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Emeli Sandé Interview zum Thema Songwriting

Gespräch mit der schottischen Sängerin und Komponistin

Emeli Sandés Songs "Read All About It" oder "Next to Me" sind im Radio kaum zu überhören, in England war ihr Debütalbum "Our Version of Events" das meistverkaufte Studioalbum 2012. Sie hat bereits jede Menge Preise abgeräumt, davon in den letzten 2 Jahren 3 Brit Awards  und 2013 zwei Nominierungen für den ECHO. Voriges Jahr sang sie auf der Eröffnungs- und Abschlussfeier der Olympischen Spiele in London. Außerdem begleitete sie Coldplay als Support auf der Mylo Xyloto Tour - was für ein Karriereanfang, mag man meinen. Aber sie ist natürlich schon länger dabei...

Sie gilt als eines DER Songwriting-Talente aktuell, Simon Cowell (die britische Ausgabe von Dieter Bohlen als Juror in X-Faktor, Britian's Got Talent und American Idol) nennt sie sogar seine "aktuelle Lieblings-Songwriterin". Sie hat bereits für Susan Boyle, Rihanna, Leona Lewis, Tinie Tempah sowie mit Alicia Keys und Labrinth geschrieben – all das seit 2010. Für sie begann diese beeindruckende Karriere durch die Zusammenarbeit mit dem britischen Produzenten Naughty Boy (der übrigens das Kapital für seinen Karrierestart in einer Fernsehsendung gewann): sie trafen sich 2008, begannen zu arbeiten und landeten 2009 mit Chipmunk's "Diamond Rings" ihren ersten Top-10 Hit in den UK. Kurz danach gelang es mit dem Künstler Wiley ein zweites Mal – Naughty Boy und Emeli waren auch als Songwriting-Team auf einem guten Pfad. 2011 folgte die Single "Read All About It" mit Professor Green, die es in den UK bis auf Platz 1 schaffte. Bei diesen Songs wirkte sie als "featured Artist" mit. Im gleichen Jahr schaffte sie es aber auch als Solokünstlerin mit ihrer Single "Heaven" bis auf Platz 2 der britischen Charts. Neben einem offenkundigen Talent für kommerzielle Songs ist sie auch noch eine exzellente Sängerin mit außergewöhnlicher Stimme. Genau wie die Überfliegerin Adele hat sie etwas Besonderes in der Stimme (und zu allem Überfluß ist "Adele" auch noch ihr eigentlicher erster Vorname: Um Verwechslungen zu vermeiden, nahm sie für die Musikkarriere also ihren zweiten Vornamen an.) Bei ihrem Hamburger Konzert stellte sie diese Stimme sehr überzeugend unter Beweis – und der ganzen Band merkte man außerdem die Spielfreude an. Es war keine Aufführung für eine Diva, sondern eine echte Band-Performance! Bevor Emeli die Bühne in der Hansestadt enterte, nahm sie sich Zeit mit uns über Songwriting zu sprechen. Im AudioPlayer findet ihr das original Interview, im Folgenden eine überarbeitete deutsche Fassung: 

Was macht einen guten Song aus? "Du brauchst eine perfekte Kombination: Bei der Melodie fällt es mir recht leicht, zu beurteilen, ob sie stark ist oder nicht - aber wenn du kein Konzept hast, das du effektiv rüberbringen kannst, fällt alles in sich zusammen. Du brauchst die richtigen Zutaten. Ich weiß nicht, ich habe da keine Formel."

Nun verrat uns schon dein Geheimnis: "Spill the beans!" (lacht) "Ich weiß es doch nicht. Es kann die richtige Metapher sein, dass du etwas sehr einfach ausdrücken kannst, mit dem sich jeder identifizieren kann - aber immer noch sehr poetisch ist. Ich würde mir wünschen, dass ich einen Weg hätte, dafür zu sorgen, dass es jedes Mal klappt. Aber in der Regel fange ich mit Akkorden an, die mich an ein Thema denken lassen. Und dann fügt sich irgendwie alles zusammen. Ich weiß einfach nicht, wie ich das genauer "zerlegen" könnte."

