

Praxis

Zweifelsohne: Das Lauten Atlantis FC 387 macht auf dem Mikrofonständer einiges her und wirkt wie ein sorgsam ausgesuchtes Antonym zu „grazil“. Bei Lauten scheint man auf derartige „Wuchtbrummen“ zu stehen, so wirkt auch das Doppelröhrenmikrofon Oceanus ausgesprochen bullig. Ist das Mikro nun schön oder hässlich? Das muss jeder von seiner Warte aus betrachten. Genauso ist es nicht von meiner Seite zu bestimmen, ob sich ein Sänger durch das seiner wichtigen Stimme optisch angemessen erscheinende Mikrofon inspiriert fühlt oder von dem gewaltigen Eindruck eher eingeschüchtert.

Auf einem ausreichend stabilen Mikrofonständer platziert, unterziehe ich das Doppelmembran-Mikrofon einer Überprüfung, zunächst in Neutralstellung mit Nierencharakteristik. Während ich die Schrauben meines K&M-Chorstatives nachziehe, sinniere ich über die Namensgebung. Atlantis war zwar laut Mythos ein toller Ort, ist aber leider abgesoffen. Meine Hoffnung, dass nicht der Sound absäuft, hat sich bewahrheitet, denn ich werde nicht enttäuscht: An meine Ohren dringt ein sehr charaktervoller, schmeichelnder Klang. Das Mikrofon mit den Riesenmembranen überträgt Transienten erstaunlicherweise ausreichend schnell – das ist nicht nur Verdienst der Kapsel, sondern auch der nachgeschalteten Bauteile. Deren in der Produktbeschreibung angemerkte hohe Qualität scheint also zuzutreffen. Insgesamt ist das Mikrofonsignal angenehm, nie reibend oder schrengelig, aber immer auch leicht verbreiternd. Zudem macht es auch bei hohen Pegeln nicht „zu“ und belegt das Signal, sondern behält seine Transparenz.

Vocals, eindeutig Vocals: Das Mikrofon ist ganz offensichtlich ein Gesangsmikrofon, das zeigt nicht nur der Charakterwahlschalter, sondern schon der Grundsound: Stimmen haben ordentlich Fundament und Volumen, das Atlantis ist ein wahrer Großmacher. In der Praxis jedoch ist besonders bei naher Besprechung mein Griff schnell am Hochpassfilter des Mikrofonvorverstärkers. Hat man auch dort keinen zur Verfügung, muss man die tiefen Frequenzen noch durch den Wandler schleusen und bis in die Innereien der DAW transportieren. Das ist unnütz und technisch nachteilig, aber auch kein Atla… nein, Weltuntergang. Und für wirklich tiefes Rumpeln ist die Spinne da und verrichtet ihren Job gut.

Dröhnige Resonanzen eines Vokalisten haben bei Lautens Vocal-Mike kaum Chancen, überträgt das FC 387 sie doch etwas schwächer. Und auch im Höhenbereich macht der „kreative“ Frequenzgang eine gute Figur. Es ist schwer, das Mikrofon zu scharfen S-Lauten zu bewegen, dennoch klingt es präsent genug. Bei manchen Anwendungen würde man sich ein wenig mehr „Sparkle“ und „Luft“ im Signal wünschen, doch ist da der Griff zu einem Mikrofon mit derart riesigen Druckgradientenempfängern schlicht die falsche Wahl. Wenn eine begrenzte Zahl verschiedener Stimmen aufgezeichnet werden soll und zu diesen das Lauten Atlantis erwiesenermaßen passt, ist es sicher eine vernünftige Lösung als einziges Mikrofon im Haus. Auch verträgt es sich bestimmt mit einigen Instrumenten, doch möchte ich ihm hier die Eignung als Allrounder absprechen – diese ist von Lauten auch ganz klar nicht intendiert. Gut ist aber, dass der gebogene Frequenzgang des Atlantis keine extreme Bevormundung darstellt: Mit einem EQ bewaffnet, kann man sich den Klang noch ausreichend stark formen, ohne dass das Signal „zusammenfällt“ oder das Mikrofon seine Defizite offenbart, wie es bei manchen preiswerten Mikrofonen nämlich der Fall ist.

