Test
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09.03.2019

Praxis

Testzeitraum

Ich hatte dankenswerterweise Gelegenheit, das iD44 über mehrere Wochen in meinem Studio nutzen zu können. Alle möglichen Produktionen liefen über das Gerät und im täglichen Studiobetrieb fallen einem dann praktische und nervige Detaillösungen viel eher auf, als beim schnellen Antesten. Angeschlossen war das iD44 zumeist an meinen betagten MacPro 5,1, dessen USB-2.0-Schnittstellen mittlerweile ziemlich veraltet sind. Üblicherweise dient mir ein MOTU 828 Mk.3 mit Firewire-Anschluss als Soundkarte, zusammen mit zwei ADAT-Breakout-Boxen für den analogen Fuhrpark. Praktischerweise konnte ich die ADAT-Boxen gleich direkt an das Audient iD44 anschließen, iD-Software installiert und schwupps war das Audient-Interface am Start.

Für manche Produktionen wurden allerdings aktuelle MacBooks mit USB-C-Ports eingesetzt. Das ist schon mal einer der großen Pluspunkte des Audient iD44: Welche USB-Schnittstelle auch zur Verfügung steht, das Hardware-Setup kann stets das Gleiche bleiben. Kein Lästiges Umverkabeln, wenn statt dem USB-Interface plötzlich ein Thunderbolt-Interface aufgestellt werden muss oder statt dem MacBook plötzlich ein Windows-Laptop. Das Audient iD44 läuft an so ziemlich jedem Rechner, solange das Betriebssystem aktuell genug für die iD-Steuerungssoftware ist (OS X 10.7.5 und Windows 7).

Achtung, Aufnahme!

Nach der Installation der iD-Software (Version 4.04) geht’s auch schon los. Das iD44 ist erfrischend straight-forward, es gibt keine versteckten Menüs oder DSP-Wohlfühlhallräume für die Sänger.

Mikro rein und Aufnahme läuft. Die Mikrovorverstärker des iD44 sind wirklich schockierend transparent. Wenn da was rauscht, dann ist das die Kaffeemaschine nebenan oder irgendein Lüfter hinten im Rack. Ich empfinde sie als neutral und klar. Wenn’s doch etwas dreckiger sein soll: über die balancierten Inserts lässt sich superschnell ein Effektprozessor einschleifen. Praktischerweise ist kein spezielles Y-Insert-Kabel nötig, da Send und Return als einzelne Monoklinkenbuchsen vorliegen.

Wer einen Mikrovorverstärker mit viel Mojo im Rack hat, geht einfach mit dem Mikro darüber und leitet das Ausgangssignal in den Insert-Return des iD44 weiter. Damit umgeht man die Mikrovorstufe und schickt das Signal direkt auf den AD-Wandler des iD44, ohne Umstecken wohlgemerkt.

Die beiden JFET-Eingänge für Instrumente wie Gitarre und Bass laufen ebenso wie die beiden Mikrofoneingänge mit den Inserts über die ersten beiden Eingangssignale. Zum Glück muss hinten nichts umgesteckt werden: einfach Gitarre in die Klinkenbuchse vorne auf der Front und der hintere Mikrofoneingang wird stummgeschaltet. Einmal komplett verkabelt stehen die Chancen also gut, dass man kaum mehr hinten am iD44 herumstecken muss.

Natürlich fungiert das iD44 stets als Backend und erfüllt keine Mixfunktionen in der DAW. Allerdings stehen bis zu 10 DAW-Ausgänge zur Verfügung, die im iD-Mixer auf den Stereoausgang summiert werden können.  

Monitorcontroller

Beim iD44 muss ich wegen des großen Volumereglers öfters an den Mackie Big Knob denken und tatsächlich kann auch das Audient-Interface die grundlegendsten Monitorfunktionen übernehmen. Lautstärke regeln, stummschalten (Cut), leise schalten (Dim). Mono schalten, Phase drehen oder auf ein anderes Boxenpaar umschalten, das geht alles sehr bequem und problemlos. Allerdings fehlen solche Essentials wie die Anwahl mehrerer Zuspieler oder Trim-Potis, um die angeschlossenen Boxen in der Lautstärke anzupassen. Wer das jedoch nicht braucht, kann sich die Anschaffung eines speziellen Monitorcontrollers sparen.