Wahrscheinlich sind deshalb deine Songs so gut. "Vielleicht" (lacht)

Du schreibst auch viel mit und für andere Musiker. Der Professor Green Song "Read All About It", zum Beispiel. Da kam das Riff doch wahrscheinlich nicht von dir, sondern Professor Green. Wie war das da? "Er hatte die Phrase "Read All About It" und diese tiefen Verse – das machte es mir leichter zu singen. Als ich dann meine Verse schrieb, hatte ich den Anspruch persönlicher und viel offener zu klingen. Ich denke, ich habe eine Menge von Rappern gelernt: Es geht weniger darum, dass sich alle damit identifizieren können, sondern mehr darum rüberzubringen, wer du bist."

Was brachte dich dazu einen "Part III" des Songs zu schreiben, wo es Part I und II schon gab (erschienen auf dem Album Professor Greens)? "Also erstmal, Part II habe ich noch gar nicht gehört. (Lacht). Ich wollte Part III schreiben, weil ich seine Verse so persönlich fand und ich den Chorus dauernd gesungen habe, bei Shows und Festivals. Da wollte ich einfach meine persönliche Sichtweise hinzufügen, was der Song für mich bedeutet. Was mir wichtig wäre, dass Leute alles lesen sollen ( Anm.: "...read all about").

Dein Song "Heaven" hat dir geholfen als Künstlerin durchzustarten - wie war das? "Das war ziemlich nervenaufreibend – die erste Single auszuwählen, nachdem ich vorher nur Refrains für Rapper gesungen hatte. Das war eine große Sache. Bei Heaven wollte ich einfach meine Stimme zeigen – bei einigen Songs empfinde ich es nicht als zwingend, sie auszureizen. Da geht es vielleicht mehr um eine besondere Klangfarbe. Aber bei "Heaven" wollte ich dieses Werkzeug einsetzen, um die Hörer gleich von Anfang an zu packen."

"Heaven" ist auch der elektronischste Song des Albums, inkl. Amen Break Loop und entsprechender Sounds. Warum fällt er so aus dem Rahmen des restlichen Albums? "Das weiß ich gar nicht – ich bin an das Album nicht so herangegangen, dass alles ein Genre sein muss. Ich habe angefangen mit Songs wie "Daddy" (was ich auch als recht "produziert" und elektronisch empfinde), dann "Heaven". Wir gingen da durch eine Phase mit "mehr" Produktion, bevor es wieder beim Piano landete. "Heaven" kam einfach so raus. Und wir fanden es toll, haben es gern gehört – und es war perfekt fürs Radio, um mich den Leuten vorzustellen, mit etwas Nachdruck."

Hast du die Songs gezielt für das Album geschrieben, oder sind es Songs aus deiner "Geheimreserve", die du vor deinem Produzenten Naughty Boy versteckt hast, damit er sie nicht anderen Leuten gibt? (Lacht) "Nein – an dem Punkt war mir klar, dass ich mich auf meine Musik konzentrieren muss, und aufhören muss, mich selbst als Komponistin zu sehen und für andere Leute zu schreiben. Also ja – sie wurden speziell für das Projekt geschrieben – und es gab definitiv einen Punkt, wo ich aufhören musste, Songs wegzugeben… und Naughty Boy aufhören musste, sie anderen Leuten zu versprechen. (Gelächter)

Ich habe in einem anderen Interview gelesen, dass du – wenn du einen Song nicht an einem Tag geschrieben bekommst – lieber einen anderen machst? "Also, ich lösch ihn nicht komplett, aber ich stelle ihn auf jeden Fall für einen anderen Tag zurück. Denn wenn du einen ganzen Tag darauf verwendet hast – und immer noch nichts hörst, was dir gefällt – ist es ein hoffnungsloser Fall und ich denke, du solltest deine Zeit effizienter einsetzen!

