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Test
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09.11.2012
Test

Line 6 StageScape M20d Test

Live-Digitalmischpult

Neues Bedienkonzept für Live Mixing

Ein Live-Mischpult, das aussieht wie ein heimlich aus dem Area 51 gemopstes Teil aus einem Alien-Raumschiff und dann noch von Line 6, einer Firma, die man hierzulande (derzeit noch) vornehmlich mit virtuellen Gitarren-Amps in Verbindung bringt? Nun, dazu muss man wissen, dass das im sonnigen Kalifornien ansässige Unternehmen schon lange vor der Entwicklung des legendären POD, einem auf Virtual-Modeling basierenden Gitarreneffektes, der erstmals den Sound großer Röhrenverstärker samt Mikrofonierung emulierte, sich mit allerlei Digital- und DSP-Themen beschäftigt hat. Das „Human-Capital“ von Line6 rekrutiert sich nämlich aus altgedienten Recken, die ihr Know-how bereits in die ersten polyfonen Synthesizer von Oberheim einbrachten und auch bei der Entwicklung des digitale Mehrspur-Standards ADAT ihre Finger im Spiel hatten.

Vor diesem Hintergrund erscheint die Entwicklung eines hochintegrierten, volldigitalen Live-Mischer-Konzeptes nur folgerichtig und logisch. Wir sagen also „Vorhang auf für den StageScape M20d“, einen 20-Kanal-Digitalmixer, den seine Schöpfer als erstes „Smart-Live-Mixing-System“ bezeichnen. 

DETAILS

Auffallendstes Merkmal des massiven Innovationsträgers ist das zentral angeordnete 7''-Touchscreen-Display, über welches sich der größte Teil der umfangreichen Funktionen komfortabel steuern lässt.  Westlich von diesem verweilen fünf übereinander angeordnete Hardware-Taster, die zu den einzelnen Betriebsmodi führen. Der Süden ist besetzt von zwölf farbigen Push-Encodern, mit deren Hilfe sich kontextbezogen einzelne Parameter regeln lassen, wobei die Farbe die Zugehörigkeit zu diesen durch Übereinstimmung im TFT signalisiert. 

Weiter östlich erfüllt ein fein gerasterter Endlosdrehgeber die Aufgabe, den Master-Level zu verwalten, welcher durch zwei Druckschalter ergänzt wird, deren Funktion sich durch die Beschriftung „Mute Mics“ und „Mute all“' selbst erklärt. Während der Tastpunkt der beiden Letztgenannten etwas schwammig, aber durchaus brauchbar ist, erweist sich der Main-Volume-Encoder als echter Fingerschmeichler. Der Griff in die Mulde fühlt sich sehr souverän an und gleichzeitig ist die versenkte Positionierung ein hervorragender Schutz gegen versehentliches Verstellen. Positiv zu vermerken ist auch, dass alle Taster und Schalter dezent hintergrundbeleuchtet sind.

Die sich angenehm in Richtung des Sound-Operators neigende Oberfläche dient nicht nur der haptischen Zugänglichkeit, sondern hilft auch, Reflektionen auf dem Bildschirm zu vermeiden. Mit einem optionalen Rack-Mount-Kit lässt sich das digitale Arbeitstier auch in ein 19-Zoll-Behältnis verfrachten. Die Verarbeitung aller physikalisch-beweglichen Bauteile wirkt hochwertig und langlebig. Das gilt auch für das Anschlussfeld weiter oberhalb der massiven, schwungvoll gewölbten Aluminium-Frontplatte, deren Ränder so weit vom Gehäuse abstehen, dass sich das Pult gut daran tragen lässt. 

Auspacken
Die Fünfeinhalb-Kilo-Maschine reist mit einer mehr als übersichtlichen Begleitmannschaft: Powerkabel, USB-Strippe und Quickstart-Manual – das war’s. Treiber, ebenso wie die weit über 150 Seiten umfassende Hauptbedienungsanleitung, muss man sich eigenverantwortlich im Internet herunterladen. 

Anschlüsse
Die Kontaktaufnahme zur analogen Außenwelt erfolgt von links nach rechts über zweimal sechs XLR/Klinken-Kombibuchsen, die zwar nicht verriegelbar sind, Stecker aber dennoch sehr verbindlich in sich aufnehmen. Für vier weitere ebenfalls symmetrische Quellen mit Line-Pegel stehen vier Klinkenbuchsen bereit, gefolgt von vier XLR-Anschlüssen für vier Monitorwege sowie zwei weiteren für die Main-Out-Stereo-Summe.

Weiter östlich sind die Kopfhörerbuchse, samt Pegelsteller und ein Stereo-Miniklinkeneingang für die Kanäle 17 und 18 untergebracht, an die sich zwei TSRs für Fußschalter sowie zwei USB-Ports (Typ A und B) anschließen. Installiert man die zugehörigen Treiber, gibt sich der M20d gegenüber der DAW als vollwertiger 20-Kanal-ASIO-Wandler zu erkennen. Die Ausgänge 1 und 2 der Sequencer Software finden über die Kanäle 17 und 18 ihren Weg zurück ins Mischpult. Dieses mutiert so also zum USB-Audiointerface, was auch eine Verwendung im Homerecording-Studio oder als Live-Mehrspurmaschine denkbar erscheinen lässt. Für den zweiten Hafen ist Ähnliches vorgesehen, nur nimmt man diesmal auf eine USB-Festplatte bzw. einen Stick auf. Des Weiteren findet hier ein WLAN-Stick seine Heimat, der für Kommunikation mit einem oder mehreren iPads sorgt, mit dem sich der Mixer fernsteuern lässt.