Stand-alone

Das iD44 kann auch stand-alone ohne angeschlossenen Computer verwendet werden. Die Masterfunktionen Dim, Cut und das große Lautstärke-Poti funktionieren wie gehabt, aufgrund der reduzierten physikalischen Bedienelemente kann ohne Computer allerdings nicht viel mehr geregelt werden. In der Software „freigeschaltete“ Kanäle sind auch ohne angeschlossenen Computer weiter offen, auch die der angeschlossenen ADAT-Karten. Am meisten fehlt mir hier die Möglichkeit, die Lautstärke einzelner Kanäle zu verändern oder diese zumindest stummzuschalten.

Die Voreinstellungen können in der iD44-Software unter „Setup“ und „Store Standalone State“ abgespeichert werden, was zumindest für manche Anwendungen eine kleine Hilfe ist. Während einer kleinen Jam-Session mit Mikrofon, Bass und Keyboard sind dann die Gainregler die einzige Möglichkeit der Laustärkeregulierung. Übrigens: Wenn ich beim verkabeltem iD44 das USB-Kabel abziehe, um etwa einen anderen Rechner dranhängen, quittiert das Audient dies mit einem leisen Brummen über die Monitorlautsprecher. Wenn das Kabel wieder steckt, verstummt das Brummen, auch wenn der Computer ausgeschaltet ist. Wer das iD44 grundsätzlich sowieso nur am Rechner betreibt, wird davon also nie etwas merken.

ScrollControl

Auf ScrollControl hatte ich mich persönlich sehr gefreut: Einfach mit der Maus irgendwo drauf zeigen und schon dient der satt in der Hand liegende Endlosregler des iD44 als Eingabewerkzeug. Bei Websites und PDF-Dokumenten funktioniert das auch super. Aber in Ableton Live scrollt der iD44-Regler nur die Clips (Session View) oder die Spuren (Arrange View) rauf und runter, auch wenn der Mauszeiger deutlich auf den Parameter eines Plugins gerichtet ist.

Mehr Erfolg hatte ich bei einigen Plugins: Die Regler der mitgelieferten Amp-Simulation Torpedo Wall Of Sound lassen sich perfekt bewegen. Beim ebenfalls mitgelieferten Waldorf Wave 2.2V drehen die Regler sprunghaft, aber „in die falsche Richtung“: Die Werte erhöhen sich bei Drehung nach links und bei Drehung nach rechts verringern sie sich. Ebenso sprunghaft und hastig geht ScrollControl bei UAD-Plugins zu Werke. OK zum groben Einstellen, aber für feinfühlige Veränderungen muss dann doch wieder die Maus ran.

Roland-Plugins wie die SH-101 oder der ProMars lassen sich sehr detailliert einstellen, bei gedrückter Shift-Taste am Computer-Keyboard auch zügiger. Bei übergroßen photorealistischen Plugins wie Arturias Arp 2600 oder Moog Modular wäre die Bedienung mit einem großen Eingaberegler natürlich super. Aber hier scrollt das iD44 nur die Bedienüberfläche der Synths hoch und runter. Bei Arturia VSTis mit feststehender Oberfläche wie dem CS-80 passiert gar nichts. Schön wäre das Scrollen durch den Soundbrowser. Das geht ein bisschen, aber nicht bis zum untersten Rand und das Anwählen des Sounds durch Klicken auf den Endlosregler funktioniert auch nicht. Dann kann man tatsächlich auch gleich die Maus nehmen.

Beim kostenlosen Arturia Mini-Filter drehten sich die virtuellen Potis dann aber doch, zwar in die „falsche“ Richtung (siehe Waldorf und Roland), aber man ist ja schon froh, wenn überhaupt etwas funktioniert.

