Test
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07.02.2017

IGS Tubecore Mastering Edition Test

Zweikanaliger Röhrenkompressor

Ultraflexibel

Einen Mangel an Stereo-Röhrenkompressoren gibt es nicht, zu vielfältig ist das Angebot quer durch alle Preisklassen. Dennoch kann sich IGS Tubecore Mastering Edition in diesem dichten Feld behaupten – der Tubecore ist schließlich ein Mastering-Spezialist und steckt voll von Überraschungen.

Dabei kommt das 3HE-Gerät erst einmal recht konventionell daher: Schwarze Frontplatte, Vintage-Anmutung, große Knöpfe, das alles macht einen edlen und unaufdringlichen, fast klassischen Eindruck. Dieser Look steht einem Vollröhren-Kompressor auch anno 2017 gut zu Gesicht. Es erstaunt nicht, dass der visuelle Aufbau des Gerätes ein wenig an den ehrwürdigen Fairchild erinnert, ist dieser doch die graue Eminenz am Röhrenkompressorhimmel. Aber mitnichten wollen wir den Tubecore als Klon bezeichnen, dazu ist er viel zu eigenständig konzipiert.

Details

Flexibles Gainstaging

Natürlich steht bei einem Gerät wie dem IGS Tubecore der Sound an sich im Vordergrund, sonst müsste man diesen Hardware-Aufwand heute nicht mehr treiben. Aber IGS haben die klanggestaltenden Schaltungen in ein Gerätekonzept verpackt, das mit ausgesprochen großer Flexibilität glänzen kann. Dies fängt bereits mit dem Gainstaging an, welches je nach Zählweise durch drei bis vier Bedienelemente pro Kanal definiert wird. Sämtliche derselben sind übrigens als (Dreh-)Schalter ausgeführt, was Nebengeräusche minimiert und den Recall erleichtert. Zunächst setzt man das Input Gain in 1dB-Schritten zwischen 1 und 24 dB, anschließend wird die Kompressionsschwelle in sechs Schritten zwischen -12 und 0 dB ausgewählt. Schließlich kann man noch den Ausgangspegel in 24 Halb-dB-Schritten zwischen -12 und 0 dB einstellen. Beim vierten Gain-Bedienlement handelt es sich um eine Wet-/Dry-Überblendung, abermals in 24 Schritten. Damit bleibt gewährleistet, dass der Kompressor wirklich an jedweden halbwegs sinnvollen Signalpegel angepasst werden kann, außerdem bietet der Tubecore auch ausreichend Spielraum, um die internen Röhrenstufen mehr oder weniger stark zu kitzeln.  

Kein Link

Die Attack- und Release-Parameter bieten jeweils sechs unterschiedliche Zeitkonstanten. Die Ansprechzeit kann zwischen 0,1 und 30 ms eingestellt werden, die Rückstellzeit zwischen 0,1 und 4 s. Dies sind äußerst musikalische Bereiche, die nicht nur Punch und Druck beim Mastering ermöglichen sollten, sondern auch aggressivere Verdichtungen auf Einzelspuren in greifbare Nähe rücken lassen. Weiterhin bietet der IGS-Comp ein Sidechain-Filter, das sich in beiden Kanälen separat aktivieren lässt, und zwar bei 60 oder bei 120 Hz. Für die Audiobearbeitung verfügt der Tubecore dabei über zwei Betriebsmodi – er kann als Dual-Mono-Prozessor arbeiten (eine Link-Funktion hat er nicht) und auch M/S-Kompression liefern. Der Wahlschalter hat vier Positionen, wobei die beiden äußeren den Hardwire-Bypass aktivieren. Dies ist schlau, weil man so aus jedem Betriebsmodus direkt in den Bypass schalten kann, was A/B-Vergleiche enorm erleichtert. Apropos: Die nicht vorhandene Link-Funktion lege ich dem Gerät nicht als Mangel aus. Zum einen erlaubt die Ausstattung mit Drehschaltern ein präzises und schnelles Matching beider Kanäle, zum anderen setzt man beim Mastering generell gerne ungelinkte Kompressoren ein, da zwei verkoppelte Kanäle gerne dazu führen, dass sich das Stereobild einengt.

Highend-Wandwarze

Ansonsten befinden sich auf der Frontplatte noch zwei beleuchtete VU-Meter, die ausschließlich die Pegelreduktion anzeigen, sowie der Standby-Schalter und eine große rote Betriebsleuchte im 50er-Jahre-Design. Von der Seite gesehen hat das 3HE-Gehäuse einen fast quadratischen Querschnitt, es ist also nicht besonders tief. Dies ist auch deshalb möglich, weil das proprietäre Netzteil ausgelagert wurde. Hierbei handelt es sich quasi um eine „Highend-Wandwarze“ aus eigener Fertigung. Der Vorteil einer solchen Lösung ist: Potenziell einstreuungsgefährliche Netzspannung bleibt weit entfernt von den Audioschaltungen.  

Klangcharakteränderung durch Röhrentausch

Schon äußerlich macht die Hardware einen hervorragenden Eindruck. Mechanisch solide gebaut, mit großen, griffigen Bedienelementen versehen macht es Spaß, das Gerät zu bedienen. Die XLR-Audioanschlüsse befinden sich auf der Rückseite, und dort findet sich auch die wohl größte Überraschung beim Tubecore. Die Röhren sind direkt von außen zugänglich, was an sich noch keineswegs außergewöhnlich ist, aber es sind neben der Standard-Bestückung noch zwei Extra-Röhrensockel vorgesehen. Zwei der vier russischen 6N1P-WE-Doppeltrioden verbleiben stets an Ort und Stelle, die beiden anderen können vom Anwender selbst getauscht werden, und zwar wahlweise gehen 6386 (die Fairchild-Röhre), 6BC8 (wie beim Universal Audio 176) oder 5670. Damit kann der Tubecore vier Grundcharaktere von tight und transparent bis hin zu sehr stark gefärbter, dunkelwarmer Klangbearbeitung bereitstellen, wobei die Kalibrierung vom Anwender selbst durchgeführt werden kann – gewissermaßen ist der IGS vier Geräte in einem. Auch besispielsweise der Retro Sta-Level kann alternativ mit 6BJ6 oder 6386 bestückt werden, aber so umfangreich und flexibel ausgeführt wie beim Tubecore ist mir dieses Konzept noch nicht untergekommen.  

Absolut hochwertige Bauteile

Auch auf Bauteilebene hat der polnische Hersteller nicht gegeizt. So werden unter anderem Metallfilmwiderstände mit 1% Toleranz sowie hochwertige WIMA-Kondensatoren verbaut, Schalter stammen vom Qualitätsanbieter ELMA. Bei den Röhren handelt es sich um NOS-Typen, die Audio-Übertrager wurden von Carnhill (Eingang) und Sowter (Ausgang) geliefert. Kurzum: Es gibt noch eine Liga „esoterischer“ Bauteile oberhalb der Komponenten des Tubecore, aber was hier unter der Haube steckt ist durch und durch solidester Highend-Standard, hier wurde nirgendwo gespart, das sind durchweg leckerste Zutaten. Bestimmte Schaltfunktionen wie etwa der Sidechain-Lowcut werden zudem über Relais ausgeführt. Zusammengefasst kann die Hardware des Tubecore also auf ganzer Breite überzeugen. Das Gerät ist solide, es sieht gut und durchaus eigenständig aus, und bei den Komponenten hat man durchweg auf hochwertigste Ausstattung Wert gelegt.

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