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Test
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18.02.2013

ART Tube MP Test

Röhren-Mikrofonvorverstärker

Mic Pre im Palmtop-Format

Mit einer weltweit wohl sechsstelligen Anzahl an verkauften Einheiten dürfte der kleine ART Tube MP rein mengenmäßig wohl zu den populärsten Mic-Preamps aller Zeiten zählen. Features und Ausstattung sind gemessen am Portokassen-Verkaufspreis top – aber kann da auch die Audioqualität mithalten?

ART, der Hersteller aus Upstate New York, bezeichnet den Tube MP selbst als „populärsten externen Röhrenmikrofonvorverstärker der Welt“. Obwohl sich das wie typischer Marktingsprech eines Equipmentherstellers liest, liegt in dieser Aussage mehr als nur ein Körnchen Wahrheit, zumindest dann, wenn man die nackten Tatsachen (wie eben besagte Verkauszahlen) sprechen lässt.

Der ART Tube MP bringt auf dem Papier erst einmal all die Qualitäten mit, die eine weite Verbreitung begünstigen: Das Teil ist leicht, kompakt, vergleichsweise robust und bietet einen vernünftigen Grundstock an Funktionen. All das gibt es zu einem Preis, zu dem andere Hersteller nicht einmal das Licht in den Fabrikationsanlagen anschalten würden. Bei einem Straßenpreis von weit unter 50 Euro verspricht das Gerät einiges. Die Frage ist, ob – und wenn ja wo – bei essentieller Funktionalität gespart werden musste, und das wollen wir uns einmal im Detail anschauen.

Details

Hohe Gesamtverstärkung möglich

Das kleine Desktopgehäuse beherbergt einen Mono-Micpre mit satten Gainreserven – immerhin 70 dB bei Mikrofonsignalen. Dazu stellt der ART Tube MP ein sinnvoll gewähltes Minimum an Bedienelementen bereit. Die Verstärkung wird zunächst mit einem Poti eingestellt, dessen Regelbereich mit einem weiteren Schalter zwischen +6 und +40 dB beziehungsweise +26 und +60 dB angepasst werden kann. Je nach Pegel der Eingangsquelle kann man hier also den jeweils kommoderen Verstärkungsbereich vorwählen. Die endgültige Abstimmung übernimmt dann das Output-Poti mit einem Einstellbereich von -∞ bis +10 dB. Das bedeutet, dass man sich beim Feintuning des Ausgangspegels nicht auf ein einzelnes Poti mit trotz 20-dB-Offset immer noch recht weitem Regelbereich verlassen muss. Inwieweit das Zusammenspiel beider Potis auch das Gainstaging im Preamp in klanglich relevanter Weise beeinflussen kann (ob sich also bei aufgedrehtem Input und zugedrehtem Output interessante Röhrensättigungseffekte einstellen können), wird der weitere Verlauf dieses Tests zeigen.

Phantom- und Polaritätsschalter

Der ART Tube MP bietet einen Schalter für Phantomspeisung und einen für Invertierung des Signals; das war es dann auch schon an Bedienelementen. Es handelt sich hier eben um eine absolute Basisausstattung, aber weitere Features wie etwa ein Trittschallfilter bei diesem Kaufpreis zu verlangen wäre vermutlich vermessen. Zur optischen Kontrolle des Ausgangspegels verfügt der ART-Preamp über eine LED, die im normalen Betrieb grün leuchtet, sich aber rot verfärbt, wenn der Pegel 6 dB unter der Hardclipping-Grenze liegt. Abgegriffen wird diese Referenz übrigens direkt am Ausgang der Röhre.

Ins, Outs und Power

An der Rückseite des Desktop-Gehäuses befinden sich insgesamt vier Audio-Anschlüsse: Der Mic-Input als XLR-Buchse, dazu ein hochohmiger Klinkeneingang für Instrumente. Während diese nicht parallel betrieben werden können, lassen sich der unymmetrische Klinken- und der symmetrische XLR-Ausgang parallel abgreifen. Damit kann beispielsweise eine Gitarre, die in den ART Tube MP gestöpselt wird, zu einem Amp weitergeschickt werden, während man für späteres Re-Amping simultan auch ein DI-Signal aufzeichnen kann – praktisch! Zusätzlich findet man hier auch die Buchse für das externe 9V-Netzteil vom Typ „Wandwarze“. Dies zu erwähnen ist entscheidend, denn das Netzteil spielt eine ganz wichtige Rolle bei solch einem Gerät. Seine Ausführung ist ein erster Indikator für das, was man hier schaltungstechnisch erwarten kann.