Wie fügst du Text und Melodie zusammen? Hast du zuerst die Melodie – oder gibt es da keine klare Reihenfolge? "Meistens ist es eine Melodie mit ein bisschen Gemurmel und Silben wie (singt): da-da-dam-da-dadel-eh. Oder mit einem Wort am Ende, und dann formt sich langsam etwas heraus – man legt den Sinn unter diesem ganzen Durcheinander frei.

Wie sicherst du deine Ideen? Nimmst du sie auf deinem Telefon auf? "Ja ich habe so 500 Voice-Memos auf meinem Telefon, voll mit Nebengeräuschen. Die muss ich mal durchhören, um zu checken ob da irgendwas dabei ist." 

Aber wann findest du die Zeit dafür, wo du neben der eigenen Karriere doch immer noch Songs u.a. mit Alicia Keys oder Leona Lewis schreibst? Nicht zuletzt hast du ja auch noch einen Ehemann, der sich sicher freut, wenn du mal da bist? "Wie ich Zeit finde? Ja, einen Ehemann habe ich auch noch – und der wird immer ziemlich sauer, wenn ich in mein Musikzimmer gehe, weil er weiß, dass ich da dann stundenlang nicht mehr rauskomme. Ich versuche die Zeit zu finden – ich liebe es einfach das hier zu machen, und es fühlt sich nicht wie ein "Job" an. Also nutze ich alle verfügbare Zeit, und versuche zu schreiben. Aber man muss auch Pause machen und ein bisschen leben, um vom Leben und Menschen wieder inspiriert zu werden."

Bist du denn genug inspiriert worden, um bereits Songs für das nächste Album zu schreiben? "Ich hoffe mal: ich weiß nicht, ob das andere nachfühlen können, aber die Tour hat mich inspiriert – ich habe auf der Olympiade gesungen! Das war sehr inspirierend… aber ich muss mir Zeit nehmen, um einfach wieder ich selbst zu sein und alltägliche Dinge zu machen."

Aber wann willst du DAS noch machen? "Also ICH möchte das nach dieser Tour machen, aber mein Manager hat andere Pläne." (lacht).

Und wann hört die Tour auf und was hat der Manager dann geplant?"Ende April!. Dann soll es nach Amerika gehen…"  Gelächter. 

Kommen wir zu deiner Stimme – die ja wirklich außergewöhnlich ist. Das Allerschlimmste: du sollst keine Gesangsausbildung haben – stimmt das? Das werden dir ja viele neiden, die sich seit Jahren abmühen, und auf keinen grünen Zweig kommen. Auch deine markante Art Vibratos zu platzieren, ist auffällig – kommt das davon, das du als Kind Klarinette gelernt hast?

"Ja das stimmt, die Stimme ist ziemlich naturgegeben. Ich weiß aber nicht, ob ich je eine so ausgefuchste Klarinettenspielerin war, dass ich wusste was für ein Vibrato ich da produzierte. Ich glaube, dass kam eher vom Zuhören, wie andere Sänger das machen – und von Nina Simone, wie die ihren Stimmsound kontrolliert. Sie setzt Vibratos auch sehr clever ein."

Wie behältst du auf Tour dann deine Stimme, wenn du kein Training hattest? Du machst dann doch bestimmt Fehler, wie den ganzen Tag zu quatschen, oder? (Lachen) "Oh ja, das ist eine große Sache: ich mag es zu sprechen und zu tratschen! Hmm – ich hol mir Tipps, ich habe einige Gesangsspezialisten getroffen: Was man essen oder nicht essen sollte, verschiedene Tees, inhalieren – all so was. Ich bin aber nicht sehr diszipliniert damit – also werden wir sehen!"

