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Workshop
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21.09.2017

Workshop: Solo-Arrangements leicht gemacht

Leichte und schnelle Wege zu eigenen Solobass-Versionen

Bassspielen ohne Band ist spannend - und einfacher, als viele denken!

Hallo, lieber Bassist / liebe Bassistin!

Jeder von uns befand sich bestimmt schon einmal in einer dieser drei Szenarien:

1. Freunde sind zum ersten Mal zu Besuch (oder noch schlimmer, der/die nächste potenzielle Freund/in!) und es fällt der unausweichliche Satz: "Cool, du spielst Gitarre? Spiel doch mal was vor!" Nach der obligatorischen Korrektur, dass dies ja gar keine Gitarre, sondern ein Bass sei, folgt in der Regel die Frage: "Gibt es da einen Unterschied?" Nach deiner Antwort, einem genervten "Allerdings!", nagelst du perfekt und stolz die Viertel-Basslinie eures neuesten Band-Stückes. Dann die Ernüchterung: Anstelle von Applaus erntest du mitleidige Blicke!

2. Du spielst und übst oft alleine zuhause. Da der Bass aber eigentlich ein klassisches Bandinstrument ist, fehlen dir häufig elementare Teile der Musik, wie Melodie, Akkorde etc. Das kann dann durchaus schon mal langweilig werden und die Motivation beeinträchtigen.

3. Geburtstage, Weihnachten etc. haben sich mittlerweile zu unausweichlichen jährlich wiederkehrenden Events entwickelt. Da bleibt die Frage leider nicht aus: "Du bist doch Musiker! (weiter wird in der Regel nicht differenziert!), kannst du nicht mal bei unserer Feier etwas spielen?"

Für alle drei Szenarien oder nur für unseren eigenen Spaß wäre es doch schön, Songs komplett auf dem Bass spielen zu können, also mit Harmonie und/oder Basslinie sowie Melodie zur selben Zeit. Dadurch entsteht für die meisten Zuhörer, die ja in der Regel keine Bassisten/innen sind, erst die Wiedererkennbarkeit. Hierzu muss man den Song entsprechend für die Solobesetzung mit dem Bass umarrangieren - quasi spielbar machen!

Schön und gut, aber ist das nicht unglaublich kompliziert?

Schaut man sich bekannte Umsetzungen dieses Themas einmal an, wie etwa Victor Wootens "Amazing Grace" oder "Isn't She Lovely", Uriah Duffys "Human Nature", Jacos "Blackbird" usw., kann man schon mal angesichts der dargebotenen Virtuosität und technischen Fähigkeiten den Mut verlieren. Aber keine Sorge: Soloarrangements für Bass sind auch in ganz simpler Form möglich, ohne dass man selbst oder der Zuhörer etwas vermisst.

Dieser Workshop soll dir ein paar Tipps geben, wie du diese Aufgabe problemlos meisterst. Und: ganz nebenbei erweitert die Auseinandersetzung mit der Melodie und den Akkorden dein musikalisches Spektrum ungemein!

Welche Songs eignen sich besonders gut?

Der erste und zugleich schwerste Schritt ist die Auswahl eines geeigneten Songs. Es gilt die einfache Formel: Je besser der Song, desto leichter das Arrangieren. "Besser" ist hier nicht als Wertung gemeint, sondern, wie einfach oder schwer der Titel auf dem Bass zum Klingen zu bringen ist. Trägt sich der Song etwa durch z.B. eine eingängige Melodie quasi von alleine, muss man "fast nichts mehr tun", da der Song von sich bereits eine starke Wirkung entfaltet. Das ist genau das, wonach wir suchen!

Das Kriterium hierfür ist in erster Linie, dass Melodie und Grundton eine musikalisch interessante Beziehung zu einander haben, die aus einem Wechsel von Spannungsaufbau und Auflösung besteht. Wäre die Melodie immer der gleiche Ton wie der Grundton des Akkordes, klänge das zumindest in einem Soloarrangement ziemlich langweilig. Dies würde uns zwingen, das Interesse mit technischen Kapriolen wecken zu müssen ‑ genau das Gegenteil von dem, was wir hier als Zielsetzung haben.

