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12.07.2019

Austrian Audio OC818 Test

Doppelmembran-Twin mit Bluetooth-Option

Die Wiedergeburt des C414?

Austrian Audio OC818: Bei diesem Kondensatormikrofon handelt es sich nicht um irgendein weiteres Mikro irgendeines Herstellers aus Fernost, der den schon gesättigten Markt um noch ein weiteres Mikrofon erweitert. Nein: Austrian Audio ist 2017 von ehemaligen AKG-Ingenieuren gegründet worden, nachdem der neue Eigner so gut wie alle Wurzeln des Unternehmens gekappt hat.

Nicht ohne Stolz schreiben Austrian Audio, insgesamt weit über 300 Jahre Engineer-Erfahrung mit in das neue Unternehmen gebracht zu haben. Mikrofone sind nur eine Produktsparte unter mehreren. Was liegt aber näher, als an ein Mikrofon anzuknüpfen, welches über Jahrzehnte hinweg ein Aushängeschild von AKG war. Gemeint ist weder das Klassiker-Röhrenmikrofon AKG C12 noch das markante Bassdrum-Mikrofon AKG D112, sondern das AKG C414. Wer sich ein wenig mit der Historie des Mikrofons und seiner Rezeption beschäftigt hat, der wird festgestellt haben, dass besonders die ersten Versionen in der Gunst der Engineers sehr hoch stehen. Vor allem das ab 1976 gebaute AKG C414 EB mit „Brass Capsule“, also mit bronzenem Spannungsring auf der Membran, ist aufgrund seines Klangs beliebt. Kunststück: Diese CK12 -Kapsel war auch im C12 verbaut und genießt weltweit einen ähnlichen Ruf und wird ähnlich oft kopiert wie die M7 (Neumann U47). Die recht verbreitete Meinung unter Tontechnikern ist, dass die Entwicklung des 414 durch die Jahre und Jahrzehnte nicht gerade zum klanglichen und bedienerischen Vorteil verlief. 

Details

Nicht CK12, sondern CKR12

Das AA OC818 als Weiterentwicklung des AKG C414 zu bezeichnen, ist sicher korrekt. Es gibt einige technische Neuerungen oder Erweiterungen, die ich im Folgenden kurz erklären möchte. Zunächst jedoch ein paar grundlegende Dinge: Das Austrian Audio OC818 ist ein Doppelmembran-Kondensatormikrofon mit Randkontaktierung der Mylar-Membranen. Anstatt des verschraubten Rings der ursprünglichen und bis zum C414 EB verbauten CK12-Kapsel kommt in der CKR12 heute ein hochdichter Keramikring zum Einsatz, der viele Probleme in der Fertigung des Metallrings hinter sich lässt und in engeren Fertigungstoleranzen gebaut werden kann. Die Kapselvorspannung wird nicht etwa aus einem Elektretmaterial der Backplate gewonnen, sondern aus der 48 Volt Versorgungsspannung abgeleitet. Dieses Bias wird von einem Prozessor kontrolliert. Für beide Kapselseiten geschieht das getrennt, wodurch klar sein dürfte, dass es sich um eine Dual-Backplate-Kapsel handelt. Die Dimensionen der Kapsel, einschließlich der Größe der Luftreservoirs und der Lage der Bohrungen, entspricht genau der der CK12. Ganz anders geht man mit Störschall um, ob mit reflektiertem im Korb oder mit über den Körperweg übertragenen. Die Kapselkonstruktion ist, das lässt sich bei Gegenlicht gut betrachten, elastisch im Korb aufgehängt. 

Zusätzliche Buchse auf der Rückseite des OC818 führt rückwärtiges Kapselsignal heraus

Die Verschaltung auf der Vorderseite entspricht den klassischen Settings Niere, Acht, Kugel und Hyperniere. Die Nierencharakteristik wird von Austrian Audio auch „Dual Cardioid“ genannt. Und es gibt ein Setting „Preset“. Für beides muss ich ein wenig ausholen. Dreh- und Angelpunkt ist die kleine zusätzliche Buchse (Format: Mini-XLR 5pin) auf der Rückseite des AA-Mikrofons. Darin kann ein kurzes, mitgeliefertes Adapterkabel auf XLR eingesteckt werden. Mit diesem Adapter kann das Signal der rückseitigen Kapsel separat herausgeführt werden. Liegen beide Kapselsignale einzeln am Mischpult oder Preamp an, benötigen sie zwar zunächst doppelte Ressourcen, doch lässt sich das, was sonst innerhalb des Bodys eines Doppelmembran-Kondensatormikrofons passiert, außerhalb regeln. Die Vorteile liegen auf der Hand und sind schon bei den Tests des Microtech Gefell UM 930 twin und des Sennheiser MKH 800 TWIN beschrieben. Nimmt man beide Signale in der DAW als einzelne Spuren auf , lassen sich Richtcharakteristika auch nachträglich einstellen und automatisieren. Austrian Audio hält ein Plug-In namens PolarDesigner bereit, welches in Stereotracks direkten Zugriff auf die Richtcharakteristika bietet und diese für bis zu fünf verschiedene Frequenzbereiche unterschiedlich einstellen lässt. 