Ist ein Preamp mit einer Röhre wirklich ein "Röhrenpreamp"?

Dass ART den Preamp in der Eigenwerbung als „populär“ bezeichnet, ist sicherlich vollkommen gerechtfertigt. Das Gerät jedoch als „Röhrenpreamp“ zu bezeichnen, ist zwar keineswegs falsch, bedarf aber doch einer eingehenderen Beleuchtung. Denn ein „reinrassiger“ Vollröhrenpreamp ist der Tube MP nicht, und das wäre unter seinen Grundvoraussetzungen auch ein Ding der Unmöglichkeit. Ein halbleiterfreier, reiner Röhrenverstärker ließe sich zu diesem Preis nicht realisieren, wahrscheinlich würde alleine das Netzteil eines solchen Gerätes sämtliche Ressourcen, die der Hersteller hier für den gesamten Preamp zur Verfügung hatte, locker auffressen. Beim ART Tube MP handelt es sich also bei näherer Betrachtung um einen Transistorpreamp, in den an bestimmter Stelle im Signalweg eine Röhre integriert wurde. Entscheidend ist also die Frage, wie der Tube MP ansonsten aufgebaut wurde, und was die Röhre genau macht.

Den Löwenanteil der Verstärkung zieht der Preamp aus einem munteren Technologiemix von Einzeltransistoren und IC-OpAmps, wobei letztere hier in Form zweier TL072 verbaut wurden, bei denen es sich immerhin um einen soliden Industriestandard handelt, den man auch in deutlich teureren Geräten finden kann. Ein externes 9V-Netzteil ist nicht leistungsfähig genug, um eine Vorstufenröhre mit ausreichend Strom bei 250-300 V zu füttern, also bei der Betriebsspannung, bei der sich die meisten Röhren am wohlsten fühlen, bei denen sie die besten Ergebnisse liefern und die deswegen in allen teuren Vollröhrengeräten auch verwendet wird. Man darf dem ART Tube MP also ein sogenanntes „Starved Plate“-Design unterstellen, bei dem die Röhre zwar nicht ihre vollen Qualitäten ausspielen kann, bei dem man sich aber trotzdem ihre nichtlineare Kennlinie für ein paar Sättigungseffekte zunutze machen kann.

Nicht trafosymmetriert – wie auch!

Dass die Ein- und Ausgänge ohne Übertrager elektronisch symmetriert wurden, versteht sich mit Blick auf den Kaufpreis abermals von selbst. Auch hier gilt: Ein einzelner hochwertiger Übertrager kann gut und gerne ein Mehrfaches des gesamten Tube MP kosten. Es sind eben genau diese Merkmale, aufgrund derer Vollröhrentechnik meist ziemlich teuer ist.

Auch wenn der ART Tube MP auf jegliche Form von Luxus verzichtet, so wurde doch an den entscheidenden Stellen nicht gespart. Das Blechgehäuse macht einen robusten Eindruck, so wurden beispielsweise die Klinkenbuchsen ordentlich mit dem Gehäuse verschraubt. Das ist wichtig, weil dadurch die empfindliche Platine mit ihren Lötverbindungen nicht mechanischen Belastungen ausgesetzt ist. ART bezeichnet die 12AX7-Doppeltriodenröhre, die im Tube MP zum Einsatz kommt, als „handselektiert“. Was dies bei einem in Fernost in Massenproduktion hergestellten Gerät und bei einem ungelabelten Glaskolben, der lediglich den Aufdruck „12AX7 CHINA“ trägt, nun genau bedeutet, sei mal dahingestellt. Aber: Geschenkt – abermals mit Blick auf den Kaufpreis.

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