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27.09.2012
Test

Studiologic Sledge Test

Synthesizer

Die gelbe Gefahr

„Ich bin gelb! Ich bin neu! Ich bin toll!“, scheint der Studiologic Sledge zu schreien. Die italienische Firma, bisher eher für ihre Masterkeyboards bekannt, wagt sich zum ersten Mal auf's Synth-Parkett und probt gleich den großen Auftritt. Doch was steckt hinter der leuchtenden Fassade?

Der Sledge ist ein polyphoner Synthesizer mit einer virtuell-analogen Klangerzeugung, die aus dem traditionsreichen Hause Waldorf stammt. Mit einem Bedienkonzept, das ganz auf Direktzugriff wie in den guten alten Zeiten setzt, wendet er sich vor allem an stilbewusste Soundtüftler. Ein Instrument also, das sich in etwa zwischen dem Nordlead und dem Prophet '08 einsortieren lässt. Ob Studiologic damit tatsächlich eine Marktlücke füllt oder mit dem Sledge zwischen den Stühlen durchrutscht, wird sich zeigen.   

Details

Was für eine Farbe! Das 70er-Jahre-Gelb des Sledge springt sofort ins Auge und bleibt dort auch für eine Weile hängen. Man denkt dabei an Räucherstäbchen, Rollkragenpullover und frühe Science-Fiction. Als Blickfang auf der Bühne taugt der Sledge definitiv! Das Gehäuse aus Hartplastik wirkt vielleicht nicht besonders elegant oder wertig, versprüht dadurch allerdings umso mehr Retrocharme. Dieser ist auch beim großzügigen, schwarzen Bedienfeld zu spüren, auf dem sich 39 große Drehpotis à la Korg MS20 tummeln. Mit 8,3 kg ist der Sledge außerdem ein ausgesprochenes Leichtgewicht und absolut transportfähig.

Die Aftertouch-fähige, ungewichtete Tastatur stammt von Fatar und fühlt sich sehr angenehm und nicht wabbelig an. Links davon liegen das Modulations- und das Pitch-Wheel. Die Panel-Aufteilung folgt in etwa dem üblichen Aufbau der klassischen subtraktiven Synthese, ergänzt um ein paar Extras. Ganz links befindet sich das kleine, zweizeilige Display mit den dazugehörigen Cursor-, Ziffern- und Menütastern. Darunter liegen das Volumenpoti und ein Wahltaster für den poly- oder monophonen Betrieb des Synthies. Rechts davon befindet sich die Modulation-Sektion mit Drehreglern und Tastern für zwei LFOs und das Mod-Wheel. Es folgen drei Oszillatoren mit jeweils einem einrastenden Fuß/Oktav-Schalter und einem Taster zum Durchskippen der Wellenformen, sowie Potis für Semitone, Detune (bzw. Wavetable bei Oszillator 1) und Pulsbreite. Im Mixer-Bereich kann man die drei Oszillatoren zusammenmischen und noch um pinkes oder weißes Rauschen ergänzen. Ganz rechts befinden sich die Filtersektion sowie die ADSR-Hüllkurven für Filter und Amp. Auch die Bedienelemente für die beiden Effektblöcke sind hier zu finden. Dank des großzügig angelegten Bedienfelds bietet der Sledge viel Platz und Übersicht beim Drehen und Schrauben. Außerdem ist (fast) jedem Regler nur ein Parameter zugewiesen und alles ist vorbildlich beschriftet.

Bis auf den Netzanschluss (das Netzteil ist erfreulicherweise eingebaut) befinden sich die Aus- und Eingänge beim Sledge an der linken Gehäuseseite. Angeboten werden hier ein Kopfhörer- und ein Stereo-Ausgang, zwei Pedalanschlüsse für Sustain und Expression, sowie MIDI In/Out und eine USB-Buchse.

Der Sledge bietet großzügige 999 Sound-Speicherplätze, von denen 100 bereits werkseitig belegt sind. Die Sounds sind nicht in Bänken organisiert, sondern liegen alle hintereinander. Bei fast 1.000 Speicherplätzen ist das Durchskippen ein bisschen mühsam, aber die Sounds lassen sich über die Zifferntaster auch direkt anwählen. Außerdem gibt es eine praktische Category-Search-Funktion, mit der man Sounds anhand von 12 Kategorien wie Bass, Atmo oder Lead suchen kann. Auch eigene Soundkreationen lassen sich mit diesen Labels versehen und auf die gleiche Weise wiederfinden.