Ab ins kalte Wasser!

Bevor wir lange weiterreden, kommen wir zu einem Paradebeispiel eines geeigneten Kandidaten. Elvis Presleys "Can't Help Falling In Love" ist ein Klassiker, der selbst hartgesottene Metaller im richtigen Moment zu Tränen rührt. Falls du dich in Szenario 1 in der Hoffnung auf einen intimen Nahkampf mit einem/einer potentiellen neuen Freund(in) befindest, erhöht dieser Song daher ohne Frage deine Erfolgs-Chancen deutlich! Aufgrund seiner Melodie und Harmonien eignet sich der Titel ideal für ein Bass-Soloarrangement.

Noch ein kurzer Hinweis: Ab hier folgen ab und zu ein paar Fachbegriffe. Falls dir diese bekannt sind ‑ super! Falls nicht ‑ auch super! Für die erfolgreiche Umsetzung am Instrument spielen sie nämlich keine große Rolle. Aber schauen wir doch erst einmal in das ganz einfache Arrangement rein, bevor wir ins Detail gehen:

 

Ach, schee! Hat hier jemand irgendwelche spieltechnischen Kapriolen vermisst? Songs dieser Güte haben das dankenswerterweise gar nicht nötig.

Schritt 1 zu einem gelungenen eigenen Arrangement ist, die Melodie und Akkorde des Stückes zu kennen. Diese lernt man am besten durch "Raushören", also das Lernen über die Ohren. Fällt es dir noch schwer, Melodie und Akkorde lediglich anhand der Musik zu identifizieren, tut es auch ein Songbook oder die diversen Quellen im Internet.

Schritt 2 besteht darin, die Melodie auf dem Bass zu lernen, denn sie ist schließlich das wichtigste Merkmal des Stückes. Hier seht ihr die Melodie isoliert:

Schritt 3: Wo es mir spieltechnisch möglich ist (und nur da!), füge ich nun noch den Grundton des zugrundeliegenden Akkordes hinzu - und mehr auch nicht! Zwischen Melodie und Grundton sollte dabei stets ein größerer Abstand bestehen - wenn möglich, mindestens eine Oktave. Dies ist für einen transparenten Klang ohne Mulm (eine immerwährende Gefahr bei mehreren gleichzeitig erklingenden Tönen auf dem Bass!) des Arrangements sehr förderlich.

Zum Glück hatte der gute Elvis in diesem Falle ein Herz für Bassisten(innen), und der Song steht in der Tonart D-Dur. Deshalb bieten sich uns hier mehrmals Leersaiten zum Spielen der Grundtöne an (siehe Noten). Das erleichtert uns die Arbeit ungemein.

Und so sieht der Song mit Melodie und Basstönen aus:

Die Melodie spiele ich komplett auf der G-Saite, die Grundtöne entweder auf der E- oder A-Saite (Ausnahme: D-Leersaite). Dies ist leider nicht mit dem herkömmlichen Wechselschlag möglich. Deshalb benötigen wir doch eine andere Anschlagstechnik, die aber nicht schwer ist und etwas dem Spielen einer klassischen Gitarre gleicht: Wir spielen mit dem Daumen die Grundtöne. Dazu muss er etwas paralleler zu Saite liegen. Mit dem Mittelfinger spielen wir dann die Melodie. Auf diesem Foto (wie auch im Video) kannst du das gut erkennen. Nach kurzer Eingewöhnungszeit sollte das bei jedem gut klappen.

Das Ding mit den Dezimen ...

Eine Besonderheit für die Greifhand möchte ich noch erwähnen, die häufig in Soloarrangements vorkommt. Der Fachbegriff lautet "Dezime" und beinhaltet den Grundton und die Terz des zugrundeliegenden Akkordes. Allerdings ist die Terz um eine Oktave höher gesetzt. Dadurch entstehen der schon angesprochene weite Abstand und die erwünschte Transparenz. Im vorangegangenen Beispiel kam dies schon häufig zum Einsatz.