Ich schreibe und schreibe, ihr lest und lest, doch warten sicher alle auf die Behandlung des Charakterschalters. Nun, er tut genau das, was man von ihm erwartet, bei genauerem Hinhören noch mehr: Es ist bei weitem nicht so, dass nur in den Höhen etwas verändert wird, wie man es etwa von einem High-Shelf kennt. Anpassungsunterschiede machen sich vielschichtiger bemerkbar, und so sind es auch Veränderungen im Mittenbrereich, die genauere Aufmerksamkeit verdient haben. Besonders im „Gentle“-Setting erfährt die Stimme eine kleine Unterstützung, die sie nicht einfach nur etwas verhaltener, sondern gleichzeitig etwas intimer und näher erscheinen lässt – nicht unpraktisch, wenn man bedenkt, für welche Art von Musik man dieses Setting wohl wählen wird. Schön ist auch, dass die Veränderungen nicht allzu extrem gewählt sind. Manche Hersteller hätten das sicher aus Angst gemacht, dass manche User bei der klassischen „Shop Demonstration“ nur geringe Veränderungen feststellen. Lauten hat hier aber richtig reagiert. Mir fällt jedoch auf, dass das Switchen von N auf G auch mit einem kleinen Pegelabfall einhergeht. Wie zu erwarten, sorgt „Forward“ für einen durchsetzungsfähigeren Sound, der besonders im Präsenzbereich die Ellenbogen gegen Gitarren und Snare ausfährt, um sich besser nach vorne zu wurschteln – so will man das.

Drei Mikrofone in einem erhält man mit dem Atlantis natürlich bestimmt nicht. Schließlich ist nicht zuletzt die Kapsel ein stark soundprägendes Bauteil (kein Wunder, sie wandelt schließlich) – und diese wird ja nicht verändert, wenn man die Ausgangsspannung per Schalterchen von der einen in die andere Baugruppe leitet. In allen drei Setting ist der Grundsound des Mikrofons klar und deutlich erkennbar. Das kann man gut finden oder nicht, sicherlich nicht verkehrt ist es, schon im Recording ein wenig die Richtung vorgeben zu können, in die nachher gemischt wird. Aber ganz im Ernst: Wäre diese Umschaltbarkeit der Königsweg, wäre er sicher schon früher von anderen Herstellern beschritten worden, denn wirklich viel hat sich bei der Entwicklung der Mikrofone in den letzten Jahrzehnten nicht getan – Digitalisierung mal ausgenommen. Meine persönliche Vorgehensweise beim Recording ist eine andere, aber das kann jeder von euch anders sehen: Ich regele die Nähe bei Druckgradientenempfängern ganz „banal“ und „old-school“ mit dem Besprechungsabstand, der Richtcharakteristik, der direkten akustischen Umgebung und – immer eine Option, die ein Ausprobieren wert ist! – mit einem anderen Besprechungswinkel. Ideal ist es natürlich, wenn man verschiedene Mikros zur Verfügung hat und für einen dunklen, warmen Sound beispielsweise einfach ein TLM 67 oder ein Coles 4038 ausprobieren kann.

Der Charakter des Schalters wird auch in der Stellung Acht und Kugel der Doppelkapselkonstruktion beibehalten. Was bei allen Großmembransystemen üblich ist, ist bei den riesigen Durchmessern im Atlantis-Mikrofon natürlich sehr deutlich: Bei Besprechung außerhalb der Achse nehmen die Höhen ab, was sich besonders bei der aus beiden Kapseln zusammengemischten Kugel bemerkbar macht. Man kann das Lauten aber in Schutz nehmen: Anders als bei vielen Instrumentalanwendungen ist die Linearität der Off-Axis nun wirklich nicht das wichtigste Ziel.

Bei allen drei Schaltfunktionen, also Richt-, Klangcharakteristik und Pad/Boost fällt aber auf, dass die kleinen Schalter nicht dem Olymp der möglichen Qualität angehören. Ernsthaft: In einem Mikrofon für eineinhalb große Scheine will ich diese Einfachst-Switches eigentlich nicht zu Gesicht bekommen. Die weitere Qualität, also die des Gehäuses und der Spinne, scheint vernünftig zu sein, das Finish wirkt recht edel – es gibt auch keinen Grund mehr, die Qualität von in China hergestellten Teilen per se zu bemängeln. Wahrscheinlich ist es im Falle des Atlantis auch die letztendliche Assembly und Quality Control in den USA bei Lauten, die die Standards hochhält. Um die allgemeine Klangqualität einordnen zu können, habe ich gezeigt, was ein Mikrofon für den doppelten Preis leistet: Das Signal des MG UM 92.1S ist klar reicher, größer, „wichtiger“ und alles in allem natürlicher – nicht, ohne ebenfalls die Farbe und Eigenheit des Mikrofons beizusteuern. Das geschieht allerdings deutlich vornehmer. Für 1500 Euro ist das Lauten Atlantis beileibe kein Schnäppchen, doch wird dem Anspruch an Mikrofone dieser Klasse gerecht. Ob es sich gegen die harte Konkurrenz (vor allem deutscher) Mikrofone in dieser Preisklasse auf dem Markt durchsetzen kann, wird die Zeit zeigen.

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