Zurück zum Songschreiben: Wenn du Worte, Feeling und Melodien in Einklang bringen willst – setzt sich da einfach irgendwas fest, wie die Melodie und dann fallen dir die Worte ein, oder wie ist das? "Hmm… manchmal mag ich es einfach an ein Konzept zu denken…" Der Song "Clown", zum Beispiel? "Clown? Das kam durch einen Beat, den Naughty Boy hatte (macht den Beat vor). Irgendwie wie eine Trompete, das erinnerte mich an einen Zirkus. Wir haben seinen Beat dann nie wieder angehört, aber ich dachte: "Clown" – das wäre doch ein cooles Thema. Dann saß ich am Piano, die Akkorde fanden sich – das Zirkusthema wurde auf jeden Fall durch diese Trompete inspiriert."

Wie ist das, mit Künstlern wie Alicia Keys oder Leona Lewis zusammen zu schreiben? Man setzt sich in einen Raum, und es hat einfach zu funktionieren? Kanntest du sie vorher? "Wenn du Glück hast, funktioniert es. Manchmal schicken sie Tracks einfach rüber, dann weiß ich wie es läuft und ich kann schneller arbeiten. Aber mit jemandem wie Alicia Keys, die selbst eine so eine hervorragende Komponistin und Musikerin ist, da konnten wir uns einfach zusammensetzen und brauchten kein extravagantes Studio. Das war meine Lieblingsart zu schreiben: unkompliziert zusammen sitzen zu können. Aber du musst es schaffen, einen Draht als Menschen aufzubauen. Manchmal kann das echt fürchterlich werden: weil man sich nicht mag, keine gemeinsamen Themen hat, über die man sprechen könnte. Mit ihr war da gleich ein "Funke", eine echte Verbindung – aber das kann man nicht kontrollieren – und du kannst es auch nicht designen. Es muss einfach funktionieren, oder es geht eben nicht.

Was ist, wenn man eingeflogen wird um einen Song zu schreiben, und es dann nicht funkt? "Ach, du musst einfach dein Bestes geben und dafür sorgen, dass am Ende der Session ein Song heraus kommt. Aber ich denke, dass man es einfach hört, ob ein Song mit Liebe oder aus Pflichtbewusstsein gemacht wurde.

Du sprichst davon, dass es dir wichtig ist, Menschen mit deinen Songs zu berühren – wie erreichst du das? "Nun, du versuchst so ehrlich wie möglich zu sein, und dein Ego und Verstellungen beiseite zu lassen. Wenn du versuchst einen Song zu schreiben, um cool zu wirken oder andere Leute glauben zu machen, du seist cool… dann ist das alles, was dabei herauskommt. Wenn du dich aber hinsetzt und versuchst darüber zu schreiben, was du genau fühlst, vielleicht fühlen andere dann auch so. So mache ich das."

Letzte Frage: Was würdest du Musikern empfehlen, die ernsthaft anfangen wollen, Songs zu schreiben? Wie dein Produzent Geld bei einer Fernsehquizshow gewinnen (Anm.: Naughty Boy gewann 40.000 £ bei "Deal or no Deal")? (Lacht) "Du weißt über ihn Bescheid? Klar das ist eine gute Idee – das Geld dort half ihm anzufangen, und führte letztlich dazu, dass wir uns trafen. Wenn du es also wirklich ernst meinst (mit dem Song schreiben), sei ehrlich in der Einschätzung deiner Fähigkeiten – ziehe nicht nach London und versuche deine Songs unter die Leute zu bringen, bevor du nicht gehört hast, was der Standard und wie das Niveau ist. Lerne alles was du kannst über Musik. Ich denke, dass wird dich dann von anderen unterscheiden helfen. Denn es sind tausende von Kids da draußen. Mir hat es sehr geholfen, mich einfach an ein Piano setzen zu können und zu sagen: "so soll das klingen", anstatt einen Loop im Kreis laufen zu haben." 

Genau so hast du doch angefangen in der Urban Szene – mit einem Loop der im Kreis läuft und 4 Akkorden? "Ja – und für mich war das gut, um das was ich machte, zu vereinfachen. Denn ich kam vom Jazz und wollte dieses-und-jenes machen, und so hat Naughty Boy dann gesagt: 'wir haben nur 2 Noten hier, also benutze die'. Aber es war auch gut für mich (durch den Background), mehr "Musik" ins Team bringen zu können.

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