Ein ähnlich durchwachsenes Bild bei Plugins von Native Instruments: Replika funktioniert einwandfrei, bei Massive drehen die Regler sehr sprunghaft, bei Reaktor bewirkt ScrollControl gar nichts. Beim Rough Rider von Audio Damage klappt ScrollControl super, außer beim großen mittigen Gainregler, der trotz gutem Zuredens unbeweglich bleibt.

Wie wichtig ScrollControl als Kaufargument ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Es ist eine gute Idee, aber als ich merkte, dass es nicht optimal funktioniert, war ich erst ein wenig enttäuscht, aber dann war es mir relativ schnell egal. Schließlich ist das iD44 vor allem ein Audiointerface und kein MIDI-Controller. Andererseits wirbt Audient mit der ScrollControl-Funktion und dann sollte sie auch genauso zuverlässig funktionieren wie der Rest des iD44.  

Für wen ist das?

Audient füllt mit dem iD44 eine Lücke im Segment der Desktop-Audiointerface-Monitorcontroller. Die UAD-Apollo Twins mit Thunderbolt-Anschluss sind bekanntlich über jeden Zweifel erhaben, jedoch recht teuer, verlangen von Macs mindestens eine Thunderbolt-Schnittstelle und machen nur für User der exzellenten UAD-Plugins richtig Sinn. Das von mir letztes Jahr getestete Arturia AudioFuse versammelt ein beeindruckendes Feature-Set auf kleinstem Raum, ist hochmobil und eine gute Wahl für DJ/Producer und Singer/Songwriter, die viel unterwegs sind. Die USB-3-Verbindung ist flott, aber leider auch ein wenig wackelig und die Schalttaster sind etwas fummelig.

Das Audient iD44 ist eine gute Wahl für all jene, die ein sehr gut klingendes professionelles USB-Audiointerface mit Monitoringfunktionen suchen und auf interne DSPs verzichten können. Egal, ob der Rechner USB-2-, USB-3- oder USB-C-Anschlüsse hat, es läuft. Somit ist das iD44 ist eine gute Lösung für Produzenten, die mit verschiedenen Computern arbeiten. Aktuelle Rechner mit USB-C, aber auch alte Rechner mit USB 2.0 können das Audient nutzen. Insofern auch eine klare Empfehlung für kleine Mietstudios, die ihren Kunden einen möglichst universellen und unverwüstlichen Arbeitsplatz zur Verfügung stellen müssen, zumal es auch als Monitorcontroller einsetzbar ist. Mir persönlich fehlen ein paar Möglichkeiten wie etwa ein Aux-Anschluss, mit dem man unkompliziert ein Stereosignal auf die Monitore oder die DAW schalten könnte.

Das ist dann wieder die Domäne spezialisierter Monitorcontroller wie dem Mackie Big Knob Studio+, die mittlerweile auch schon mit Soundkarten-Features kommen. Und obwohl man alle Funktionen wie Mute und Solo über die iD-Mix-Software regeln kann, wäre es schön gewesen, zumindest einen Mute-Schalter pro Mikrofoneingangskanal auf der Hardware-Oberfläche zu haben.

Auch die ScrollControl für DAW und Plugins lässt mit etwas ernüchtert zurück. Hätte Audient sie nicht so angepriesen, sie hätte mir nicht gefehlt. Aber so wie sie jetzt ist, funktioniert sie einfach nicht und hinterlässt beim User ein Gefühl des Zweifels. Dabei gibt es für alles andere die volle Punktzahl: fantastischer Sound, toll auflösende Preamps, robustes kompaktes Chassis, intuitives Handling und dank der vier optischen Anschlüsse kann der Producer mit zwei ADAT-Interfaces bis zu 16 weitere Ein- und Ausgänge anflanschen. Acht Stereo-Synths und Drummachines direkt an die DAW angeschlossen, zumindest mir reicht das für die meisten Anwendungen.

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