Die Dezime gibt es natürlich ebenfalls in der Dur- und der Moll-Variante. Für die technische Umsetzung auf dem Griffbrett gilt folgende einfache Formel:

  • Grundton auf E-Saite plus Terz auf G-Saite einen Bund höher = Dur-Dezime.
  • Grundton auf E-Saite plus Terz auf G-Saite im gleichen Bund = Moll-Dezime.

Hier findet ihr das Ganze im Notenbild/TAB. Auch auf den beiden Fotos lassen sich die Griffe gut nachvollziehen:

Das ist ja wirklich einfach - mehr davon!

Das folgende Beispiel besteht zum größten Teil aus diesen Dezimen und zeigt euch schön die Anwendung der Griffe. Louis Armstrongs "Wonderful World" gehört ohne Frage zu den ganz großen Klassikern. Die Melodie besteht fast ausschließlich aus den Terzen oder Septimen (gleicher Griff wie bei den Dezimen, nur der Grundton wandert auf die A- statt auf die E-Saite). Das ergibt für uns jede Menge Dezimen-Griffe. Zunächst schauen wir uns wieder das ganze Arrangement an, um einen Eindruck zu bekommen:

 

Wieder besteht der erste Schritt darin, die Melodie zu lernen. Hier ist sie in Noten und Tabulatur:

Jetzt kommt abermals unser bekanntes Prinzip zur Anwendung: Da, wo es mir mühelos möglich ist, füge ich einen Grundton zur Melodie hinzu. Dann sieht das Ganze so aus:

Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber für mich klingt das bereits nach schöner Musik. Mit gerade mal zwei Tönen und ohne weitere Kapriolen haben wir hier erneut ein durchaus vorzeigbares Arrangement gemacht - natürlich dank der großartigen Komposition!

Eine kleine Steigerung im Vergleich zum ersten Beispiel gibt es in den letzten beiden Takten. Anstelle von nur zwei Tönen spielen wir hier drei (muss aber nicht sein!), das unterstützt die Darstellung der Akkorde. Dazu nimmst einfach noch deinen Zeigefinger hinzu, um die zusätzlichen Töne auf der D-Saite zu spielen (siehe Foto).

Noch einmal zur Wiederholung die komplette Vorgehensweise: Lied aussuchen und gegebenenfalls in geeignete Tonart mit mehr Leersaiten transponieren. Steht das Original z.B. in Ab-Dur, so lässt es sich sicherlich leichter in A-Dur auf einem Bass umsetzen. In vielen Songs kommen die erste, vierte und fünfte Stufe der Tonart vor. In Ab-Dur wären das Ab, Db und Eb. In A-Dur hingegen A, D und E - also alles Leersaiten!

Als nächsten Schritt lernen wir die Melodie und fügen die Grundtöne dort hinzu, wo es problemlos möglich ist - fertig! Das ist etwas vereinfacht, aber sehr viel mehr technischer Aufwand ist häufig gar nicht nötig, um selbst schöne Arrangements zu machen, die für den Zuhörer einen hohen Wiedererkennungswert besitzen.

Es fehlt natürlich noch ein wenig individuelle und geschmackliche Interpretation bzgl. Der Gestaltung der Melodie, Dynamik, etc. Diese habe ich hier bewusst weggelassen und die Arrangements sehr neutral gespielt, um das Konzept und nicht mich in den Vordergrund zu stellen. So kannst du die Songs nach deinem eigenen Geschmack noch frei "nachgestalten".

Jetzt seid ihr an der Reihe!

So, unsere "Stunde" neigt sich dem Ende zu, aber natürlich gibt es keinen Unterricht ohne Hausaufgabe. Sie hört auf den Namen "Yesterday", ist einer der unzähligen Welthits aus der Feder von John Lennon und Paul McCartney - und bei jeder Gelegenheit zu gebrauchen! Ich gebe dir hier die komplette Melodie sowie die erste Hälfte des fertigen Arrangements an die Hand.

 

Die zweite Hälfte zu arrangieren ist nun dein Job. Falls dir die Akkordbezeichnungen nichts sagen, so halte dich einfach an die Grundtöne (Großbuchstaben). Viel mehr harmonisches Vorwissen ist eigentlich nämlich nicht erforderlich.

Viel Erfolg und Spaß!

Bis zum nächsten Mal, dein Thomas Meinlschmidt

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