Der Arpeggiator des Sledge hat keinen eigenen Regler spendiert bekommen und muss somit über das Display bedient werden. Er bietet gängige Funktionen wie die Wahl der Laufrichtung, Range und Länge der Noten (bis zu 64 Takte!). Allzu komplexe Pattern-Gebilde lassen sich allerdings nicht realisieren. Ein Step-Sequencer-Ersatz, der ja im Prinzip thematisch zum Sledge passen würde, ist er also nicht.

Klangerzeugung
Doch kommen wir nun zum Kerngeschäft. Der Sledge verfügt über drei Oszillatoren, die auf den ersten Blick fast identisch aufgebaut sind, aber doch ein paar kleine Unterschiede aufweisen. Es geht dabei recht klassisch zu: Mit einem einrastenden Chickenhead-Poti wird die Oktavlage gewählt (64' bis 1'). Ein weiterer Drehknopf regelt die genaue Stimmung in Halbtonschritten. Die Oszillatoren 2 und 3 verfügen zusätzlich über eine Detune-Funktion für schöne Schwebungen mit analogem Flair. Alle drei Oszillatoren bieten die fünf Standard-Wellenformen Sägezahn, Rechteck, Dreieck, Sinus und Puls.

Im Kleingedruckten wird es dann interessant: Oszillator 1 beherbergt zusätzlich 66 Wavetables mit jeweils 100 Waveforms – Waldorf lässt grüßen! Außerdem lassen sich Osc 2 (von Osc 1) und Osc 3 (von Osc 2) frequenzmodulieren. Wem das noch nicht reicht, der kann Osc 2 mit Nr. 3 synchronisieren. Mit dieser Ausstattung geht der Sledge technisch und soundästhetisch also bereits weit über die 70er hinaus und wir nähern uns den „glockigen“ 80er-Sphären. 

In der Mixer-Sektion lassen sich die drei Oszillatoren einzeln an- und abschalten sowie zusammenmischen. Außerdem gibt es hier einen Noise-Generator, der wahlweise weißes oder pinkes Rauschen beisteuern kann.

Die Filtersektion besteht aus einem Multimode-Filter, das wahlweise Low-, High- oder Bandpass sein kann. Seine Flankensteilheit lässt sich zwischen 12db und 24db umschalten. Neben Cutoff und Resonance gibt es zwei weitere Potis für Keytrack und eine Filterverzerrung zur Anreicherung mit Obertönen. Weiterhin verfügt das Filter über eine eigene ADSR-Hüllkurve.

Gleiches gilt für den Amplifier, dessen Hüllkurve um ein Velocity-Poti erweitert wurde, mit dem man den Grad der Anschlagdynamik wählen kann. Sehr praktisch und nicht unbedingt selbstverständlich!

Den Abschluss der Sounddesign-Abteilung bildet die Effektsektion mit zwei Effektslots. Der erste Block kann Flanger, Phaser oder Chorus liefern, während der Zweite Delay oder Reverb im Angebot hat. Außer Rate und Depth bzw. Time und Level sind hier allerdings keine weiteren Einstellmöglichkeiten vorhanden. Auch eine Tap-Tempo-Funktion für das Delay fehlt. Trotz dieser Einschränkungen ist es aber schön, dass Studiologic hier dem Purismus abgeschworen und die Effekte überhaupt mit an Bord genommen hat!

Die Modulationsmöglichkeiten sind recht übersichtlich. Die Quellen beschränken sich auf die beiden LFOs und das Modulationsrad. Wheel, Aftertouch und Expression-Pedal müssen sich leider ein Modulations-Ziel teilen. Als Ziele sind verfügbar: Tonhöhe aller drei Oszillatoren, Pulsbreite bzw. FM, Volume und Filter-Cutoff. Das ist nicht viel und wird wohl den ein oder anderen ambitionierten Soundtüftler enttäuschen. Schade ist auch, dass die LFOs nicht zur MIDI-Clock synchronisierbar sind. Was an Modulationen möglich ist, lässt sich dank der übersichtlichen Bedienung aber kinderleicht bewerkstelligen. 

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