Auch Audio-Zuspielungen finden dort ihren Weg in die Steuerzentrale (Kanäle 19 und 20), ferner über den angrenzenden SD-Karteneinschub, der wahlweise als Datenablage oder Lieferant dienen kann. Bleibt noch ein XLR-Weibchen, das mit „L6 LINK“ beschriftet ist, einem proprietären Protokoll zur parallelen digitalen Übermittlung von Audio- und Steuersignalen an das Line6 Lautsprechersystem StageSource L3t, welchem wir in einem folgenden Test auch noch auf die Pelle rücken werden.

Dank seiner potenten Ausstattung mit DSP-Power kann die Konsole in allen Kanälen mit einer Fülle von hochwertigen, intern mit 32-Bit-Fließkomma-Auflösung berechneten Effekten aufwarten. Auch für die typischen Problembereiche im Beschallungsgewerbe wie Rückkopplungsbeseitigung, Pegelstabilität oder dem Soundcheck unter Zeitdruck werden innovative Lösungen angeboten. Bleibt nur noch zu erwähnen, dass selbstverständlich Szenen, beispielsweise für einzelne Tracks, oder auch ganze Bühnen-Setups, beispielsweise für unterschiedliche Bands, speicherbar sind – intern oder auf einen USB-Stick. Das betrifft auch die Gain-Einstellungen, woran echtes Total Recall sonst häufig scheitert.

iPad-Konnektivität
Eines der Killerfeatures des M20d ist fraglos die optionale iPad-Anbindung. Schon beim Test des Mackie DL1608 konnte das Prinzip des ortsunabhängigen Mischens in vielerlei Hinsicht überzeugen. Nun kommt Line6 kurzerhand daher und klaut Mackie das Alleinstellungsmerkmal – das Musikequipment-Business kann ganz schön hart sein. Das soll uns aber nicht weiter kümmern – uns interessiert vornehmlich, ob und wie die Verbindung zum Apfel-Flachbrett herzustellen ist. Der Hersteller nennt auf seiner Website lediglich zwei USB-WiFi-Sticks als getestet und kompatibel, die beide in Deutschland nicht unbedingt leicht zu bekommen sind: den EnGenius EUB-9801 und den Samsung WIS10ABGN. Nach etwas Stöbern im Internet konnten wir den letzteren bei einem großen Online-Versandhändler dann doch für stattliche vierzig Euro ergattern. Etwas störend dabei: Der recht große WiFi-Stick von Samsung ragt so weit in das Areal rund um das Kopfhörerpoti, dass das „Umgreifen“ der Faderkappe nicht mehr möglich ist.

Das weitere Vorgehen ist denkbar einfach: Die kostenlose StageScape-App über den Apple-Store herunterladen, USB-Stick in den Port des M20d stöpseln, Einrichtungsdialog öffnen, wo sich der Netzwerkname festlegen und auch das (fest eingestellte) vierstellige Passwort ablesen lässt, sich mit dem iPad in diesem W-LAN anmelden, den gewünschten M20d auswählen, verbinden – fertig. Im Anschluss findet sich auf dem Mobilrechner eine nahezu identische Darstellung des M20d inklusive Encoder, Modus-Tastern und natürlich dem Touchscreen. Dabei darf (und soll) auf dem iPad eine völlig andere Ansicht gewählt werden, sodass man beispielsweise an der M20d-Hardware den Sound regelt, während man den Musikern das iPad auf die Bühne reicht, um sie dort die Monitor-Mischung eigenverantwortlich übernehmen zu lassen. 

Möglich ist natürlich auch der kurze Spurt weg vom FOH-Platz, um sich direkt vor oder auf der Bühne einen Klangeindruck zu verschaffen und unmittelbar vor Ort nachzujustieren. Die Möglichkeiten sind mannigfaltig. In unserem Test scheiterte der Samsung Stick allerdings ab einer Distanz von mehr als fünfzehn Metern (bei freier Sichtverbindung), was der Mobilität dann doch wieder recht enge Grenzen setzt. Wer mehr Reichweite braucht, sollte folglich mit anderen WiFi-Sticks experimentieren, denn der Samsung zählt bautechnisch zu den eher schwächeren Transmittern, da er für den Bereich Home-TV-Internetzugang konzipiert ist.

Audiowandler
Im Computerverbund mutiert der M20d zu einem vollwertigen 20-In/2-Out USB-Audiointerface. Hat man dem Rechner die zugehörigen Treiber vorgelegt, gibt sich der Mischer gegenüber der DAW ordnungsgemäß als ASIO-Device zu erkennen. Allein der Blick auf die ermittelten Latenzwerte lässt einen zunächst an einen Defekt denken. Stehen da tatsächlich 532 Millisekunden – also eine halbe Sekunde? Ja, das steht da. Dann kurzes Nachdenken und teilweise Entwarnung: Nutzt man die Wandler in der vorgesehenen Weise, nämlich zum reinen Aufnehmen von Audiomaterial, kann einem dieser hohen Verzögerungswert ja herzlich egal sein. Die Audiodaten sollen ja einfach nur in möglichst guter Qualität und ohne Aussetzer auf der Festplatte landen. Ob das im Hintergrund nun schnell oder langsam vonstatten geht, beeinträchtigt das Ergebnis ja in keiner Weise. Allein der Einsatz als DAW-Produktions-Soundkarte – sprich: Wenn man den M20d als DA-Wandler nutzen will, um beispielsweise virtuelle Instrumente in der DAW zu spielen, wird dadurch zum frustrierenden Unterfangen. Aber das ist zugegebener Maßen auch nicht das Aufgabenfeld der Maschine.

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