Austrian Audio PolarDesigner Plug-in

Wer die Twin-Funktionalität des OC818 nutzt, der kann sich zwar mit selbstgebauten Möglichkeiten in Mischpult oder DAW behelfen, wird das Freeware-Plug-In PolarDesigner (Mac & PC, AU, VST3 und AAX) doch sicher bevorzugen. Hier kann nicht nur einfach das resultierende Pattern gewählt werden, sondern die Pattern können in bis zu fünf unterschiedlichen, frei wählbaren Frequenzbereichen ausgewählt werden. Die einzelnen spektralen Bereiche können im Level eingestellt, stummgeschaltet und solo abgehört werden. Dazu gibt es ein paar weitere praktische Zugaben, wie eine „Proximity Control“ und „Termination Control“. Das hat nichts mit diesem muskulösen Exilösterreicher zu tun (Arnulf Schwarzenberger? Armin Schwabenärger?), sondern erlaubt, automatisch den Ort einer Störschallquelle zu detektieren und ein Pattern mit entsprechend liegender Off-Axis zu wählen.

Das OC818 kann noch mehr: Bluetooth-Steuerung mit optionalem OCR8

Der zusätzliche Ausgang am OC818 kann statt für die Ausgabe der nach hinten zeigenden Niere auch für etwas anderes genutzt werden: Der Austrian Audio OCR8 ist ein kleiner Bluetooth-Dongle, welcher dort eingesteckt werden kann. Damit ist es möglich, das OC818 mit der App PolarPilot (iOS und Android, kostenfrei) fernzusteuern, welche Hochpassfilter und Pad fernumschaltbar macht und Zugriff auf die Richtwirkung des Doppelmembranmikros gibt. Neben den am Mikrofon einstellbaren Stufen sind viele Zwischenstufen möglich, allerdings keine frequenzabhängigen oder rückwärtigen Patterns wie bei Nutzung des PolarDesigner-Plug-Ins. Zudem werden anliegendes Signal und auch registrierte „Overs“ in einer einminütigen History angezeigt (was mir ja auch bei Lewitt-Mikrofonen gut gefällt). Aber: Ein Clipping würde ich schon gerne auch nach zehn Minuten angezeigt bekommen!

Die Voraussetzung für die Fernbedienungsfunktion ist, dass am Mikrofon selbst der Pattern-Wahlschalter auf dem zuvor beschriebenen Punkt „Preset“ ganz nach rechts gestellt wurde - und, dass man diesen kleinen Dongle für sportliche 149 Euro zum Mikrofon dazugekauft hat. Der Preis ist sicher ein „Downer“. Dafür darf man nicht vergessen, dass das gesamte OC818 durchaus preiswert ist – als in Europa entwickeltes und gefertigtes Präzisionsgerät. 

Hohe Impedanz

Den Frequenzgang gibt Austrian Audio mit einer gewissen Gleichgültigkeit mit „20 Hz – 20 kHz“ an. Wer sich mit Mikros beschäftigt, der weiß, dass diese Aussage alleine nicht viel Wert besitzt. Aber seien wir mal ehrlich: Neben Abfallwerten an den genannten Frequenzen, Abweichungen dazwischen, ja eigentlich genauem Pegel- und vielleicht auch Phasenfrequenzgang für die unterschiedlichen Patterns und natürlich die verschiedenen Schalleinfallsrichtungen ist es kaum möglich, von derartigen Angaben auf den tatsächlichen Klang eines Doppelmembran-Kondensatormikrofons zu schließen. Wichtiger ist schon die Empfindlichkeit, die mit 13 mV/Pa angegeben ist. Die Impedanz beträgt für beide Ausgänge 275 Ohm. Das ist verhältnismäßig hoch, sollte aber bei nicht antiken Mikrofonvorverstärkern keinerlei auffällige Klangabweichungen bewirken, da diese eingangsseitig meist mi 1 kOhm oder höher arbeiten. Umgekehrt kann man von etwas auffälligeren Änderungen ausgehen, wenn man einen Preamp verwendet, dessen Eingangsimpedanz veränderbar ist und geringe dreistellige Werte annehmen kann. Als maximale Kabellänge gibt AA 30 Meter an. 

HPF und Pad in gewohnt österreichischer Opulenz

AKG-Mikrofone sind in Sachen Tiefpassfilterung und Vordämpfung oft umfangreich ausgestattet. Das machen auch Austrian Audio nicht anders und geben dem Engineer reichlich Wahlmöglichkeiten an die Hand. Die Hochpassfilterung, links mit dem Schiebeschalter einzustellen, kann mit 40, 80 oder 160 Hz erfolgen. Wichtig dabei: 40 und 80 sind halbwegs steilflankige 12dB/oct-Filter, 160 eine Kombination aus dem zweipoligen 80Hz-Filter und einem zusätzlichen 6dB/oct-Rolloff bei 160 Hz.

Die Vordämpfung kann mit 10 oder 20 dB erfolgen. Wobei: Eigentlich ist diese Aussage so nicht richtig, denn für 10 dB Pad wird zunächst die Kapselvorspannung reduziert, bei der Schalterstellung 20 dB kommt eine Dämpfungsschaltung in der Elektronik hinzu. Der maximale Schalldruckpegel beträgt 148 dB SPL. Dieser Wert gilt ohne Pad. Und: Der Wert gilt für maximal 0,1% %THD! Und gibt es als Trade-Off ein hohes Eigenrauschen? Nein, mit 9 dB(A) ist auch hier ein sehr guter Wert erreicht worden – unabhängig vom gewählten Pattern. 

Zubehör des Austrian Audio OC818

Das Mikrofon wurde in einem (aber sicher nicht ebenfalls in Österreich gefertigten) Metallköfferchen geliefert, in dem neben dem OC818 auch das kleine Adapterkabel, ein einfacher Mikrofonhalter, eine recht kompakt aufgebaute Spinne und ein Überzug-Windschutz beheimatet sind. Ein wenig Papierwerk vervollständigt das Paket, der Dongle ist wie angegeben nicht Bestandteil des Mikrofons.

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